„Gesucht: schlank, mit eigener Wohnung und dem Wunsch, mich zu umsorgen“: Ich antwortete auf die Anzeige eines sechzigjährigen „Traummanns“ und beschloss, ihn auf die Probe zu stellen

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„Gesucht: schlank, mit eigener Wohnung und dem Wunsch, mich zu umsorgen“: Ich antwortete auf die Anzeige eines sechzigjährigen „Traummanns“ und beschloss, ihn auf die Probe zu stellen

Mit Dating-Apps hatte ich eigentlich schon längst abgeschlossen. Man sollte meinen, erwachsene Menschen hätten genug erlebt, genug verstanden und genug Fehler gemacht, um sich selbst und andere wenigstens halbwegs nüchtern zu betrachten.

Doch am vergangenen Freitag überredete mich meine Freundin Katrin, die App noch einmal zu öffnen. Sie saß neben mir auf dem Sofa, lachte Tränen und las mir die Glanzstücke der örtlichen Herrenwelt laut vor — einer beeindruckender als der andere. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, installierte die App erneut und wusste nach kaum zehn Minuten: Ich hatte den Hauptgewinn gefunden.

Auf dem Bildschirm blickte mich ein Mann mit streng zusammengepressten Lippen an. Er sah deutlich nach Anfang sechzig aus, obwohl in seinem Profil stolz „58“ stand. Das Foto war von unten aufgenommen, vermutlich in der Hoffnung, seinem Gesicht mehr Würde, Stärke und Bedeutung zu verleihen.

Der eigentliche Schatz aber wartete in seiner Selbstbeschreibung. Ich las sie zweimal, weil ich beim ersten Mal ernsthaft glaubte, das könne unmöglich ernst gemeint sein. Dort stand:

„Ich suche eine Frau für eine ernsthafte gemeinsame Zukunft. Alter höchstens 45 Jahre, keine Ausnahmen. Mir sieht man mein Alter nicht an, innerlich bin ich jung geblieben. Schlank, keine überflüssigen Kilos, keine schlechten Angewohnheiten. Eigene Wohnung ist Pflicht — zu mir lade ich niemanden ein, ich habe genug von berechnenden Frauen, die es nur auf meine Quadratmeter abgesehen haben. Erwartungen: Gemütlichkeit schaffen, gut kochen, sich um den Mann kümmern, keine Dramen machen. Frauen mit Kindern oder finanziellen Problemen bitte nicht anschreiben.“

Ich saß da, das Handy in der Hand, und spürte, wie in mir gleichzeitig Empörung und eine völlig wilde Neugier aufstiegen. Dieser „innerlich junge“ Herr vor einer alten Schrankwand suchte also eine jüngere, schlanke, unabhängige Frau mit eigener Wohnung, die ihn dann auch noch pflegen, bekochen und liebevoll umsorgen sollte? Einfach deshalb, weil er offenbar beschlossen hatte, sie mit seiner Anwesenheit zu beglücken?

Normalerweise wische ich solche Männer kommentarlos weg. Diesmal aber meldete sich in mir etwas wie wissenschaftliches Interesse. Ich wollte plötzlich unbedingt wissen, was für ein kostbarer Diamant sich hinter dieser Liste an Forderungen verbarg.

Mein eigenes Profil war fast leer: kein Gesicht, nur ein Foto von hinten am Ostseestrand. Als Alter hatte ich 43 angegeben. Und ich schrieb ihm zuerst.

„Guten Abend, Herr Schneider! Ich habe Ihr Profil gelesen und sofort gedacht: Da ist er, der Mann, der genau weiß, was er will. Ich passe zu Ihnen: schlank, ich lebe allein in meiner eigenen Dreizimmerwohnung in der Innenstadt, koche gern Rinderrouladen und backe Apfelkuchen. Nur habe ich bisher noch keinen Menschen getroffen, um den ich mich wirklich kümmern möchte. Sind Sie noch zu haben?“

Die Antwort kam fast sofort, vielleicht nach drei Minuten. Offenbar saß Herr Schneider bereits am Handy und wartete auf die Erscheinung seiner perfekten Frau.

„Guten Abend. Ja, ich bin noch frei. Aber ich sage es gleich: Ich bin ein Mann mit Ansprüchen. Mir ist wichtig, dass eine Frau ihre Rolle versteht. Wie groß und wie schwer sind Sie?“

Ich hätte mich beinahe an meinem Tee verschluckt, schrieb aber wahrheitsgemäß: 1,65 und 60 Kilo. Diese Angaben schienen Markus Schneider zufriedenzustellen. Er schlug sofort vor, zunächst zu telefonieren und sich danach zu treffen. Das Treffen legte er für den nächsten Tag fest, im Park nahe der U-Bahn-Station.

Als ich vorschlug, in ein Café zu gehen, weil für den Nachmittag Regen angekündigt war, antwortete Herr Schneider bedeutungsvoll:

„Ich bin für Spaziergänge an der frischen Luft. Diese Lokale mag ich nicht, da zahlt man doch bloß für nichts.“

Damit war endgültig alles klar. Unser Prinz war also auch noch ein Mann von seltener Sparsamkeit. Zum Park kam ich gut vorbereitet. Ich war schlicht gekleidet, aber ordentlich und geschmackvoll. Herr Schneider saß bereits auf einer Bank. In Wirklichkeit sah er nicht nur seinem tatsächlichen Alter entsprechend aus, sondern eher noch fünf Jahre älter. Er trug eine abgewetzte Windjacke und drehte in der Hand einen Autoschlüssel hin und her.

Wir begrüßten uns. Sofort musterte er mich von oben bis unten mit einem prüfenden Blick, der fast buchhalterisch wirkte. Offenbar hatte ich die Figurkontrolle bestanden, denn er nickte gnädig und schlug vor, ein Stück zu gehen.

Die ersten fünfzehn Minuten sprach Markus Schneider ausschließlich über sich selbst. Genauer gesagt: Er beschwerte sich. Über seine Ex-Frau, die angeblich nie mit Geld umgehen konnte, über seine Vorgesetzten, die sein Talent nicht zu würdigen wussten — er arbeitete im Sicherheitsdienst, vierundzwanzig Stunden Dienst, drei Tage frei —, über junge Leute, über Preise und natürlich über habgierige Frauen, die von ihm angeblich nur Geld wollten. Welches Geld bei dieser beruflichen Lage gemeint war, fragte ich lieber nicht.

— Und Sie, — erinnerte er sich schließlich an mich, — sagten doch, Sie hätten eine Dreizimmerwohnung in der Innenstadt. Haben Sie die von Ihren Eltern geerbt oder Ihrem Ex-Mann bei der Scheidung abgenommen?

Sein Tonfall klang, als würde er in Gedanken bereits seine Sachen in meinem Wohnzimmer verteilen. Genau in diesem Moment begriff ich: Jetzt war es Zeit für die kleine Prüfung. Ich seufzte tief, setzte das unglücklichste Gesicht auf, zu dem ich fähig war, und sah ihm direkt in die Augen.

— Herr Schneider, Sie sind ein so scharfsinniger Mann… Ich muss Ihnen etwas gestehen. Ich möchte keine Beziehung mit einer Lüge beginnen.

Er wurde sofort steif. Sogar seine Schritte verlangsamten sich.

— Die Wohnung habe ich tatsächlich, — fuhr ich mit beinahe tragischem Flüstern fort. — Aber vor einem Monat ist etwas Schreckliches passiert. Meine Tochter hat sich von ihrem Mann getrennt, er hat sie hinausgeworfen. Und jetzt ist sie zu mir gezogen. Mit drei Kindern. Und zwei Golden Retrievern.

Seine Augen wurden sichtbar größer.

— Bei uns zu Hause ist es inzwischen die reinste Katastrophe, — sagte ich und ließ meine Stimme zittern. — Überall Lärm, die Kinder rennen durch die Zimmer, die Hunde bellen, es gibt keinen Platz mehr. Ich bin so erschöpft! Und als ich Ihr Profil gesehen habe, wusste ich sofort: Das ist Schicksal. Sie wünschen sich doch Gemütlichkeit und Fürsorge! Ich würde Ihnen Suppe kochen, Braten machen, Kompott, Ihnen abends die Füße massieren, mich kümmern, Sie auf Händen tragen… Nur, lieber Herr Schneider, lassen Sie mich bitte bei Ihnen wohnen! Nur für ein Jahr, bis meine Tochter die Sache mit dem Kredit geregelt hat. Ein kleines Eckchen für Ihre Muse haben Sie doch bestimmt frei? Ich brauche auch wirklich kaum Platz!

Es wurde so still, dass man sogar die Autos von der nahen Hauptstraße hören konnte. Markus Schneider blieb wie angewurzelt stehen. Sein Gesicht, das eben noch vor selbstsicherer Überlegenheit geglänzt hatte, bekam plötzlich rote Flecken.

— Äh… — brachte er hervor und trat vorsichtig einen Schritt zurück. — Wohnen? Bei mir?

— Natürlich! Sie sind doch der Mann, der Halt, der Hausherr, der Beschützer! Und ich wäre ganz still und treu an Ihrer Seite. Ich bringe sogar meine eigenen Gardinen mit, damit es bei Ihnen wohnlicher wird. Und jeden Morgen Pfannkuchen…

— Also, wissen Sie was! — fuhr der „Prinz“ plötzlich auf. — Machen Sie mir hier nichts vor! Ich habe in meinem Profil klar geschrieben: Frauen mit Wohnproblemen sollen sich nicht melden! Das ist ja stark — sich einfach in fremden Wohnraum einnisten wollen! Und ich dachte schon, Sie wären eine anständige Frau!

Er drehte sich so hastig um, dass er beinahe über seinen eigenen Fuß stolperte, und marschierte fast im Laufschritt in Richtung Parkausgang. Kein Abschied, kein Nicken, nichts. Er verschwand einfach zwischen den Leuten und rettete seine unbezahlbaren Quadratmeter vor der furchtbaren Eindringlingin.

Ich blieb mitten auf dem Weg stehen und lachte so laut, dass sich die Passanten nach mir umdrehten.

Als ich nach Hause kam, öffnete ich als Erstes die App. Natürlich hatte Markus Schneider mich bereits blockiert. Sein Profil aber war weiterhin da. Er suchte noch immer eine schlanke, problemlose Frau mit eigener Wohnung, die sein Leben verschönern und ihm einen ruhigen, bequemen, gut versorgten Lebensabend ermöglichen sollte.

Lustig? Ja. Aber nur zur Hälfte. Denn hinter diesem Lachen liegt auch Traurigkeit. Woher nehmen manche Männer in einem so respektablen Alter diese betonharte Überzeugung, sie seien etwas Einmaliges?

Warum glauben sie allen Ernstes, die bloße Tatsache ihrer Existenz reiche aus, damit eine Frau mit Wohnung, gepflegtem Aussehen und einem ruhigen Leben sie voller Freude in die komplette häusliche Versorgung übernimmt?

Vielleicht hat man ihnen irgendwann vor langer Zeit eingeredet, sie seien ein Geschenk des Schicksals — und sie haben einfach nie aufgehört, daran zu glauben.