„Sie ist nicht mehr rein“, erklärte ihr junger Ehemann kalt und schickte sie zurück zu ihren Eltern – ohne zu ahnen, dass er ihr damit selbst den Weg in ein glückliches, helles Leben öffnete

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Die Luft an jenem Herbstabend war feucht und schneidend kalt. Eine schwere Stille lag über dem kleinen Haus, als hätte sich mit ihr auch all das Ungesagte zwischen den Wänden festgesetzt. Im Kachelofen knackte das Holz unregelmäßig, Flammen warfen zitternde Schatten über die Stube, und dadurch wirkte der Raum noch düsterer als sonst.

Mitten im Zimmer stand Clara. Im rötlichen Licht des Feuers sah die junge Frau beinahe noch wie ein Mädchen aus: schmal, blass, den Blick auf den Boden gesenkt. Gedankenverloren ließ sie die Finger über das Ende ihres langen, schweren Zopfes gleiten, als könnte sie sich an dieser vertrauten Bewegung festhalten. Ihre Hände zitterten kaum sichtbar, die Schultern waren angespannt. Sie spürte, wie Mutter und Vater sie ansahen, doch den Kopf zu heben brachte sie nicht über sich.

— Ihr habt doch kaum einen Monat zusammengelebt, und nun stehst du schon wieder hier. Was ist denn zwischen euch passiert? — fragte ihre Mutter Margarete.

In ihrer Stimme lag kein Vorwurf. Es war Angst. Eine so offene, mütterliche Sorge, dass Clara das Herz noch schwerer wurde. Margarete konnte nicht begreifen, warum ihre jüngere Tochter so früh und so plötzlich in ihr Elternhaus zurückgekehrt war, aber irgendetwas in ihr sagte ihr längst, dass hinter diesem Schweigen nichts Harmloses steckte.

Clara antwortete nicht. Sie bewegte nur schwach den Kopf, als säßen die Worte irgendwo tief in ihrer Brust fest. Tränen brannten hinter den Lidern und drängten bis in den Hals, doch sie presste die Hände fest gegeneinander. Nein. Vor allen würde sie nicht weinen. Sie wollte nicht zeigen, wie tief man sie verletzt hatte.

— Warum sagst du nichts? Wir fragen dich doch, — sagte ihr Vater Heinrich schwer.

Er saß am Tisch und hatte seine großen, von Arbeit gezeichneten Hände vor sich liegen. Die Haut war rissig, alte Narben zogen sich über die Finger. Sein einst dunkles Haar war inzwischen grau geworden. Im Gesicht lagen Müdigkeit, Unruhe und völliges Unverständnis. Diese Hände konnten Holz spalten, einen Zaun richten, ein Dach ausbessern, Säcke tragen und stundenlang auf dem Feld arbeiten. Aber jetzt ruhten sie hilflos auf der Tischplatte, als wüsste Heinrich zum ersten Mal in seinem Leben nicht, wie er seine Tochter beschützen sollte.

Clara holte tief Luft. Der Kloß in ihrem Hals verschwand nicht. Es kam ihr vor, als hätte jemand ihr mit einem Schlag das Gewicht der ganzen Welt auf die Schultern gelegt.

— Friedrich will nicht mehr mit mir leben, — brachte sie schließlich kaum hörbar hervor. — Er hat gesagt, ich soll nach Hause gehen.

Heinrich richtete sich ruckartig auf.

— Was soll das heißen? Vor einem Monat habt ihr geheiratet. Die ganze Verwandtschaft war da, er selbst ist hierhergekommen und hat um deine Hand gebeten. Alles war ordentlich. Und jetzt soll plötzlich Schluss sein? Pass auf, Clara: Wenn du selbst etwas angestellt hast, werde ich dich nicht decken. Du bist verheiratet. Dein Zuhause ist nun bei deinem Mann. Dann gehst du zurück.

— Heinrich, nun warte doch, — unterbrach Margarete ihn sofort und hob beschwichtigend die Hand. — Schau sie dir an. Sie ist kreidebleich. Lass das Kind erst erzählen, bevor du sie wieder vor die Tür schickst.

Clara flüsterte:

— Ich möchte zuerst mit Mama allein reden.

— Wenn es unbedingt mit deiner Mutter sein muss, dann meinetwegen, — brummte Heinrich und erhob sich. — Klärt das unter euch. Ich habe ja von Anfang an gesagt, dass mir das alles zu schnell ging. Kaum kannten sie sich richtig, wollte er schon heiraten. Aber auf mich hört ja keiner.

Er zog seine alte Arbeitsjacke an, schlug die Tür etwas heftiger zu als nötig und ging hinaus in die kalte Dämmerung.

Nun blieben Mutter und Tochter allein zurück. Lange drang nur leises, abgehacktes Flüstern aus der Stube. Claras Stimme brach immer wieder. Sie beteuerte etwas, begann von vorn, verstummte, versuchte erneut zu erklären. Margarete seufzte schwer. In den Augen ihrer Tochter lagen Scham und Schmerz, doch vor allem eine einzige stumme Bitte: Glaub mir.

Als Clara schließlich alles gesagt hatte, wirkte Margarete, als wäre sie innerhalb einer Stunde um Jahre gealtert. Sie schickte die Tochter zunächst zu deren älterer Schwester Katharina, die nur wenige Häuser weiter wohnte. Dann sammelte sie sich und ging hinaus zu ihrem Mann.

Heinrich hackte Holz, als läge auf dem Hackklotz nicht ein Scheit, sondern all das Unrecht, das seiner Familie widerfahren war. Die Axt sauste auf und nieder, und jeder dumpfe Schlag zerriss die Stille des Hofes.

— Heinrich, — rief Margarete leise.

Er hielt inne.

— Weißt du, was unser Schwiegersohn behauptet? Er sagt, Clara sei vor ihm schon… bei einem anderen gewesen. Deshalb wolle er nicht mehr mit ihr leben.

Die Axt blieb in Heinrichs Händen hängen.

— Was soll das heißen? — fragte er langsam. — Wann hätte das denn geschehen sollen? Sie hat doch außer Friedrich kaum einen jungen Mann überhaupt angesehen. Unsere Clara war immer ruhig, immer zu Hause. Oder haben wir etwas nicht mitbekommen?

— Ach, Heinrich… — Margarete schüttelte bitter den Kopf. — Jetzt bist du schon dabei, ihm eher zu glauben als unserem eigenen Kind. Ich glaube Clara. Sie schwört, dass vor ihm niemand da war. Und ich kenne doch meine Tochter. Ich sehe ihr an, wenn sie lügt. Sie ist verletzt, gedemütigt und völlig verstört, aber schuldig ist sie nicht.

Heinrich runzelte die Stirn.

— Wenn Friedrich lügt, warum tut er das? Warum wartet er einen ganzen Monat? Wenn ihm etwas nicht gepasst hat, hätte er es doch gleich sagen können.

— Genau das frage ich mich auch. Erst lebt er mit ihr zusammen, sagt kein Wort, und jetzt setzt er sie vor die Tür. Was ist plötzlich in ihn gefahren?

Heinrich holte aus und rammte die Axt so tief in den Hackklotz, dass das Holz knackte.

— Nein. So lasse ich das nicht stehen. Ich gehe zu seiner Familie. Die sollen mir erklären, warum sie den Namen unserer Tochter durch den Schmutz ziehen. Wenn er sie nicht wollte, hätte er sie nicht heiraten sollen. Aber ihre Ehre lasse ich ihm nicht kaputtmachen.

— Geh nicht im Zorn hin, — warnte Margarete. — Dort helfen keine Fäuste. Wir brauchen Antworten.

Friedrich wohnte mit seiner Familie nur zwei Straßen entfernt. Das kleine Haus hatte er von seiner Großmutter übernommen. Ein niedriger Zaun umgab den gepflegten Hof, neben dem Fenster standen zwei Apfelbäume, vor der Tür ein schmales Vordach. Hier hatte Claras Ehe begonnen. Und genau hier war sie schon wenige Wochen später zerbrochen, als hätte jemand einen dünnen Faden mit einer einzigen Bewegung durchschnitten.

Am nächsten Morgen machten sich Margarete und Heinrich gemeinsam auf den Weg. Friedrich war im Hof. In der Nacht war der erste Schnee gefallen, und er kehrte gerade die dünne weiße Schicht vom Weg. Als er seine Schwiegereltern kommen sah, wurde er unruhig und wich ihren Blicken aus.

— Guten Morgen, Schwiegersohn, — sagte Heinrich und trat dicht an ihn heran.

Seine Stimme blieb ruhig, doch unter dieser Ruhe lag etwas Hartes.

— Nun erzähl mir, weshalb du meine Tochter aus deinem Haus geschickt hast.

Friedrich richtete sich auf und stützte beide Hände auf den Besen.

— Ich habe sie nicht hinausgeworfen. Ich habe ihr nur gesagt, dass es besser ist, wenn wir getrennte Wege gehen.

Heinrich presste die Kiefer zusammen.

— Hast du den Verstand verloren? Warum habt ihr geheiratet? Das Mädchen sitzt jetzt bei uns und weint, und bald wird das ganze Dorf Fragen stellen. Du hast sie beschuldigt, obwohl sie mit offenem Herzen zu dir gekommen ist.

Friedrich verlagerte unruhig das Gewicht von einem Bein auf das andere. Kleine Schneeflocken blieben in seinem dunklen Haar und an den Wimpern hängen.

— Ich habe Clara alles gesagt. Wir lassen uns scheiden. Damit ist es erledigt.

— Dann sag wenigstens, warum, — mischte Margarete sich ein. Sie sah ihn zugleich flehend und verzweifelt an. — Was ist geschehen? Was hat sie dir getan? Sprich endlich offen.

— Ich werde nicht mit ihr leben, — antwortete Friedrich hartnäckig und klammerte die Finger um den Besenstiel. — Eure Clara war vor mir schon nicht mehr unschuldig.

Heinrich fuhr zusammen, als hätte ihm jemand ins Gesicht geschlagen.

— Und dafür hast du einen Monat gebraucht? — fragte er mit dunkler Stimme. — Das hast du nicht gleich gewusst? Warum bist du dann überhaupt zu uns gekommen? Warum hast du um sie geworben? Warum die Hochzeit? Warum all deine Versprechen?

— Ich wusste es, — murmelte Friedrich. — Ich dachte nur, ich könnte darüber hinwegkommen. Konnte ich nicht. Ich liebe sie nicht.

Margaretes Gesicht wurde rot vor Zorn.

— Schämst du dich denn gar nicht? Du hast sie geheiratet, mit ihr gelebt, und nun gibst du sie zurück, als wäre nichts gewesen? Wie soll sie den Leuten noch in die Augen sehen? Ich glaube dir kein Wort. Ich kenne meine Tochter. Du verleumdest sie.

— Denkt, was ihr wollt, — sagte Friedrich. — Ich gebe euch eure Tochter zurück. Ich habe sie nicht geschlagen, ihr nichts angetan. Ihr könnt sie holen.

Margarete griff sich an die Brust.

— Mein Gott… Wie kann ein Mensch so reden? Als wäre das eigene Kind irgendein Gegenstand, den man zurückbringt, weil er einem nicht gefällt. Warum bist du ihr dann so lange nachgelaufen? Clara hat dich anfangs doch kaum beachtet. Du warst es, der ständig kam. Du hast gedrängt. Du wolltest unbedingt heiraten.

— Margarete, setz dich, — sagte Heinrich sofort und fasste seine Frau am Arm, als er sah, wie blass sie wurde. — Komm auf die Bank. Wir gehen gleich zu seinen Eltern. Sie sollen hören, was ihr Sohn von sich gibt.

— So habe ich das nicht gemeint, — setzte Friedrich nun unsicher an, weil er spürte, dass die Sache größer wurde, als ihm lieb war. — Aber mit ihr zusammenleben werde ich trotzdem nicht.

— Sei lieber still, — sagte Heinrich zwischen den Zähnen. — Sonst vergesse ich mich.

Er wollte Margarete bereits zum Tor führen, als Friedrichs Mutter Helene aus dem Haus trat. Es sah fast so aus, als hätte sie in der Nähe gewartet und jedes Wort gehört.

— Da ist ja die andere Mutter, — sagte Margarete bitter. — Vielleicht kannst du mir erklären, weshalb dein Sohn unsere Tochter beschmutzt. Erst nimmt er sie zur Frau, dann stellt er sie vor die Tür. Was ist sie für euch? Eine Sache?

Helene zog ihr Tuch fester um die Schultern und seufzte.

— Margarete, ich weiß selbst nicht alles. Sein Vater und ich haben versucht, mit ihm zu sprechen. Erst hat er geschwiegen. Dann sagte er, Clara sei schon vor ihm mit jemandem zusammen gewesen. Was soll Friedrich denn tun, wenn er das nicht verzeihen kann?

Heinrichs Stimme wurde so laut, dass es auf der Straße plötzlich ganz still schien.

— Überleg dir gut, was du da sagst. Vor Friedrich gab es niemanden. Wir haben ihm eine ehrbare Tochter anvertraut, und euer Sohn zieht ihren Namen durch den Dreck. Wenn er nicht mehr mit ihr leben will, soll er das sagen. Aber solche Lügen dulde ich nicht.

Helene verengte die Augen.

— Woher willst du es so genau wissen? Ich glaube meinem Sohn.

Heinrich spuckte verärgert zur Seite.

— Dann glaubt, was ihr wollt. Wir werden auch diese Schande und das Gerede überstehen. Komm, Margarete. Hier stehen wir nur herum und verschwenden unsere Zeit. Ich mochte Friedrich schon damals nicht. Jetzt weiß ich wenigstens, warum.

Margarete blieb stehen.

— Claras Sachen müssen wir trotzdem holen.

— Holt sie, wann ihr möchtet, — sagte Friedrich schnell, sichtlich erleichtert, dass das Gespräch seinem Ende zuging.

— Gib mir zwei Tage, — erwiderte Heinrich. — Dann komme ich mit dem Pferdewagen und nehme alles mit.

Den Heimweg legten sie schweigend zurück. Der erste Schnee knirschte weich unter ihren Schuhen. Weder das Weiß der Wege noch die Menschen, die ihnen begegneten, schienen sie wahrzunehmen.

Schließlich war es Margarete, die zuerst sprach.

— Wenn bloß niemand etwas erfahren würde. Aber natürlich werden sie fragen. Und Helene wird überall flüstern, um ihren Sohn zu verteidigen. Womit haben wir das verdient? Clara saß friedlich zu Hause, wollte von keinem jungen Mann etwas wissen. Dann tauchte Friedrich auf wie ein Sturm. Zweimal standen sie zusammen vor unserem Haus, und schon wollte er heiraten. Das Mädchen hatte kaum Zeit zu begreifen, was geschieht. Und ich habe mich auch noch gefreut. Ich dachte: Wenn er es so ernst meint, wird es wohl ihr Glück sein.

Zwei Tage später holte die ganze Familie Claras Sachen. Der kräftige Wallach zog den Wagen langsam durch das Dorf. Friedrich war nicht zu Hause. Vielleicht war es Zufall, vielleicht hatte er sich absichtlich irgendwohin verzogen. Helene stand auf der Stufe vor dem Haus und beobachtete mit verschlossenem Gesicht, wie Truhen, Bündel, Decken und Kissen hinausgetragen wurden.

Als sie schon losfahren wollten, erschien Friedrichs Vater um die Ecke. Er nickte Heinrich vorsichtig zu. Heinrich antwortete nicht. Sein Blick genügte, damit der andere Mann die Augen senkte.

Die Leinen wurden angezogen, und der Wagen setzte sich in Bewegung.

Bis nach Hause sprach niemand.

Auch dort trugen sie alles schweigend hinein. Margarete nahm die Bettwäsche heraus, die sie einst selbst für ihre jüngste Tochter vorbereitet hatte. Ihre Hände glitten über die bestickten Kissenbezüge. Damals, als sie Claras Aussteuer Stück für Stück zusammengestellt hatte, hatte sie nicht gewusst, welchem Mann ihre Tochter eines Tages folgen würde.

Bei diesem Gedanken liefen ihr plötzlich die Tränen über das Gesicht.

Kurz darauf kam Katharina hereingeeilt. Sie zog nicht einmal den Mantel aus, sondern ging sofort auf ihre Schwester zu und schloss sie fest in die Arme.

Clara hatte sich bis dahin beherrscht. Selbst nachts hatte sie im Kissen kaum geweint. Doch nun vergrub sie das Gesicht an Katharinas Schulter und brach zusammen. Lautlos zuerst, dann unter heftigen, unterdrückten Schluchzern. Es war, als hätte sie sich erst in den Armen ihrer Schwester erlaubt, wirklich zu begreifen, was geschehen war.

— Komm mit, — sagte Katharina sanft. — Du erzählst mir alles. Wirklich alles. Danach wird es ein wenig leichter.

Sie nahm Clara mit in das hintere Zimmer, fort von den Eltern.

Erst im Gespräch mit Katharina begann Clara nach und nach zu erkennen, wie vieles sie in den vergangenen Wochen absichtlich nicht hatte sehen wollen. Friedrich hatte sich nicht von einem Tag auf den anderen verändert. Er war Schritt für Schritt kälter geworden. Doch jedes Mal hatte Clara die Schuld bei sich gesucht.

Vielleicht kochte sie nicht gut genug. Vielleicht führte sie den Haushalt nicht so, wie er es gewohnt war. Vielleicht sprach sie zu wenig. Vielleicht zu viel.

Also hatte sie noch gründlicher geputzt, jeden Winkel gefegt, seine Lieblingsgerichte gekocht, sich bemüht, freundlich zu sein. Oft hatte sie seinen Blick gesucht, als wollte sie ohne Worte sagen: Siehst du denn nicht, wie sehr ich mich bemühe?

Margarete kam leise herein und setzte sich auf die Bank.

— Mir ist da noch etwas durch den Kopf gegangen, — begann sie zögernd. — Was ist, wenn Clara nicht allein von ihm zurückgekommen ist? Wenn ein Kind unterwegs ist?

Katharina zog die dunklen Brauen zusammen.

— Dann holen wir Friedrich her, notfalls mit Gewalt. Vor seinem eigenen Kind kann er sich nicht drücken. Dafür gibt es schließlich Gesetze.

In Claras Augen erschien plötzlich ein winziger Lichtschein. Die Worte ihrer Mutter hatten in ihr eine Hoffnung geweckt, klein und fast beschämend, aber dennoch lebendig. Offenbar hatte ihr Herz Friedrich noch nicht losgelassen. Irgendwo in ihr lebte noch der Wunsch, er könnte zur Vernunft kommen.

— Ich weiß es nicht, — sagte sie ehrlich. — Vielleicht wäre es sogar schön, wenn ein kleines Kind käme.

Margarete strich ihr traurig über die Hand.

— Ach, mein Mädchen. Wir werden sehen. Jetzt warten wir erst einmal ab.

— Komm öfter zu mir, — schlug Katharina vor. — Du kannst mit den Kindern etwas unternehmen. Dann bist du nicht ständig allein mit deinen Gedanken. Diesen undankbaren Kerl musst du irgendwann aus deinem Herzen bekommen.

Margarete überlegte.

— Vielleicht sollte Clara für eine Weile weg. In Lindenau wohnen doch Verwandte. Dort könnte sie ein paar Monate bleiben.

— Nein, Mama, — widersprach Katharina sofort. — Was soll sie dort? Sich verstecken? Vor wem denn? Vor ihrem eigenen Leben?

Danach schwiegen die drei Frauen.

Im Flur knarrte plötzlich die Tür. Schwere Schritte näherten sich, dann waren tiefe Männerstimmen zu hören. Heinrich war nicht allein zurückgekommen.

An der kräftigen Stimme, die gleich darauf durchs Haus hallte, erkannte jeder sofort Tante Gertrud, Heinrichs Cousine. Sie war eine Frau, die weder klein noch leise durchs Leben ging. Groß gewachsen, entschlossen, mit einem offenen Herzen und einem Charakter, der ausreichte, um ein halbes Dorf zur Ordnung zu rufen.

Ohne viele Umstände betrat sie das Zimmer.

— Wer ist denn hier gestorben? — fragte sie und musterte die niedergeschlagenen Gesichter. — Warum sitzt ihr herum wie eine Schar nasser Spatzen? Was habt ihr verloren?

Ihre Stimme war so kräftig, dass man sie vermutlich noch im Nachbarhaus verstand.

— Gertrud, du hast doch sicher gehört, was bei uns passiert ist, — begann Heinrich.

— Natürlich habe ich es gehört. Und nun? Wollt ihr euch alle auf den Boden legen und jammern? — unterbrach sie ihn. — Los, ihr Frauen, eine Besucherin ist im Haus. Oder habt ihr inzwischen sogar vergessen, wie man jemanden an den Tisch bittet?

Gertrud war älter als Clara und Katharina, sogar etwas älter als Margarete. Deshalb konnte sie sie alle ohne Spott „Mädchen“ nennen, und niemand nahm es ihr übel.

Bald stand einfaches Essen auf dem Tisch. Wieder erzählten sie die ganze Geschichte. Gertrud hörte lange zu, stellte ein paar kurze Fragen und schlug schließlich mit der flachen Hand auf die Tischplatte.

— Schluss jetzt. Ich bin nicht hergekommen, um noch eine Runde mit euch zu weinen. Ich habe einen Vorschlag. Clara, willst du in der Landwirtschaftsgenossenschaft arbeiten? Unter meiner Leitung.

Clara hob überrascht den Kopf.

— Ich?

— Wen soll ich sonst meinen? Ich brauche jemanden für die Buchhaltung. Herr Baumann, unser alter Buchhalter, kann kaum noch. Jeden Morgen klagt er mir vor, dass ihm die Zahlen vor den Augen tanzen und er endlich aufhören möchte.

— Aber ich kann das doch gar nicht, — sagte Clara leise.

Margarete nickte.

— Genau das meine ich auch. Woher soll sie Buchhaltung können? Sie hat nur die Schule abgeschlossen. Clara wollte früher in die Stadt und eine Ausbildung machen, aber wir haben sie nicht gehen lassen. Wir hatten Angst, sie allein fortzuschicken. Und nun wird hier bald jeder fragen, warum sie wieder bei uns lebt. Vielleicht wäre eine Stelle in der Textilfabrik besser. Dort nehmen sie junge Frauen auch ohne besondere Ausbildung.

Gertrud sah Margarete scharf an.

— Wollt ihr sie verstecken?

— Nein, natürlich nicht!

— Doch. Genau das wollt ihr. Wenn ihr Clara fortschickt, damit niemand sie sieht, dann tut ihr so, als hätte sie etwas verbrochen.

Margarete hob erschrocken die Hände.

— Aber sie hat doch nichts getan.

— Dann soll sie auch nicht davonlaufen. Weggehen ist leicht. Hierzubleiben, die Köpfe zu ertragen, die sich nach einem umdrehen, und trotzdem jeden Morgen aufrecht vor die Tür zu treten — das braucht Mut. Wenn Clara unschuldig ist, dann soll sie den Kopf heben. Fragt jemand, sagt sie: Friedrich wollte die Ehe nicht mehr, also ist sie beendet. Den Rest lässt sie an sich vorbeiziehen.

— Tante Gertrud hat recht, — sagte Katharina sofort. — Genau das habe ich auch gedacht.

Margarete blieb skeptisch.

— Aber wie soll sie Bücher führen, wenn sie es nie gelernt hat?

— Wenn sie zusagt, schicken wir sie auf einen Lehrgang in die Kreisstadt. Sie braucht dafür nicht in eine Großstadt. Die Kurse gibt es inzwischen ganz in der Nähe. Sie kann morgens mit dem Lieferwagen mitfahren. Falls ihr das zu anstrengend ist, findet sich für die Wochen auch ein Zimmer.

Clara sah ihre Tante unsicher an.

— Und wenn ich es nicht schaffe?

Gertrud lachte kurz.

— Hör mal, Angsthase. Ein Buchhaltungskurs ist bestimmt nicht gefährlicher als eine Hochzeit. Entscheide dich. Wenn du nicht willst, suche ich mir jemand anderen.

Etwas veränderte sich in Clara.

Sie stand auf. Ihre Schultern richteten sich, als hätte jemand einen Teil der Last von ihnen genommen.

— Ich mache es. Wann soll ich anfangen?

Gertruds Gesicht wurde zufrieden.

— So gefällt mir das. In einer Woche fährst du los.

Von diesem Augenblick an änderte sich der Rhythmus im Haus. Plötzlich gab es wieder Dinge, über die gesprochen werden konnte, ohne dass jedes Gespräch bei Friedrich und der Schande endete. Es mussten Unterlagen besorgt, Hefte gekauft und Fahrten organisiert werden.

— Unsere Tochter lernt jetzt etwas, — sagte Margarete bald mit vorsichtigem Stolz.

Clara kam müde, aber mit wachen Augen vom Unterricht zurück. Am Abend saß sie oft bis spät über ihren Heften. Sie übte Berechnungen, lernte Formulare auszufüllen, Zahlen richtig einzutragen und Belege zu ordnen. Am nächsten Morgen stand sie wieder früh auf und fuhr in die Kreisstadt.

Nur nachts, wenn sie im Bett lag, kam Friedrich zurück in ihre Gedanken.

Trotz allem hatte sie noch immer nicht vollständig aufgehört zu hoffen. Manchmal stellte sie sich vor, sie könnte ihm zufällig begegnen. Vielleicht würde er stehen bleiben. Vielleicht würde er sagen, dass alles ein schrecklicher Fehler gewesen sei. Dass er gelogen habe. Dass er sie zurückhaben wolle.

Dann würden sie noch einmal von vorn anfangen.

Mit solchen törichten Träumen schlief Clara manchmal ein.

Im Frühjahr arbeitete sie bereits fest im Büro der Genossenschaft. Sie saß in einem kleinen Raum an einem Tisch voller Akten und Zahlenkolonnen. Manchmal vergaß sie über der Arbeit sogar die Zeit.

Friedrich kam nie vorbei.

Auch im Dorf begegnete sie ihm kaum. Offenbar kannte er ihre Wege inzwischen und nahm lieber andere.

Eines Abends kam Katharina zu den Eltern und zog Clara sofort in das hintere Zimmer.

— Du darfst jetzt nur nicht weinen, — flüsterte sie eindringlich. — Ihr seid geschieden. Es gibt nichts mehr, woran du festhalten musst.

Clara wurde kalt.

— Was ist passiert?

Katharina zögerte.

— Man sagt, Friedrich will wieder heiraten.

Clara starrte sie an.

— Wen?

— Johanna Keller. Du kennst sie doch. Groß, ruhig, hübsch. Sie läuft immer so aufrecht, als würde sie über den Boden gleiten.

Clara erinnerte sich gut an Johanna. Im Dorf galt sie als eine der schönsten jungen Frauen: groß, schlank, mit ruhigen Bewegungen und einem Gesicht, dem viele Männer nachsahen.

— Also sie, — sagte Clara.

Ihre Lippen zitterten. Sie hatte geglaubt, die schlimmsten Wochen lägen hinter ihr. Doch die Nachricht traf sie, als hätte jemand eine alte, kaum geschlossene Wunde wieder aufgerissen.

— Weine nicht, — sagte Katharina. — Was vorbei ist, kommt nicht zurück. Und Friedrich verdient keine einzige deiner Tränen.

Aus der Küche rief Heinrich:

— Was tuschelt ihr da? Kommt heraus und sagt es so, dass wir es auch hören.

Die Schwestern kehrten an den Tisch zurück. Kurz darauf wussten auch Margarete und Heinrich von der bevorstehenden Hochzeit.

Margarete wurde blass vor Empörung.

— Dass diese Familie uns so etwas antut, hätte ich nicht gedacht. Unsere Tochter werfen sie hinaus, und kaum ist sie fort, holen sie die nächste ins Haus. Wenn ich Helene sehe, weiß ich nicht, ob ich ihr überhaupt noch ins Gesicht schauen kann.

Heinrich sprang auf.

— Ich gehe hin. Diesmal sage ich ihnen alles, was ich denke.

Er begann bereits, seine Stiefel anzuziehen.

Die Frauen stürzten auf ihn zu.

— Heinrich, nein, — bat Margarete. — Am Ende prügelt ihr euch, und danach steht noch die Polizei vor der Tür. Dann reden die Leute erst recht.

Heinrich zog trotzdem den zweiten Stiefel an und sah zu seiner Tochter.

— Clara, warum sitzt du da? Komm mit. Wenigstens einmal soll er dir in die Augen sehen.

Katharina packte den Vater am Arm.

— Papa, was soll das bringen? Mir wäre auch danach, hinzugehen. Aber Clara hat gerade angefangen, wieder auf die Beine zu kommen. Sie arbeitet, Tante Gertrud lobt sie. Wenn wir jetzt dort auftauchen, reißen wir alles wieder auf. Außerdem liefern wir den Leuten nur neuen Stoff zum Tratschen.

— Sie hat recht, Heinrich, — sagte Margarete und drückte ihn zurück auf den Stuhl. — Die meisten Leute haben längst verstanden, was los ist. Mehr als eine Frau hat mir schon gesagt, dass sie Friedrich nicht glaubt. Sollen sie doch heiraten. Vielleicht ziehen sie eines Tages fort und wir müssen sie nicht ständig sehen.

Doch Friedrich und Johanna blieben im Dorf.

Sie lebten dort, wo jeder sie sehen konnte. Mit der Zeit gewöhnte Clara sich daran. Der Schmerz wurde schwächer. Ganz verschwand er nicht, aber er lag nun tief in ihr und bestimmte nicht mehr jeden Tag.

Der Sommer brachte eine neue Leichtigkeit in das Büro. Die Fenster standen offen. Von draußen kamen der Duft nach Gras, trockener Erde und Lindenblüten herein. In den Bäumen vor dem Gebäude zwitscherten die Vögel unermüdlich. Dieses gleichmäßige Geräusch beruhigte Clara.

Sie begann wieder, ins Dorfkino zu gehen, wo einmal in der Woche ein Film gezeigt wurde.

Eines Abends trat vor der Vorstellung der als Spaßmacher bekannte Paul an sie heran. Grinsend hakte er sich bei ihr unter.

— Na, soll ich dich nachher nach Hause bringen?

Clara löste ihren Arm ruhig, aber bestimmt.

— Wozu? Ich kenne den Weg.

Paul grinste breiter.

— Vielleicht, weil ich vorhabe, dich zu heiraten.

— Verheiratet war ich schon. Das reicht mir.

— Gerade deswegen weißt du doch, wie es geht, — gab er nicht auf. — Komm, Clara. Wir drehen nachher noch eine Runde. Die Nacht ist schön.

Sie sah ihn so ruhig und kühl an, dass sein Grinsen verschwand. Paul murmelte etwas Unverständliches und zog sich zurück.

Später musste Clara noch öfter an diesen kleinen Zwischenfall denken. Zum ersten Mal empfand sie sogar eine gewisse Genugtuung. Früher hätte sie vielleicht nicht erkannt, wie leer solche Worte sein konnten. Jetzt sah sie vieles klarer.

An einem Mittag war das Büro fast vollständig verlassen. Die anderen waren essen gegangen, Clara blieb zurück, weil sie einen Bericht fertigstellen wollte.

Da hörte sie vorsichtige Schritte auf der Veranda.

Im Flur knarrten die alten Dielen.

Die Schritte klangen zögernd, als sei jemand zum ersten Mal in diesem Gebäude und wisse nicht, wohin er müsse.

Clara stand auf und ging zur Tür.

Im halbdunklen Flur stand ein junger Mann mit einem Reisekoffer. Seine Schuhe waren vom Weg staubig, einen Mantel hatte er über den Arm gelegt. Als er Clara bemerkte, schob er etwas verlegen seine Brille zurecht.

— Guten Tag. Wo sind denn alle?

— Guten Tag. Wen suchen Sie? Es ist gerade Mittagspause. In ungefähr einer Stunde sind die anderen zurück.

— Ich müsste zum Vorsitzenden. Ich habe meine Zuweisung dabei. Vermutlich weiß er schon, dass ich komme.

Der Fremde trat näher. Hinter den Brillengläsern sah Clara aufmerksame, etwas müde, aber freundliche Augen.

— Dann sind Sie unser neuer Agraringenieur? — fragte sie.

Er lächelte.

— Genau. Agraringenieur. Daniel Hoffmann.

— Clara Bergmann. Buchhaltung. Also… eigentlich bin ich noch Assistentin in der Buchhaltung, — korrigierte sie sich.

Zu ihrer eigenen Überraschung schlug ihr Herz plötzlich schneller.

— Wo finde ich das Büro des Vorsitzenden? Und könnte ich meinen Koffer irgendwo abstellen?

— Stellen Sie ihn erst einmal bei uns hinein. Bis zum Abend ist hier sowieso offen.

Daniel trug den Koffer in ihr Büro, behielt aber den staubigen Mantel über dem Arm.

— Daran hätte ich vorher denken können. Den sollte ich wohl erst einmal ausschütteln.

Er wollte wieder hinausgehen.

Clara nahm ein sauberes Handtuch und deutete zum Waschplatz im Hof.

— Dort können Sie sich auch frisch machen.

— Das wäre tatsächlich gut, danke. — Er blieb noch einmal stehen. — Entschuldigen Sie, Frau Bergmann. Sie wollten bestimmt selbst essen, und nun halte ich Sie auf.

— Schon gut. Ich wäre ohnehin noch hier geblieben.

Während Clara ins Büro zurückging, dachte sie: So jung und schon eine Brille.

Im Dorf trugen fast nur ältere Leute eine. Daniel wirkte dadurch auf sie ungewöhnlich, beinahe wie jemand aus einer anderen Welt.

— Kommen Sie direkt aus der Stadt? — fragte sie, als er zurückkehrte.

— Ja. Ich bin hierher zugeteilt worden.

Clara musterte ihn kurz. Nach der Reise musste er hungrig sein.

— Wollen Sie etwas essen? Das eigentliche Mittagessen gibt es heute draußen auf dem Feldstützpunkt. Das ist von hier ziemlich weit.

— Ach, das geht schon. Ich halte es bis zum Abend aus.

— Warum sollten Sie? Kommen Sie. Ich habe Tee und ein paar Stücke Kuchen dabei. Meine Mutter und ich haben gestern gebacken. Etwas Speck ist auch da. Essen Sie Speck?

Daniel lachte.

— Warum nicht? Mein Großvater lebte auf dem Land. Als Kind war ich oft bei ihm. Gegen guten Speck habe ich ganz bestimmt nichts.

Clara legte ein sauberes Tuch auf den Tisch, stellte den Kuchen hin, schnitt den Speck auf und holte zwei Tassen.

Daniel betrachtete das Essen und schüttelte den Kopf.

— Eigentlich geht das nicht. Sie haben das doch für sich mitgebracht. Sie müssen mich wirklich nicht verpflegen.

— Essen Sie einfach. Der Vorsitzende wird mich wahrscheinlich sogar dafür loben, dass ich den neuen Fachmann nicht verhungern lasse.

— Dann muss ich wenigstens auch etwas beisteuern.

Daniel öffnete seinen Koffer. Seine Mutter hatte ihm für die Reise ebenfalls ein Paket mit Essen eingepackt, das er noch gar nicht angerührt hatte.

Trotzdem griff er später häufiger zu Claras Kuchen und hielt dabei ein wenig verlegen die heiße Teetasse in beiden Händen.

Der Vorsitzende lobte Clara tatsächlich dafür, dass sie den neuen Mitarbeiter so freundlich aufgenommen hatte.

Daniel bekam ein Zimmer bei einer alleinstehenden älteren Frau namens Frau Neumann. Schon nach kurzer Zeit zeigte sich, dass der neue Agraringenieur ruhig, fleißig und gut ausgebildet war. Im Büro gewöhnte man sich rasch an ihn. Der Vorsitzende war geradezu stolz darauf, nun einen jungen Fachmann mit Abschluss im Betrieb zu haben.

An Erfahrung fehlte es Daniel natürlich noch. Doch der frühere Agraringenieur lebte weiterhin im Dorf und half ihm gern, wenn er eine Frage hatte.

Von da an kam Daniel jeden Morgen zuerst bei Clara vorbei.

— Der Speck damals war übrigens hervorragend. So guten habe ich lange nicht gegessen.

Clara lachte.

— Ich würde Ihnen ja noch welchen mitbringen, aber dafür müssen Sie bis zum Herbst warten. Das waren die letzten Vorräte.

— Ich wollte nicht betteln, — sagte Daniel schnell und wurde sogar ein wenig rot. — Mir ist nur wieder eingefallen, wie gut er war.

Dann trat er an ihren Tisch, holte aus der Innentasche seines Jacketts eine Tafel Schokolade und legte sie vor Clara.

— Was soll denn das?

— Für Sie.

Diesmal wurde er noch röter und verschwand gleich wieder aus dem Zimmer, als fürchtete er, sie könnte ihm das Geschenk zurückgeben.

Den ganzen Sommer über begegneten sie sich im Büro mit Blicken, kurzen Gesprächen und immer häufiger mit einem Lächeln. Außerhalb der Arbeit trafen sie sich zunächst nicht.

Zu Hause bemerkte man trotzdem längst, dass sich etwas verändert hatte.

Clara ging morgens mit einem leichten Gesicht zur Arbeit und kam am Abend oft still und verträumt zurück. Manchmal lächelte sie beim Abendessen über einen Gedanken, den niemand außer ihr kannte.

Erst gegen Ende August wurde sie wieder nervös.

Daniel erwartete Besuch von seiner Mutter.

— Clara, — sagte er eines Tages, sichtbar aufgeregt, — meine Mutter kommt für ein paar Tage. Sie möchte sehen, wie ich hier untergebracht bin. Und… nun, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist: Wir sind doch inzwischen Freunde. Würden Sie vielleicht einmal zu uns kommen?

Clara wusste nicht, was sie sagen sollte.

— Ich? Wird Ihre Mutter das nicht seltsam finden? Was soll ich denn dort erzählen?

— Sie wird sich freuen. Ich habe ihr längst geschrieben, wie freundlich Sie mich am ersten Tag aufgenommen haben und wie gut die Menschen hier zu mir sind. Kommen Sie, Clara. Sie wird sich freuen.

Dann fügte er leiser hinzu:

— Und ich auch.

Am Abend erzählte Clara ihrer Mutter davon.

Heinrich saß mit einer Zeitung am Tisch und tat so, als würde er lesen, doch er hörte jedes Wort.

Schließlich legte er das Blatt beiseite.

— Was gibt es da lange zu überlegen? Seine Mutter ist dabei. Clara kann ruhig hingehen. Aber ich stelle eine Bedingung: Danach lädst du Daniel zu uns ein. Wenn du seine Familie kennenlernst, soll er auch deine kennenlernen. Dann sehen wir, was für ein Mensch er ist.

Claras Sorge erwies sich als unbegründet.

Daniels Mutter, Ingrid Hoffmann, war eine warmherzige, gesprächige Frau ohne jede Überheblichkeit. Sie freute sich ehrlich über Claras Besuch, fragte nach ihrer Arbeit, ihrer Familie und dem Dorf.

Eine Woche später reiste Ingrid wieder ab.

Kurz danach kam Daniel, wie Heinrich es verlangt hatte, zu Claras Eltern.

Von da an trafen Clara und Daniel sich regelmäßig. Der Herbst verging, dann kam der Winter.

Als Daniel ihr schließlich einen Heiratsantrag machte, konnte Clara nicht sofort Ja sagen.

Sie wollte ihm vertrauen. Alles in ihr sagte ihr, dass er nicht Friedrich war. Und doch saß die Erinnerung an ihre erste Ehe tief. Die Angst, noch einmal einen Menschen falsch einzuschätzen, legte sich wie eine Hand um ihr Herz.

Im Büro wusste längst jeder, was zwischen ihnen entstand. Wenn Clara und Daniel gemeinsam über den Flur gingen, lächelten die Kollegen. Manche flüsterten bereits von einer Hochzeit.

Schließlich sagte Clara Ja.

Am Tag ihrer Hochzeit fielen große, weiche Schneeflocken vom Himmel. Die Erde lag unter einer glänzend weißen Decke. Im Haus war es warm, im Ofen knisterte das Feuer, auf den Tischen standen Kuchen und warme Speisen, und überall roch es nach Gebäck, Tee und Feier.

Vor dem Tor sammelten sich die Gäste, um das Brautpaar zu begrüßen.

— Der Bräutigam trägt eine Brille. Das ist bestimmt ein gelehrter Mann, — bemerkte eine ältere Frau anerkennend.

Katharina lachte leise.

— Daniel ist auch ohne Brille klug.

Dann richtete sie ihr festliches Tuch und sah stolz zu ihrer Schwester hinüber.

Clara stand dort hell und glücklich, als hätte sie ein zweites Leben geschenkt bekommen.

Ein Jahr später erhielt das junge Paar ein neu gebautes Haus, das für Fachkräfte des landwirtschaftlichen Betriebs vorgesehen war.

Fünf Jahre danach tobten bereits zwei fröhliche Kinder durch die Zimmer der Familie Hoffmann.

Daniel wurde im ganzen Kreis geschätzt. Man kannte ihn als sachkundigen, gewissenhaften und ruhigen Mann, der seine Arbeit ernst nahm und niemandem etwas vormachte.

Schließlich bot man ihm eine verantwortungsvollere Stelle in der Kreisstadt an.

Clara und Daniel berieten lange darüber. Am Ende nahmen sie das Angebot an.

Am meisten bedauerte es der Vorsitzende.

— Wo soll ich noch einmal so einen Agraringenieur finden? — klagte er.

Friedrich und Johanna lebten anfangs ruhig miteinander.

Doch nach einigen Jahren hörte man im Dorf immer häufiger, dass es bei ihnen Streit gab. Friedrich soll seine Frau auf jeden Mann eifersüchtig gemacht haben. Er verdächtigte sie, kontrollierte sie, suchte Gründe für Auseinandersetzungen.

Man erzählte sich sogar, Johanna sei zeitweise ausgezogen.

Vielleicht wäre sie endgültig gegangen, wenn nicht ihre beiden Kinder gewesen wären.

So blieben die beiden zusammen und wirkten doch immer mürrischer und verschlossener, als trüge jeder von ihnen Tag für Tag eine schwere Last mit sich herum.

Claras Eltern ließen ihren alten Zorn mit den Jahren los.

Wenn sie Friedrichs Eltern begegneten, grüßten sie wieder. Die frühere Herzlichkeit kehrte allerdings nie zurück.

Helene senkte häufig die Augen, wenn sie Margarete sah.

Manchmal blieb sie stehen und fragte leise:

— Wie geht es Clara? Hat sie es gut?

Margarete antwortete knapp, aber ohne Bosheit.

Danach seufzte Helene meist nur und ging langsam weiter.

Als die Kinder von Clara und Daniel erwachsen waren, erinnerte sich im Dorf kaum noch jemand an jenen längst vergangenen Tag, an dem Friedrich gesagt hatte, man könne Clara wieder abholen.

Nur zwei alte Frauen, die im Sommer manchmal vor ihren Häusern saßen und über frühere Zeiten sprachen, erwähnten die Geschichte gelegentlich.

Dann schüttelten sie verwundert die Köpfe.

Daniel und Clara blieben in der Kreisstadt, obwohl man Daniel später mehrfach Stellen in einer größeren Stadt anbot.

Ihr Sohn und ihre Tochter dagegen sahen ihre Zukunft anders. Nach der Schule gingen beide zum Studium fort und hatten kaum vor, später in die Heimat zurückzukehren.

— So ist das eben, — sagte Daniel mit einem leisen Anflug von Wehmut. — Die Kinder werden groß und fliegen aus dem Nest. Man darf sie nicht festhalten. Sie sollen weitergehen, als wir gegangen sind. Vielleicht sogar weiter als wir.

— Daniel, nun iss erst einmal etwas und ruh dich aus, — sagte Clara liebevoll und strich die Tischdecke glatt. — Du hast gestern wieder bis Mitternacht über deinen Unterlagen gesessen. Heute ist Sonntag.

— Jawohl, Clara, — antwortete er lächelnd.

Er legte sich auf das Sofa und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

Schon nach wenigen Minuten war er eingeschlafen.

Clara blieb noch eine Weile am Fenster sitzen.

Draußen fiel langsam dichter, weicher Schnee.

Er sah genauso still und weiß aus wie an ihrem Hochzeitstag. Die Flocken legten sich über Straßen, Dächer und Bäume und schienen mit ihrer hellen Decke alles zuzudecken, was weit zurücklag: die Demütigung, die Tränen, das Gerede anderer Menschen, Friedrichs kalte Worte und die Angst, nach jener ersten Ehe nie mehr wirklich glücklich werden zu können.

Clara stand auf und trat zu ihrem Mann.

Daniel schlief mit einem kaum sichtbaren Lächeln im Gesicht.

Sie nahm die weiche Wolldecke vom Sessel und breitete sie vorsichtig über ihn.

Dann ging sie ruhig in die Küche, um das Geschirr wegzuräumen.

In diesem Haus musste sie niemandem mehr beweisen, dass sie gut genug war. Niemand ließ sie mit gesenktem Kopf auf einen Blick oder ein freundliches Wort warten. Niemand gab sie zurück, als wäre sie etwas, das man sich anders vorgestellt hatte.

Ihr Leben war nicht so geworden, wie sie es sich als sehr junge Frau ausgemalt hatte.

Es war anders geworden.

Und viel heller.

Jeder ihrer Schritte durch das warme Haus trug jene stille, friedliche Melodie eines Lebens in sich, von dem Clara damals, als sie gedemütigt vor ihren Eltern gestanden hatte, nicht einmal zu träumen gewagt hätte.