„Ich bin schwanger von deinem Bräutigam“ – das gestand ihre beste Freundin mitten auf dem Junggesellinnenabschied und ließ eine Nacht voller Vorfreude in Tränen zerbrechen
„Du hast doch völlig den Verstand verloren! Dieses Kleid kostet so viel wie ein gebrauchter Golf!“ Claudia starrte ihre Freundin an, als könne die Zahl auf dem kleinen Schildchen unmöglich echt sein.
„Nein, du hast den Verstand verloren, wenn du glaubst, ich trete vor den Altar in etwas, das Markus nicht für einen Moment vergessen lässt, wie man atmet!“ Johanna drehte sich vor dem hohen Spiegel, hielt den schweren, schimmernden Schleppstoff mit beiden Händen und sah dabei aus, als hätte sie gerade ihr eigenes Märchen berührt. „Man heiratet nur einmal im Leben.“
„Das will man zumindest hoffen“, murmelte Claudia und betrachtete noch einmal den Preis. Dann hob sie vorsichtig den Blick. „Aber ehrlich, Johanna, muss es wirklich so teuer sein? Markus liebt dich. Nicht die Spitze, nicht den Tüll, nicht das Preisschild.“
Johanna blieb abrupt stehen. Das Lächeln verschwand nicht ganz, aber ihre Stimme wurde dunkler. „Weißt du, wenn einem die Eltern von einem Tag auf den anderen genommen werden, begreift man irgendwann, dass man die schönen Momente nicht verschieben darf. Ich möchte, dass dieser Tag vollkommen wird. Ich möchte glauben können, dass Mama und Papa, irgendwo da oben, stolz auf mich sind.“
Claudia spürte sofort, wie ihr der eigene Einwand leidtat. Vor drei Jahren waren Johannas Eltern bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Seitdem hatte Johanna gelernt, ihre Trauer hinter Witzen, Lippenstift und einer fast blendenden Fröhlichkeit zu verstecken.
„Es tut mir leid“, sagte Claudia leise. Sie trat zu ihr und legte die Arme um sie, so vorsichtig, dass der teure Stoff keine Falte bekam. „Wenn dieses Kleid genau das ist, was du brauchst, dann ist es jeden Cent wert.“
„Das Verrückte ist“, Johanna lächelte wieder und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, „Markus war derjenige, der vorgeschlagen hat, Geld von unserem Urlaubskonto zu nehmen. Er meinte, die Ostsee läuft nicht weg, aber eine Braut in ihrem Traumkleid gibt es nur einmal.“
Claudia musste lächeln. Sie dachte an Markus, diesen großen, ruhigen Mann mit den freundlichen Augen und dem etwas schüchternen Lächeln. Er und Johanna wirkten manchmal wie zwei Gegensätze, die sich gerade deshalb perfekt hielten: sie hell, laut, impulsiv; er besonnen, verlässlich, fast still.
„Claudia“, flüsterte Johanna, als die Verkäuferin losging, um passende Schleier zu holen, „ich bin so glücklich. Manchmal kann ich kaum glauben, dass Markus wirklich das Beste ist, was mir je passiert ist.“
„Nach mir natürlich“, neckte Claudia sie.
Johanna lachte auf. „Natürlich nach dir! Apropos: Besprechen wir endlich den Junggesellinnenabschied? Zwei Wochen sind gar nichts.“
„Alles ist organisiert“, versicherte Claudia, die die Planung übernommen hatte. „Ein kleines Ferienhaus draußen am See, Whirlpool, Sauna, Karaoke und sieben deiner liebsten Frauen. Keine Stripper, wie gewünscht.“
„Schade eigentlich“, sagte Johanna und zwinkerte. „Für Saskia wäre das nach der Scheidung vielleicht genau die richtige Ablenkung.“
„Für Saskia habe ich eine andere Überraschung“, antwortete Claudia mit einem geheimnisvollen Lächeln.
Dann kam die Verkäuferin mit mehreren Schleiern zurück, und für eine Weile drehte sich alles nur noch um Spitzenkanten, Schleierlängen, Haarkämme und die Frage, welcher Ton am besten zum Kleid passte.
Als Claudia später nach Hause kam, war sie erschöpft, aber zufrieden. Johanna hatte endlich Kleid und Accessoires ausgesucht, und bis zur Hochzeit mussten nur noch die letzten Kleinigkeiten geklärt werden. Claudia ließ sich ein heißes Bad ein und ging im Kopf bereits den Ablauf des Wochenendes durch.
Als sie aus der Wanne stieg, blinkte ihr Handy. Eine Nachricht von Anja: Sie konnte nicht mitfahren, ihr kleiner Sohn hatte Fieber.
„So ein Mist“, murmelte Claudia und schrieb sofort gute Besserung zurück. Kurz darauf meldete sich auch Stefanie. Sie bekam bei der Arbeit keinen freien Tag.
„Mach dir keinen Kopf“, beruhigte Claudia sie am Telefon. „Wichtig ist, dass wir alle bei der Hochzeit dabei sind.“
Am Freitagabend rollte Claudias SUV, vollgeladen mit Taschen, Getränken und viel zu vielen Snacks, aus der Stadt hinaus. Von den sieben eingeladenen Freundinnen blieben am Ende nur vier übrig: Claudia, Saskia, Katrin und Verena. Johanna nahm es erstaunlich gelassen.
„Weniger Menschen, mehr Luft“, verkündete sie und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. „Und mehr Sekt für jede von uns.“
Saskia, die geschiedene Freundin, hatte die erste Flasche bereits geöffnet, bevor sie die Stadtgrenze richtig hinter sich hatten. Sie schenkte den Sekt in Plastikbecher und hob ihren hoch.
„Auf die Braut!“, rief sie. „Auf die schönste, glücklichste und unverschämt vom Leben begünstigte Frau!“
„Und auf ihren großartigen Bräutigam“, ergänzte Katrin, die mit Markus in einer Baufirma arbeitete. „Mit so einem Mann hätte jede Frau den Hauptgewinn gezogen.“
„Ich hatte keinen Hauptgewinn“, seufzte Saskia und sah aus dem Fenster. „Mein Ex war am Ende nichts als eine Enttäuschung.“