Alle jagten ihn aus jedem Treppenhaus, bis eine einsame Mutter den erfrierenden Fremden in ihre kleine Wohnung ließ
Der Januarsturm heulte vor den Fenstern, als würde ein wild gewordenes Tier durch die Straßen jagen. Schnee peitschte in dichten Schwaden durch die schmalen Gassen einer kleinen deutschen Provinzstadt, und die Kälte biss mit jeder Minute grausamer zu. Das Thermometer sank auf eine Zahl, bei der selbst streunende Hunde in Kellerschächten und unter warmen Lüftungsgittern Schutz suchten. Doch über den vereisten Gehweg schleppte sich noch immer ein Mensch, taumelnd, mit steifen Beinen, als könne ihn nur noch ein letzter Rest Wille vor dem Sturz bewahren.
Er hieß Martin. Sein Gesicht war von grauem Bartstoppel überwuchert, das rechte Bein zog er sichtbar nach, und der alte, verschlissene Marineparka hing an ihm wie ein Kleidungsstück, das einst einem viel kräftigeren Mann gehört hatte. Seinen Nachnamen kannte er nicht mehr. Er wusste nicht, wie alt er war, und seit drei Jahren hatte er kein einziges Wort gesprochen. Ein furchtbarer Unfall hatte aus seiner Erinnerung alles herausgebrannt, was früher einmal sein Leben gewesen war. Zurückgeblieben waren nur ein dumpfer Druck im Hinterkopf und eine stumme, bodenlose Leere.
Er suchte irgendeinen Ort, an dem der Frost ihn nicht endgültig einholen würde. Seine erstarrten Finger gehorchten kaum noch, als er sich mit letzter Kraft an schweren Haustüren festklammerte. Manchmal gab ein Schloss nach, manchmal stand eine Tür zufällig offen, und für einen Augenblick glaubte er, Wärme gefunden zu haben. Doch hinter den Türen warteten nicht Rettung und Mitgefühl, sondern wieder nur Abwehr, Ekel und Zorn.
In einem Haus stieß ihn eine Hausmeisterin mit schriller Stimme hinaus und drohte, sofort die Polizei zu rufen. In einem anderen kam ein breitschultriger Mann im Trainingsanzug die Stufen herunter, packte ihn grob und drängte ihn mit einem Stoß in den Rücken zurück ins Freie, während er ihn einen dreckigen Dieb nannte. Menschen wandten sich ab, verzogen das Gesicht, hetzten Hunde auf ihn, als stünde vor ihnen kein lebendiger Mensch, sondern etwas Gefährliches, Überflüssiges, das keinen Platz unter ihnen haben durfte.
Martins Kräfte waren fast aufgebraucht. Ohne recht zu wissen, wohin seine Füße ihn trugen, erreichte er einen alten Nachkriegsblock mit abblätterndem Putz und blinden Fenstern. Die Haustür war offen; die Klingelanlage funktionierte seit Monaten nicht mehr. Er klammerte sich ans Geländer, zog sich Stufe für Stufe bis in den fünften Stock hinauf und entdeckte dort eine dunkle Ecke neben einem alten gusseisernen Heizkörper. Von ihm ging nur ein schwacher Hauch Wärme aus, doch in diesem Augenblick wirkte sogar das wie ein Wunder. Martin sank auf den Boden, zog die Knie an die Brust, schob die bläulich verfärbten Hände in die Ärmel und schloss die Augen. Er begriff bereits, dass er den Morgen vielleicht nicht mehr erleben würde. Der Gedanke, in dieser Nacht zu erfrieren, erschreckte ihn kaum noch. Er klang in ihm wie Stille, wie Frieden, wie ein Ende von Hunger, Schmerzen und Erniedrigung.
Da durchschnitt plötzlich das Quietschen einer Wohnungstür die Stille des Treppenhauses. Aus einer der Wohnungen trat eine junge Frau mit einem Mülleimer in der Hand. Sie hieß Anna. Sie war kaum über dreißig, doch ständige Erschöpfung und Sorgen hatten ihr ein paar Jahre mehr ins Gesicht gezeichnet. Dunkle Schatten unter den Augen, ein angespannter Blick und die fest zusammengepressten Lippen verrieten einen Menschen, der schon viel zu lange am Rand seiner Kräfte lebte.
Auf Annas Schultern lastete eine Verantwortung, die sie fast allein zu Boden drückte: Sie zog ihre siebenjährige Tochter Mia ohne Partner groß. Das Mädchen litt seit dem Säuglingsalter an schwerem Asthma, und fast Annas gesamtes Leben drehte sich um Medikamente, Arzttermine, Klinikflure und die endlose Angst vor dem nächsten Anfall. Um Behandlungen und teure Präparate bezahlen zu können, arbeitete Anna in zwei Jobs und hatte längst vergessen, wie sich ein freier Sonntag oder echter Schlaf anfühlten.
Sie trat auf den Treppenabsatz und blieb im selben Moment wie angewurzelt stehen. Im Halbdunkel, direkt vor ihren Füßen, bewegte sich etwas. Auf dem Boden saß ein schmutziger, völlig entkräfteter, bis auf die Knochen durchgefrorener Mann. Anna wich unwillkürlich zurück. Der erste Impuls war klar und hart: die Tür zuschlagen, die Schlösser verriegeln und das fremde Unglück draußen lassen. Ihr Verstand schrie ihr zu, dass eine alleinstehende Frau, ein krankes Kind in der Wohnung und ein unbekannter Mann vor der Tür eine viel zu gefährliche Mischung waren.
Sie legte die Hand schon auf die Klinke, bereit, die Tür schnell zu schließen. In diesem Augenblick hob Martin den Blick. Seine Augen waren trüb, entzündet und voller Schmerz. Er streckte nicht die Arme nach ihr aus, er versuchte nicht aufzustehen, er brachte keinen Laut hervor. In seinem Blick lag keine Frechheit, keine Forderung und keine Drohung. Da waren nur Angst, Müdigkeit und eine stumme Bitte, die man nicht überhören konnte, selbst wenn kein einziges Wort fiel.