Ein Baby lag neben einem frischen Grab — doch als Sabine sein Namensbändchen las, begriff sie, dass ihre verschwundene Schwester die ganze Zeit am Leben gewesen sein könnte

Выкл. Автор ChatGpt
Ein Baby lag neben einem frischen Grab — doch als Sabine sein Namensbändchen las, begriff sie, dass ihre verschwundene Schwester die ganze Zeit am Leben gewesen sein könnte

Sabine stand wie erstarrt am Küchentisch und brachte es nicht fertig, den Blick von dem winzigen Kunststoffbändchen am Handgelenk des Säuglings zu lösen. Die nackte Glühbirne unter der Decke schwankte leicht im Luftzug, und im Haus war es so still, dass selbst Thomas’ schweres Atmen zu laut wirkte.

Noch einmal beugte sie sich über die kleine Schrift. Im selben Augenblick zog sich in ihr alles eiskalt zusammen.

— Nein… das kann nicht sein… — flüsterte sie kaum hörbar.

Thomas runzelte die Stirn.

— Was steht da?

Sabine hob langsam den Kopf. Ihre Augen waren weit vor Angst.

— Beim Namen der Mutter… steht der Name meiner Schwester.

Ihr Mann bewegte sich nicht mehr.

— Welche Schwester?

— Lea…

Plötzlich schien die Küche kleiner zu werden, als würde ihr die Luft ausgehen. Thomas kannte diesen Namen nur zu gut. Lea war Sabines jüngere Schwester gewesen. Vor drei Jahren war sie unter merkwürdigen Umständen spurlos verschwunden. Das halbe Dorf hatte nach ihr gesucht: Die Polizei war aus der Kreisstadt gekommen, Nachbarn wurden befragt, der Wald und das Ufer der Havel wurden abgesucht. Doch die junge Frau war, als hätte die Nacht sie verschluckt.

Einen Monat später fand man ihre Jacke am Wasser.

Von da an glaubten alle, Lea sei ertrunken.

Sabine ließ sich schwer auf den Stuhl sinken.

— Hier steht das Geburtsdatum… heute… — sagte sie mit zitternder Stimme. — Aber das ist unmöglich. Lea ist seit drei Jahren verschwunden…

Der Kleine begann leise zu weinen. Thomas nahm ihn vorsichtig hoch und wiegte ihn unbeholfen in den Armen.

— Vielleicht ist es nur ein Zufall?

Sabine schüttelte heftig den Kopf.

— Nein. Da steht der vollständige Name: „Lea Maria Hoffmann“. Das ist sie.

In diesem Moment schlug draußen die Gartentür laut gegen den Pfosten. Beide zuckten zusammen.

Thomas ging rasch zum Fenster und blickte in den Hof hinaus.

Niemand.

Nur der Wind rüttelte an dem alten Apfelbaum.

— Mir gefällt das alles nicht, — murmelte er leise. — Jemand hat das Kind nicht zufällig auf dem Friedhof zurückgelassen.

Sabine sagte nichts. In ihrem Kopf stiegen die Bilder von vor drei Jahren auf. Damals war Lea ganz anders gewesen — lebendig, hell, laut, immer mit einem Lachen, das sogar einen grauen Morgen wärmer machte. Die Männer im Dorf hatten ihr hinterhergesehen, als wäre sie ein Versprechen. Doch eines späten Abends stand sie plötzlich weinend vor Sabines Tür und sagte einen Satz, der damals keinen Sinn ergeben hatte:

„Wenn mir etwas passiert, dann vertraue niemandem.“

Sabine hatte geglaubt, ihre Schwester habe sich nur wieder mit einem Verehrer gestritten.

Eine Woche später war Lea verschwunden.

Der Säugling wimmerte wieder. Sabine nahm ihn behutsam an sich. Ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Das Kind sah ihr direkt in die Augen — wach, ernst, fast so, als begreife es alles, was in diesem Haus geschah.

— Er sieht ihr so ähnlich… — flüsterte sie.

Thomas atmete schwer aus.

— Wir müssen die Polizei rufen.

Doch Sabine antwortete plötzlich scharf:

— Nein!

Er sah sie fassungslos an.

— Warum?

Sie stockte.

— Weil… falls Lea lebt… dann suchen vielleicht genau die Leute nach ihr, vor denen sie Angst hatte.

Da klopfte es laut an der Haustür.

Drei schwere Schläge.

Sabine schrie auf.

Thomas ging langsam zur Tür.

Das Klopfen wiederholte sich.

Dann erklang von draußen eine heisere Männerstimme:

— Aufmachen. Wir sind wegen des Kindes hier…

Kapitel 2. Die Männer, die in der Nacht kamen

Eine schwere, drückende Stille legte sich über das Haus.

Thomas stand neben der Tür und wagte nicht einmal, die Hand nach der Klinke auszustrecken. Sabine presste den Säugling fester an sich, als spürte sie mit jedem Atemzug: Wenn sie ihn herausgaben, würde etwas Schreckliches geschehen.

Wieder klopfte es.

Diesmal langsamer.

Härter.

— Machen Sie freiwillig auf, — sagte die raue Stimme erneut. — Wir wissen, dass das Kind bei Ihnen ist.

Thomas löschte rasch das Küchenlicht. Das Haus versank sofort im Halbdunkel. Nur eine kleine Kerze vor dem Kreuz in der Ecke flackerte rötlich und warf unruhige Schatten an die Wand.

— Kein Laut… — flüsterte er.

Sabine hielt beinahe den Atem an.

Draußen waren Schritte zu hören. Jemand ging langsam an den Fenstern entlang. Die Bretter der Veranda knarrten. Dann blieb einer direkt vor der Küchenscheibe stehen.

Thomas schob die Gardine nur einen Fingerbreit zur Seite — und spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief.

Im Hof standen zwei Männer in dunkler Kleidung. Der eine war groß und hager, der andere breit gebaut, die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen. Ihre Gesichter verschwammen in der Dunkelheit.

— Wer ist das?.. — fragte Sabine kaum hörbar.

Thomas schüttelte den Kopf.

Doch plötzlich veränderte sich sein Blick.

— Warte…

— Was?

— Ich glaube, einen kenne ich.

Sabine wurde blass.

— Wen?

Thomas schluckte mühsam.

— Den Großen… das müsste Hannes sein.

Der Name traf sie wie ein Schlag.

Hannes Krüger war früher Dorfpolizist gewesen. Gerade er hatte vor drei Jahren Leas Verschwinden untersucht. Damals hatte man ihn für einen anständigen Mann gehalten. Doch kurz darauf hatte er überraschend den Dienst quittiert und war fortgegangen.