„Ich bekomme ein Kind von deinem Mann“ – als meine beste Freundin es auf meinem Junggesellinnenabschied sagte, zerbrach für einen Moment alles, woran ich geglaubt hatte
„Ich bin schwanger von deinem Mann!“ platzte meine beste Freundin mitten auf dem Junggesellinnenabschied heraus.
„Du bist doch verrückt geworden! Dieses Kleid kostet so viel wie ein gebrauchter Golf!“ Anna starrte ihre Freundin an, als hätte sie sich bei der Zahl verhört.
„Nein, du bist verrückt, wenn du glaubst, ich trete vor den Altar in etwas, das Markus nicht für eine Sekunde vergessen lässt, wie man atmet!“ Lena drehte sich vor dem Spiegel, hob den schweren, glänzenden Schleppensaum an und betrachtete sich mit leuchtenden Augen. „Eine Hochzeit hat man nur einmal im Leben!“
„Das wollen wir hoffen“, murmelte Anna und sah noch einmal auf das Preisschild. „Aber ehrlich, Lena, muss es wirklich so teuer sein? Markus liebt dich. Nicht den Stoff, den du trägst.“
Lena blieb abrupt stehen. Der Glanz in ihrem Gesicht wurde stiller, ihre Stimme sank.
„Wenn die eigenen Eltern nicht mehr da sind, begreift man irgendwann, wie kostbar einzelne Augenblicke sind. Ich möchte, dass dieser Tag vollkommen wird. Ich möchte, dass Mama und Papa, wo immer sie sind, auf mich hinuntersehen und stolz sein können.“
Anna spürte sofort, wie ihr Einwand ihr leidtat. Vor drei Jahren waren Lenas Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seitdem trug Lena ihre Trauer wie etwas Unsichtbares unter ihren hellen Kleidern, unter ihren Scherzen, unter jedem Lächeln.
„Entschuldige“, sagte Anna leise. Sie trat zu ihr und umarmte sie vorsichtig, damit die teure Spitze nicht zerknitterte. „Wenn dieses Kleid genau das ist, was du brauchst, dann ist es das Geld wert.“
„Weißt du, was lustig ist?“ Lena strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn und lächelte wieder. „Markus hat selbst vorgeschlagen, das Geld von unserem Urlaubskonto zu nehmen. Er meinte, die Reise an die Ostsee laufe uns nicht weg, aber eine Braut in ihrem perfekten Kleid gebe es nur einmal.“
Anna musste lächeln. Vor ihrem inneren Auge sah sie Markus: groß, ruhig, immer etwas beherrscht, mit warmen Augen und diesem leicht verlegenen Lächeln. Er und Lena wirkten wie zwei Gegensätze, die trotzdem zusammengehörten. Sie war funkelnd, impulsiv, voller Farbe. Er war gelassen, vernünftig und zuverlässig.
„Anna, ich bin so glücklich“, flüsterte Lena, als die Verkäuferin verschwand, um einen Schleier zu holen. „Manchmal kann ich kaum glauben, dass Markus wirklich das Beste ist, was mir je passiert ist.“
„Nach mir natürlich“, neckte Anna sie.
Lena lachte auf. „Natürlich! Apropos: Reden wir noch über den Junggesellinnenabschied? In zwei Wochen ist es so weit.“
„Alles steht“, versicherte Anna, die die Organisation übernommen hatte. „Ein kleines Haus draußen im Grünen, Pool, Sauna, Karaoke und deine sieben liebsten Freundinnen. Keine Stripper, so wie du es ausdrücklich wolltest.“
„Schade eigentlich“, sagte Lena und zwinkerte. „Für Julia wäre es vielleicht gut gewesen. Seit der Scheidung kommt sie ja kaum noch aus ihrem dunklen Loch heraus.“
„Für Julia habe ich eine andere Überraschung“, antwortete Anna mit einem geheimnisvollen Lächeln.
Dann kam die Verkäuferin mit mehreren Spitzenschleiern zurück, und ihr Gespräch verlor sich in Fragen nach Länge, Stil und der richtigen Befestigung.
Als Anna später nach Hause kam, war sie erschöpft, aber zufrieden. Lena hatte endlich Kleid und Accessoires ausgewählt, nun blieben nur noch die letzten Hochzeitsdetails. In der heißen Badewanne dachte Anna an das kommende Wochenende und an den Junggesellinnenabschied, der eigentlich laut, fröhlich und unvergesslich werden sollte.
Kaum war sie aus dem Wasser gestiegen, sah sie eine Nachricht von Claudia. Sie könne nicht mitfahren, ihr Sohn habe Fieber.
„Wie schade“, murmelte Anna, tippte gute Besserungswünsche und legte das Handy beiseite. Kurz darauf stellte sich heraus, dass auch Sabine keinen freien Tag bekam.
„Mach dir keinen Kopf“, schrieb Anna ihr zurück. „Hauptsache, wir sehen uns alle bei der Hochzeit.“
Am Freitagabend rollte Annas SUV, vollgepackt mit Taschen, Getränken und Essen, aus der Stadt hinaus. Von den sieben eingeladenen Freundinnen blieben am Ende nur vier übrig: Anna, Julia, Katrin und Stefanie. Lena nahm es überraschend gelassen.
„Weniger Leute, mehr Platz zum Atmen“, erklärte sie, als sie sich neben Anna auf den Beifahrersitz fallen ließ. „Und mehr Sekt für jede von uns!“
Julia, die geschiedene Freundin, hatte die erste Flasche schon geöffnet und verteilte den Schaumwein in Plastikbechern.
„Auf die Braut!“, rief sie. „Auf die schönste, glücklichste und verdammt noch mal vom Glück geküsste Frau!“
„Und auf ihren fantastischen Bräutigam“, ergänzte Katrin, die mit Markus in einem Bauunternehmen arbeitete. „Mit so einem Mann hätte jede Frau das große Los gezogen.“
„Ich jedenfalls nicht“, seufzte Julia. „Mein Ex war ein Mistkerl.“
„Nicht alle Männer sind gleich“, sagte Anna sanft. „Markus ist anders.“
„Ist er“, bestätigte Lena. „Manchmal glaube ich wirklich, ich verdiene ihn gar nicht. Gestern kam ich nach Hause, und er hatte gekocht, Kerzen angezündet, Wein aufgemacht und gesagt: ‚Du rennst seit Wochen wegen der Hochzeit herum. Heute ruhst du dich aus.‘“