Ein Baby lag neben einem frischen Grab — doch als Sabine sein Namensbändchen las, begriff sie, dass ihre verschwundene Schwester die ganze Zeit am Leben gewesen sein könnte
Von draußen kam wieder die Stimme:
— Sie haben eine Minute. Danach kommen wir selbst rein.
Sabine wiegte das Baby nervös. Plötzlich verstummte es und blickte aufmerksam zur Tür. Seine winzigen Finger klammerten sich fester in den Ärmel ihrer Strickjacke.
— Thomas… ich habe solche Angst…
Er ging schnell zum Schrank und holte das alte Jagdgewehr heraus.
— Wenn sie reinkommen, verteidigen wir uns.
— Bist du verrückt geworden?!
— Was sollen wir sonst tun? Ihnen das Kind geben?!
In diesem Augenblick schlug draußen etwas mit dumpfem Knall gegen die Hauswand. Sabine fuhr zusammen.
Der Kleine fing an zu schreien.
Und plötzlich war im Hof ein Motor zu hören.
Scheinwerfer schnitten durch die Dunkelheit und erhellten den Garten.
Die Männer am Fenster drehten sich ruckartig um.
Ein alter grauer Opel Kombi rollte vor das Haus.
Die Fahrertür öffnete sich, und eine Frau in einem langen dunklen Mantel stieg aus. Um ihren Kopf lag ein vom Regen durchnässtes Tuch.
Sabine erstarrte.
Ihr Herz begann wild zu schlagen.
Die Frau hob den Kopf.
Thomas ließ das Gewehr fallen.
— Mein Gott… — hauchte er.
Es war Lea.
Lebendig.
Aber ihr Anblick war entsetzlich.
Das Gesicht eingefallen, die Wangen hohl, der Blick erloschen. Es schien, als hätten diese Jahre sie um ein ganzes Jahrzehnt altern lassen. Unter ihrem linken Auge zog sich eine alte Narbe dunkel über die Haut.
Die Männer im Hof wichen sofort zurück.
Lea kam langsam zum Fenster.
— Sabine… — sagte sie heiser. — Gib ihnen meinen Sohn nicht…
Sabine wurden die Knie weich.
— Lea?.. Bist du das wirklich?..
Doch ihre Schwester wandte sich plötzlich erschrocken um.
Aus der Dunkelheit der Friedhofsstraße tauchten zwei weitere Wagen auf.
Da schrie Lea so verzweifelt, dass Sabine das Blut in den Adern gefror:
— Sie haben mich gefunden! Lauft sofort weg!
Kapitel 3. Das Geheimnis, das drei Jahre verborgen blieb
Thomas riss die Tür auf, bevor Sabine etwas sagen konnte. Kalter Nachtwind stürzte ins Haus, zusammen mit dem Geruch nasser Erde und feuchter Friedhofswege.
Lea fiel beinahe über die Schwelle. Sie zitterte am ganzen Körper und sah immer wieder zurück, als rechne sie damit, dass ihr im nächsten Augenblick jemand folgen würde.
— Schließ die Tür! Schnell! — flüsterte sie atemlos.
Thomas drehte sofort den Schlüssel im Schloss um.
Draußen waren bereits Männerstimmen zu hören, dazu das Zuschlagen von Autotüren.
Sabine konnte den Blick nicht von ihrer Schwester lösen. Vor ihr stand nur noch der Schatten des fröhlichen Mädchens, das sie in Erinnerung behalten hatte. Lea wirkte ausgelaugt, gebrochen und todmüde.
Am schlimmsten aber waren ihre Augen.
Darin wohnte blankes Entsetzen.
Der Kleine hörte plötzlich auf zu weinen. Als Lea ihn auf Sabines Arm sah, bebte ihr Gesicht. Sie trat vorsichtig näher und strich mit den Fingern über seine kleine Wange.
— Mein Junge… — flüsterte sie unter Tränen. — Gott sei Dank… du lebst…
Sabine hielt es nicht länger aus.
— Lea, sag endlich, was hier los ist! Wo warst du all die Jahre?!
Lea hob langsam den Blick.
Zum ersten Mal wurde es im Zimmer so still, dass man draußen hören konnte, wie ein Ast des Apfelbaums an der Wand kratzte.
— Sie haben mich festgehalten, — sagte sie leise.
Sabine wurde kreidebleich.
— Wer?!
Lea warf einen nervösen Blick zu den Fenstern.
— Die Leute, die mit Hannes zusammengearbeitet haben.
Thomas ballte die Fäuste.
— Aber warum?!
Lea lachte bitter auf.
— Weil ich zu viel erfahren hatte.
Vor dem Fenster huschte Licht vorbei. Jemand bewegte sich wieder im Hof.
Lea sprach nun noch leiser weiter:
— Erinnert ihr euch an das alte Entbindungsheim hinter der Brücke? Offiziell wurde es wegen Baufälligkeit geschlossen… Aber die ganze Zeit über sind dort schreckliche Dinge passiert.
Sabine zog die Stirn zusammen.
— Was für Dinge?
Lea holte stoßweise Luft.
— Sie haben Babys verkauft.
Es war, als verschwände im Raum jeder Rest Luft.
Thomas sank langsam auf den Hocker.
— Was?..
— Neugeborene wurden mit gefälschten Papieren an reiche Leute weitergegeben. Manche Mütter wussten nicht einmal, dass ihre Kinder lebten. Man sagte ihnen, die Babys seien bei der Geburt gestorben.
Sabine fühlte, wie ihr die Kraft aus den Beinen wich.
— Das kann nicht wahr sein…
— Doch, — antwortete Lea leise. — Ich habe zufällig etwas mitgehört. Damals arbeitete ich dort als Pflegehelferin.
In diesem Moment donnerte es erneut gegen die Haustür.
Alle fuhren zusammen.
— Aufmachen! — brüllte ein Mann draußen.
Lea schlug die Hände vors Gesicht.
— Sie werden uns nicht am Leben lassen…
Thomas sprang auf.
— Jetzt erzählen Sie das alles der Polizei.
Lea lächelte gequält.
— Der Polizei? Thomas… die Hälfte von ihnen hat dieses Geschäft gedeckt.
Sabine sah auf den Säugling hinunter.
— Und er?..
Lea begann zu weinen.
— Als sie erfuhren, dass ich schwanger bin, wollten sie auch mein Kind nehmen. Sie hielten mich auf einem alten Hof am Wald fest. All diese Jahre.
— Mein Gott… — flüsterte Sabine.
— Heute Nacht konnte ich fliehen. Ich habe meinen Sohn auf dem Friedhof am Grab unserer Mutter abgelegt… weil ich wusste, dass du nach deiner Spätschicht über den Friedhof nach Hause gehst…