„Für deine Mutter hast du Geschenke gekauft, aber für meine wolltest du nicht einmal Geld dazulegen!“ – kurz vor dem Jubiläum machte ihr Mann ihr eine Szene
— Katharina, — begann Markus beim Abendessen, — von welchem Geld hast du eigentlich all diese Geschenke für deine Mutter bezahlt? Das Kleid, den Wellness-Gutschein, das Fotoalbum … Wenn ich es richtig verstehe, alles von deinem eigenen?
— Ja, — antwortete sie ruhig. — Ich habe schon vor Monaten angefangen, immer ein bisschen zurückzulegen. Das Kleid habe ich vor zwei Monaten bestellt, den Gutschein konnte ich über eine Freundin günstiger bekommen. Und das Album habe ich selbst zusammengestellt: Ich habe nur das Buch gekauft und die passenden Fotos ausdrucken lassen.
Der fünfundfünfzigste Geburtstag von Katharinas Mutter rückte immer näher. Zu ihrem Jubiläum wollte Ingrid nur Menschen um sich haben, die ihr wirklich etwas bedeuteten: ihre Kinder, die Enkelin, enge Freunde und einige Menschen, die sie viel zu selten sah, obwohl sie ihr noch immer nahestanden.
Für Katharina war ihre Mutter schon immer ein besonderer Mensch gewesen — vernünftig, warmherzig und großzügig. Nie hatte Ingrid der Tochter vorgehalten, was sie für sie getan hatte. Wenn Katharina in Schwierigkeiten geriet, half ihre Mutter mit Geld, kaufte notwendige Dinge oder machte ihr einfach eine Freude, ohne später eine Gegenleistung einzufordern.
In Katharinas Kindheit hatte die Familie jeden Euro zweimal umdrehen müssen. Ingrid hatte deshalb versucht, das, was materiell fehlte, mit Nähe, Aufmerksamkeit und Geborgenheit auszugleichen. Als die Tochter erwachsen war, schien die Mutter vieles nachholen zu wollen, was früher unmöglich gewesen war. Manchmal schenkte sie der Familie ein paar Tage an der Ostsee, manchmal lud sie Katharina zu einem gemeinsamen Einkaufsbummel ein, und manchmal trommelte sie alle zusammen und spendierte einen Nachmittag im Café.
Katharina wusste sehr genau, woher diese Großzügigkeit kam, und nahm die Fürsorge ihrer Mutter mit ehrlicher Dankbarkeit an. Seit sie selbst eine Tochter hatte und Lena langsam größer wurde, verstand sie noch deutlicher, wie viel Kraft und Liebe Ingrid einst in sie gesteckt hatte.
Deshalb wollte Katharina, dass dieser Geburtstag für ihre Mutter etwas Besonderes wurde. Sie hatte ein elegantes Kleid ausgesucht, das genau Ingrids Geschmack traf, einen Gutschein für einen Wellness-Tag besorgt und in vielen Abendstunden ein Familienalbum zusammengestellt. Darin klebten die schönsten Bilder ihrer Mutter, Fotos aus Katharinas Kindheit und Aufnahmen von Lenas ersten Schritten. Ingrid sollte an diesem Tag spüren, wie wichtig und geliebt sie war.
Sorgfältig wickelte Katharina jedes Geschenk ein und legte alles in einen großen Karton. Immer wieder musste sie lächeln und dachte: „Mama wird sich bestimmt freuen …“
Doch am Abend vor dem Fest lag plötzlich etwas Unangenehmes in der Luft. Markus war gereizt. Er sprach kaum, zog ein finsteres Gesicht und wirkte, als suche er nur nach einem Anlass, seinen Ärger loszuwerden.
Beim Abendessen fing er schließlich an:
— Katharina, womit hast du die Sachen für deine Mutter bezahlt? Das Kleid, den Gutschein, das Album … Das kam alles aus deinem Geld, oder?
— Ja, — bestätigte sie gelassen. — Ich habe nach und nach etwas beiseitegelegt. Das Kleid habe ich schon vor zwei Monaten bestellt. Beim Wellness-Gutschein hat mir eine Freundin geholfen, ihn günstiger zu bekommen. Und das Fotoalbum habe ich selbst gemacht. Ich musste nur das Album und die Abzüge bezahlen.
— Na schön. Klingt ja alles wunderbar. Komisch nur, dass du dir beim Geburtstag meiner Mutter vor zwei Jahren nicht annähernd so viel Mühe gegeben hast.
Katharina erinnerte sich gut an diesen Geburtstag. Damals hatten sie Renate einen Gutschein für ein Juweliergeschäft geschenkt, und gerade Markus hatte darauf bestanden, dass das Geschenk entsprechend teuer ausfallen musste.
— Wir haben deiner Mutter einen Gutschein über dreihundert Euro geschenkt. Alles, was ich jetzt für meine Mutter gekauft habe, war zusammen günstiger. Deshalb verstehe ich wirklich nicht, worüber wir hier streiten.
— Rein rechnerisch hast du vielleicht recht. Mich stört etwas anderes. Für deine Mutter rennst du wochenlang herum, suchst Geschenke aus, bastelst ein Album und planst alles bis ins Detail. Aber als es um meine Mutter ging, bist du nicht einmal von selbst auf die Idee gekommen, etwas dazuzugeben! Warum zeigst du bei meinen Eltern nie denselben Einsatz?
Katharina sah ihn eine Weile an.
— Vielleicht, weil es deine Eltern sind. Außerdem arbeite ich erst seit anderthalb Jahren wieder. Davor war ich wegen Lena zu Hause. Von welchem Geld hätte ich deiner Meinung nach ständig teure Geschenke für deine Familie mitfinanzieren sollen?
— Und? Was soll das jetzt heißen? — fuhr Markus sie an.
— Gar nichts. Wenn du deiner Mutter etwas Teures schenken möchtest, dann tu es. Ich habe dir das nie verboten. Aber diesmal wollte ich meiner eigenen Mutter eine Freude machen. Sie hat unserer Familie oft geholfen und tut es noch immer.
Markus‘ Gesicht verhärtete sich.
— Willst du damit sagen, meine Mutter hätte nie etwas für uns getan?
Ganz so war es nicht. Renate kümmerte sich durchaus gelegentlich um ihre Enkelin. Manchmal tauchte sie überraschend auf, holte Lena für zwei Stunden zu einem Spaziergang ab und ließ sich danach wieder wochenlang kaum blicken. Finanziell hatten Markus‘ Eltern die junge Familie allerdings so gut wie nie unterstützt.
— Ich sage lediglich, dass ich meine Mutter liebe und ihr etwas Persönliches schenken möchte. Mehr nicht. Lass uns das Thema jetzt beenden. Ich bin müde und möchte ins Bett, — sagte Katharina, unterdrückte ein Gähnen und stand auf.
Markus blieb allein in der Küche zurück und starrte seiner Frau wütend hinterher. Für ihn fühlte sich die Situation wie eine unerträgliche Benachteiligung seiner Familie an.
Tief in seinem Inneren wusste er durchaus, dass Ingrid bei mehreren Familienreisen, größeren Anschaffungen und unerwarteten Ausgaben eingesprungen war. Ohne ihre Hilfe wäre manches gar nicht oder erst viel später möglich gewesen. Doch dieses offensichtliche Ungleichgewicht einzugestehen, passte nicht zu dem Bild, das Markus sich gerade zurechtgelegt hatte.
Noch eine Weile murmelte er vor sich hin, dann schob er geräuschvoll den Stuhl zurück und ging ebenfalls ins Schlafzimmer.
Eigentlich erwartete Markus, dass Katharina ihn beruhigen würde. Früher hatte sie nach solchen Auseinandersetzungen oft versucht, die Stimmung zu retten, hatte beschwichtigt, versöhnliche Worte gefunden oder sich sogar entschuldigt, obwohl sie gar nicht wusste, wofür.
Diesmal blieb sie still.
Nicht aus Trotz und auch nicht, um ihn zu bestrafen. Sie fühlte schlicht keine Schuld. Sie hatte etwas getan, das sich für sie richtig anfühlte, und sie würde sich ganz bestimmt nicht dafür entschuldigen, dass sie ihrer Mutter ihre Liebe zeigen wollte — einer Frau, die ihre Familie so oft aufgefangen hatte.
Am nächsten Morgen stand Katharina wie immer früh auf und versuchte dabei, niemanden zu wecken. Sie machte sich fertig, bereitete Frühstück vor, half Lena beim Anziehen für den Kindergarten und verabschiedete sich von dem noch verschlafenen Markus. Dann fuhr sie mit ihrer Tochter los.
Der Tag verging mit Arbeit, Erledigungen und Gedanken an das bevorstehende Fest. Katharina wünschte sich nichts sehnlicher, als dass der Abend schön werden würde und ihre Mutter all die Zuneigung spürte, die Familie und Freunde für sie empfanden.
Nachdem Lena abends eingeschlafen war, öffnete Katharina den Kleiderschrank und holte die Sachen für den nächsten Tag heraus. Für sich hatte sie ein zartes Kleid in einem hellen Pastellton gewählt. Lenas Kleid passte farblich dazu. Für Markus legte sie ein graues Hemd bereit, das hervorragend zu seiner dunklen Hose aussah. Zusammen wirkte alles stilvoll, zurückhaltend und harmonisch.
Am nächsten Morgen entdeckte Markus die Kleidung.
— Was soll denn diese Kostümparade? — spottete er. — Ich ziehe mein weißes Hemd an. Deine Modeideen kannst du dir für jemand anderen aufheben.
— Wie du möchtest, — sagte Katharina.
Äußerlich blieb sie ruhig, doch innerlich tat ihr seine Reaktion weh.
Es ging überhaupt nicht darum, ob Markus nun Grau oder Weiß trug. Was sie verletzte, war die Verachtung, die in seinem Ton lag — als wären ihre Mühe, ihre Vorfreude und selbst der wichtige Tag ihrer Mutter für ihn völlig bedeutungslos.
Das Restaurant, das Ingrid ausgesucht hatte, war warm und gemütlich eingerichtet. Helle Tischdecken lagen auf den Tischen, das Geschirr war sorgfältig arrangiert, leise Musik erfüllte den Raum, und überall standen frische Blumen. Die Gäste begrüßten einander herzlich, umarmten sich, erzählten Neuigkeiten und lachten.
Ingrid sah an diesem Abend wunderbar aus. Ihr Gesicht strahlte vor Glück.
Markus dagegen ging beinahe sofort zu seinem Platz, ließ sich schwer in den Sessel fallen und lehnte sich zurück, als wäre er ein Herr des Hauses, dem eigentlich nur noch jemand fehlte, der ihm Mantel und Schuhe abnahm.
Katharina nahm Lena an die Hand und ging zu ihrer Mutter. Mit einer Mischung aus Vorfreude und leichter Nervosität überreichte sie ihr den großen Geschenkkarton, ohne daraus eine große Show zu machen.
— Danke, mein Schatz, — sagte Ingrid lächelnd und zog ihre Tochter fest an sich. — Darf ich alles später in Ruhe aufmachen? Ich möchte den Moment richtig genießen und nicht zwischen Tür und Angel alles auspacken.
Katharina nickte.
In diesem Augenblick vibrierte ihr Handy in der Handtasche. Auf dem Display stand Renates Name.
„Das hat mir gerade noch gefehlt“, dachte sie.
Trotzdem nahm sie ab.
— Hallo, Renate?
— Katharina, guten Abend. Ich wollte deiner Mutter zum Geburtstag gratulieren. Richte ihr von mir beste Wünsche aus, vor allem Gesundheit! Sie hilft euch ja schließlich so viel, nicht wahr? Ganz anders als wir. Wir armen Verwandten sind für euch offenbar vollkommen nutzlos. Du brauchst Menschen schließlich nur, solange sie Geld haben.
Katharina runzelte die Stirn.
— Was reden Sie denn da? Wie kommen Sie darauf, dass Sie für uns nutzlos wären?
Sie ging ein Stück vom Saal weg. Erst auf dem Flur vor den Waschräumen konnte sie ungestört sprechen.
— Was soll das mit den „armen Verwandten“? Und warum behaupten Sie plötzlich, wir würden Sie nicht brauchen?
— Weil ich Bescheid weiß. Mein Markus hat mir alles erzählt. Wie du für deine Mutter herumgelaufen bist, Geschenke gesucht und diesen ganzen Geburtstag vorbereitet hast.
— Ich habe den Geburtstag überhaupt nicht organisiert. Meine Mutter hat das Restaurant selbst reserviert. Ich habe ihr lediglich Geschenke gekauft. Und ich verstehe immer noch nicht, worauf Sie hinauswollen.
Renate lachte leise.
— Darauf, mein Kind, dass du lernen musst, mit mir vernünftig umzugehen, wenn dir etwas an deiner Ehe liegt. Du weißt doch ganz genau: Wenn ich nur mit dem Finger schnippe, kann ich dafür sorgen, dass Markus sich von dir trennt.
Für einen Moment sagte Katharina nichts.
Dann spürte sie plötzlich eine Klarheit, die sie selbst überraschte.
— Wirklich? Dann müssen Sie sich diese Mühe nicht machen. Das erledige ich selbst. Wenn Sie und Ihr Markus sich so sehr an meiner Familie und an den Geschenken für meine Mutter stören, kann er morgen mit seinen Sachen zu Ihnen ziehen. Die Wohnung, in der wir leben, gehört übrigens meiner Mutter.
Am anderen Ende der Leitung entstand Stille.
— Warte mal! — Renates Stimme klang mit einem Mal ganz anders. — So habe ich das doch überhaupt nicht gemeint.
— Was genau haben Sie dann gemeint? Wollten Sie mich und meine Mutter grundlos beleidigen und danach so tun, als wäre nichts passiert? Markus überschreitet seit Monaten ständig Grenzen. Er wird unverschämt, provoziert Streit und behandelt mich immer respektloser. Ich kann sehr lange geduldig sein. Aber auch meine Geduld ist irgendwann zu Ende.
Katharina beendete das Gespräch.
Sie blickte eine Weile auf ihr Spiegelbild, strich sich eine Haarsträhne zurecht und kehrte in den Saal zurück.
Niemand sollte merken, wie sehr es in ihr brodelte. Sie lächelte, unterhielt sich mit ihrer Cousine, schenkte Lena Saft ein und beteiligte sich an den Gesprächen am Tisch. Doch hinter ihrer äußerlichen Ruhe mischten sich Wut, Enttäuschung und eine tiefe Müdigkeit.
Keine zehn Minuten später hatte Markus bereits ein Glas Wein getrunken. Dann folgte ein zweites „auf das Geburtstagskind“, anschließend ein Toast auf „die Tochter der Jubilarin“ und schließlich noch einer auf „diese großartige Gesellschaft“.
Er redete laut, machte Witze und lachte über seine eigenen Sprüche. Dabei benahm er sich immer mehr wie ein alleinstehender Mann, der weder Frau noch Kind noch irgendeine Verantwortung kannte.
Als eine Frau, die Katharina nicht kannte, in einem glitzernden, figurbetonten Kleid zu Markus kam und ihn zum Tanzen aufforderte, überlegte er nicht einmal.
Er stand sofort auf.
Mehr noch: Bevor er mit der Frau zur Tanzfläche ging, grinste er Katharina an und zwinkerte ihr demonstrativ zu — offensichtlich in der Hoffnung, eine Reaktion hervorzurufen.
Katharina schwieg.
Nur ihr Blick traf kurz den ihrer Mutter.
Ingrid hatte die Szene gesehen und zog deutlich die Brauen zusammen. Doch Katharina schüttelte kaum merklich den Kopf.
Nicht heute.
Sie wollte nicht darüber sprechen.
„Ich lasse nicht zu, dass er Mama diesen Abend kaputtmacht“, sagte sie sich immer wieder.
Lena bekam von all den Spannungen kaum etwas mit. Fröhlich lief sie zwischen den Tischen hin und her, drehte sich in ihrem Kleid, freute sich über Süßigkeiten, Luftballons und den festlich geschmückten Raum.
Für das Mädchen war dieser Abend ein echtes Fest. Sie liebte ihre Großmutter und wollte einfach nur, dass Oma Ingrid glücklich war und lächelte.
Die Feier endete erst spät.
Die Gäste verabschiedeten sich gut gelaunt, und auf dem Heimweg schien selbst Markus zunächst ruhiger geworden zu sein. Doch kaum standen sie vor dem Wohnhaus, blieb er plötzlich stehen.
— Ich gehe noch kurz zum Kiosk und hole mir zwei Bier. Ich will den Abend noch ein bisschen verlängern.
Katharina sagte nichts.
Sie ging mit Lena hinein und schloss die Wohnungstür hinter sich.
Dann half sie ihrer Tochter beim Umziehen, gab ihr den Schlafanzug und brachte sie ins Bett. Sie wartete, bis Lena ruhiger wurde und die Augen schloss. Erst danach ging Katharina in die Küche.
Sie setzte sich wortlos an den Tisch.
Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit hatte sie weder Angst noch dieses bekannte nervöse Ziehen im Bauch.
Stattdessen herrschte eine erstaunliche Ruhe in ihr.
Es war, als hätte sich ein jahrelang dichter Nebel endlich gelegt und den Blick auf einen Weg freigegeben, der die ganze Zeit vor ihr gelegen hatte.
Katharina wusste plötzlich ganz genau: Von hier an konnte sie allein weitergehen.
Und vielleicht musste sie das sogar.
Eine Weile später kam Markus zurück.
Er drückte mehrfach die Türklinke herunter, klingelte, klopfte und hämmerte schließlich gegen die Tür.
Katharina öffnete nicht.
Sie ging nur in den Flur, blieb auf der anderen Seite stehen und sagte mit fester Stimme:
— Schlaf heute bei deiner Mutter. Ihr versteht euch sowieso viel besser.
— Bist du jetzt völlig durchgedreht? Mach sofort die Tür auf!
— Nein. Und hör auf zu klingeln. Heute lasse ich dich nicht mehr herein.
Draußen begann Markus zu fluchen.
Dann hörte sie seine Schritte, erst laut und wütend, anschließend immer leiser, bis im Treppenhaus wieder Ruhe herrschte.
Katharina verriegelte sämtliche Schlösser, löschte das Licht und ging in Lenas Zimmer.
Das Mädchen schlief beinahe schon.
Katharina legte sich neben sie und zog ihre Tochter vorsichtig an sich.
An diesem Abend erlaubte sie sich zum ersten Mal seit Jahren, vollkommen ehrlich zu sein — nicht nur gegenüber Markus und seiner Mutter, sondern vor allem gegenüber sich selbst.
Am nächsten Morgen wachte Katharina ungewöhnlich erholt auf.
Sie konnte sich kaum erinnern, wann sie zuletzt so tief geschlafen hatte. Keine schweren Träume, keine kreisenden Gedanken, kein plötzliches Aufschrecken mitten in der Nacht.
Neben ihr atmete Lena ruhig.
Als das Mädchen die Augen öffnete und bemerkte, dass ihre Mutter noch neben ihr lag, fragte sie überrascht:
— Mama, hast du die ganze Nacht bei mir geschlafen?
Katharina lächelte und strich ihr sanft durchs Haar.
— Heute ist ein besonderer Tag, mein Schatz. Deshalb wollte ich einfach bei dir sein.
Lena verstand nicht ganz, was ihre Mutter meinte. Sie gähnte nur zufrieden, streckte die Arme aus und kuschelte sich noch einmal an sie.
Markus meldete sich nicht.
Weder früh am Morgen noch einige Stunden später kam eine Nachricht oder ein Anruf. Sein Schweigen wirkte ungewohnt, doch Katharina konnte sich gut vorstellen, warum er sich nicht meldete.
Gegen elf Uhr klingelte ihr Telefon.
Diesmal war es Ingrid.
— Mein Schatz, seid ihr gestern gut nach Hause gekommen? Ist alles in Ordnung? — fragte ihre Mutter mit der vertrauten Wärme in der Stimme. — Ich wollte mich noch einmal für gestern bedanken. Es war ein wunderschöner Abend. Und die Geschenke … Katharina, du hast mich wirklich zu Tränen gerührt.
Katharina setzte sich auf die Bettkante.
— Mama, ich muss dir etwas sagen. Ich habe beschlossen, mich von Markus scheiden zu lassen.
Am anderen Ende blieb es kurz still.
Dann antwortete Ingrid ruhig:
— Weißt du, ich bin überhaupt nicht überrascht. Er ist nicht der richtige Mensch für dich, mein Schatz. Markus ist für sein Alter erstaunlich unreif und gleichzeitig sehr unsicher. Neben ihm hast du dir ständig selbst eingeredet, dass alles gar nicht so schlimm sei. Aber wenn man sich jeden Tag davon überzeugen muss, dass man glücklich ist, dann ist man es meistens nicht.
Katharina schluckte.
— Das habe ich jetzt auch verstanden. Ich will nicht mehr so tun, als wäre alles normal. Und ich möchte nicht mit einem Menschen zusammenleben, der glaubt, er müsse immer der Wichtigste im Raum sein.
— Dann hast du die richtige Entscheidung getroffen. Hab keine Angst, Kathi. Du bist klug, du bist stark, du hast Lena und du hast mich. Alles andere kann man kaufen, neu aufbauen oder zurücklassen. Wir schaffen das gemeinsam.
Renate reagierte dagegen alles andere als ruhig.
Markus war gegen zwei Uhr nachts bei ihr aufgetaucht — betrunken, wütend und voller Selbstmitleid. Zunächst hatte seine Mutter ihn wegen seines Zustandes ausgeschimpft. Dann hatte sie sich seine Version der Geschichte angehört.
Am nächsten Morgen hielt Renate es nicht mehr aus.
Sie fuhr zu Katharina.
Lange und ohne jede Rücksicht hämmerte sie gegen die Wohnungstür.
Katharina schaute durch den Türspion, erkannte ihre Schwiegermutter und beschloss, nicht zu öffnen.
Alles Wesentliche war gesagt.
Sie hatte keinerlei Bedürfnis, noch eine weitere Runde desselben sinnlosen Streits zu führen.
Renate gab jedoch nicht auf.
— Du undankbares Miststück! Was wärst du denn ohne meinen Sohn?! Keine zwei Tage würdest du allein klarkommen! Jahrelang hat er dich ertragen, und du setzt ihn mitten in der Nacht vor die Tür! Du solltest dich schämen! Hast du überhaupt noch Verstand?
Katharina stand ruhig hinter der geschlossenen Tür, den Rücken an die Wand gelehnt.
Sie hörte, wie weiter oben eine Wohnungstür geöffnet wurde.
Eine Nachbarin trat ins Treppenhaus.
— Sagen Sie mal, haben Sie eigentlich gar keinen Anstand? Hier wohnen Menschen, die ihre Ruhe wollen! Soll ich die Polizei rufen, oder gehen Sie freiwillig?
— Ich bin bei meiner Schwiegertochter!
— Offenbar möchte Ihre Schwiegertochter Sie nicht sehen. Und wir anderen übrigens auch nicht.
Renate schimpfte noch einige Augenblicke weiter.
Dann hörte Katharina endlich, wie sie die Treppe hinunterging.
Die Haustür fiel ins Schloss.
Katharina atmete tief aus.
Das war es.
Die Grenze war gezogen.
Und diesmal würde sie niemanden mehr darüber hinwegtreten lassen.
Die Scheidung verlief überraschend schnell und ohne die großen Auseinandersetzungen, die Katharina zunächst befürchtet hatte.
Markus sah Lena weiterhin gelegentlich. Aus Katharinas eigenem Leben verschwand er dagegen fast vollständig.
Sie war erleichtert darüber.
Weder vermisste sie ihn noch empfand sie diese Leere, vor der viele Menschen nach dem Ende einer langen Beziehung Angst haben.
Im Gegenteil.
Plötzlich schien in der Wohnung mehr Platz zu sein.
Mehr Licht.
Mehr Luft.
Und auch in Katharinas eigenem Leben war auf einmal wieder Raum für Dinge, die lange unter Streit, Rücksichtnahme und ständiger Anspannung verschwunden waren.
Sie glaubte nicht, dass sie nie wieder einen Menschen lieben würde.
Ganz im Gegenteil.
Zum ersten Mal seit langer Zeit konnte sie sich vorstellen, dass vor ihr tatsächlich etwas Neues lag — kein Weiterleben nach alten Regeln, sondern ein wirklicher Neubeginn.
Endlich musste Katharina sich nicht mehr kleiner machen, um einen anderen Menschen größer wirken zu lassen.
Sie konnte wieder sie selbst sein: ruhig, frei, vollständig und zufrieden.
Und nach und nach begann das Leben tatsächlich, ihr wieder freundlich entgegenzukommen.
Nicht mit spektakulären Wundern und nicht mit dramatischen Wendungen.
Es waren kleine Dinge.
Morgens fiel Sonnenlicht durch die Vorhänge, und Katharina blieb für einen Moment stehen, nur um es zu genießen.
Lena sagte beim Frühstück etwas so Komisches, dass beide Tränen lachten.
Im Auto lief plötzlich ein altes Lieblingslied, das Katharina seit Jahren nicht mehr gehört hatte, und sie sang einfach mit.
Und irgendwann bemerkte sie etwas, das sie beinahe vergessen hatte:
Sie plante wieder.
Sie freute sich auf Dinge, die noch vor ihr lagen.
Und sie erlaubte sich wieder zu träumen.