Sie brachte ihr Kind mitten auf einem herbstlichen Feld im strömenden Regen zur Welt und starb, während sie den Neugeborenen bis zuletzt an sich drückte – erst einen Tag später fanden zwei Pilzsammler zufällig Mutter und Sohn

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Sie brachte ihr Kind mitten auf einem herbstlichen Feld im strömenden Regen zur Welt und starb, während sie den Neugeborenen bis zuletzt an sich drückte – erst einen Tag später fanden zwei Pilzsammler zufällig Mutter und Sohn

Helene Schneider öffnete mitten in der kleinen Dorfambulanz vorsichtig die völlig durchnässte, wattierte Arbeitsjacke, in die das Neugeborene eingewickelt worden war.

Der Junge bewegte sich kaum. Seine Haut schimmerte bläulich, die Lippen waren fast farblos, und sein Atem kam so selten und flach, dass man immer wieder fürchten musste, er hätte ganz aufgehört zu atmen. Die Nabelschnur war mit einem schmalen Stoffstreifen abgebunden worden. Jemand hatte ihn aus Annas Kopftuch gerissen.

— Bringt Wärmflaschen! — befahl Helene scharf. — Aber vorsichtig, nicht zu heiß. Und warmes Wasser. Schnell!

Erika lief zum Ofen. Wilhelm Berger blieb wie angewurzelt an der Tür stehen. Er war bis auf die Haut durchnässt, sein graues Haar klebte ihm an der Stirn, und erst nach einer Weile bemerkte er, dass seine Hände unkontrolliert zitterten.

— Lebt er? — fragte er kaum hörbar.

— Noch atmet er.

Helene drückte das Kind an ihre eigene Brust, schob es unter ihre warme Strickjacke und begann mit der flachen Hand behutsam über den winzigen Rücken zu reiben.

— Ist der Krankenwagen aus der Kreisstadt unterwegs?

— Ja, — antwortete der Bürgermeister. — Aber nach dem Regen ist die Straße kaum noch befahrbar. Sie sagen, vor einer Stunde schaffen sie es nicht hierher.

Helene blickte nicht einmal auf.

— In einer Stunde braucht er vielleicht keinen Arzt mehr.

Erika drehte sich zur Wand und bekreuzigte sich hastig.

Inzwischen kamen Frauen aus den umliegenden Häusern. Eine brachte warme Decken, eine andere frisch gewaschene Windeln, eine dritte eine Flasche Ziegenmilch. Jemand heizte den zweiten Ofen an, jemand stellte einen großen Wasserkessel auf. Bald war der kleine Raum voller Menschen, doch niemand wagte laut zu sprechen.

Alle lauschten nur auf das kaum wahrnehmbare Atmen des Kindes.

Dann öffnete der Junge plötzlich den Mund.

Ein dünnes, heiseres Geräusch kam aus seiner Kehle. Es war kaum mehr als ein klägliches Quieken, und doch klang es für die Menschen im Raum wie ein richtiger Schrei.

Erika brach in Tränen aus.

— Habt ihr das gehört? Er schreit!

— Leiser! — fuhr Helene sie an, obwohl sie sich im selben Moment mit dem Ärmel über die Augen wischte. — Er soll seine letzten Kräfte nicht fürs Schreien verschwenden.

Der Krankenwagen erreichte Eichenfeld erst anderthalb Stunden später. Das Baby wurde sofort ins Kreiskrankenhaus gebracht, und Helene fuhr mit.

Anna brachte man in einen freien Nebenraum des Gemeindehauses. Die Frauen wuschen ihren Körper, zogen ihr ein sauberes Kleid an und schlossen behutsam ihre Augen.

Auf der Brust der jungen Frau blieb der Abdruck einer winzigen Kinderhand zurück, ein kleiner dunkler Fleck auf dem noch feuchten Stoff.

Zweiter Abschnitt. Die Nachricht in den Norden

Thomas zu erreichen, erwies sich beinahe als unmöglich.

Auf der abgelegenen Montagebaustelle im Norden gab es nur im Büro des Bauleiters ein Telefon. Die Verbindung war unzuverlässig, Gespräche brachen immer wieder ab. Der Bürgermeister schickte ein dringendes Telegramm, wusste aber, dass Tage vergehen konnten, bis es tatsächlich in Thomas’ Hände gelangte.

Deshalb entschied Wilhelm, selbst in die Kreisstadt zu fahren.

Mehrere Stunden saß er dort an der Telefonvermittlung, während die Angestellte versuchte, eine Verbindung mit der fernen Arbeitersiedlung herzustellen. Stimmen verschwanden im Rauschen, einzelne Wörter gingen im Knacken der Leitung unter.

— Thomas Wagner? — rief Wilhelm beinahe in den Hörer. — Ein Anruf aus Eichenfeld! Können Sie mich hören?

— Ja … Wer ist da?

— Wilhelm Berger. Aus dem Dorf.

Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.

— Was ist mit Anna?

Wilhelm schloss die Augen.

Vor ihm tauchte wieder das Feld auf. Der peitschende Regen. Der halb zerfallene Heuschober. Und die junge Frau, die ihren eigenen Mantel über das Neugeborene gelegt hatte.

— Thomas, du musst jetzt stark sein. Anna hat das Kind bekommen.

Sekundenlang war nur das harte Knacken der Leitung zu hören.

— Sie hat entbunden? Aber es war doch noch zu früh … Was ist es? Ein Junge oder ein Mädchen?

— Ein Junge.

— Lebt er?

— Er liegt im Kreiskrankenhaus. Die Ärzte tun alles, was sie können.

— Und Anna?

Wilhelm brachte die Antwort nicht sofort über die Lippen.

— Thomas … Anna ist tot.

In genau diesem Augenblick brach die Verbindung ab.

Als es gelang, erneut durchzukommen, meldete sich der Bauleiter. Thomas sei neben dem Telefon zusammengebrochen und bewusstlos geworden. Man habe ihn zur Sanitätsstelle gebracht.

Schon am nächsten Tag machte er sich auf den Heimweg.

Zuerst fuhr er in einem Transporter der Baustelle, dann nahm ihn ein Lastwagenfahrer mit, schließlich stieg er in den Zug. Fast drei Tage war er unterwegs.

Er kam noch rechtzeitig zur Beerdigung.

Thomas stieg unrasiert und mit eingefallenem Gesicht aus dem Wagen. In einer Hand trug er eine verschmutzte Reisetasche. Als er den geschlossenen Sarg sah, blieb er stehen.

Es wirkte, als hätte sein Körper vergessen, wie man einen weiteren Schritt macht.

— Ich habe es ihr versprochen, — brachte er hervor. — Ich habe ihr versprochen, nach Hause zu kommen.