„Helga, deine Enkel haben mir sämtliche Heidelbeersträucher leer gepflückt!“ — und die Nachbarin verzog nicht einmal das Gesicht, als wäre mein jahrelanger Garten nur ein Spielplatz für fremde Kinder
„Helga, wir müssen reden.“
„Dann rede.“
„Deine Enkel haben mir sämtliche Heidelbeersträucher leer gepflückt.“
Helga hob kaum die Augenbrauen.
„Und? Es sind Kinder.“
„Wie und? Sie haben meine ganze Ernte zerstört!“
„Ach Anneliese, warum regst du dich so auf? Es waren doch nur ein paar Beeren.“
Anneliese starrte sie fassungslos an.
„Ein paar Beeren? Ich habe fünf Jahre auf diese Heidelbeeren gewartet! Jeden Strauch habe ich gepflegt, gegossen, gedüngt!“
„Dann wachsen eben wieder welche. Mach doch kein Drama daraus.“
„Helga, kannst du dich wenigstens entschuldigen?“
„Wofür denn? Kinder sind Kinder. Was willst du von ihnen erwarten?“
Das Gespräch lief gegen eine Wand. Helga sah nicht ein, dass ihre Enkel etwas Falsches getan hatten. Für sie war es eine Kleinigkeit, für Anneliese war es ein Stich mitten ins Herz.
Am nächsten Tag stellte Anneliese fest, dass auch die Trauben fehlten. Die schweren grünen Rispen, die erst gegen Ende August reif werden sollten, waren fast alle abgerissen.
„Helga!“, rief sie über den Zaun.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“
„Deine Enkel haben nun auch noch meinen Wein geplündert!“
„Na und? Der war bestimmt sauer.“
„Natürlich war er sauer! Er war noch grün! Sie haben fast alle Trauben abgerissen!“
„Dann haben sie eben probiert und gemerkt, dass es nicht schmeckt. Kinder sind neugierig.“
Anneliese spürte, wie ihr die Hitze in den Kopf stieg.
„Helga, deine Kinder ruinieren mir den ganzen Garten!“
„Übertreib nicht. Dein Garten ist groß genug.“
„Was hat das damit zu tun? Ich habe diese Pflanzen über Jahre aufgebaut!“
„Dann mach eben weiter damit.“
Helga drehte sich um, ging ins Häuschen und schlug die Tür zu.
Am Abend erzählte Anneliese ihrem Mann von dem Gespräch. Ihre Hände zitterten noch immer vor Empörung.
„Stell dir vor, sie hat sich nicht einmal entschuldigt! Sie sagt nur: Kinder sind eben Kinder.“
Karl-Heinz zuckte müde mit den Schultern.
„Was hast du erwartet? Es ist einfacher, alles abzutun, als den Enkeln Manieren beizubringen.“
„Aber das ist Diebstahl!“
„Anneliese, reg dich nicht so auf. Es sind Kinder, sie verstehen das noch nicht richtig.“
„Der Älteste ist dreizehn! In dem Alter muss man wissen, dass man Fremdes nicht einfach nimmt.“
Karl-Heinz seufzte. Er wollte wegen Beeren keinen Nachbarschaftskrieg beginnen.
Ein paar Tage später waren auch die Johannisbeeren verschwunden.
„Jetzt reicht es“, sagte Anneliese hart. „Das lasse ich mir nicht länger gefallen.“
Sie ging wieder zu Helga hinüber. Die Nachbarin stand mit einer Gießkanne zwischen ihren Dahlien.
„Jetzt haben sie auch noch meine Johannisbeeren gegessen.“
„Welche Johannisbeeren?“
„Meine. Deine Enkel sind wieder durch den Zaun gekrochen.“
Helga schnaubte.
„Anneliese, was ist denn mit dir los? Die Kinder haben ein paar Beeren gezupft. Das ist doch keine Tragödie.“
„Sie haben nicht gezupft. Sie haben alles leer gemacht. Meine ganze Ernte ist weg.“
„Warum fährst du so auf die Kinder los? Du bist doch selbst schuld.“
Anneliese glaubte, sich verhört zu haben.
„Ich bin schuld?“
„Wer hat ihnen denn erlaubt, ständig bei dir herumzulaufen? Du. Also haben sie sich daran gewöhnt, dass sie überall hin dürfen.“
„Ich habe es gut gemeint. Ich dachte, die Kinder sollen miteinander spielen.“
„Tja. Dann hast du jetzt das Ergebnis deiner guten Absichten.“
Helga stellte die Gießkanne ab und wandte sich zum Haus.
„Und überhaupt: Wenn du nicht willst, dass jemand an deine Sachen geht, bau einen höheren Zaun. Bei diesen Löchern kann ja jeder durch.“
„Helga, man muss Kindern erklären, dass sie nichts nehmen dürfen, was ihnen nicht gehört.“
„Müsste man. Aber wozu? Sie hören ja doch nicht.“
Anneliese ging nach Hause, als hätte ihr jemand die Kraft aus den Beinen genommen. Sie setzte sich auf die Bank unter dem Apfelbaum und weinte. Nicht nur wegen der Beeren. Wegen der Jahre, die sie in diesen Garten gelegt hatte. Wegen der Gleichgültigkeit. Wegen dieser kalten Selbstverständlichkeit, mit der Helga alles wegwischte.
„Anneliese, wein doch nicht“, sagte Karl-Heinz leise und setzte sich neben sie. „Nächstes Jahr gibt es neue Früchte.“
„Darum geht es nicht. Es geht darum, dass sie nicht einmal einsieht, was passiert ist. Sie ist so dreist geworden.“
„Du weißt doch, wie Helga ist.“
Ja, das wusste sie. Im Kleingartenverein galt Helga Braun schon lange als schwierig, schnell beleidigt und immer bereit, anderen die Schuld zu geben. Trotzdem waren Anneliese und sie bisher einigermaßen miteinander ausgekommen.
„Karl“, sagte Anneliese nach einer Weile, „wir müssen den Zaun höher machen.“
„Das können wir. Aber billig wird das nicht.“
„Was bleibt uns übrig? Sonst zerstören sie uns den ganzen Garten.“
Am nächsten Morgen begann Karl-Heinz mit der Arbeit. Er holte Pfosten, Bretter, Drahtgeflecht und Schrauben. Von früh bis spät stand er am Zaun, maß, sägte, hämmerte und schloss jedes Loch, durch das ein Kind hätte schlüpfen können.
Helga beobachtete alles von ihrer Seite aus und sparte nicht mit spitzen Bemerkungen.
„Na, so geizig muss man erst mal sein! Sich mit einem Zaun vor Kindern verschanzen!“