Ich verkleidete mich als Obdachloser und ging in meinen eigenen Supermarkt, um einen würdigen Erben zu finden – doch was kurz vor dem Ausgang geschah, hätte mich beinahe auf die Knie gezwungen

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Ich verkleidete mich als Obdachloser und ging in meinen eigenen Supermarkt, um einen würdigen Erben zu finden – doch was kurz vor dem Ausgang geschah, hätte mich beinahe auf die Knie gezwungen

Ein todkranker Milliardär wollte wissen, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn niemand mehr sein Vermögen sehen kann. Also betrat ich einen meiner eigenen Supermärkte in einer Verkleidung, unter der mich kein Angestellter und kein Kunde erkennen sollte. Ich hoffte nur auf einen einzigen Fremden, der mir beweisen würde, dass Mitgefühl noch nicht vollständig aus dieser Welt verschwunden war.

Für einen Dienstagmorgen lag eine beinahe unheimliche Stille über meiner Villa. Der Marmor unter meinen Füßen glänzte makellos, poliert von Menschen, deren Namen ich kaum kannte. Das einzige Geräusch kam von der alten Standuhr im Flur. Helene hatte sie 1985 ausgesucht, und seitdem begleitete ihr gleichmäßiges Ticken jeden stillen Morgen dieses Hauses.

Ich war neunundsiebzig Jahre alt. Seit drei Tagen hatte ich innerhalb dieser riesigen Mauern keine menschliche Stimme mehr gehört.

In den siebziger Jahren hatte ich eine kleine Ladenkette gegründet, die bezahlbare Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs verkaufen sollte. Aus einigen Filialen war die größte Discountkette Nordrhein-Westfalens geworden, später kamen Standorte in fünf weiteren Bundesländern hinzu. Mit sechzig besaß ich mehr Geld, als ein einzelner Mensch vernünftigerweise brauchen konnte.

Nur am Esstisch saß mir niemand gegenüber.

Helene war 1989 auf einer regennassen Landstraße ums Leben gekommen. Kinder hatten wir nie bekommen. Nun gaben mir die Ärzte noch ungefähr sechs Monate. Der Krebs im vierten Stadium zeigte sich vollkommen unbeeindruckt davon, wie viele Gebäude den Namen meiner Familie trugen oder wie hoch die Zahlen auf meinen Konten waren.

Inzwischen hatte ich genügend Gespräche mitgehört, um zu wissen, dass nicht nur Martin auf meinen Tod wartete.

Für einige Menschen war ich längst kein lebender Mann mehr. Ich war eine Unterschrift unter Verträgen. Ein Posten, der bald frei werden würde. Ein Vermögen, dessen Besitzer nur noch die Höflichkeit aufbringen musste zu sterben.

— Sie sehen heute wirklich kräftiger aus, Herr König, — sagte Martin mit einem freundlichen Lächeln, als er das Zimmer betrat.

Er leitete mehrere Regionen unseres Unternehmens. Zwölf Jahre lang hatte ich ihn aufgebaut, gefördert und auf eine der höchsten Positionen vorbereitet. Lange hatte ich geglaubt, dass er irgendwann mein Lebenswerk weiterführen könnte.

— Ich sterbe, Martin. Beleidigen Sie mich bitte nicht mit solchen Komplimenten.

Sein Lächeln geriet für einen Augenblick aus dem Takt.

— Ich wollte Ihnen nur etwas Mut machen.

Sein Blick glitt zu den Medikamentenfläschchen auf dem Beistelltisch. Es war nur eine Sekunde, aber ich bemerkte, wie aufmerksam er sie musterte, als könnte er aus ihrer Anzahl errechnen, wie viele Wochen ihm noch blieben.

Dann legte er eine Mappe auf den Tisch.

— Ich habe einige Unterlagen zur Übergabe der Geschäftsführung mitgebracht. Nur einen ersten Entwurf. Für den Zeitpunkt, an dem Sie bereit sind.

— Sie meinen: wenn ich tot bin.

— Bitte, Herr König.

In seiner Jackentasche vibrierte ein Telefon.

Ich deutete zur Tür.

— Gehen Sie ruhig ran. Ich höre es bis hierher. Ich möchte ohnehin ein paar Minuten allein sein.

Martin verließ den Raum.

Ich wartete kurz, nahm meinen Gehstock und folgte ihm langsam. Auf dem dicken Teppich waren meine Schritte kaum zu hören. Die Tür zum Arbeitszimmer stand einen Spalt offen.

Martins Stimme war deutlich zu verstehen.

— Nein, nein. Der Alte baut schnell ab. Eigentlich ist er nur noch ein wandelnder Geldsack. Sechs Monate, höchstens. Danach habe ich den Vorstand praktisch in der Hand.

Mitten im Flur blieb ich stehen.

Vierzig Jahre lang hatte ich ein Unternehmen aufgebaut, das Millionen Familien bezahlbare Lebensmittel und Alltagswaren brachte. Und der Mann, dem ich mehr vertraut hatte als fast jedem anderen, bezeichnete mich als wandelnden Geldsack.

Eine Stunde später verabschiedete sich Martin mit festem Händedruck.

— Ich komme nächste Woche wieder vorbei, — versprach er.

Ich nickte, bis sich die Haustür hinter ihm geschlossen hatte.

Dann stand ich allein in der großen Halle.

— Es muss wenigstens einen geben, — sagte ich in die Stille. — Nur einen Menschen, der einem Fremden hilft, obwohl er nichts davon hat.

In diesem Augenblick entstand die Idee.

Kein gewöhnliches Testament. Keine Abstimmung des Aufsichtsrats. Keine Entscheidung nach Lebenslauf, Titel oder Bankkonto.

Eine Prüfung.

Ich würde den Menschen, dem ich mein Unternehmen und den größten Teil meines Vermögens anvertrauen konnte, selbst finden.

Und wenn jemand bereit war, einem nutzlosen alten Mann in einem zerrissenen Mantel zu helfen, ohne zu wissen, wer er wirklich war, sollte dieser Mensch alles bekommen, was ich in meinem Leben geschaffen hatte.

Ich stellte mich vor den Spiegel.

Der Mann darin trug noch immer ein maßgeschneidertes Hemd. Sein silbernes Haar war ordentlich gekämmt. Selbst mit eingefallenem Gesicht und müden Augen sah er nach Geld aus.

Also nahm ich eine Schere.

— Der Milliardär muss verschwinden, — murmelte ich. — Sonst werde ich niemals erfahren, wer die Wahrheit sieht.

Ich schnitt mein Haar selbst. Rücksichtslos und ungleichmäßig, bis einzelne graue Strähnen in alle Richtungen standen. Danach klebte ich mir einen struppigen Bart ins Gesicht, zog alte, eingerissene Kleidung an, die ich zuvor im feuchten Keller gelagert hatte, und rieb Schmutz in die Falten um meine Augen und entlang meiner Wangen.

Zum Schluss schüttete ich saure Milch über die Vorderseite meines Mantels.

Unter all dem trug ich allerdings noch meinen teuren Lieblingsduft.

Es war eine private Ironie. Eine kleine Erinnerung daran, dass unter Schmutz, Gestank und Lumpen immer noch derselbe Mann steckte.

Als ich erneut in den Spiegel sah, war der Unternehmer verschwunden.

Dort stand jemand, an dem die meisten Menschen auf der Straße vorbeigehen würden, ohne sich zu fragen, wie er einmal gelebt hatte.

Ich nahm einen alten Stock und verließ das Haus.

Die automatischen Türen meines größten Marktes öffneten sich vor mir.

Kaltes, helles Licht fiel auf mein Gesicht.

Vier Jahrzehnte meines Lebens lagen dort sauber sortiert in langen Regalreihen: Brot, Konserven, Getränke, Waschmittel, Obst, Kleidung, Haushaltswaren. Alles vertraut. Alles gehörte zu einem Unternehmen, dessen Eigentümer ich war.

Nur wusste das hier niemand.

Die erste Kundin, die ich ansprach, trug einen Korb mit Orangen.

Ich räusperte mich.

— Entschuldigen Sie. Hätten Sie vielleicht einen Euro für mich? Ich möchte mir nur etwas zu essen kaufen.

Sie sah mich an und presste sofort zwei Finger auf ihre Nase. So fest, dass ihre Knöchel hell wurden.

— Um Himmels willen. Sie riechen ja wie verdorbenes Fleisch.

Dann drehte sie sich weg.

Kein weiteres Wort. Kein Blick zurück.

In der Nähe der Backwaren versuchte ich es bei einem Mann. Ich brachte nicht einmal meinen ersten vollständigen Satz heraus.

Er zog sein Handy hervor und richtete die Kamera auf mich.

— Solche Leute dürften überhaupt nicht hereingelassen werden, — sagte er zu einer Frau neben sich. — Wofür gibt es hier eigentlich Sicherheitsdienst?

Ich ging weiter.

Vor den Suppen und Konserven stand ein ordentlich gekleideter Jugendlicher in einer Jacke seiner Schulmannschaft und scrollte über sein Smartphone.

Sehr leise fragte ich:

— Könntest du mir vielleicht eine Dose Rindergulasch kaufen?

Sein Gesicht hellte sich schlagartig auf.

Nicht aus Mitgefühl.

Aus Begeisterung.

— Oh Mann! Warten Sie! Bleiben Sie genau da!

Schon wieder wurde eine Handykamera auf mich gerichtet.

Der Junge lachte.

— Ich stelle Sie auf TikTok. Die Leute werden sich das reinziehen. Sagen Sie irgendwas! Los! Nur einen Satz!

Ich senkte den Kopf und schlurfte an ihm vorbei.

Er folgte mir noch eine Weile und filmte, bis ihm die Sache offenbar langweilig wurde.

Drei Gänge weiter kam ein junger Mitarbeiter auf mich zu. Auf seinem Namensschild stand „Stellvertretende Marktleitung“.

Vielleicht hatte ich Jahre zuvor sogar irgendeine Personalentscheidung unterschrieben, die letztlich dazu geführt hatte, dass er hier arbeitete. Sein Gesicht hatte ich jedoch nie gesehen.

Er verzog die Lippen und verschränkte die Arme.

— Die Kunden beschweren sich über den Geruch. Sie müssen den Markt verlassen.

— Ich brauche nur etwas zu essen, — sagte ich.

— In der Nähe des Bahnhofs gibt es eine Unterkunft für Wohnungslose.

Während er sprach, hob er bereits die Hand und winkte einen Sicherheitsmitarbeiter heran.

— Sie können hier nicht bleiben. Bitte gehen Sie.

Ich stand mitten im Gang und spürte den Blick des Wachmanns auf mir.

Dann drehte ich mich zum Ausgang.

Der Sicherheitsmann folgte mir dicht genug, um keinen Zweifel daran zu lassen, dass er mich bis vor die Tür begleiten würde.

Mit jedem Schritt wurde etwas in mir schwerer.

Ich hatte geglaubt, dass wenigstens einer anhalten würde.

Einer.

Aber niemand hatte auch nur lange genug hingesehen, um hinter meiner Verkleidung einen Menschen zu erkennen.

Vielleicht hatte ich mich geirrt.

Vielleicht gab es diese Art von Güte tatsächlich nicht mehr.

Sechs Schritte trennten mich von der automatischen Tür.

Dann vier.

Dann zwei.

Plötzlich packte mich eine kleine Hand so fest am Ärmel, dass ich beinahe über meinen eigenen Stock stolperte.

— Entschuldigen Sie, mein Herr?

Die Stimme war dünn und unsicher.

Ich drehte mich um.

Mein Herz schlug mit einem Mal anders.

Vor mir stand ein schmales Mädchen in einer ausgewaschenen Schulkleidung. In der einen Hand hielt sie einen zerknitterten Geldschein, in der anderen eine Dose Rindergulasch.

Der Anblick traf mich so unerwartet, dass meine Knie tatsächlich weich wurden.

— Entschuldigung, dass ich Sie so fest angefasst habe, — flüsterte sie. — Ich wollte nur nicht, dass Sie hungrig weggehen.

Ich brachte zunächst kein Wort heraus.

Sie konnte kaum älter als zwölf sein.

Das Mädchen streckte mir die Dose entgegen.

— Die ist für Sie. Und hier sind noch vier Euro. Mehr habe ich nicht. Aber Sie brauchen das Geld bestimmt dringender als ich.

Etwas in mir, das seit 1989 fest verschlossen gewesen war, bekam einen Riss.

— Sag mal, — fragte ich vorsichtig, — ist das nicht dein Geld fürs Mittagessen?

Sie schaute auf ihre Schuhe und nickte.

— Ich habe es die ganze Woche aufgehoben. Aber meine Mama sagt immer, man soll von dem teilen, was man hat. Auch wenn man selbst glaubt, fast nichts zu besitzen.

Ich musste wegsehen.

Dieses Kind hatte mit wenigen Sätzen mehr Würde gezeigt als sämtliche Erwachsenen, denen ich an diesem Morgen begegnet war.

— Wie heißt du?

— Sophie.

Sie legte meine Hand über ihren dünnen Unterarm und stützte mich, als wäre ich aus zerbrechlichem Glas.

— Kommen Sie. Draußen ist eine Bank.

Sie half mir hinaus und setzte mich auf eine Sitzbank vor dem Markt. Dann lief sie zu einem Wasserspender und kam mit einem Pappbecher zurück. Sie hielt ihn mit beiden Händen fest, während ich so tat, als würde ich trinken.

Als sie sich zu mir beugte, erkannte ich das aufgestickte Emblem ihrer Schule.

— Wo ist deine Mutter gerade, Sophie?

— Bei der Arbeit. Sie putzt nachts Büros. Manchmal darf sie zusätzlich tagsüber arbeiten.

— Und dein Vater?

Sie schüttelte den Kopf.

— Wir sind nur Mama und ich.

Wir saßen noch ein paar Minuten nebeneinander.

Schließlich sagte ich, dass ich weiter müsse.

Danach folgte ich ihr mit großem Abstand. Ich wollte lediglich wissen, wo sie wohnte.

Sophie ging bis zu einem kleinen Wohnhaus oberhalb eines Waschsalons unweit des zentralen Busbahnhofs.

Noch am selben Abend rief ich meinen Anwalt an.

— Ich möchte mein Testament und einige Beteiligungsregelungen ändern.

Am anderen Ende herrschte kurz Stille.

— Um wen geht es?

— Sophie. Zwölf Jahre alt. Sie lebt mit ihrer Mutter über einem Waschsalon in der Nähe des Busbahnhofs. Auf ihrer Kleidung war das Emblem einer Schule nicht weit von unserem Markt. Finden Sie heraus, wer die beiden sind. Ich möchte sicher sein, dass alles stimmt.

Am nächsten Morgen rief er zurück.

— Herr König, wir haben ein Problem.

— Welches?

— Die Mutter des Mädchens arbeitet in Ihrer eigenen Konzernzentrale. Nachts. Im Reinigungsteam.

Ich richtete mich auf.

— Und weshalb ist das ein Problem?

— Weil Martin Material gegen sie sammelt. Er bereitet ihre fristlose Kündigung vor.

Ich schloss die Augen.

Natürlich Martin.

— Was wirft er ihr vor?

— Kleine Diebstähle. Sie hat ausgemusterte Lebensmittel mit nach Hause genommen. Waren, deren Haltbarkeit überschritten war und die offiziell bereits zur Entsorgung freigegeben worden waren. In zwei Monaten wurden sechs Fälle dokumentiert. Martin will daraus vorsätzlichen Diebstahl machen.

— Sie hat weggeworfene Lebensmittel für ihre Tochter mitgenommen?

— Genau.

— Weiß er, dass ich von ihr erfahren habe?

— Nein. Für ihn hat diese Frau keinerlei Verbindung zu Ihnen. Vermutlich ist das sogar der Grund, weshalb sie noch nicht früher entlassen wurde.

Ich legte auf.

Dann zog ich die Verkleidung erneut an.

Wenige Stunden später betrat ich die Zentrale meines eigenen Unternehmens als vermeintlich obdachloser alter Mann.

Die junge Frau am Empfang erstarrte.

Zwei Sicherheitsleute kamen bereits auf mich zu, bevor ich überhaupt den Aufzug erreicht hatte.

— Sie dürfen sich hier nicht aufhalten.

— Ich möchte Martin sprechen, — antwortete ich mit rauer Stimme. — Es geht um Mitarbeiter der Nachtreinigung.

Die Empfangskraft zögerte.

Dann nahm sie den Hörer ab.

Ich beobachtete, wie sich ihre Miene veränderte, während sie mein Anliegen weitergab. Offenbar war ein verwahrloster Mann, der einen hochrangigen Geschäftsführer beim Vornamen verlangte, ungewöhnlich genug, dass die Nachricht tatsächlich nach oben gelangte.

Eine Minute später erschien Martin auf der oberen Treppenebene.

Schon sein Gesicht verriet, dass er den Geruch bemerkte, bevor er mich richtig ansah.

Er erkannte mich nicht.

Vor ihm stand kein Firmengründer.

Nur ein alter Mann mit schmutzigem Mantel, krummem Stock und ungepflegtem Gesicht.

— Bringen Sie ihn raus, — sagte Martin kalt. — Und prüfen Sie anschließend die Überwachungskameras. Ich will wissen, wer ihn hereingelassen hat und woher er meinen Namen kennt.

Die Wachleute fassten mich vorsichtig an den Armen. Sie sahen einen gebrechlichen alten Mann und behandelten mich zumindest nicht grob.

Martin hatte sich bereits umgedreht, bevor ich das Gebäude verlassen hatte.

Am selben Abend brachte mein Anwalt eine dicke Aktenmappe in die Villa.

Darin lagen Personalunterlagen.

— Das ist die Akte von Sophies Mutter, — sagte er.

Ich öffnete sie langsam.

Katharina Berger. Neunzehn Monate im Unternehmen. Keine einzige Beanstandung bis zu dem Zeitpunkt, an dem Martins Unterschrift auf den Berichten auftauchte.

Dann sah ich die Familienangaben.

Und erstarrte.

Die Namen führten zu einer Linie zurück, die ich kannte.

Helenes jüngere Schwester.

Jene Schwester, über die meine Frau früher nachts manchmal gesprochen hatte, leise und mit Tränen in den Augen. Die beiden hatten sich zerstritten. Helenes Schwester war irgendwann verschwunden und hatte ihre kleine Tochter mitgenommen.

Helene hatte ihre Nichte nie im Arm halten dürfen.

Ich saß lange vollkommen reglos da.

Das Mädchen, das als einziger Mensch im ganzen Supermarkt zu mir gekommen war, war nicht nur irgendeine Fremde.

In ihren Adern floss das Blut von Helenes Familie.

Am nächsten Morgen sollte ich zum letzten Mal vor den Aufsichtsrat treten.

Diesmal ohne Verkleidung.

Ich betrat die Konzernzentrale in einem perfekt sitzenden dunkelgrauen Anzug. Mein silbernes Haar war ordentlich nach hinten gekämmt. Den Stock brauchte ich an diesem Tag nicht. Ich zwang meinen Körper zu einem geraden, sicheren Gang.

Als sich die Türen des Sitzungssaals öffneten, stand Martin vor einem Bildschirm.

Darauf war eine Präsentation zu sehen.

„Plan zur Übergabe der Unternehmensführung“.

Mehrere Köpfe drehten sich zu mir.

Martin wurde kreidebleich.

— Herr König… wir… wir haben nicht mit Ihnen gerechnet.

Ich ging bis zum Kopfende des langen Tisches und setzte mich auf meinen Platz.

Dann schob ich ihm eine Mappe über die glatte Holzplatte zu.

— Darin befindet sich die Aufzeichnung aus unserem größten Markt.

Martin bewegte sich nicht.

Ich legte eine zweite Unterlage daneben.

— Die Tonanlage in meinem Arbeitszimmer hat außerdem Ihr Telefongespräch vom vergangenen Donnerstag aufgezeichnet. Jedes Wort.

Jetzt begann seine Unterlippe leicht zu zittern.

— Und hier, — fuhr ich fort, — liegen die manipulierten Berichte über eine Mitarbeiterin der Nachtreinigung.

Ich öffnete Katharinas Personalakte.

— Katharina Berger. Seit neunzehn Monaten bei uns beschäftigt. Kein einziger Vorfall, bis Ihre Unterschrift auf den Meldungen auftauchte.

— Ich kann das erklären.

— Jede einzelne Zeile?

— Ja.

Ich sah ihm direkt in die Augen.

— Können Sie auch erklären, weshalb Sie mich einen wandelnden Geldsack genannt haben?

Im Raum wurde es vollkommen still.

Martin starrte mich an.

— Ich… was?

— Ich habe Sie gehört. Ich stand drei Schritte entfernt. In Lumpen.

Mehrere Mitglieder des Aufsichtsrats sahen zuerst mich und dann Martin an.

— Herr König, Sie verstehen das falsch.

— Nein. Zum ersten Mal seit langer Zeit verstehe ich sehr genau.

Ich lehnte mich zurück.

— Sie sind entlassen. Den Rest übernimmt unsere Rechtsabteilung. Sie verlassen das Gebäude noch heute.

Martin öffnete den Mund.

Kein Ton kam heraus.

Schließlich drehte er sich um und verließ den Sitzungssaal.

Keiner hielt ihn auf.

Danach bat ich meine Assistentin, Sophie und ihre Mutter hereinzubringen.

Einige Minuten später öffnete sich die Tür.

Beide traten Hand in Hand ein.

Sophie trug wieder ihre ausgewaschene Schulkleidung.

Als sie mich sah, blieb sie stehen.

Sie kannte mein sauberes Gesicht nicht sofort, doch offenbar erkannte sie meine Augen.

— Sie sind doch… der Mann aus dem Supermarkt?

Ich nickte.

— Ja.

Ihre Stirn legte sich in Falten.

— Geht es Ihnen besser?

Bei dieser Frage musste ich lächeln.

— Besser als in den vergangenen dreißig Jahren.

Katharina stand wie erstarrt neben ihrer Tochter.

Ich ging langsam auf Sophie zu und kniete mich vor sie, sodass wir uns auf Augenhöhe befanden.

— Mein Name steht an diesem Gebäude, Sophie. Die Geschäfte, in denen wir uns getroffen haben, gehören zu meinem Unternehmen.

Ihre Augen wurden groß.

Dann wandte ich mich an ihre Mutter.

— Und Ihre Familie stammt von der jüngeren Schwester meiner Frau Helene ab.

Katharinas Gesicht veränderte sich.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

— Helene war meine Tante.

Ich schluckte.

— Helene war meine Frau.

Katharina presste beide Hände auf den Mund und sank schwer auf einen Stuhl.

Sophie sah zwischen uns hin und her, als versuchte sie, all das zu verstehen.

Dann kam sie einfach zu mir.

Ohne Zögern.

Sie setzte sich auf meinen Schoß, als hätte sie mich nicht erst am Vortag kennengelernt, sondern ihr ganzes Leben.

Ich legte vorsichtig einen Arm um sie.

— Ich werde Ihnen nicht einfach einen Haufen Geld überweisen, — sagte ich. — Geld allein hat mir nicht besonders viel geholfen.

Katharina sah mich schweigend an.

— Ich möchte für Sophie einen Fonds einrichten. Ich möchte ihre Zukunft absichern. Ich möchte dafür sorgen, dass Sie nie wieder Lebensmittel mitnehmen müssen, die ohnehin im Müll landen sollten. Und ich möchte Ihnen beiden alles geben, was ich noch geben kann.

Ich hielt kurz inne.

— Vor allem meine Zeit. So viel davon eben noch übrig ist.

Katharina weinte jetzt offen.

— Aber nur, wenn Sie damit einverstanden sind, dass ich Teil Ihres Lebens werde.

Sophie schmiegte sich dichter an mich.

Damit war ihre Antwort deutlicher als jedes gesprochene Wort.

Am selben Abend saß ich nicht an meinem langen Esstisch unter einem Kronleuchter.

Ich saß an einem kleinen Küchentisch in der Wohnung über dem Waschsalon.

Vor mir stand eine alte Schüssel mit einem kleinen Sprung am Rand. Darin dampfte Rindergulasch.

Sophie redete. Katharina stellte mir Fragen. Irgendwann lachten wir sogar.

Es war kein luxuriöses Essen.

Kein Silberbesteck. Kein Personal. Kein Marmor. Keine Kristallgläser.

Und trotzdem hatte sich seit Jahrzehnten keine Mahlzeit so reich angefühlt.

Zum ersten Mal seit 1989 wusste ich, dass ich am nächsten Morgen nicht in ein vollkommen stilles Leben aufwachen würde.

Ich hatte den Supermarkt betreten, weil ich einen würdigen Erben für mein Vermögen finden wollte.

Gefunden hatte ich etwas, von dem ich längst nicht mehr geglaubt hatte, dass es mir noch einmal begegnen würde.

Eine Familie.