Markus wollte seine Familie für seine Geliebte verlassen – doch Sabine kam ihm zuvor und sorgte dafür, dass sein vermeintliches Leben in der „Ersten Klasse“ ganz anders begann
— Sabine, ich gehe. Ich kann so nicht mehr weiterleben, — sagte Markus an diesem frühen Samstagmorgen.
Er blieb in der Küchentür stehen und sah seiner Frau zu, wie sie das Frühstück für die ganze Familie vorbereitete.
— Lange habe ich gedacht, es wäre das Allerletzte, dich und die Jungs einfach sitzen zu lassen. Aber inzwischen glaube ich, dass es noch schlimmer ist, hierzubleiben, wenn meine Gedanken und meine Gefühle längst bei einer anderen Frau sind.
Sabines Hand blieb mitten in der Bewegung über der Pfanne stehen. Darin brieten gerade die Pfannkuchen, die Markus besonders gern mochte.
Ihr Rücken spannte sich an.
Markus wartete darauf, dass sie etwas sagte, doch Sabine rührte sich nicht.
Für einige Sekunden wirkte es auf ihn, als hätte jemand die Frau, mit der er seit Jahren zusammenlebte, gegen eine reglose Gestalt ausgetauscht.
Er selbst hatte kurz zuvor noch auf den Küchenboden gestarrt und versucht, den Mut für dieses Geständnis zusammenzukratzen. Nun stand er da und wusste nicht, was er mit ihrem Schweigen anfangen sollte.
Der stechende Geruch von verbranntem Teig breitete sich in der Küche aus.
— Sabine! — sagte Markus und machte einen Schritt auf sie zu.
Das holte sie aus ihrer Erstarrung.
Sie zuckte zusammen und drehte hastig den inzwischen beinahe schwarzen Pfannkuchen um.
— Von welcher Frau redest du? Von welcher Frau, die du angeblich liebst? — fragte sie erstaunlich ruhig, fast so, als erkundige sie sich nach etwas völlig Alltäglichem.
— Du weißt genau, wen ich meine. Katharina.
Vor einem halben Jahr hatte ihre zwölfjährige Ehe bereits einen Schlag bekommen, an dem selbst eine stabile Familie zerbrechen konnte.
Markus hatte Sabine betrogen.
Durch anonyme Hinweise hatte sie erfahren, dass ihr Mann sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Monaten mit einer anderen Frau traf.
Markus hatte damals gar nicht erst versucht, alles abzustreiten.
Er gestand die Beziehung zu Katharina, versicherte Sabine jedoch, dass sie beendet sei und niemals wieder etwas zwischen ihnen passieren würde.
— Es war nur eine Urlaubsaffäre, — hatte er damals mit solcher Leidenschaft erklärt, als stünde er auf einer Theaterbühne. — So etwas ist doch meistens vorbei, sobald man wieder zu Hause ist und die Menschen sieht, die einem wirklich etwas bedeuten. Ich war überzeugt, dass ich sie vergessen würde, sobald ich zurück bin. Aber dann stellte sich heraus, dass sie ebenfalls hier in der Gegend lebt. Deshalb haben wir noch ein bisschen geschrieben und geredet. Einfach aus Gewohnheit. Und dann haben wir uns noch getroffen … vielleicht zweimal. Aber jetzt ist wirklich Schluss. Glaub mir.
Sabine mochte streng sein.
Sie war häufig müde, verlangte viel und konnte sehr direkt werden.
Naiv war sie jedoch nie gewesen.
Schon lange wusste sie, dass Aussagen meist umso unglaubwürdiger wurden, je häufiger jemand Wörter wie „glaub mir“, „ich versichere dir“ oder „ich schwöre“ benutzte.
Sabine hatte verstanden, dass es zwischen Markus und Katharina kaum um harmlose Gewohnheit gegangen sein konnte.
Und an die angeblich nur zwei weiteren Treffen glaubte sie ebenfalls nicht.
Trotzdem wusste sie damals noch etwas anderes sehr genau: Sie konnte nicht einfach einen Koffer packen, die Tür hinter sich zuschlagen und die Scheidung einreichen.
Nicht so, wie es vielleicht eine Frau getan hätte, deren Leben nicht durch zahlreiche Verpflichtungen gebunden war.
Ihr älterer Sohn Lukas war elf und hatte seit seiner Geburt erhebliche gesundheitliche Probleme.
Arzttermine, Untersuchungen, Medikamente, Klinikaufenthalte und die gesamte Organisation rund um seine Behandlung lagen fast vollständig auf Sabines Schultern.
So war es in ihrer Familie ganz selbstverständlich geworden: Wenn es Lukas schlecht ging, kümmerte sich vor allem seine Mutter.
Der jüngere Sohn Jonas war vier und körperlich kerngesund.
Dafür hatte er einen Willen, der aus Stahl zu bestehen schien.
Wenn Jonas etwas wollte und die Antwort lautete „Nein“, konnte er über Stunden schreien, weinen und toben.
Der Einzige, der mit seinen Ausbrüchen einigermaßen fertigwurde, war Markus.
Allerdings trug Markus selbst einen beträchtlichen Anteil daran, dass sein jüngerer Sohn keinerlei Grenzen akzeptierte.
Jonas war nicht geplant gewesen.
Markus hatte sich jedoch derart über seine Geburt gefreut, dass er praktisch jedem untersagte, den Jungen zurechtzuweisen, ihm etwas zu verbieten oder gar die Stimme zu erheben.
Auf diese Weise war in ihrer Wohnung ein kleiner Tyrann herangewachsen.
Bekam Jonas, was er wollte, verwandelte er sich augenblicklich in ein liebevolles, anschmiegsames Kind.
Hörte er dagegen das Wort „Nein“, konnte man meinen, die Nachbarn würden jeden Moment einen Exorzisten rufen.
Sabine war sich schon vor einem halben Jahr darüber im Klaren gewesen, dass ein Mann, der ausgerechnet dann eine Urlaubsaffäre begann, als seine Frau täglich zu ihrem kranken Sohn in die Klinik fuhr und deshalb der gemeinsame Familienurlaub abgesagt werden musste, eigentlich nicht länger ihr Ehemann sein sollte.
Aber damals sah sie keinen Ausweg.
Nach einer langen Familienpause war es ihr gerade erst gelungen, wieder ein normales Berufsleben aufzubauen.
Mit großer Mühe hatte Sabine ihre fachlichen Kenntnisse aufgefrischt und sich Stück für Stück das Gefühl zurückerobert, nicht ausschließlich Mutter, Ehefrau und Haushaltsmanagerin zu sein.
Endlich wurde sie bei der Arbeit wieder als Fachkraft wahrgenommen, deren Meinung Gewicht hatte.
Noch einmal wollte sie darauf nicht verzichten.
Wäre sie nach Markus’ Affäre sofort allein mit den beiden Kindern geblieben, hätte sie ihre beruflichen Pläne wahrscheinlich erneut begraben müssen.
Zwei Jungen, die immer wieder Betreuung brauchten, und gleichzeitig ein Beruf — schon das war schwierig genug.
Und einer dieser Jungen schien sich seit seiner Geburt in einer einzigen, nie endenden Trotzphase zu befinden.
Deshalb hatte Sabine geschwiegen.
Sie hatte ihre Wut hinuntergeschluckt.
Wegen der Kinder.
Wegen ihrer Arbeit.
Und wohl auch deshalb, weil das bestehende Familienleben trotz allem gewisse Dinge leichter machte.
Nun waren sechs Monate vergangen.
Sechs Monate, nachdem sie sich gezwungen hatte, mit der Demütigung weiterzuleben.
Und jetzt stand Markus in ihrer Küche und erklärte ihr, dass er trotzdem gehen werde.
Und zu wem wollte er?
Zu jener Frau, die er inzwischen seine große Liebe nannte.
Sabine drehte den Herd ab, bevor auch der Rest des Frühstücks verbrannte.
Dann wandte sie sich langsam zu ihrem Mann um.
Ihr Gesicht wirkte ruhig.
Doch in ihren Augen erschien ein Funkeln, das Markus nichts Gutes verhieß.
— Ich bin die Frau, die du liebst, — sagte sie deutlich. — Oder hast du vergessen, wie du vor mir auf den Knien warst und mich angefleht hast, Jonas zu bekommen, obwohl du genau wusstest, dass ein zweites Kind nicht zu unserem Plan gehörte? Weißt du noch, was du jeden Tag gesagt hast? „Ich möchte, dass die Frau, die ich liebe, dieses Kind bekommt.“ Hast du das gesagt oder nicht?
Markus schwieg.
— Bin nicht ich es, die seit elf Jahren mit Lukas’ gesundheitlichen Problemen lebt? Ich kenne inzwischen so viele medizinische Begriffe, dass ich wahrscheinlich selbst in einer Praxis anfangen könnte. War nicht ich diejenige, die hinter dir stand, als du deinen alten Job aufgeben wolltest, weil er dich beinahe in einen völligen Zusammenbruch getrieben hätte? Und wer hat fast jedes Mal die Kinderkrankentage übernommen, damit du an deiner neuen Stelle Karriere machen konntest?
Mit jedem Satz wurde ihre Stimme lauter.
— Wer hat dich vor deinem eigenen Vater verteidigt? Wer hat ihm gesagt, dass er endlich damit aufhören soll, jede deiner Leistungen kleinzureden? Du hast ihm doch dein ganzes Leben lang nicht widersprechen können. Und wer ist noch einmal drei Jahre zu Hause geblieben, weil du unbedingt einen zweiten Sohn wolltest, obwohl du genau gesehen hattest, wie viel Kraft uns Lukas schon kostete? Sag mir, Markus: Was genau hat Katharina eigentlich für dich getan? Ich bin diese Frau. Ich bin die Frau, die dich geliebt hat. Nicht sie!
Die letzten Worte sprach Sabine mit so viel mühsam beherrschter Verachtung aus, als würde sie sie ihrem Mann direkt vor die Füße spucken.
Markus wollte näher zu ihr gehen.
Sabine wich jedoch sofort aus.
Sie ging um den runden Esstisch herum und blieb auf der anderen Seite stehen, als bräuchte sie dieses Möbelstück als Barriere zwischen ihnen.
— Sabine, ich habe es wirklich versucht, — sagte Markus leise und vermied ihren Blick. — Ich meine es ernst. Ich wollte, dass wir wieder funktionieren. Du und ich. Die Kinder. Unsere Familie. Aber unser Leben ist seit Jahren immer gleich. Alles ist so … farblos geworden. So vorhersehbar. Du stehst morgens auf und weißt schon genau, wie der ganze Tag ablaufen wird.
Er machte eine Pause.
— Katharina ist anders. Sie ist spontan. Lebendig. Unberechenbar. Wenn ich mit ihr zusammen bin, habe ich plötzlich wieder Lust auf das Leben. Bei ihr habe ich mich daran erinnert, dass ich noch ein junger Mann bin.
Sabine hob spöttisch eine Augenbraue.
— Und neben mir bist du also alt und praktisch schon tot?
— Nein. So meinte ich das nicht.
Markus suchte sichtbar nach Worten.
Dann fand er ausgerechnet jene, die er später am liebsten zurückgenommen hätte.
— Stell dir vor, du bist dein ganzes Leben immer nur in der zweiten Klasse gefahren. Und dann sitzt du plötzlich einmal in der Ersten Klasse. Mit Ruhe, Platz und allem Komfort. Danach fällt es verdammt schwer, wieder zurück in die zweite Klasse zu gehen.
Markus verstummte.
Sabines Gesicht veränderte sich augenblicklich.
Die Farbe wich aus ihren Wangen.
Sogar der Zorn verschwand aus ihren Augen.
— Gut, — sagte Markus hastig. — Wir sollten aufhören. Ich merke selbst, dass meine Erklärungen alles nur schlimmer machen. Ich packe jetzt einfach die wichtigsten Sachen ein und gehe. Auf die Wohnung werde ich keinen Anspruch erheben. Ich weiß, dass ich derjenige bin, der Mist gebaut hat. Du kannst mit den Kindern hierbleiben. Und natürlich nehme ich die Jungs an den Wochenenden. Katharina weiß, dass ich zwei Söhne habe. Sie hat überhaupt kein Problem damit, wenn sie ebenfalls Teil unseres Lebens sind.
Er wollte Sabines Gesicht nicht länger ansehen.
Es war so unbewegt geworden, dass es beinahe wie eine Maske wirkte.
Markus ging ins Schlafzimmer.
Auf dem Weg holte er aus der Abstellkammer den großen Rollkoffer.
Sabine blieb allein in der Küche zurück und starrte durch das Fenster, ohne wirklich etwas zu sehen.
— Zweite Klasse also, — flüsterte sie in den leeren Raum. — Zwölf Jahre lang habe ich ihn unterstützt. Ich habe seine Kinder bekommen, sie gepflegt, erzogen, getröstet, gefördert, den Haushalt zusammengehalten und dafür gesorgt, dass er ein Zuhause hat. Und dafür bin ich die zweite Klasse. Aber eine Frau, die er nicht einmal ein Jahr kennt und mit der er noch keinen einzigen normalen Alltag erlebt hat, ist plötzlich die Erste Klasse.
— Mama! Mamaaa! — dröhnte es aus dem Kinderzimmer. — Mama!
Jonas war aufgewacht.
Sabine blinzelte.
Es war, als würde sie plötzlich aus einem tiefen Schlaf erwachen.
Dann erschien ein kaum sichtbares Lächeln auf ihren Lippen.
In ihrem Blick lag auf einmal etwas anderes.
Entschlossenheit.
Jetzt wusste sie, was sie tun würde.
— Ich komme gleich, Jonas! — rief sie in Richtung Kinderzimmer.
Dann ging sie ins Schlafzimmer.
Markus war bereits dabei, Hemden und Pullover in seinen Koffer zu legen.
— Warte, — sagte Sabine.
Markus sah sie an.
— Die Kinder sind wach. Hast du das nicht gehört? Willst du wirklich mit einem Koffer vor ihren Augen durch die Wohnung laufen und einfach verschwinden?
— Wahrscheinlich hätte ich das längst tun sollen, — antwortete Markus unsicher und faltete weiter seine Sachen. — Dann hätte ich dich und die Jungs nicht noch länger damit belastet.
— Ich habe einen anderen Vorschlag.
Sabine schloss die Schlafzimmertür hinter sich und trat näher.
Ihre Stimme klang plötzlich so ruhig und beinahe freundlich, dass Markus verwundert aufsah.
— Das Wochenende hat gerade erst angefangen. Lass uns diese zwei Tage wie eine normale Familie verbringen. Für die Kinder. Ich verspreche dir, ich mache dir keine Vorwürfe. Ich werde dich nicht einmal vorwurfsvoll ansehen. Und morgen Abend setzen wir uns alle vier zusammen und reden in Ruhe. Danach kannst du offen gehen. Ohne heimlich zu verschwinden und ohne wegzulaufen.
— Mamaaa! Papaaa! — brüllte Jonas erneut aus seinem Zimmer.
Sabine deutete mit dem Kopf in seine Richtung.
— Hörst du das? Anders kann er doch kaum noch etwas verlangen. Und daran bist du nicht ganz unschuldig. Er hat gelernt, dass er mit Geschrei und Theater alles bekommt. Kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn sein Vater jetzt plötzlich mit einem Koffer verschwindet, ohne dass ihm irgendjemand etwas erklärt?
Markus musste zugeben, dass sie recht hatte.
Er schob den gepackten Koffer unter das Bett.
Anschließend frühstückte die ganze Familie gemeinsam und spielte für eine Weile die vertraute, glückliche Familie.
Später nahm Markus beide Söhne mit und fuhr für einige Stunden mit ihnen in einen großen Indoor-Freizeitpark.
Als sie am Abend zurückkamen, glänzte die Wohnung vor Sauberkeit.
Auf dem Tisch stand ein Abendessen aus drei Gängen.
Sabine empfing sie lächelnd und trug ein Kleid, in dem sie seit langer Zeit nicht mehr vor ihrem Mann gestanden hatte.
Markus betrachtete sie und empfand beinahe Mitleid.
„Sie will mich umstimmen“, dachte er. „Deshalb wollte sie bis morgen Zeit. Jetzt glaubt sie wahrscheinlich, ein schönes Kleid, eine perfekte Wohnung und gutes Essen könnten meine Entscheidung noch ändern. Frauen können manchmal wirklich unglaublich naiv sein.“
In diesem Moment traf sein Blick Sabines.
Und Markus begriff sofort, dass sie genau wusste, was er gerade gedacht hatte.
Nur für den Bruchteil einer Sekunde huschte unverhohlener Ekel über ihr Gesicht.
Dann war der Ausdruck wieder verschwunden.
Doch diese eine Sekunde genügte.
Markus verstand.
Sabine wollte ihn keineswegs zurückgewinnen.
Sie hatte nicht vor, um ihn zu kämpfen.
So schaut man keinen Menschen an, dessen Verlust man fürchtet.
In dieser Nacht schlief Markus auf dem Sofa im Gästezimmer.
Am nächsten Morgen wurde er von Jonas geweckt.
— Ich habe Mama gerufen, aber sie kommt nicht, — beschwerte sich der Junge. — Komm mit! Du musst mir Waffeln machen!
— Warum kommt sie denn nicht? — murmelte Markus verschlafen.
Er dachte nicht einmal ernsthaft darüber nach, sondern zog sich die Decke höher.
— Ruf einfach lauter. Dann hört sie dich schon. Mamas laufen nicht so schnell weg.
Er wollte gerade wieder einschlafen, als direkt neben seinem Kopf ein ohrenbetäubendes Gebrüll begann.
Jonas war es nicht gewohnt, dass jemand seine Wünsche ignorierte.
Also griff er ohne Zögern auf die Methode zurück, die bisher fast immer funktioniert hatte.
Er schrie.
Markus fuhr hoch.
— Ist ja gut! Hör einfach auf zu brüllen! — fauchte er. — Mama kommt bestimmt gleich und macht dir deine Waffeln. Wahrscheinlich hören dich inzwischen die Leute unten im Haus!
Aber Sabine kam nicht.
Jonas schrie weiter.
Schließlich warf Markus genervt die Decke zur Seite, hob seinen Sohn hoch und machte sich auf die Suche nach seiner Frau.
Das Bett im Schlafzimmer war ordentlich gemacht.
Im Bad war niemand.
Auch die Küche war leer und so sauber, als hätte dort seit Stunden niemand etwas berührt.
Aus einem Grund, den Markus zunächst nicht verstand, begann sein Herz schneller zu schlagen.
— Mama spielt bestimmt Verstecken mit uns, — sagte er demonstrativ fröhlich zu Jonas. — Komm, wir suchen sie. Du schaust in den Schränken und in der Abstellkammer nach. Ich gucke noch einmal im Schlafzimmer.
Markus tat so, als glaubte er selbst an diese Erklärung.
Im Schlafzimmer öffnete er den Kleiderschrank.
Irgendetwas daran kam ihm merkwürdig vor.
Er wirkte leerer.
Geräumiger.
Markus ging in die Knie und sah unter das Bett.
Dann richtete er sich wieder auf.
Einige Sekunden lang stand er regungslos da.
Erst danach begriff er, was ihn so irritiert hatte.
Der Koffer war verschwunden.
Genau jener große Koffer, den er am Vortag selbst unter das Bett geschoben hatte.
Seine Hemden und Pullover dagegen waren wieder ordentlich an ihren alten Plätzen verstaut.
Markus öffnete weitere Schranktüren.
Dann ging er in die Abstellkammer.
Auch dort war der Koffer nicht.
Und plötzlich verstand er, warum Sabines Kleiderschrank so viel leerer ausgesehen hatte.
Mit zitternden Fingern wählte Markus ihre Nummer.
Nichts.
Einige Sekunden später teilte ihm eine nüchterne automatische Stimme mit, dass die Teilnehmerin derzeit nicht erreichbar sei.
Sabine meldete sich erst drei Stunden später.
Es war fast Mittag.
Bis dahin hatte Markus fünf Waffeln verbrannt.
Siebenmal hatte er versucht, seine Frau anzurufen.
Und zweimal hatte Jonas einen neuen Wutanfall bekommen.
Dann erschien Sabines Nachricht auf seinem Handy.
Jede einzelne Zeile triefte vor bitterem Sarkasmus.
„Markus, ich möchte dir für deinen Vergleich mit der zweiten Klasse danken.
Genau dieser Vergleich hat mir geholfen, endlich das zu tun, wozu mir vor einem halben Jahr noch der Mut gefehlt hat.
Ich habe beschlossen, dir deine Entscheidung leichter zu machen und dich gleichzeitig von deinem schlechten Gewissen zu befreien.
Die Hälfte der Wohnung gehört dir. Also bleib dort.
Katharina kann gern zu dir ziehen.
Ich habe einen Ort, an den ich gehen kann.
Wenn sie dich tatsächlich so sehr liebt, wie du glaubst, wird sie sich sicher freuen, sich auch um deine Kinder zu kümmern.
Da du derjenige bist, der unsere Familie verlassen will, halte ich es nur für gerecht, dass die Jungen zunächst bei dir bleiben.
Ich sehe keinen Grund, weshalb ich allein sämtliche Folgen deiner Entscheidung tragen sollte, nur weil dir unser gemeinsames Leben zu langweilig und zu eintönig geworden ist.
Natürlich werden die Jungs jedes Wochenende bei mir sein.
Zumindest so lange, bis ich einen passenden neuen Partner gefunden habe.
Heranwachsende Söhne brauchen schließlich einen Mann im Haus. Da stimmst du mir doch sicher zu?
Danach können wir gern über ein echtes Wechselmodell sprechen.
Ich vertraue außerdem auf dein diplomatisches Talent.
Bestimmt wirst du Lukas und Jonas wunderbar erklären können, warum ihre Mutter plötzlich nicht mehr mit ihnen wohnt und stattdessen eine Frau bei ihnen einzieht, die sie kaum kennen.
Am Freitagabend hole ich die Jungs ab.

Bis dahin wünsche ich dir eine angenehme und besonders komfortable Fahrt in deiner Ersten Klasse.
Deine zweite Klasse.“
Markus las die Nachricht ein zweites Mal.
Dann ein drittes.
Fast im selben Augenblick vibrierte das Telefon erneut.
Diesmal war die Nachricht von Katharina.
„Und? Wie ist es gelaufen? Wann kommst du heute mit deinen Sachen? Ich kann es kaum erwarten!“
Markus starrte auf das Display.

— Papa, wann kommt Mama wieder? — Lukas erschien in der Tür. — Ich muss noch Hausaufgaben machen. Morgen haben wir wieder Mathe, und ich verstehe das mit den Gleichungen überhaupt nicht.
Noch bevor Markus antworten konnte, ertönte aus der Küche Jonas’ Stimme.
— Papa! Papaaa! Komm sofort! Schnell!
Markus schloss für einen Moment die Augen.
Am Samstagmorgen hatte er seiner Frau noch erklärt, dass sein bisheriges Leben zu eintönig, zu vorhersehbar und zu langweilig geworden sei.
Nun stand er mit zwei Kindern in der Wohnung, einer verschwundenen Ehefrau, einer wartenden Geliebten, Mathehausaufgaben, verbrannten Waffeln und dem sicheren Wissen da, dass ihm eines in nächster Zeit ganz bestimmt nicht drohen würde:
Langeweile.