Fremde Spielregeln: Wie eine einsame Frau in Dubai einem reichen Verführer vertraute, ihren Mann verriet und erst im Schmerz verstand, warum glänzende Versprechen in den Emiraten gefährlich sein können
Am Morgen wachte ich mit einem Lächeln auf. Zum ersten Mal seit vielen Jahren. In der Küche standen derselbe Wasserkocher, derselbe alte Linoleumboden, dieselben Gardinen. Und doch sah alles anders aus. Ich flüsterte:
— Ich fliege nach Dubai.
Und wenn in diesem Moment jemand hereingekommen wäre und gesagt hätte: „Hör auf, Claudia“, ich hätte nicht mehr gehört. Denn zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich lebendig.
Nach dem Kauf der Reise wurde die Welt heller. Sogar die Schulglocke klang anders — lauter, fröhlicher. Ich trug einen Topf Suppe durch den Flur, während in mir alles vor Ungeduld bebte. In einer Woche würde das Flugzeug starten. Niemand wusste etwas: keine Kolleginnen, keine Freundinnen und erst recht nicht Thomas.
Manchmal lächelte ich ohne Grund. Die Frauen in der Kantine sahen sich an.
— Claudia, warum strahlst du denn so? Hast du im Lotto gewonnen?
— Fast, — wich ich aus.
In mir wuchs ein seltsames Gefühl — Begeisterung, gemischt mit Angst. Tickets und Unterlagen versteckte ich im Küchenschrank hinter einer Packung Linsen. Thomas sah dort nie nach. Abends holte ich die Papiere heraus, strich mit den Fingern darüber und stellte mir vor: Ich öffne die Augen, und um mich herum sind Sonne, Sand, Meer und ein neues Ich.
Doch je näher der Abflug rückte, desto lauter flüsterte es in mir: „Was, wenn er es merkt?“
Am Samstag kam Thomas von der Tour zurück. Er trat wie immer ein, müde, halb noch in der Jacke, warf seine Tasche an die Tür und atmete schwer aus:
— Bin kaum durchgekommen. Die Straßen sind eine Katastrophe.
Ich stellte das Essen hin. Er aß schweigend und starrte in den Fernseher. Der Nachrichtensprecher sprach von steigenden Preisen, aber mir war alles gleich. Ich betrachtete das Gesicht meines Mannes und spürte, wie sich mein Herz zusammenzog. Einst war dieser Mensch meine ganze Welt gewesen. Jetzt wirkte er fremd.
Nach dem Essen fragte er:
— Wie läuft’s in der Schule?
— Wie immer, — sagte ich.
— Aha, — nickte er.
Damit war das Gespräch beendet.
Er bemerkte nicht einmal, dass unter der Tischdecke mein halb gepackter Koffer stand.
In dieser Nacht schlief ich nicht. Thomas schnarchte, und ich hörte auf die Uhr. Jede Sekunde zählte mein Geheimnis herunter. Angst ballte sich in meiner Brust, aber daneben war eine seltsame, fast verbotene Freude. Als wäre ich schon aus dem Käfig entkommen, wenn auch nur in Gedanken.
Am Morgen fuhr er zum Betriebshof und sagte, in drei Tagen müsse er wieder auf Strecke.
— Ein bisschen ausruhen, dann geht’s weiter, — murmelte er und küsste mich auf die Wange.
Die Wange blieb kalt. Als der Lkw hinter der Kurve verschwand, schloss ich die Tür, lehnte mich dagegen und lachte leise. Es war ein zitterndes, beinahe erschrockenes Lachen.
Noch am selben Tag ging ich auf den Wochenmarkt. Ich kaufte ein leichtes Kleid, einen Hut und dunkle Sonnenbrillen. Die Verkäuferin fragte:
— Geht’s in den Urlaub?
— Ja, — sagte ich. — Nach Dubai.
Sie pfiff leise.
— Na, das ist mal eine Ansage.
Ich lächelte. Das Wort „Dubai“ klang so angenehm, als wäre es selbst schon ein Ticket in ein anderes Leben.
Am Abend packte ich den Koffer endgültig: Kleid, Badeanzug, Sonnencreme, Kamera, Dokumente. Den Kindern schrieb ich kurz: „Mir geht es gut. Ich fahre ein paar Tage weg. Macht euch keine Sorgen.“ Wohin genau, schrieb ich nicht. Sollten sie glauben, ich fahre an die Ostsee.
Vor dem Schlafengehen saß ich auf dem Bett und sah den Koffer an. In meinem Kopf wiederholte sich nur ein Satz: „Hauptsache, es klappt.“
Am Morgen fuhr ich in die Stadt und von dort mit dem Bus zum Flughafen. Mein Herz schlug, als ginge ich zur wichtigsten Prüfung meines Lebens. In der Wartehalle waren Stimmen, Durchsagen, Kaffeeduft, Lachen. Ich fühlte mich wie ein winziges Sandkorn unter all diesen Menschen. Aber wie ein glückliches Sandkorn.
Als das Boarding ausgerufen wurde, stieg ich zum ersten Mal in meinem Leben die Gangway hinauf. Hinter dem Fenster flimmerten die Lichter meiner Heimatstadt — klein, zitternd. Ich schloss die Augen und dachte: „Leb wohl, Claudia aus der Schulkantine.“
Als das Flugzeug abhob, wusste ich: Zurück gab es keinen Weg mehr.
Das Flugzeug landete, und ich kam mir vor, als tauchte ich aus einem Traum auf. Durch das Fenster fiel ein so grelles Licht, als hätte die Sonne selbst hineingesehen. Die Luft bebte vor Hitze, und mit ihr bebte mein Herz. Auf der Anzeige standen die Worte: „Dubai International Airport“.
Ich stieg aus, und warme Luft berührte sofort mein Gesicht. Es roch nach Gewürzen, teurem Parfüm und etwas Unbekanntem, Süßem. Jeder Atemzug schien mir ein neues Leben zu versprechen. Ich ging durch den langen Korridor und versuchte, zwischen all den sicheren Menschen mit Koffern und Handys nicht verloren zu gehen. Und ich — im blauen Kleid, mit zitternden Händen und Augen voller Licht.
Die Passkontrolle verlief ruhig. Ein junger Grenzbeamter mit dunklen Augen sah auf das Foto, dann auf mich und nickte:
— Welcome.
Ein einziges kurzes Wort wurde zum Anfang einer anderen Wirklichkeit.