„Warum stehst du noch im Bademantel da? Die Gäste sind jeden Moment hier!“ – Erst jetzt fiel ihrem Mann ein, dass er seinen Chef und eine Kollegin zum Abendessen eingeladen hatte
Katharina zog die schwere Wohnungstür hinter sich zu und lehnte sich für ein paar Sekunden mit dem Rücken dagegen. Langsam atmete sie aus, als könnte sie zusammen mit der Luft all die Anspannung loswerden, die sich während der vergangenen Woche in ihr festgesetzt hatte. Freitag. Allein dieses Wort klang für sie inzwischen wie eine kleine Erlösung. Fünf Tage voller Abstimmungen, Tabellen, Prüfungen, Berichte und endloser Besprechungen lagen hinter ihr. Jetzt wollte sie nur noch eines: Ruhe.
Als Senior-Auditorin in einem großen Unternehmen arbeitete Katharina oft bis an ihre Grenzen. Trotzdem liebte sie ihren Beruf. Zahlen waren eindeutig, Abläufe ließen sich prüfen, Fehler konnten gefunden und korrigiert werden. Es gab Regeln, Logik und eine gewisse Berechenbarkeit. Genau das fehlte ihr in letzter Zeit immer häufiger dort, wo sie es eigentlich am dringendsten gebraucht hätte – in ihrer Ehe.
Sie schlüpfte aus ihren engen Pumps und hätte beinahe vor Erleichterung aufgestöhnt, als ihre müden Füße endlich das kühle Parkett berührten. In der Wohnung herrschte Stille. Herrliche, friedliche Stille.
Ihr Mann Markus kam freitags normalerweise spät nach Hause. Nach Feierabend blieb er oft noch mit Kollegen in einer Kneipe oder einer Bar, wo sie angeblich „geschäftliche Themen in lockerer Atmosphäre“ besprachen. Meist erschien er erst gegen Nacht. Markus leitete eine Vertriebsabteilung, war ehrgeizig, durchsetzungsstark und voller Energie. Doch im vergangenen Jahr war Katharina immer deutlicher aufgefallen, wie sehr sein Selbstwert davon abhing, welchen Eindruck er auf andere Menschen machte.
Sie ging ins Schlafzimmer, streifte den strengen Hosenanzug ab, der sich nach einem langen Arbeitstag beinahe wie eine Rüstung anfühlte, und öffnete den Kleiderschrank.
An einem eigenen Bügel hing ihr Lieblingsbademantel.
Er war weich, aus dickem Frottee, apricotfarben und durch die vielen Wäschen schon ein wenig verblasst. Gerade deshalb liebte sie ihn so sehr. Für Katharina war dieser alte Bademantel weit mehr als nur Kleidung für zu Hause. Er bedeutete Wärme, Sicherheit und jene seltenen Stunden, in denen niemand etwas von ihr erwartete.
Sie zog ihn an, band den Gürtel fest und spürte, wie sich die letzten Reste der Anspannung langsam aus ihren Schultern lösten.
Ihr Plan für den Abend war simpel – und deshalb vollkommen: ein heißes Bad, ein Glas von ihrem Lieblingswein, später etwas Leckeres und herrlich Ungesundes bestellen und dazu einen alten Film sehen, den sie schon unzählige Male geschaut hatte.
Keine Kennzahlen. Keine Deadlines. Keine Tabellen. Keine Probleme anderer Menschen.
Nur Katharina und ihr wohlverdienter Freitagabend.
Sie war gerade in die Küche gegangen, um sich ein Glas Wasser einzuschenken, als plötzlich im Flur der Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde.
Die Tür flog so hastig auf, dass sie gegen den Türstopper schlug.
Markus stand im Eingang.
Er atmete schwer, seine Krawatte hing schief, und in seinem Blick lag eine Panik, die Katharina bei ihm nur selten gesehen hatte.
„Katharina!“, stieß er hervor und warf seine Schuhe achtlos auf die Fußmatte. „Warum läufst du denn so herum?“
Sie blieb mit dem Wasserglas in der Hand stehen und sah ihn verständnislos an.
„Wie laufe ich herum? Markus, was ist los? Ich dachte, du wolltest heute mit den Leuten aus deiner Abteilung noch weg.“
Markus ließ den Blick hektisch durch die Wohnung schweifen, als würde er den Schauplatz eines Unglücks begutachten. Auf dem Küchentisch lag noch die Post vom Morgen. Über einer Stuhllehne hing Katharinas Strickjacke. Und sie selbst stand mitten in der Küche, im apricotfarbenen Bademantel, die Haare locker hochgesteckt, das Gesicht frisch gewaschen und völlig ungeschminkt.
„Warum stehst du im Bademantel da? Die Gäste sind jeden Moment hier!“, zischte er und fasste sich mit beiden Händen an den Kopf.
Katharina brauchte einen Augenblick, bis sie überhaupt begriff, was er gesagt hatte.
„Welche Gäste? Wovon redest du?“
„Meine Kollegen! Thomas und Claudia!“, antwortete Markus nun mit gedämpfter Stimme, als könnten die beiden bereits vor der Wohnungstür stehen und jedes Wort hören. „Ich habe sie zum Abendessen eingeladen. Thomas ist mein Chef, falls du das vergessen hast! Von diesem Abend könnte meine Beförderung abhängen. Du weißt doch, wie wichtig ihm Familie ist. Er mag eine gemütliche Atmosphäre, ein ordentliches Zuhause. Er will sehen, wie seine Mitarbeiter leben. Und Claudia kommt mit, weil ihr Mann gerade geschäftlich unterwegs ist.“
Katharina stellte langsam ihr Glas ab.
„Du hast vergessen, mir zu sagen, dass du deinen Chef und eine Kollegin zum Abendessen eingeladen hast.“
Sie sprach jedes einzelne Wort auffallend ruhig aus.
In ihrem Inneren begann sich bereits jene heiße, unangenehme Spannung auszubreiten, die sie nur zu gut kannte. Es war die erste Stufe ihres Zorns.
„Ich habe es dir gesagt!“, widersprach Markus sofort.
Doch im selben Moment wich sein Blick zur Seite.
„Am Dienstag. Ganz sicher. Dienstagmorgen habe ich es dir gesagt.“
„Dienstagmorgen hast du deine blaue Hemdbluse gesucht – beziehungsweise dein blaues Hemd – und dich über den Berufsverkehr aufgeregt. Von Gästen hast du kein einziges Wort gesagt. Markus, begreifst du eigentlich, was du da gemacht hast? Im Kühlschrank stehen noch ein halber Topf Suppe von gestern und zwei Becher Joghurt. Ich war nicht einkaufen. Ich hatte heute einen völlig verrückten Arbeitstag.“
„Dann lass dir eben irgendetwas einfallen!“, rief Markus und warf nervös die Hände in die Luft. Die Verzweiflung in seiner Stimme war inzwischen kaum zu überhören. „Du bist doch die Frau hier. Du führst doch den Haushalt! Mach irgendwas! Schneid Wurst auf, mach einen Salat, was weiß ich. Stell irgendetwas auf den Herd! Und um Himmels willen, zieh dich um! Du siehst gerade aus wie … wie eine Haushaltshilfe an ihrem freien Tag!“
Der Satz traf sie härter, als sie erwartet hatte.
Katharina verdiente mehr als ihr Mann. Sie hatte einen erheblichen Teil ihrer eigenen Ersparnisse in die Renovierung dieser Wohnung gesteckt. Sie war eine hochqualifizierte Fachfrau, die in ihrem Beruf Verantwortung für Summen übernahm, bei denen Markus manchmal nicht einmal wusste, wie viele Nullen sie hatten.
Und nun stand sie in ihrer eigenen Küche und musste sich anhören, dass sie wie eine Dienstbotin aussah.
„Ich werde nichts braten, Markus“, sagte sie kühl. „Weil es nichts gibt, was ich braten könnte. Und ich werde auch keine Vorstellung aufführen, nur weil du deine eigenen Einladungen vergessen hast.“
Er öffnete den Mund, doch bevor er antworten konnte, ertönte die Klingel.
Markus wurde schlagartig blass.
„Katharina, bitte.“
Seine Stimme veränderte sich sofort. Eben noch hatte er sie angefahren, jetzt klang er beinahe flehend.
Er legte sogar die Hände vor der Brust zusammen.
„Spiel einfach mit. Bitte. Ich bestelle sofort Essen in einem Restaurant und sage, das sei von Anfang an so geplant gewesen. Du gehst inzwischen ins Schlafzimmer, machst dich fertig und ziehst das dunkelblaue Kleid an, das ich so gern an dir mag. Dann kommst du zu uns. Bitte. Es geht um meine Karriere.“
Auf ihre Antwort wartete er gar nicht erst.
Markus drehte sich um und eilte in den Flur. Während er lief, rückte er die Krawatte zurecht und setzte jene freundliche, selbstbewusste Miene auf, die Katharina von Geschäftsessen und Firmenveranstaltungen kannte.
Sie blieb allein in der Küche zurück.
Sekunden später hörte sie, wie die Wohnungstür geöffnet wurde.
Dann erklang eine tiefe, zufriedene Männerstimme.
„Markus, guten Abend.“
Gleich darauf folgte das helle, etwas gekünstelte Lachen einer Frau.
„Ach Markus, was für eine wunderschöne Wohnung!“, schwärmte Claudia. „Richtig gemütlich. Wie ein perfektes kleines Familiennest.“
„Guten Abend. Vielen Dank für die Einladung“, sagte Thomas mit seiner kräftigen Stimme. „Der Verkehr war heute eine Katastrophe. Aber sagen Sie mal – wo ist denn Ihre wunderbare Frau? Sie haben so viel von ihr erzählt.“
„Katharina kommt gleich“, antwortete Markus mühelos. „Sie macht nur noch die letzten Vorbereitungen. Kommen Sie doch schon ins Wohnzimmer und setzen Sie sich.“
Katharina ging leise ins Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich.
In ihr kochte es.
Die Verletzung vermischte sich mit Wut, und unter dieser Wut lag etwas noch Bittereres.
„Sie macht nur noch die letzten Vorbereitungen.“
Wie leicht ihm die Lüge über die Lippen gegangen war.
Wie selbstverständlich er die Folgen seines eigenen Fehlers ihr zuschob.
Katharina setzte sich auf die Kante des großen Bettes.
Die Wohnung war offen geschnitten, deshalb konnte sie beinahe jedes Wort aus dem Wohnzimmer hören.
Gläser klirrten.
Markus schenkte seinen Gästen den Wein ein, den Katharina eigentlich für ihren ruhigen Freitagabend gekauft hatte.
Dann hörte sie Claudias begeisterte Stimme.
„Sie haben wirklich einen unglaublichen Geschmack. Das Sofa, die Wände, die Beleuchtung … Das sieht alles aus wie aus einem Wohnmagazin. Hatten Sie einen Innenarchitekten? So eine Renovierung muss doch ein Vermögen gekostet haben.“
Katharina verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln.
Ja.
Die Renovierung hatte tatsächlich ein Vermögen gekostet.
Ihr Vermögen.
Sie hatte die Handwerker koordiniert, Materialien ausgesucht, mit dem Bauleiter diskutiert, Rechnungen kontrolliert und jede einzelne Entscheidung abgenommen. Markus war damals häufig beruflich unterwegs gewesen und hatte ihr immer wieder erklärt, dass er für solche Dinge schlicht „keine Zeit“ habe.
„Ja, wir mussten schon einiges investieren“, sagte Markus mit gespielter Bescheidenheit, hinter der Katharina seinen Stolz sofort erkannte. „Ich habe mich lange mit dem Projekt beschäftigt. Mir war wichtig, für uns einen idealen Ort zu schaffen. Ich finde, ein Mann sollte seiner Familie ein stabiles Zuhause bieten.“
Katharina schloss die Augen.
Ich habe mich lange mit dem Projekt beschäftigt.
Für einen Augenblick war sie beinahe sprachlos über seine Dreistigkeit.
Dann fragte Thomas:
„Und was macht Ihre Frau eigentlich beruflich? Sie hatten doch einmal erwähnt, dass sie ebenfalls arbeitet.“
Markus lachte kurz.
„Ach, nichts Besonderes. Ein bisschen Papierkram. Typischer Büroalltag.“
Katharina hielt unwillkürlich den Atem an.
„Wissen Sie, Thomas, ich bin da eher traditionell eingestellt“, fuhr Markus fort. „Für eine Frau sollte das Zuhause immer an erster Stelle stehen. Familie, Geborgenheit, ein Mann, der abends gern heimkommt. Katharina ist in dieser Hinsicht sehr häuslich. Diese ganzen Karrierekämpfe interessieren sie nicht besonders. Unsere finanziellen Dinge übernehme im Grunde ich, deshalb kann sie ziemlich entspannt leben und ihr Leben genießen.“
„Wie rührend“, sagte Claudia gedehnt.
Der Spott in ihrer Stimme war kaum zu überhören.
„Es muss bestimmt schön sein, sich über nichts Größeres Gedanken machen zu müssen. Zu Hause sitzen, kochen und auf den Ernährer warten. Für mich wäre das nichts. Ich brauche Entwicklung, Herausforderungen, Selbstverwirklichung.“
„Jeder ist eben anders, liebe Claudia“, antwortete Markus gönnerhaft. „Gerade diese Sanftheit schätze ich an Katharina. Sie ist nicht besonders ehrgeizig. Ruhig, unkompliziert. Eine richtige Hüterin des Hauses. Manchmal ist sie allerdings ein bisschen zerstreut. So wie heute. Sie hat sich beim Abendessen etwas mit der Zeit verschätzt. Aber das bekommen wir gleich hin.“
Katharina öffnete die Augen.
In diesem Moment geschah etwas Merkwürdiges.
Die Wut war plötzlich weg.
Auch die Verletzung trat zurück.
An ihre Stelle trat eine kalte, beinahe kristallklare Entschlossenheit.
Sie war Senior-Auditorin.
Sie fand Fehler in Unternehmensabschlüssen, in denen es um Millionen ging.
Sie hatte den größten Teil dieser Wohnung finanziert.
Sie hatte Markus jahrelang unterstützt, ihm Rückhalt gegeben, seine schwierigen Phasen aufgefangen und seine Erfolge mitgetragen.
Und der Mann, den sie liebte, saß wenige Meter entfernt mit seinem Vorgesetzten zusammen und stellte sie als anspruchslose, finanziell abhängige Hausfrau dar, damit er selbst erfolgreicher, großzügiger und wichtiger wirkte.
Er erhöhte sich, indem er sie kleiner machte.
Katharina stand auf.
Vor dem Spiegel blieb sie stehen.
Der apricotfarbene Bademantel wirkte tatsächlich weich, bequem und häuslich.
Wie die Kleidung einer Frau, die leise sein sollte.
Bequem.
Gefällig.
Sie löste langsam den Gürtel und ließ den Frotteestoff zu Boden gleiten.
Im Kleiderschrank griff sie ohne zu zögern nach einem Kleid, das sie erst ein einziges Mal getragen hatte – bei einer Firmenfeier.
Es war tief smaragdgrün, elegant geschnitten, zurückhaltend und dennoch so perfekt gearbeitet, dass es ihre Figur mühelos zur Geltung brachte. Es war teuer gewesen. Beinahe so teuer wie die Hälfte von Markus’ Monatsgehalt.
Katharina zog das Kleid an.
Aus ihrer Schmuckschatulle nahm sie schlichte, elegante Ohrringe.
Dann setzte sie sich vor den Spiegel.
Ihre Hände waren vollkommen ruhig.
Ein wenig Grundierung. Dezent betonte Augen. Schließlich griff sie nach einem roten Lippenstift.
Normalerweise trug sie diese Farbe nur zu besonderen Anlässen.
Heute war einer.
Heute verabschiedete sie sich von ihrer Ehe.
Eine Viertelstunde später trat eine andere Frau aus dem Schlafzimmer.
Nicht die erschöpfte Gastgeberin, die mit einem Küchenmesser hastig Aufschnitt auf eine Platte legen sollte.
Nicht die schuldbewusste Ehefrau, die den Fehler ihres Mannes retten musste.
Vor allem aber nicht die stille Frau, von der Markus gerade im Wohnzimmer erzählt hatte.
Katharina wirkte ruhig, schön und vollkommen gesammelt.
Wie jemand, der längst verstanden hatte, was als Nächstes passieren würde.
Sie nahm ihr Smartphone, öffnete die App eines gehobenen Restaurants, bei dem ihre Firma gelegentlich Geschäftsessen organisieren ließ, und stellte mit wenigen Berührungen eine Bestellung zusammen: Jakobsmuscheln, feines Rindertatar, Dry-Aged-Ribeye-Steaks in der gewünschten Garstufe, mehrere raffinierte Salate und Desserts.
Die Zahlung wurde sofort bestätigt.
Vom gemeinsamen Konto.
Über die Karte, die Markus damit verbunden hatte.
Die Summe war beeindruckend.
Katharina steckte das Telefon weg, atmete tief ein, richtete die Schultern auf und ging ins Wohnzimmer.
Dort war Markus gerade in seinem Element.
„… und deshalb bin ich überzeugt, dass wir die Logistikkosten erheblich optimieren müssen“, erklärte er Thomas mit großer Sicherheit. „Ich habe bereits ein erstes Konzept vorbereitet …“
Katharinas Schritte waren beinahe lautlos.
Trotzdem veränderte sich die Atmosphäre im Raum in dem Moment, in dem sie in der Tür erschien.
Sie blieb dort einen Augenblick stehen und legte ruhig eine Hand an den Türrahmen.
„Guten Abend.“
Ihre Stimme war tief, gleichmäßig und vollkommen gelassen.
Das Gespräch verstummte.
Thomas, ein stattlicher Mann in einem hochwertigen Anzug, hob überrascht die Augenbrauen.
Claudia, eine auffallende Brünette, musterte Katharina und ließ ihren Blick über das smaragdgrüne Kleid gleiten.
Am deutlichsten war jedoch Markus’ Reaktion.
Sein Mund stand einen Moment tatsächlich offen.
Offenbar hatte er mit einer gestressten, leicht beschämten Ehefrau gerechnet, die mit einer Platte belegter Brote ins Wohnzimmer kam und sich anschließend darum bemühte, seine Gäste zufriedenzustellen.
Stattdessen stand vor ihm eine Frau, die wirkte, als gehöre ihr nicht nur die Wohnung, sondern auch die Situation.
„Ah … da ist ja meine … Katharina“, brachte er schließlich hervor und schluckte.
„Freut mich sehr.“
Katharina ging auf Thomas zu und reichte ihm mit derselben selbstverständlichen Sicherheit die Hand, mit der sie Geschäftsführern und Mandanten begegnete.
„Herr Weber, ich habe schon viel von Ihnen gehört.“
Thomas erwiderte ihren Händedruck.
„Ganz meinerseits. Markus hat erzählt, Sie seien bei Ihnen zu Hause die perfekte Hüterin des Familienlebens.“
Katharina sah kurz zu ihrem Mann.
Für den Bruchteil einer Sekunde lag etwas Gefährliches in ihrem Blick.
Dann lächelte sie freundlich.
„Markus liebt manchmal sehr schöne Formulierungen.“
Sie nahm im Sessel gegenüber von Claudia Platz.
„Mein Beitrag zur häuslichen Gemütlichkeit besteht meistens darin, irgendwo zwischen dem Quartalsabschluss und dem Beginn einer Prüfung noch rechtzeitig den Reinigungsdienst zu organisieren.“
Markus verlor sichtbar Farbe.
Claudia blinzelte.
Thomas sah Katharina interessiert an.
„Prüfung? Ich dachte, Sie …“
„Ich bin Senior-Auditorin in einer Beratungsgesellschaft“, erklärte Katharina ruhig und schlug elegant ein Bein über das andere. „Ich arbeite unter anderem mit Unternehmenszusammenschlüssen. In den Unterlagen größerer Firmen findet man manchmal erstaunliche Dinge, Herr Weber. Menschen stellen gern Wünsche als Tatsachen dar. Manche schmücken ihre Leistungen aus, rechnen sich die Arbeit anderer zu oder verschleiern tatsächliche Ausgaben. Zahlen sind in dieser Hinsicht angenehmer als Menschen. Zahlen können nicht bewusst lügen. Früher oder später wird sichtbar, was wirklich dahintersteckt.“
Rein äußerlich sprach sie nur über ihre Arbeit.
Markus verstand trotzdem jedes Wort.
Er saß wie festgenagelt in seinem Sessel und umklammerte sein Weinglas.
„Interessant“, warf Claudia ein und versuchte, wieder die Aufmerksamkeit an sich zu ziehen. „Aber ist es nicht schrecklich langweilig, den ganzen Tag nur mit Zahlen zu arbeiten? Da bleibt doch überhaupt kein Raum für Kreativität.“
Katharina lächelte sanft.
„Kreativität beginnt manchmal genau dort, wo Inkompetenz endet, Claudia. Wenn man einen Mandanten vor Strafen in Millionenhöhe bewahrt, weil irgendwo in einer Vertriebsabteilung jemand nachlässig gearbeitet hat, fühlt man sich durchaus ein wenig wie eine Künstlerin.“
Thomas lachte laut auf.
Offensichtlich gefiel ihm diese ruhige, intelligente Frau mit ihrer präzisen Art zu sprechen.
„Da hat Markus aber reichlich untertrieben!“, sagte er. „Er hat es so dargestellt, als würden Sie ein bisschen Papier sortieren. Dabei sitzt bei ihm zu Hause offenbar eine echte Finanzexpertin.“
„Mein Mann ist eben sehr bescheiden“, erwiderte Katharina und blickte Markus an. „Und ausgesprochen sparsam mit Details. Zum Beispiel bei der Renovierung, die Ihnen offenbar gefallen hat. Markus hat nur vergessen zu erwähnen, dass ich das gesamte Projekt von Anfang bis Ende organisiert habe. Aber er war natürlich ebenfalls beteiligt.“
Sie machte eine winzige Pause.
„Die Fußmatte im Flur hat er ausgesucht.“
Im Wohnzimmer entstand eine Stille, die beinahe körperlich zu spüren war.
Claudias Lippen öffneten sich leicht, aber sie sagte nichts.
Markus’ Gesicht bekam rote Flecken.
Er wollte etwas erwidern, vielleicht darüber lachen, doch seine Stimme klang unsicher.
„Katharina, warum musst du denn … das sind doch private Dinge.“
„Ach, beachten Sie das nicht“, sagte Katharina, ohne ihm die Gelegenheit zu geben, die Kontrolle über das Gespräch zurückzugewinnen. „Das ist unser ganz persönlicher Ehehumor.“
Dann wandte sie sich wieder an die Gäste.
„Sie müssen inzwischen bestimmt Hunger haben. Markus hat mich heute übrigens mit Ihrem Besuch überrascht. Er hatte vergessen, mir davon zu erzählen. Wahrscheinlich wollte er testen, wie gut ich mit unerwarteten Situationen umgehen kann.“
Sie ließ die Worte einen Augenblick wirken.
Auf Markus’ Gesicht erschien unverkennbar Scham.
„Da ich Zeit und Qualität sehr schätze, wollte ich meinen Abend allerdings nicht damit verbringen, aus einem praktisch leeren Kühlschrank ein Wunder zu improvisieren. Deshalb habe ich unser Essen im Kronenhof bestellt. Der Lieferdienst müsste gleich da sein. Ich hoffe, Sie mögen Meeresfrüchte und gutes Fleisch.“
Thomas’ Gesicht hatte sich während der vergangenen Minuten mehrfach verändert.
Zuerst war da Überraschung gewesen.
Dann Verständnis.
Jetzt lag darin unverhohlener Respekt.
„Im Kronenhof? Hervorragende Wahl“, sagte er. „Sie sind wirklich bemerkenswert, Katharina. Markus kann sich glücklich schätzen.“
Der weitere Abend lag vollständig in Katharinas Händen.
Als die Lieferung kam, richtete sie alles schnell und ohne Hektik auf dem Tisch an. Wenig später standen die feinen Speisen vor ihnen, als wäre genau dieses Abendessen von Anfang an geplant gewesen.
Katharina unterhielt sich mit Thomas auf Augenhöhe.
Sie sprachen über Wirtschaft, Märkte, Investitionen und Unternehmensrisiken.
Claudia, die inzwischen begriffen hatte, dass ihre sonst so wirkungsvollen Bemerkungen neben Katharinas ruhiger Souveränität erstaunlich blass erschienen, beschäftigte sich überwiegend schweigend mit ihrem Tatar.
Markus dagegen saß den ganzen Abend wie auf glühenden Kohlen.
Immer wieder versuchte er, einen Kommentar einzuschieben, das Gespräch an sich zu ziehen oder seinen früheren Eindruck als selbstbewusster Hausherr wiederherzustellen.
Doch Thomas hörte inzwischen vor allem Katharina zu.
Die hübsche Geschichte vom erfolgreichen Ernährer und seiner sanften, anspruchslosen Hausfrau war vollständig zusammengebrochen.
Vor Markus’ Vorgesetztem saß nun ein Mann, der sich fremde Leistungen zugeschrieben hatte und nicht einmal in der Lage gewesen war, seine eigene Frau rechtzeitig über eingeladene Gäste zu informieren.
Punkt zehn Uhr legte Thomas seine Serviette beiseite und stand auf.
„Vielen Dank für den wunderbaren Abend, Katharina. Das Essen war ausgezeichnet. Und die Unterhaltung sogar noch besser.“
„Sie sind jederzeit willkommen, Herr Weber. Ich freue mich immer über interessante Gesprächspartner“, antwortete sie höflich.
Markus begleitete Thomas und Claudia zur Tür.
Als sie hinter ihnen ins Schloss fiel, wurde es in der Wohnung still.
Diesmal war es keine angenehme Stille.
Es war jene schwere, elektrische Ruhe, die einem Gewitter vorausgeht.
Katharina stand am Wohnzimmerfenster und blickte hinaus auf die Lichter der Nacht.
Erstaunlicherweise empfand sie weder Angst noch Reue.
Nur eine seltsame, beinahe berauschende Leichtigkeit.
Hinter ihr erklangen Markus’ Schritte.
„Begreifst du eigentlich, was du getan hast?“
Seine Stimme bebte vor zurückgehaltener Wut.
Katharina drehte sich langsam um.
Das smaragdgrüne Kleid schimmerte im warmen Licht der Wandlampe.
„Du hast mich gedemütigt! Vor meinem Chef! Vor Claudia! Du hast meinen Ruf zerstört!“
„Deinen Ruf hast du selbst zerstört, Markus“, sagte sie ruhig. „In dem Augenblick, in dem du beschlossen hast, mich als Stufe zu benutzen, damit du selbst größer wirkst.“
„Ich wollte einfach einen guten Eindruck machen!“, schrie er nun und verlor endgültig die Beherrschung. „Du hättest doch mitspielen können! Was hätte es dich gekostet, einen einzigen Abend lang eine normale Ehefrau zu sein?“
Katharina sah ihn lange an.
„Eine normale Ehefrau? Was ist das für dich? Ein stummes Anhängsel für dein Ego? Eine Dekoration in einem Stück, in dem du die Hauptrolle spielst?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Du hast sie angelogen, Markus. Du hast behauptet, du würdest mich finanzieren. Du hast meine Arbeit als belanglosen Papierkram dargestellt. Du hast meinen Beruf, mein Geld, meinen Anteil an unserem Zuhause und schließlich mich selbst klein gemacht. Und weißt du, was daran am schlimmsten ist?“
Er schwieg.
„Ich glaube, du hast angefangen, deine eigene Geschichte zu glauben. Du hast dich so sehr daran gewöhnt, das zu benutzen, was ich aufgebaut habe, dass du inzwischen überzeugt bist, es stehe dir automatisch zu.“
„Du bist doch völlig verrückt!“, rief Markus. „Und außerdem habe ich dieses Essen bezahlt! Ich habe die Mitteilung von der Bank bekommen. Weißt du überhaupt, was du für ein Abendessen ausgegeben hast? Das ist eine irrsinnige Summe!“
„Mach dir keine Sorgen.“
Katharina ging zum Tisch, nahm das Glas mit dem Rest ihres Weins und trank einen kleinen Schluck.
„Betrachte es als den Preis für deine Entlarvung.“
Sie stellte das Glas wieder hin.
„Und morgen überweise ich dir das Geld von meinem eigenen Konto zurück. Ich bin nicht gern jemandem etwas schuldig.“
Dann sah sie ihn direkt an.
„Ich werde die Scheidung einreichen, Markus.“
Er erstarrte.
Die Wut verschwand aus seinem Gesicht.
Zuerst trat Verwirrung an ihre Stelle.
Dann echte Angst.
„Welche Scheidung? Katharina, das kannst du doch nicht ernst meinen. Wegen eines misslungenen Abends? Wegen ein paar Worten?“
„Nein. Nicht wegen dieses einen Abends.“
Ihre Stimme blieb ruhig.
„Heute war nur der letzte Tropfen. Ich bin müde davon, deine Ressource zu sein. Ich bin müde davon, praktisch und bequem für dich sein zu müssen.“
Markus starrte sie an.
„Ich möchte nach Hause kommen und meinen alten Bademantel anziehen können, ohne befürchten zu müssen, dafür wie eine Angestellte zurechtgewiesen zu werden. Ich möchte mit einem Menschen zusammenleben, der stolz auf mich ist. Nicht mit jemandem, der meine Erfolge versteckt, weil sie seine eigenen Unsicherheiten sichtbar machen.“
„Wer soll dich denn mit deinem Ehrgeiz überhaupt wollen?“, schrie Markus verzweifelt.
Es war die alte Methode.
Der vertraute Versuch, sie zu treffen, sobald er die Kontrolle verlor.
Doch diesmal funktionierte er nicht.
„Ich selbst, Markus“, antwortete Katharina. „Vor allem ich selbst. Und das ist mehr als genug.“
Sie ging an ihm vorbei.
Markus blieb mitten im Wohnzimmer stehen.
Katharina betrat das Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich.
Langsam zog sie das smaragdgrüne Kleid aus und hängte es sorgfältig zurück in den Schrank.
Dann nahm sie den alten, weichen, apricotfarbenen Bademantel vom Bügel.
Sie schlüpfte hinein und band den Gürtel um ihre Taille.
Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit holte sie tief Luft, ohne dabei das Gefühl zu haben, etwas in sich festhalten zu müssen.
Morgen würde schwierig werden.
Sie musste einen Anwalt suchen.
Sie würden über die Aufteilung ihres Besitzes sprechen müssen – auch über jene Wohnung, deren Renovierung Markus so gern als seinen eigenen Erfolg dargestellt hatte.
Sie würde Dinge packen müssen.
Es würde Streit geben.
Bitten.
Versuche, sie umzustimmen.
Vielleicht sogar Drohungen.
Aber all das war morgen.
Jetzt war Freitag.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte Katharina sich wirklich zu Hause.
Sicher.
Frei.
Glücklich.
Und stärker, als sie selbst es noch am Morgen für möglich gehalten hätte.
Sie trat an ihren Schminktisch, nahm ein Wattepad und begann langsam, behutsam den roten Lippenstift von ihren Lippen zu entfernen.
Die Vorstellung war vorbei.
Ihr wirkliches Leben begann gerade erst.