„Dann sag mir doch, was du im Bett wirklich kannst. Welche Garantie habe ich, dass es mir tatsächlich gefällt? Und wie lange hältst du überhaupt durch?“ Nach diesen Fragen wurde er schlagartig rot und brachte kaum noch ein Wort heraus – ein Date mit sechsundvierzig

Aus Von

— Wie lange kannst du dich eigentlich ohne Pause bewegen? Und wenn du schon dabei bist: Welche Garantien gibst du?

— Was denn für Garantien?

— Na ja, du machst hier schließlich gerade Werbung für dich. Da darf ich doch wohl nach den Leistungsmerkmalen fragen.

— Die Frauen sind verrückt nach mir.

— Wirklich alle?

— Fast alle.

— Und keine einzige hat dir jemals eine Bewertung hinterlassen?

Ich heiße Sabine, bin sechsundvierzig Jahre alt und war bis vor Kurzem tatsächlich davon überzeugt, Männer über fünfzig würden mit den Jahren ruhiger, vernünftiger und vor allem etwas realistischer, wenn es darum geht, die eigenen Vorzüge einzuschätzen. Inzwischen weiß ich: Manche Menschen werden mit dem Alter nicht weiser. Sie haben lediglich mehr Jahre zur Verfügung, um anderen ausführlich zu erklären, wie großartig sie angeblich sind.

Thomas lernte ich über eine Datingplattform kennen. Er war zweiundfünfzig. Auf seinen Fotos wirkte er solide, ernst und irgendwie bodenständig. Auf einem Bild stand er neben einem Auto, auf dem nächsten vor einem Grill, und auf dem dritten lehnte er lässig an einem großen SUV. Später stellte sich heraus, dass der Geländewagen nicht einmal ihm gehörte, sondern seinem Nachbarn. Kurz gesagt: die klassische Bilderauswahl eines Mannes, der unbedingt erfolgreicher wirken möchte, als es seine tatsächlichen Verhältnisse hergeben.

Wir schrieben ungefähr zehn Tage miteinander. Schon ziemlich früh bemerkte ich eine Besonderheit an Thomas: Er sprach ausgesprochen gern über sich. Wobei „gern“ eigentlich eine ziemlich höfliche Untertreibung ist. Thomas konnte über sich selbst reden, als gäbe es auf der Welt kein interessanteres Thema.

Hätte irgendwo eine Weltmeisterschaft im Erzählen über die eigene Bedeutung stattgefunden, wäre Thomas nicht nur souverän Erster geworden. Vermutlich hätte er sich anschließend auch eigenhändig Pokal, Goldmedaille und Siegerurkunde überreicht.

Anfangs nahm ich das mit Gelassenheit. Manche Menschen mögen sich eben besonders gern. Solange die Selbstliebe gewisse Grenzen nicht überschreitet, kann man damit leben.

Wie sehr ich mich täuschte.

Für unser erstes Treffen entschieden wir uns für eine kleine Bäckerei mit Cafébereich unweit der Innenstadt. Ein gemütlicher Laden, guter Kaffee, ordentliche Kuchen und Torten. Ein Ort, an dem Menschen saßen, um sich zu unterhalten und eine angenehme Stunde zu verbringen – nicht, um ihren gesellschaftlichen Rang anhand der Rechnung zu demonstrieren.

Ich kam pünktlich.

Für mich ist das selbstverständlich. Wenn man sich für achtzehn Uhr verabredet, bin ich um achtzehn Uhr dort.

Nicht um achtzehn Uhr vierundzwanzig.

Thomas dagegen erschien exakt um 18:24 Uhr. Ich weiß das noch so genau, weil ich bewusst auf meine Uhr sah.

In den vierundzwanzig Minuten zuvor hatte ich bereits einen Kaffee bestellt, ein Stück Kuchen gegessen und mehrmals darüber nachgedacht, ob er sich verfahren hatte oder vielleicht gar nicht mehr kommen würde.

Aber nein.

Er kam einfach zu spät.

Und zwar mit jener erstaunlichen Selbstverständlichkeit, mit der manche Menschen auftreten, wenn sie fest davon überzeugt sind, dass die Zeit der anderen ohnehin weniger wert ist als ihre eigene.

Er trat an meinen Tisch und sagte:

— Hallo.

Ich blickte erst auf meine Uhr.

Dann zu ihm.

Dann wieder auf die Uhr.

Natürlich bemerkte er es.

— Verkehr.

Natürlich.

Der Verkehr.

Für eine Strecke, die von seiner Wohnung bis zu diesem Café normalerweise nur wenige Minuten dauerte.

Ich bin jedoch kein Mensch, der sofort eine Szene macht. Also sagte ich nichts. Thomas ging zur Theke und bestellte sich einen Kaffee.

Für sich.

Getrennt.

Schnell, routiniert und mit einer derartigen Entschlossenheit, dass man fast hätte glauben können, er habe diesen Ablauf vorher zu Hause vor dem Spiegel geprobt.

In diesem Augenblick kam mir zum ersten Mal ein interessanter Gedanke.

Vielleicht war die Verspätung gar nicht so zufällig gewesen.

Wäre Thomas pünktlich erschienen, hätten wir vermutlich gemeinsam ausgesucht, was wir bestellen. Vielleicht wären wir sogar gleichzeitig zur Kasse gegangen.

Nun dagegen hatte ich längst selbst bezahlt.

Praktisch.

Bequem.

Sparsam.

Eine kleine Finanzstrategie, die beinahe das Zeug für ein Lehrbuch gehabt hätte.

Der eigentliche Auftritt begann allerdings erst danach.

Thomas hielt es nämlich für angebracht, mir ausführlich seine bisherigen „Erfolge“ zu präsentieren.

Ich stellte mich innerlich auf Geschichten über berufliche Projekte, interessante Reisen oder vielleicht ein eigenes Unternehmen ein.

Wie naiv von mir.

Die erste große Errungenschaft seines Lebens war seine Wohnung.

— Ich habe eine eigene Wohnung.

— Schön.

— Wirklich meine eigene.

— Das ist doch gut.

— Habe ich von meiner Oma geerbt.

Einen Moment lang wusste ich nicht recht, was ich darauf sagen sollte.

Normalerweise erzählen Menschen mit besonderem Stolz von Dingen, die sie selbst erreicht haben. Aber gut. Eine geerbte Wohnung ist schließlich auch eine Wohnung.

Also ließ ich ihm seinen Triumph.

Danach kam das Auto an die Reihe.

— Mein Wagen ist absolut zuverlässig.

— Das ist ja immerhin etwas.

— Der läuft seit fünfzehn Jahren.

Ich musste mich sehr beherrschen, nicht zu fragen, ob man für das Fahrzeug inzwischen schon einen Rentenantrag stellen könne.

Dann wechselte Thomas zum Thema Einkommen.

Dabei richtete er sich sichtbar auf.

Die Schultern gingen zurück, das Kinn ein wenig nach oben.

— Ich verdiene wirklich gut.

Ich bereitete mich gedanklich auf eine Summe vor, die seinen Stolz vielleicht erklären würde.

— Knapp dreitausend Euro im Monat.

Er sagte es mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der gerade eine Privatinsel im Mittelmeer gekauft hatte.

Ich nickte vorsichtig.

Sehr vorsichtig.

Ich wollte schließlich nicht versehentlich sein sorgsam aufgebautes Selbstbild beschädigen.

Nach der geerbten Wohnung und dem betagten Auto dachte ich eigentlich, Thomas müsse mit seinem beeindruckenden Lebenslauf langsam am Ende angekommen sein.

Aber nein.

Er hatte sich gerade erst warmgeredet.

Nach und nach lenkte er das Gespräch auf seine angeblich außergewöhnliche Wirkung auf Frauen.

Frauen mochten ihn.

Frauen wollten ihn.

Frauen konnten ihm angeblich kaum widerstehen.

Wenn man seinen Erzählungen glaubte, hätte man meinen können, erwachsene Frauen würden sich regelmäßig um einen Platz neben ihm streiten.

Ich hörte ihm zu und begann allmählich zu vermuten, dass wir von zwei völlig verschiedenen Männern namens Thomas sprachen.

Denn der Thomas, der mir tatsächlich gegenübersaß, war fast eine halbe Stunde zu spät gekommen und trank den preiswertesten Kaffee auf der Karte.

Seine Selbstdarstellung hingegen klang, als säße vor mir mindestens ein international gefeierter Filmstar.

Und dann erreichte sein Vortrag den wichtigsten Teil.

Seine Fähigkeiten im Bett.

Spätestens jetzt begriff ich, dass mir das Schicksal einen Abend beschert hatte, an den ich mich noch lange erinnern würde.

Denn eine derart unfreiwillig komische Verkaufspräsentation hatte ich seit Jahren nicht mehr erlebt.

Thomas sprach über sich, als würde er den Werbetext für ein besonders exklusives Luxusprodukt vortragen.

— Die Frauen sind begeistert von mir.

— Aha.

— Noch nie hat sich eine beschwert.

— Das klingt ja hervorragend.

— Mit mir ist es immer gut.

— Wie beruhigend.

— Du wirst es garantiert nicht bereuen.

Nach diesem Satz machte er eine Pause.

Keine gewöhnliche Pause.

Eine bedeutungsvolle Pause.

Eine Pause, die eindeutig sagen sollte: Jetzt kommt der Höhepunkt meiner Präsentation.

Dann lehnte er sich ein wenig zurück und erklärte mit selbstsicherem Gesicht:

— Wir könnten zu mir fahren.

Ich sah ihn an.

Dann meine Kaffeetasse.

Dann wieder ihn.

Und plötzlich hatte ich keine Lust mehr, weiterhin die höfliche Zuhörerin in seinem persönlichen Werbespot zu spielen.

Denn wenn jemand beschließt, sich selbst wie ein exklusives Premiumprodukt zu präsentieren, sollte eine potenzielle Kundin wohl das Recht haben, nach den konkreten Produkteigenschaften zu fragen.

Also lächelte ich.

Und sagte ganz ruhig:

— Gut. Welche Garantien bekomme ich?

Thomas erstarrte.

— Wie bitte?

— Welche Garantien du gibst.

— Was soll das denn heißen?

— Genau das, was ich gesagt habe. Wie kannst du garantieren, dass es mir tatsächlich gefällt?

Er blinzelte.

Einmal.

Dann ein zweites Mal.

Dann noch einmal.

Und ich merkte plötzlich, wie mich eine unerwartete Inspiration erfasste.

— Du behauptest doch selbst, dass du auf diesem Gebiet außergewöhnlich gut bist. Dann muss es doch irgendwelche konkreten Leistungswerte geben.

Langsam färbte sich sein Gesicht rot.

Zunächst nur ein wenig.

Aber nun war ich wirklich neugierig geworden.

— Wie viele Minuten hältst du denn ohne Unterbrechung durch?

Thomas verschluckte sich beinahe und begann zu husten.

Ich wartete kurz.

Dann fragte ich:

— Dreißig Minuten?

Keine Antwort.

— Eine ganze Stunde?

Das Schweigen wurde noch eindrucksvoller.

— Oder reden wir gerade ausschließlich über die Werbeversion, bei der sämtliche technischen Angaben fehlen?

Inzwischen sah Thomas aus, als wünsche er sich nichts sehnlicher, als augenblicklich in seiner Wohnung aufzuwachen und festzustellen, dass dieses Date nur ein Albtraum gewesen war.

Für mich dagegen wurde es gerade erst interessant.

— Gibt es denn Bewertungen?

— Was für Bewertungen?

— Von zufriedenen Kundinnen natürlich.

Er sah mich mit großen Augen an.

— Willst du mich verarschen?

— Überhaupt nicht. Ich kläre nur ein paar Details.

— Was denn für Details?

— Ziemlich wichtige. Schließlich hast du die Präsentation angefangen.

Nun wurde er unruhig.

Dann ärgerlich.

Dann wieder nervös.

Es war erstaunlich, diesen Wandel zu beobachten.

Noch wenige Minuten zuvor hatte derselbe Mann ausführlich erklärt, wie begehrenswert, erfahren und außergewöhnlich er sei.

Doch kaum stellte ich zwei oder drei konkrete Rückfragen, schien sein gesamtes Betriebssystem einzufrieren.

Wie ein alter Rechner, dem man zu viele Aufgaben gleichzeitig gegeben hatte.

Ich beschloss sogar, ihm ein wenig entgegenzukommen.

— Vielleicht hast du ja eine Liste deiner wichtigsten Vorteile?

— Du bist doch nicht normal.

— Wieso?

— Was denn bitte für Vorteile?

— Nun, bisher habe ich nur von der Wohnung deiner Oma und deinem Auto im fortgeschrittenen Alter gehört.

Nach diesem Satz fiel seine ganze imposante Erscheinung endgültig in sich zusammen.

Anders lässt es sich kaum beschreiben.

Er wirkte wie ein prall aufgeblasener Luftballon, der gerade Bekanntschaft mit einer Nadel gemacht hatte.

Den ganzen Abend über hatte Thomas sich selbstbewusst, wichtig und bemerkenswert präsentiert.

Doch in dem Augenblick, in dem ich begann, seine Aussagen mit konkreten Fragen zu prüfen, blieb von der glänzenden Fassade nicht besonders viel übrig.

Dahinter saß einfach ein gewöhnlicher Mann mit einer enormen Meinung von sich selbst und erstaunlich wenigen Belegen für all die Dinge, die er so überzeugend verkündete.

Ich fuhr allein nach Hause.

Einige Tage später schrieb Thomas mir noch einmal.

Seine Nachricht lautete sinngemäß, moderne Frauen seien heutzutage viel zu anspruchsvoll geworden.

Ich musste lange lachen.

Ein Mann, der fast zwanzig Minuten damit verbracht hatte, mir seine Außergewöhnlichkeit zu erklären, fühlte sich ernsthaft gekränkt, weil ich ihn gebeten hatte, diese Außergewöhnlichkeit wenigstens irgendwie zu konkretisieren.

Da wurde mir endgültig etwas klar.

Je lauter jemand Werbung für sich selbst macht, desto genauer sollte man offenbar die Gebrauchsanweisung lesen.

Denn manchmal verbirgt sich hinter einer aufwendig glänzenden Verpackung ein Produkt, das schon bei den einfachsten Nachfragen nervös wird.

Und wenn ein Mann bereits errötet, sobald eine Frau ihn bittet, seine angeblichen Vorzüge aufzuzählen, besteht sein größtes Talent vielleicht tatsächlich darin, ein Date rechtzeitig zu beenden und der Frau dadurch den restlichen Abend für etwas Angenehmeres freizumachen.

Psychologische Einordnung

Ein solches Verhalten kann bei Menschen auftreten, deren Selbstbild zwar ausgesprochen groß, gleichzeitig aber erstaunlich instabil ist. Sie sprechen immer wieder über die eigenen Vorzüge, weil sie von außen ständig die Bestätigung brauchen, dass sie tatsächlich so bedeutend, attraktiv oder außergewöhnlich sind, wie sie sich selbst darstellen.

Solange ihre Umgebung zuhört, zustimmt, vielleicht sogar bewundernd nickt und keine unangenehmen Fragen stellt, funktioniert dieses Modell ausgezeichnet.

Problematisch wird es erst, wenn jemand nach konkreten Beispielen fragt.

Dann reicht die bloße Behauptung plötzlich nicht mehr.

Und genau an diesem Punkt kann die vorher demonstrierte Sicherheit erstaunlich schnell verschwinden.

Bemerkenswert ist auch, dass Thomas versuchte, seinen vermeintlichen Wert fast ausschließlich durch Worte zu vermitteln.

Er wollte Sabine davon überzeugen, wie begehrenswert und beeindruckend er sei, zeigte dieses Bild aber nicht durch sein Verhalten.

Schon die erste Begegnung lieferte dafür mehrere Hinweise: Er kam deutlich zu spät, entschuldigte sich kaum, präsentierte gewöhnliche Lebensumstände wie außergewöhnliche Leistungen und erwartete dennoch, dass seine Selbstdarstellung ohne Nachfrage akzeptiert würde.

Deshalb trafen ihn Sabines Fragen so empfindlich.

Sie widersprach ihm nicht einmal direkt.

Sie sagte nicht, dass sie seine Geschichten für übertrieben hielt.

Sie verlangte lediglich das, was bei jeder großen Behauptung irgendwann interessant wird: etwas Konkretes.

Wie äußert sich diese angebliche Besonderheit?

Worin besteht sie genau?

Welche Erfahrungen rechtfertigen diese enorme Sicherheit?

Und plötzlich war der Mann, der kurz zuvor noch scheinbar für jede seiner Qualitäten eine große Überschrift parat hatte, um Antworten verlegen.

Der entscheidende Gedanke ist deshalb ziemlich schlicht: Wer wirklich sicher in sich selbst ruht, muss anderen diese Sicherheit normalerweise nicht zwanzig Minuten lang verkaufen.

Charakter, Zuverlässigkeit, Humor, Aufmerksamkeit oder Selbstbewusstsein werden im Umgang miteinander ohnehin sichtbar.

Dafür braucht es keine endlose Präsentation darüber, wie einzigartig man angeblich ist.

Und vielleicht ist genau das eine der nützlichsten Beobachtungen bei neuen Bekanntschaften: Nicht darauf achten, wie beeindruckend jemand sich selbst beschreibt, sondern darauf, was von dieser Beschreibung übrig bleibt, sobald man beginnt, ein paar ganz normale Fragen zu stellen.