Diese Frauen wagten es, Haut zu zeigen – und ein winziges Stück Stoff löste Empörung, Verbote und sogar Festnahmen aus

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Diese Frauen wagten es, Haut zu zeigen – und ein winziges Stück Stoff löste Empörung, Verbote und sogar Festnahmen aus

Ein kaum handtellergroßes Stück Stoff. Mehr war nicht nötig, um weltweit Zorn zu entfachen, Gesetze hervorzurufen und Frauen sogar mit der Polizei in Konflikt zu bringen.

In dem jahrzehntelangen Ringen zwischen Sittsamkeit und persönlicher Freiheit spielte der Bikini zugleich die Rolle des Bösewichts und des Siegers. Geistliche bezeichneten ihn als sündhaft. Behörden erklärten ihn für unanständig oder verboten ihn gleich ganz.

Doch die Frauen ließen sich davon nicht aufhalten. Sie trugen ihn weiter – und mit jedem mutigen Auftritt verschoben sie die Grenzen dessen, was eine Gesellschaft für erlaubt hielt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Badeanzüge kaum etwas mit den eleganten, körpernahen Modellen zu tun, die heute selbstverständlich erscheinen. Damals bestanden sie häufig aus schweren Wollstoffen, die möglichst viel Haut bedecken und vor der Sonne schützen sollten. Nicht Schönheit oder Bewegungsfreiheit standen im Mittelpunkt, sondern Anstand.

An zahlreichen deutschen Stränden und öffentlichen Badeanstalten galten strenge Kleidervorschriften. Wie Katharina Morgenroth und Friedrich Berger in ihrem Buch über die Alltagskultur der zwanziger Jahre beschrieben, beschäftigten manche große Strandbäder sogar eigene Schneiderinnen. Sie sollten Badeanzüge direkt vor Ort verlängern oder verändern, falls ein Modell nach Ansicht der Aufsicht zu viel vom Körper erkennen ließ.

Ähnliche Regeln verbreiteten sich überall. Im Jahr 1915 wurden auf einer beliebten Nordseeinsel beispielsweise Badestrümpfe beanstandet, wenn sie die Kniekehlen freilegten. In Bonn soll die Badepolizei sogar mit einem Maßband kontrolliert haben, ob der vorgeschriebene Abstand zwischen Saum und Knie eingehalten wurde.

Wurde sie wegen eines einteiligen Badeanzugs festgenommen?

Am Anfang des 20. Jahrhunderts war das oberste Gebot eindeutig: Der Körper musste bedeckt bleiben. Männer wie Frauen sollten Kleidung tragen, die vom Hals bis zu den Knien reichte. Ein nackter Arm, ein freier Oberschenkel oder ein sichtbares Stück Rücken konnte bereits als Provokation gelten.

Doch erste Veränderungen zeichneten sich ab. Im Jahr 1907 gehörte die österreichische Schwimmerin Johanna Keller zu den Frauen, die offen gegen diese Vorstellungen aufbegehrten. Statt der damals üblichen Badekleidung mit langen Beinkleidern trug sie einen einteiligen Anzug, der ihre Arme, Beine und den Hals frei ließ.

Wegen ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten im Wasser wurde Keller von Bewunderern die „Wiener Meerjungfrau“ genannt. Einen großen Teil ihres Lebens verbrachte sie damit, gesellschaftliche Erwartungen infrage zu stellen und neu zu definieren, was Frauen tun, tragen und zeigen durften.

Nach ihrer eigenen Darstellung wurde sie wegen ihres angeblich unsittlichen Badeanzugs von der Polizei festgehalten. Ein amtliches Dokument, das diese Geschichte zweifelsfrei bestätigt, ist jedoch nicht erhalten. Sicher ist nur, dass eine Frau in einem derart körpernahen Anzug damals für enormes Aufsehen sorgte. Zeitungen griffen den Vorfall auf, und aus dem Skandal entstand eine Bewegung.

Kellers selbstbewusste Entscheidung lenkte die Aufmerksamkeit auf den einteiligen Badeanzug. Innerhalb kurzer Zeit wurde aus dem Kleidungsstück, das zuvor als empörend gegolten hatte, ein begehrter neuer Stil.

Die Nachfrage wuchs so stark, dass Keller schließlich eine eigene Bademodenkollektion herausbrachte. Die unter ihrem neuen Namen vermarkteten Modelle gelten als einer der ersten Schritte auf dem Weg zum modernen Damenbadeanzug.

Die wilden Zwanziger: Eine neue Welle der Mode

In den zwanziger Jahren eroberte der Stil der selbstbewussten jungen Frauen nicht nur Tanzsäle und Abendgesellschaften. Auch am Strand begann sich das Lebensgefühl einer Generation zu zeigen, die sich nicht länger in steife Kleidung zwängen lassen wollte.

Den Anfang machte eine Gruppe rebellischer Frauen aus Hamburg, die offen gegen die überlieferten Regeln protestierte. Sie wurden als „Rockmädchen“ bekannt und verfolgten ein scheinbar schlichtes, damals jedoch beinahe revolutionäres Ziel: Frauen sollten Badeanzüge tragen dürfen, in denen sie tatsächlich schwimmen konnten.

Nach und nach veränderte sich die Bademode. Die Stoffe wurden leichter, die Schnitte körpernäher und die Kleidung funktionaler. Die sogenannten Mädchenröcke standen bald nicht mehr nur für einen neuen Geschmack. Sie wurden zum Symbol einer landesweiten Entwicklung, bei der Bewegungsfreiheit ebenso wichtig wurde wie das Aussehen.

Nach heutigen Maßstäben wirkten diese Modelle noch immer ausgesprochen zurückhaltend. Dennoch zeigten Frauen zunehmend mehr Haut. Badeanzüge wurden endlich so entworfen, dass man sich darin bewegen, ins Wasser springen und schwimmen konnte. Die entscheidende Revolution stand allerdings noch bevor.

Der Bikini: Ein Stück Stoff wird zum Skandal

Dann kam das Jahr 1946 – und mit ihm der Bikini. Der deutsche Ingenieur Ludwig Reinhardt präsentierte einen zweiteiligen Badeanzug, der den Bauch freilegte und wesentlich mehr Haut zeigte, als man in der Öffentlichkeit bis dahin für akzeptabel gehalten hatte.