— Du hast mich, die „alte Frau“, für eine Jüngere verlassen. Warum stehst du jetzt wieder vor mir? Hast du etwa von meinem Erbe erfahren? — seine Frau lachte ihm direkt ins Gesicht
Sabine Keller stand am Küchenfenster und sah hinaus in den endlosen Regen. Hinter dem grauen Zaun verschwammen Häuser, Gärten und kahle Bäume zu einer trüben Herbstlandschaft. Vor vielen Jahren hatte sie sich ihr Leben ganz anders vorgestellt. In ihren Gedanken gab es ein eigenes Haus, einen großen Garten, junge Apfelbäume, Blumenbeete und einen kleinen Pavillon, in dem man an warmen Sommerabenden Kaffee trinken konnte.
Doch aus diesen Bildern war nie Wirklichkeit geworden.
Stattdessen lebte Sabine inzwischen in einer gewöhnlichen Dreizimmerwohnung im vierten Stock. Wo sie sich früher blühende Beete vorgestellt hatte, sah sie nun jeden Morgen auf ein paar staubige, halb vertrocknete Bäume im Innenhof.
— Sabine, hast du mein weißes Hemd gesehen? — rief Thomas gereizt aus dem Schlafzimmer.
— Es hängt im Schrank, ganz außen, — antwortete sie, ohne sich umzudrehen.
— Da ist es nicht.
Sabine atmete schwer aus und ging ins Schlafzimmer.
Thomas stand nur in Unterwäsche vor dem weit geöffneten Kleiderschrank. Sein Bauch wölbte sich leicht über den Bund, während er hilflos zwischen Hemden und Jacken herumwühlte.
Er war fünfundvierzig, doch manchmal benahm er sich wie ein Schüler, der nicht einmal seine eigenen Sachen finden konnte.
— Hier ist es, — sagte Sabine und zog das Hemd von einem Bügel am Rand.
— Ach, danke, — murmelte er, ohne sie richtig anzusehen. — Heute wird es spät. Wir treffen Geschäftspartner aus Hamburg.
— Schon wieder? — Sabine setzte sich auf die Bettkante. — Thomas, könnten wir nicht wenigstens am Wochenende einmal nach einem kleinen Grundstück schauen? Ich habe gestern eine Anzeige entdeckt. Bei Werder wird etwas zu einem wirklich vernünftigen Preis angeboten.
Thomas begann sein Hemd zuzuknöpfen und betrachtete seine Frau im Spiegel.
— Wozu brauchen wir ein Wochenendhaus? Das kostet nur zusätzlich Geld. Und wann soll ich mich darum kümmern? Ich habe Arbeit, Termine, Geschäftliches. Das erledigt sich nicht von allein.
— Aber früher haben wir doch davon geträumt …
— Wir haben von vielem geträumt, geredet und Pläne gemacht, — fiel er ihr scharf ins Wort. — Aber das Leben besteht nicht aus Träumen. Im wirklichen Leben braucht man Geld, Arbeit und Verantwortung. In der Erde wühlen können wir immer noch, wenn wir Rentner sind.
Sabine schwieg.
In zwanzig Ehejahren hatte sie gelernt, wann es besser war, nichts mehr zu sagen.
Am Anfang hatte Thomas einfach nur viel gearbeitet. Später war er ständig erschöpft gewesen. Im letzten Jahr jedoch war aus Müdigkeit Gereiztheit geworden, und aus Gereiztheit etwas Kaltes, Verletzendes.
Mal bemerkte er, sie habe ordentlich zugenommen. Ein anderes Mal erklärte er beiläufig, andere Frauen in ihrem Alter würden sich deutlich besser halten.
— Dann lass uns wenigstens einmal zu Stefan zum Grillen fahren, — versuchte Sabine es erneut. — Er hat uns schon mehrmals in seinen Garten eingeladen.
— Stefan ist ein Faulpelz, — winkte Thomas ab. — Statt Karriere zu machen und Geld zu verdienen, verbringt er seine Zeit zwischen Beeten und Rasen. Dafür opfere ich doch nicht mein Wochenende.
Er richtete seine Krawatte, musterte sein Spiegelbild und ließ den Blick anschließend prüfend über Sabine gleiten.
— Übrigens könntest du dich ruhig mal im Fitnessstudio anmelden. Du hast dich ziemlich gehen lassen. Früher warst du schlank und leicht, und heute …
Er sprach den Satz nicht zu Ende. Sein Schulterzucken reichte vollkommen.
Sabine spürte, wie die vertraute Kränkung in ihr aufstieg.
Ohne ein Wort kehrte sie in die Küche zurück.
Für einen Moment brannten ihr die Augen, doch sie zwang die Tränen zurück.
Zum Weinen blieb ohnehin keine Zeit.
Das Frühstück musste fertig werden.
Am Tisch scrollte Thomas durch die Nachrichten auf seinem Handy und hob kaum den Kopf.
— Weißt du noch, wie wir früher waren? — fragte Sabine vorsichtig. — Wir wollten ein eigenes Haus, eine große Familie, Kinder.
— Mit Kindern hat es eben nicht geklappt, — antwortete er trocken, ohne vom Display aufzusehen. — Und ein Haus kostet ein Vermögen. So viel Geld hatten wir nie.
— Vielleicht wäre mehr übrig geblieben, wenn du weniger für Restaurants, Reisen und deine endlosen Geschäftsfahrten ausgegeben hättest.
Langsam sah Thomas hoch.
— Sabine, fang nicht schon am frühen Morgen damit an. Ich arbeite für uns. Damit wir vernünftig leben können. Und von dir höre ich trotzdem ständig nur Vorwürfe.
— Ich mache dir keine Vorwürfe. Ich möchte nur, dass wir irgendwann das Gefühl haben, wirklich glücklich zu sein.
— Glück heißt Sicherheit, Geld und Gesundheit, — erklärte er. — Nicht Gemüsebeete, Blumen und Erde unter den Fingernägeln.
Nach dem Frühstück fuhr Thomas zur Arbeit.
Sabine blieb mit beiden Händen um eine Tasse Kaffee am Fenster sitzen, bis das Getränk längst kalt geworden war.
Sie dachte an den Mann zurück, den sie geheiratet hatte.
Damals war Thomas fröhlich gewesen, romantisch, voller Ideen.
Sie hatten halbe Nächte damit verbracht, über die Zukunft zu sprechen, mögliche Namen für ihre Kinder aufzuschreiben und auf Papier den Grundriss eines Hauses zu zeichnen, das irgendwann ihnen gehören sollte.