Ich wollte nur Holz in die Gartensauna legen, doch hinter der dünnen Holzwand hörte ich das Kichern meiner Schwiegertochter — und auf der Bank lagen zwei leuchtende Handys
Ich wollte nur ein paar Scheite in die Gartensauna legen, doch was ich dort hörte, ließ mir das Holz aus den Armen fallen.
Die Tür zum kleinen Vorraum hatte sich durch die Feuchtigkeit verzogen und gab nicht sofort nach. Ich musste die Schulter dagegenstemmen, bis sie sich mit einem dumpfen Knarren endlich ein Stück weit öffnen ließ.
Sofort schlug mir schwere, feuchte Hitze entgegen, vermischt mit dem Geruch von Eukalyptusaufguss, warmem Holz und diesem süßlichen, billigen Deospray, das mir schon immer Kopfschmerzen bereitet hatte. Ich trat hinein und presste die Holzscheite fester an mich. Mehr wollte ich gar nicht: ein wenig Holz in den Ofen nachlegen, dessen Feuerklappe in den Ruheraum zeigte.
Da hörte ich hinter der dünnen Saunawand ein helles, unangenehmes Kichern. Dünn, piepsig, fast wie das Quietschen einer Maus.
— Thomas, hör auf, das kitzelt! — kreischte eine Frauenstimme.
In diesem Augenblick war es, als hätte jemand einen Stromstoß durch meinen Körper gejagt.
Die Scheite rutschten mir aus den Armen und polterten auf die Holzdielen. Doch hinter dem Rauschen des Wassers und ihrem eigenen Gelächter bemerkten sie nichts. Ich hätte mich nicht täuschen können. Diese Stimme hätte ich unter tausend erkannt, selbst durch Dampf, Verstellung und albernes Gekicher hindurch.
Es war Lena, die Frau meines einzigen Sohnes. Und „Thomas“ war mein Mann. Der Vater ihres Mannes. Der Mann, mit dem ich fünfundzwanzig Jahre lang mein Leben geteilt hatte.
In mir bekam nicht einfach nur etwas einen Riss. Es war, als stürzte die ganze Decke über mir ein, schwer und staubig, und begrub alles, woran ich je geglaubt hatte.
Mein erster Impuls war, die Saunatür aufzureißen, den Aufgusseimer zu packen und einen Skandal loszutreten, der bis ans Ende unserer kleinen Straße zu hören gewesen wäre. Aber meine Füße klebten wie festgenagelt am feuchten Boden, und mein Herz schlug so hoch in meinem Hals, dass ich kaum Luft bekam.
Dann fiel mein Blick auf die breite Bank an der Wand. Zwischen hingeworfenen Handtüchern lagen zwei Handys. Eins in einer abgewetzten schwarzen Hülle — Thomas’. Das andere in einer glitzernden rosafarbenen Hülle — Lenas.
Die Displays schimmerten schwach im Halbdunkel des Vorraums. Offenbar hatten sie sich nach irgendeinem Video oder Foto nicht rechtzeitig gesperrt. Auf Lenas Handy war die Kamera geöffnet, daneben die Galerie und das zuletzt aufgenommene Bild.
Ich ging näher heran und setzte jeden Schritt so vorsichtig, dass die alten Dielen nicht knarzten.
Das Foto war kaum zwei Minuten alt. Sie schnitten Grimassen vor unserem gemauerten Saunaofen. Mein Mann hatte die Lippen zu einem albernen Kussmund verzogen und die Saunamütze unseres Sohnes aufgesetzt, auf der „König“ stand. Lena lehnte sich an seine nasse Schulter und streckte die Zunge heraus.
Und plötzlich spürte ich keine stechende Trauer mehr. Stattdessen kam eine kalte, widerlich klare Abscheu in mir hoch. So, als wäre ich mit sauberen Socken in eine Pfütze aus Schlamm getreten.
Etwas in mir klickte. Die Hysterie zog sich zurück und machte einer eisigen, beinahe geschäftsmäßigen Ruhe Platz. Ich legte das letzte Holzscheit langsam auf den Boden und nahm Lenas Handy in die Hand.
Ein Passwort gab es natürlich nicht. Sie hatte beim Familienessen ja oft genug gesagt: „Ich habe nichts zu verbergen. Bei mir könnt ihr jederzeit reinschauen.“ Also öffnete ich den grünen Messenger und suchte unseren gemeinsamen Chat „Unsere Lieblingsfamilie“.
Dort verschickten wir sonst Geburtstagsgrüße, kitschige Engelbilder, Osterhasen und Nachrichten darüber, ob Oma Hilde wieder zu hohen Blutdruck hatte. Zwölf Menschen waren in dieser Gruppe: ich, Thomas, unser Sohn Daniel, Lena selbst, ihre Eltern, meine Schwester aus Bremen und sogar Tante Karin.
Ich wählte genau dieses Foto aus und tippte auf „Senden“. Ein paar Sekunden lang sah ich zu, wie der kleine Kreis sich drehte, bis unter dem Bild zwei blaue Häkchen erschienen.
Dann hielt ich kurz inne und schrieb mit Lenas eigenem Handy darunter:
„Ich wollte nur Holz in die Sauna legen, und dort sitzen mein Mann und die Frau meines Sohnes. Ich habe ganz leise ihre Handys genommen und ihr Selfie in den Familienchat geschickt. Euch allen einen schönen Abend.“
Danach griff ich nach Thomas’ Handy. Auch dort gab es keine Sperre. Er war ja immer der „ehrliche Familienmensch“ gewesen. Von seinem Gerät aus schickte ich in dieselbe Gruppe noch einen Sticker mit einem dicken roten Kater, der zwinkerte und den Daumen hob.
Ich legte beide Handys exakt so zurück auf die Bank, wie sie gelegen hatten, und verließ die Sauna lautlos. Draußen ließ ich den schweren schmiedeeisernen Haken in die Öse gleiten. Das leise metallische Klicken klang in meinen Ohren fast feierlich.
Es dämmerte bereits. Mücken summten neben meinem Ohr, aber selbst ihr dünnes Geräusch kam mir in diesem Moment angenehmer vor als alles, was hinter der Tür geschah.
Ich ging zur Terrasse, setzte mich in den Korbsessel und holte mein eigenes Handy hervor. Die Vorstellung begann gerade erst, und ich hatte mir den besten Platz in der ersten Reihe gesichert.
Als Erste meldete sich Tante Karin: „Was soll das denn sein? Ein schlechter Filter? Thomas, warum bist du so rot wie ein Hummer?“
Fast unmittelbar danach wurde Lenas Mutter wach, die nur zwei Straßen weiter wohnte: „Lena, ist das ein Scherz? Feiert ihr irgendwas? Und wo ist Daniel?“
Daniel schwieg noch. Er war auf Dienstreise und in einer anderen Zeitzone, aber ich wusste, dass seine Benachrichtigungen immer eingeschaltet waren. In der Sauna hingegen kam Bewegung auf.
Erst verstummte das Wasser. Dann gab es einen dumpfen Schlag, als wäre jemand auf dem nassen Boden ausgerutscht.
— Wo ist mein Handy?! — brüllte Thomas. Durch die Holztür verstand man jedes Wort.
— Da auf der Bank! — fauchte Lena mit schriller Stimme. — Was springst du denn so herum, du Bär?
— Hier kommen ohne Ende Nachrichten rein! Wer schreibt denn um diese Zeit?
Für einen winzigen Moment wurde es still. Dann drang aus der Sauna ein Geräusch, als wäre gleichzeitig ein Eimer umgefallen und jemand hätte keine Luft mehr bekommen.
— Verdammt… — Thomas’ Stimme brach fast zu einem Flüstern.
— Was? Was ist denn? — Lena rutschte in eine kreischende Tonlage. — Oh Gott… Mama schreibt… Daniel… Hast du das abgeschickt?!
— Ich?! Nein! Du hast das abgeschickt! Meine Hände waren nass, du hattest das Handy zuletzt!
Im Chat „Unsere Lieblingsfamilie“ loderte längst ein ausgewachsener Brand.
Lenas Vater schrieb in Großbuchstaben: „THOMAS, ICH BRECHE DIR DIE BEINE. WAS MACHST DU DA, DU ALTER BOCK? ICH KOMME!“
Meine Schwester aus Bremen, eine Frau mit schlichtem Gemüt und absolut keiner Geduld für Ausreden, schickte eine Sprachnachricht von fünf Minuten. Ich hörte sie gar nicht erst ab. Ich war mir sicher, dass darin Thomas’ gesamte Lebensgeschichte zerlegt wurde, wahrscheinlich beginnend beim Kindergarten.
Schließlich erschien Daniel online.
„Mama, bist du zu Hause?“, schrieb er mir direkt.
„Zu Hause. Ich sitze auf der Terrasse und atme frische Luft“, antwortete ich.
„Ich nehme den ersten Flug zurück. Mach ihnen nicht auf.“
„Hatte ich nicht vor.“
Da begannen sie von innen gegen die Saunatür zu hämmern. Zuerst mit den Fäusten, dann offenbar schon mit der Schulter.
— Sabine! Bine, mach auf! Das ist ein Irrtum! Wir wurden gehackt! — schrie Thomas mit einer erbärmlichen, zitternden Stimme. — Das ist künstliche Intelligenz! Heutzutage geht so was, Sabine, du verstehst das nicht!
— Frau Berger! — jaulte Lena. — Sie haben das völlig falsch verstanden! Wir haben nur Quatsch gemacht! Ich habe einen Badeanzug an, man sieht ihn auf dem Foto nur nicht!
Ich saß da, blickte in den Abendhimmel und spürte auf einmal, wie eine riesige Steinplatte von meinen Schultern rutschte.
All seine ständigen „Erledigungen“ am Wochenende. Ihre koketten Grimassen und diese seltsamen Blicke über den Esstisch hinweg. Seine ewigen Bemerkungen, der Eintopf sei zu fad, und ich würde mich „altbacken“ anziehen.
Am Ende war alles lächerlich einfach. Der Schlüssel zu dieser Wahrheit hatte nicht irgendwo tief versteckt gelegen, sondern offen auf der Bank im Saunavorraum. Thomas’ Handy klingelte nun ununterbrochen. Offenbar wollte Lenas Vater sich nicht auf Nachrichten beschränken.
Ich ging ins Haus und holte aus dem Schrank den großen schwarzen Koffer, mit dem wir vor fünf Jahren nach Mallorca geflogen waren.
Dann öffnete ich Thomas’ Kleiderschrank. Alles flog hinein: seine Lieblingshemden, die ich früher stundenlang gebügelt hatte, seine Anzüge, Socken, Unterwäsche, die Angelrollen und die Regenjacke für seine Wochenendausflüge.
Ordentlich falten wollte ich nichts. Ich stopfte alles mit dem Fuß fest. Obenauf warf ich seine Zahnbürste und die alten, ausgetretenen Hausschuhe.
Danach nahm ich einen großen blauen Müllsack aus der Garage. Dort hinein fegte ich Lenas Kosmetik, die seit Monaten mein halbes Bad belagerte, ihren Föhn und den Bademantel, den sie bei uns „nur für spontane Saunatage“ liegen gelassen hatte.
Dieses ganze Eigentum stellte ich auf die Terrasse. Aus dem Klopfen an der Saunatür war inzwischen ein hysterisches Donnern geworden.
— Sabine! Mein Herz! Mir geht es schlecht! — begann Thomas mit seiner Lieblingsnummer.
Früher wäre ich längst gestolpert und gerannt, mit Blutdruckmessgerät, Tropfen und zitternden Händen. Jetzt goss ich mir in aller Ruhe ein Glas kaltes Wasser aus dem Brunnen ein.
Ich ging zur Saunatür, nahm den Haken aber nicht ab. Ich blieb einfach davor stehen.
— Thomas, — sagte ich laut und klar.
Hinter der Tür wurde es sofort still.
— Bine, mein Schatz, mach bitte auf. Lass uns ruhig reden, — keuchte er durch den Spalt.
— Reden wirst du mit Daniel. Und mit Lenas Vater. Der ist übrigens gleich da. Ich höre schon den Motor.
— Sabine, sei nicht verrückt! Hier drin ist es heiß! Wir werden gekocht!
— Ich hatte den Ofen nicht stark angeheizt, und Holz habe ich ja nicht mehr nachgelegt, — antwortete ich. — Es kühlt ab. Setzt euch hin und denkt über euer Benehmen nach. Manchmal soll das helfen.
Ich kehrte gerade auf die Terrasse zurück, als vor dem Gartentor ein Wagen mit quietschenden Bremsen zum Stehen kam. Lenas Vater sprang heraus, rot vor Wut, mit irgendeiner Eisenstange in der Hand. Hinter ihm lief Lenas Mutter her und jammerte so laut, dass vermutlich die halbe Straße am Fenster stand.
Ich zeigte schweigend auf die Sauna.
— Einen Schlüssel brauchen Sie nicht, — sagte ich. — Nehmen Sie nur den Haken ab.
Lenas Vater stürmte zur Tür. Ich nahm mein Handy, öffnete den Chat „Unsere Lieblingsfamilie“ und tippte auf „Gruppe verlassen“.
Danach blockierte ich Thomas’ und Lenas Nummer. Der schwarze Koffer und der blaue Müllsack standen einsam auf der Terrasse und warteten auf ihre Besitzer.
Ich sah über meinen Garten. Die Hortensien blühten in schweren, runden Köpfen, die Buchsbaumkugeln waren sauber geschnitten, und das Haus stand fest und ruhig im Abendlicht.

Es war mein Haus. Meine Hortensien. Und nun würde es endlich auch mein Leben sein.
Drüben an der Sauna brüllte Lenas Vater bereits, Thomas stammelte unverständliche Rechtfertigungen, und Lena stieß einen schrillen Laut nach dem anderen aus. Das Ganze klang wie eine billige Vorabendserie, nur spielten die Darsteller viel zu übertrieben.
Ich ging in die Küche und schaltete das Radio ein. Leiser Jazz füllte den Raum. Aus dem Kühlschrank holte ich die Flasche Wein, die ich für einen besonderen Anlass aufgehoben hatte, und schenkte mir ein Glas ein.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren wurde mir bewusst, dass ich kein Abendessen mehr für jemanden kochen musste. Und dieses Gefühl war überraschend schön.
Keine Hysterie. Kein Schluchzen ins Kissen. Kein Händeringen. Nur Müll, der aus dem Haus getragen worden war. Ein bisschen laut, ja — aber dafür alles auf einmal und für immer.
Ich nahm einen Schluck. Der Wein war herb, aber mit einem angenehmen Nachklang. Da klopfte es an der Haustür. Es war unser Nachbar, Herr Krüger.
— Sabine, ist bei dir der Weltuntergang ausgebrochen? So ein Lärm, dass alle Hunde im Viertel bellen. Brauchst du Hilfe?
— Nein, Herr Krüger, — sagte ich und lächelte zum ersten Mal an diesem Abend wirklich. — Ich mache Großputz. Ungezieferbekämpfung.

— Ach so, na dann, — nickte er verständnisvoll. — Das muss auch mal sein. Holz hackst du morgen?
— Ja, — antwortete ich fest. — Morgen. Heute habe ich meinen freien Abend.
Ich schloss die Tür und drehte den Schlüssel zweimal im Schloss.
Kurz darauf vibrierte mein Handy. Eine Nachricht von Daniel.
„Mama, es tut mir leid. Ich liebe dich. Ich kläre alles. Reg dich bitte nicht auf.“
„Ich bin ruhig, mein Junge. Ich bin vollkommen ruhig.“
Und an diesen Worten war kein einziges bisschen gelogen.