DIESER EINE MÄRZ: Erinnerung an den Frühling des Wandels in Russland

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Der März ist, wie man weiß, nicht einfach nur ein Monat, sondern eine regelrechte Prüfung für die Psyche, inklusive eines Bonus-Überlebenskurses. Besonders dann, wenn die eigenen Gefühle so unberechenbar sind wie das Wetter in Charkiw: Mal flimmert der Frühling am Horizont, mal fühlt es sich an, als wäre die gesamte Stadt in einen Eimer voll grauer Gouache getaucht worden. Bei Oleg und Warwara (ja, genau, Warwara – wie auch sonst) geschah die Liebe ausgerechnet im März, und so fügte sich alles an seinen Platz.

Während andere Paare sich unter dem sanften Regen fallender Kastanienblüten fanden, begegneten sich diese beiden so, dass das halbe Viertel bis heute darüber tuschelt: Oleg bespritzte Warja versehentlich mit einer Pfütze, und sie, statt sich der Dramatik hinzugeben, schleuderte ihm kurzerhand einen Schneeball gegen die Windschutzscheibe, der in seiner Härte einem Ziegelstein glich. Es war Liebe auf den ersten Treffer. Der März in Charkiw ist jene Zeit, in der die Romantik Gummistiefel anzieht und im Nirgendwo verschwindet.

— Wollen wir spazieren gehen? — schnurrte Oleg am Telefon.
— Ich habe keinen Rettungsring dabei, — antwortete Warja philosophisch.
— Ich nehme dich einfach unter den Arm.

Ihre Verabredungen glichen Übungen für Spezialeinheiten irgendwo in den Sümpfen bei Odessa. Oleg trug Warja heldenhaft über Seen aus schmelzendem Schneematsch, während sie geschickt den Regenschirm über ihn hielt, der verzweelt versuchte, mitsamt ihrer Hoffnung auf trockene Füße in Richtung Saporischschja davonzusegeln.

— Weißt du, — sinnierte Oleg, während sein linker Stiefel schmatzte, — das hier ist das wahre Gefühl. Wir sind jetzt wie Enten auf dem Stadtteich.
— Die Enten sind längst in die Türkei abgehauen, Oleg. Uns fehlt nur noch die Antarktis, wie zwei unerfahrenen Pinguinen.

Ihre Liebe zeigte sich im Detail: Ein tiefes Gefühl im März ist kein Ring im Champagnerglas (da schwimmt ohnehin nur ein Eiswürfel), sondern die letzte Tablette „Coldrex“, die man sich brüderlich teilt.

— Für dich, — sagte Oleg feierlich und reichte ihr die Hälfte des gelben Pulvers. — Vom Herzen abgerungen.
— Und warum hängen da Katzenhaare dran?
— Das, Warja, ist ein Spezialgewürz. Zur Stärkung der Abwehrkräfte.

Warja sah Oleg in seiner albernen Mütze mit Ohren an, mit seiner roten Nase und diesem verrückten Glitzern in den Augen, und begriff: Das war er, jener Fehler im Gefüge des Universums, wenn zwei Menschen zusammenpassen, die selbst bei achtunddreißig Grad Fieber noch lachen können (was bei Männern bekanntlich ein kritischer Zustand kurz vor der Intensivstation ist).

Der romantischste Moment kam Ende des Monats, als die Sonne endlich hervorkam und der Stadt zeigte, was der Winter unter dem Schnee verborgen hatte. Charkiw sah aus, als würde man gerade die Pilotfolge von „Aufstand der Hausverwaltungen“ drehen. Sie standen auf der Brücke. Der Wind blies so heftig, dass er versuchte, Oleg die letzte Kleidungsschicht vom Leib zu reißen.

— Warja, — begann er, den Frühlingslärm übertönend, — du bist für mich wie… wie das erste Schneeglöckchen!
— Genauso blass und durch den Müll gekämpft? — fragte Warja und wickelte ihren Schal, der einem türkischen Teppich glich, noch fester.

Oleg dachte nach.
— Nein… Genauso widerstandsfähig. Trotz dieses verrückten März bist du immer noch bei mir. Sogar nachdem dein Handy in einer Schneewehe versunken ist, die sich plötzlich als Pfütze entpuppte.

Warja nieste (synchron mit einer vorbeifahrenden Straßenbahn) und lachte fröhlich.
— Na gut, mein Schneeglöckchen-Held, ab nach Hause. Ich habe Zitronen gekauft – ein ganzes Kilo – und eine Liste mit Rezepten für Glühwein. Wenn wir den Sonntag überleben, wird unser Liebesgeständnis offiziell in das Ehrenmal der Hausverwaltung eingetragen.

Sie gingen den Bürgersteig entlang, vorbei an Eisbergen aus Schlamm und Schnee. Die Liebe war tief, mindestens bis zum Knie: So hoch stand das Wasser in ihrem Treppenhaus. Doch das war ihnen völlig egal. Denn in „jenem März“ zählt nicht der Glanz der Schuhe, sondern wessen Hand die deine hält, während ihr beide dem unvermeidlichen April entgegenrutscht.

Ein Jahr verging. Wieder kam „jener März“. Charkiw verwandelte sich erneut in eine Kulisse für den Film „Waterworld“ mit einem Budget von dreißig Griwna. Oleg und Warja standen vor einer gigantischen Pfütze, die über Nacht den gesamten Hof besetzt hatte. Die Nachbarn versuchten wie Reality-Show-Kandidaten am Eisrand entlangzuschleichen, während ein alter Mann in den Himmel starrte, als warte er auf einen Rettungshubschrauber oder zumindest eine Friedenstaube mit Proviant.

— Oleg, — Warja sah auf ihre neuen, schneeweißen Sneaker, gekauft mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. — Wir sind doch erwachsen. Wir haben eine Hypothek, Arbeit und Jahresberichte. Wir können nicht einfach…
— Doch, können wir, — unterbrach sie Oleg.

Wie ein Zauberkünstler holte er hinter seinem Rücken ein Paar gelbe Gummistiefel mit fröhlichen Entchen hervor. Gestern gekauft. Deine Größe. Warja seufzte schwer. Das ist wahre Liebe: Wenn dein Partner nicht nur deine Schuhgröße kennt, sondern auch das Maß deiner Selbstironie.

Fünf Minuten später standen sie bereits mitten in der Pfütze. Das Wasser sang das Lied des Frühlings, die Sonne spiegelte sich im schmutzigen Eis, und die Passanten starrten sie an, als wären Patienten aus einer sehr freundlichen, aber merkwürdigen Anstalt geflohen.

— Weißt du, — Warja sprang in die Luft und löste eine Fontäne aus, die den Nachbarn in der Nerzmütze traf, — das ist der beste Start in den Frühling!
— Das ist Code „Gelbe Ente“, — erklärte Oleg ernst. — Das Schicksal wollte uns den Optimismus kündigen, aber wir haben wasserfeste Fersen.

Sie standen inmitten des Frühlingschaos – albern, nass, aber unzertrennlich. Es war eine sonderbare Liebe: Nur verständlich für jene, die festen Boden finden können, wo andere nur tiefen Matsch sehen. Oleg umarmte sie, und die Sonne schien so warm, dass Dampf von ihren Jacken aufstieg.

— Wir schmelzen, — bemerkte Warja.
— Nein, — lächelte Oleg, — wir sind einfach endlich auf die richtige Temperatur aufgewärmt.

In diesem März begriffen sie: Wenn das Leben dir Pfützen vorsetzt – kauf dir die albernsten Stiefel und lerne, darin zu tanzen.