Elf Jahre lang glaubte Lukas, sein Vater sei tot – doch an einem frostigen Abend öffnete seine Mutter die Tür, und eine Lüge riss ihre Familie entzwei
Lukas wusste genau, dass ihm zu Hause eine ordentliche Standpauke bevorstand. Und diesmal nicht wegen Kevin Schulte, dem Jungen aus der Parallelstraße, der gern den starken Mann spielte, sondern wegen seiner eigenen Mutter.
Auf dem Heimweg pfiff er vor sich hin, als wäre nichts gewesen, doch in seinem Bauch zog sich alles zusammen. Diesmal hatte er es wirklich vermasselt. So richtig.
Tante Monika, die beste Freundin seiner Mutter, hatte ihn mit einer Kippe gesehen. Er hätte natürlich behaupten können, jemand habe sie ihm nur kurz in die Hand gedrückt. Aber nein – Tante Monika hatte ihn gesehen, wie er daran zog, als wäre er ein alter Hafenarbeiter. Was sollte er seiner Mutter jetzt erzählen? Dass ihm irgendwer das Ding zwischen die Lippen gesteckt und ihn gezwungen hatte?
Lukas hatte so getan, als hätte er Tante Monika gar nicht bemerkt. Und immerhin hatte sie weder geschrien noch ihm eine geknallt. Sie hatte ihn nur lange angesehen, mit diesem schrecklich wissenden Blick, und war dann weitergegangen. Aber Lukas war nicht blöd. Er wusste, dass sie längst bei seiner Mutter angerufen hatte. Wahrscheinlich stand Anna schon mit dem Kochlöffel in der Küche und wartete. Zwei Mal war er bereits um den Block gelaufen, als er plötzlich Oma Irmgard entdeckte.
Na großartig. Die schwere Artillerie. Das war selbst für seine Mutter ein fieser Zug. Gleich würde Oma loslegen, wie sie als angesehene Lehrerin den halben Landkreis erzogen hatte, während ausgerechnet ihr eigener Enkel auf die schiefe Bahn geriet. Wie sehr sie sich schäme. Wie Opa sich im Grab umdrehen müsse. Und seine Eltern davor gleich mit.
Als Lukas klein gewesen war, hatte ihm dieser Teil wirklich Angst gemacht. Er hatte sich vorgestellt, wie sich unter der Erde alles bewegte, weil die Toten sich drehten. Irgendwann aber hatte er begriffen, dass man damit spielen konnte. Als Oma wieder einmal von unruhigen Vorfahren sprach, hatte er trocken gesagt: „Ist doch gut, wenn sie sich bewegen, Oma. Dann kriegen sie wenigstens keine Druckstellen wie Frau Schneider aus dem Erdgeschoss.“
Oma hatte sich an die Brust gefasst. Anna wäre vor Lachen beinahe vom Stuhl gefallen. Darüber vergaß sie sogar, Lukas zu bestrafen. Nur Oma hatte die Sache ausgeglichen, indem sie seiner Mutter mit dem Geschirrtuch eins überzog.
Jetzt aber kam Oma Irmgard hastig auf ihn zu, und ihre Augen huschten so nervös hin und her, als wäre sie selbst beim Rauchen erwischt worden.
„Was machst du denn hier draußen? Warum bist du nicht zu Hause?“, fuhr sie ihn an.
„Ich… ich war noch nicht da.“
„Noch nicht da? Wo treibst du dich denn die ganze Zeit herum?“
„Schule. Dann Fußballtraining. Danach bin ich nur ein bisschen gegangen.“
„Ach ja?“ Jetzt kommt es, dachte Lukas. Gleich würde sie verlangen, dass er ihr ins Gesicht atmete, damit sie den Rauch riechen konnte. Doch stattdessen packte sie seine Hände. „Was ist denn das? Die sind ja ganz rot! Wo sind deine Handschuhe?“
„Zu Hause vergessen.“
„Zu Hause? Und deiner Mutter ist das nicht aufgefallen? Zeig mir deine Knöchel.“
Sie zog sein Hosenbein hoch und schnappte nach Luft.
„Was ist das denn?“
„Was denn?“, fragte Lukas erschrocken.
„Warum sind deine Knöchel so rot? Wo ist deine lange Unterhose? Und dein Schal?“
Lukas spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Noch schlimmer wurde es, als er Kevin Schulte in der Einfahrt neben dem Bäcker herumlungern sah. Seine knallrote Mütze wippte im Dunkeln. Na wunderbar. Danke, Oma. Wurde sie etwa wunderlich? Sonst war sie immer schärfer gewesen als ein frisch geschliffenes Küchenmesser, aber das hier…
„Oma, was ist fünf mal fünf?“
„Fünfundzwanzig“, sagte sie irritiert.
„Und was ist das Quadrat über der Hypotenuse?“
„Die Summe der Quadrate über den beiden Katheten. Lukas? Hast du deine Hausaufgaben nicht gemacht? Sie hat das nicht kontrolliert? Das lasse ich mir nicht bieten. Sieh dich doch an!“
Moment. Oma war auf seiner Seite? Vielleicht war er der Predigt seiner Mutter doch entkommen. Oder war er aus Versehen in einer völlig verdrehten Welt gelandet?
„Oma, auf welcher Seite ist meine Blinddarmnarbe?“
„Du hattest nie eine Blinddarmoperation.“
Gut. Ganz eindeutig Oma.
Sie schleppte ihn nach Hause und murmelte ununterbrochen vor sich hin. In der Wohnung roch es nach Braten, und seine Mutter stand in der Küche. Sie trug ihr gutes Sonntagskleid, hatte die Locken hochgesteckt, neue Ohrringe an und – Pumps? Seit wann trug Anna zu Hause Pumps?
„Lukas, mein Schatz.“ Sie zog ihn in die Arme. „Wasch dir die Hände, das Essen ist gleich fertig. Mama, bleibst du zum Essen?“
„Warum läuft dieses Kind allein draußen herum? Es will wohl gar nicht nach Hause, was? Sehr schön, wirklich großartig. Das eigene Fleisch und Blut wird eingetauscht gegen… Wo sind seine Handschuhe? Wo ist seine lange Unterhose? Es ist eiskalt! Aber natürlich, das ist dir ja egal.“
„Mama. Hör auf. Isst du mit uns oder nicht?“
„Nein! Ich bin hier fertig. Lukas, pack deine Sachen. Du kommst mit mir.“
„Was? Nein!“
Bei dem Gedanken, die nächsten zehn Jahre Omas Vorträge ertragen zu müssen, lief ihm ein Schauer über den Rücken.
„Er bleibt hier“, sagte Anna fest.
„Hier? Was ist denn hier noch? Du hast alles weggeworfen.“
„Mama, wenn du jetzt nicht aufhörst, dann muss ich… dann werde ich…“
„Was? Deine eigene Mutter vor die Tür setzen?“
„Ja.“
„Du undankbares Kind!“
Anna ließ sie nicht zu Ende sprechen. Sie fasste Oma Irmgard am Arm, schob sie auf den Treppenabsatz und schlug die Wohnungstür zu. Draußen kreischte Oma, sie werde die Polizei rufen und Lukas müsse ihr sofort übergeben werden.
Anna nahm Lukas an der Schulter und führte ihn ins Wohnzimmer. Dort saß ein fremder Mann, angespannt, die Hände ineinander verkrampft.
„Lukas, es hat keinen Sinn mehr zu lügen. Das ist dein Vater.“
Oma heulte draußen weiter. Anna stand wie erstarrt. Der Mann erhob sich. Er war groß, schmal, und seine Augen waren Lukas’ Augen. Er streckte ihm eine zitternde Hand entgegen.
„Hallo, mein Junge.“
Lukas wich zurück.
„Aber… du hast gesagt, er ist tot.“
„Anna…“ Der Mann, sein Vater, sah aus, als hätte ihm jemand die Luft aus der Brust geschlagen.
„Das war nicht ich, Willi. Das war sie. Sie meinte, es wäre leichter für ihn zu glauben, du wärst gestorben, als zu wissen, dass du…“
Ein lautes Klopfen unterbrach sie.
„Polizei! Machen Sie auf!“
„Anna, vielleicht sollte ich besser gehen.“
„Nein. Es wird sich nicht mehr versteckt. Lukas, wir erklären dir alles. Bitte hab keine Angst.“
Anna öffnete die Tür. Herein stürmten Oma Irmgard, ein Polizist und die neugierige Frau Neumann von nebenan.
„Was ist hier los? Uns wurde eine Ruhestörung gemeldet.“
„Hier ist nichts los“, sagte Anna. „Mein Mann ist aus dem Norden zurückgekommen. Das ist sein Sohn.“
„Er ist ein Verbrecher! Ein ausgebrochener Verbrecher! Verhaften Sie ihn! Lukas, komm her!“
„Oma, genug.“
Der Polizist prüfte Willis Papiere.
„Kein Eintrag?“
„Keiner. Ich arbeite seit meiner Schulzeit oben im Norden.“
„Entschuldigen Sie bitte, mein Herr.“
„Verhaften Sie ihn! Er hat das Leben meiner Tochter zerstört!“
„Mama, hör auf.“
Anna schloss die Tür.
Ein Vater? Elf Jahre lang hatte Lukas keinen gehabt. Und jetzt? Oma hatte immer erzählt, sein Vater sei ein betrunkener Dieb gewesen, bei einer Schlägerei ums Leben gekommen. Ein beschämendes Geheimnis, über das man nicht sprach.
Aber alles war gelogen.
Anna sah es kommen, doch sie war nicht schnell genug. Lukas riss seine Jacke vom Haken und stürmte hinaus.
Er rannte, bis seine Lungen brannten und ihm die Tränen die Sicht nahmen. Wem sollte er jetzt noch glauben?
„He, Kleiner.“ Das war Kevin Schultes Stimme. Lukas ging weiter.
„Warte doch! Wer ist hinter dir her?“
Kevin packte ihn am Arm.
„Niemand. Verzieh dich.“
„Es ist arschkalt. Du holst dir den Tod. Ich war letztes Jahr im Krankenhaus, da gab’s das beste Essen überhaupt. Aber du? Du bist doch ein Hemd. Komm mit, ich wohn nicht weit weg.“
Lukas zögerte.
„Meine Mutter ist unterwegs. Zugbegleiterin. Bin nur ich da.“
Die Wohnung war ärmlich, aber sauber. In Kevins Zimmer hingen Poster an den Wänden: The Clash, Queen, Bowie. Eine Gitarre lehnte am Bett.
„Willst du einen Tee?“
Lukas nickte. Sein Magen knurrte so laut, dass Kevin grinste.
„Hunger? Wie wär’s mit Toast und Spiegelei?“
Kevin stellte sich an den Herd und summte vor sich hin. Lukas hatte noch nie etwas gegessen, das ihm so gut geschmeckt hatte.
Später saßen sie mit ihren Tassen im Zimmer, und Kevin klimperte auf der Gitarre.
„Du bist richtig gut“, gab Lukas zu.
„Danke. Das war Bowie. Und das eben Queen. Legenden.“
Lukas kannte eigentlich nur The Clash. Kevin spielte, während Lukas mitsang, und lachte, wenn er den Einsatz verpasste.
„Du solltest nach Hause gehen. Sonst schicken sie noch die ganze Polizei los.“
Lukas’ Lächeln verschwand.
Kevin hörte zu, als Lukas alles aus sich herausließ.
„Sei nicht blöd“, sagte Kevin schließlich. „Ein Vater ist doch was Starkes. Meiner ist weg. Mama sagt, er wäre Astronaut.“
„Echt?“
„Quatsch. Sie macht nur Witze. Sie hat mich allein großgezogen. Keine Familie, nichts. Aber sie ist klasse. Bring das in Ordnung, ja? Erwachsene bauen auch Mist.“
Lukas umarmte ihn.
Kevin hatte recht.
Sie fanden ihn. Seine Mutter, Oma und Willi erklärten alles. Wie Oma Irmgard seinen Vater nie akzeptiert hatte. Wie sie ihm geschrieben hatte, Anna habe wieder geheiratet. Wie Willi es geglaubt hatte.
„Warum?“, fragte Lukas seine Oma.
„Ich wollte, dass ihr beide glücklich werdet.“
„Und er?“
Sie brach in Tränen aus. „Vergib mir.“
An Lukas’ Geburtstag kam Kevin vorbei. Er brachte ihm ein The-Clash-Poster mit, und Anna erlaubte, es aufzuhängen.
Lukas vergab ihnen allen.
„Erwachsenenquatsch“, hatte Kevin gesagt.
Oma Irmgard nahm Kevin unter ihre Fittiche. Sie fütterte ihn durch, half ihm in Mathe und tat so, als wäre das alles nur eine pädagogische Maßnahme.
Jahre später treffen sie sich immer noch an der Ostsee, sitzen mit Gitarren im Sand und essen Toast mit Spiegelei, als wären sie Könige.
Und Willi? Lukas liebt ihn. Inzwischen hat er Halbgeschwister, und sie verstehen sich alle gut. Doch zwischen ihm und Lukas ist etwas, das niemand mehr zerreißen kann. Ein Band, das keine Lüge berühren konnte.