Als ich meine fünfjährige Tochter aus dem Kindergarten abholte, fragte sie plötzlich: „Papa, warum ist mein neuer Papa heute nicht gekommen wie sonst?“
Ich hatte geglaubt, meine Frau bis in den letzten Winkel ihrer Seele zu kennen. Zehn Jahre Ehe, eine wundervolle Tochter und ein gemeinsames Leben, das wir uns aus dem Nichts aufgebaut hatten. Doch dann erwähnte unsere fünfjährige Leni an einem gewöhnlichen Nachmittag ganz beiläufig einen Mann, den sie ihren „neuen Papa“ nannte. In diesem Augenblick kam mir Katharina vor wie eine Fremde, die lediglich das Gesicht meiner Frau trug. Nur eine Frage hämmerte immer wieder durch meinen Kopf: Wie lange hatte sie mich schon belogen?
Katharina und ich hatten uns zehn Jahre zuvor auf der Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Freundes kennengelernt. Ich erinnere mich noch heute genau an den ersten Moment, in dem ich sie sah. Sie stand an einem großen Fenster, hielt ein Glas Wein in der Hand und lachte über etwas, das ich wegen der lauten Musik nicht verstehen konnte. Trotzdem spürte ich damals sofort, dass diese Frau mein Leben verändern würde.
Sie besaß eine Ausstrahlung, der man sich kaum entziehen konnte. Selbstbewusst, charmant und von einer natürlichen Lebendigkeit, die den ganzen Raum erfüllte. Katharina gehörte zu den Frauen, die nichts Besonderes tun mussten, um alle Blicke auf sich zu ziehen. Ich dagegen war das genaue Gegenteil. Ein unbeholfener Softwareentwickler, der auf Feiern oft schon froh war, zwei vernünftige Sätze hintereinander herauszubringen.
Und dennoch fiel ausgerechnet ich ihr auf.
Wir redeten in jener Nacht stundenlang. Unsere Gespräche sprangen von Musik zu Reisen, von peinlichen Kindheitserinnerungen zu Träumen, die wir zuvor niemandem anvertraut hatten. Ich verliebte mich schneller, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass mich ein Mensch wirklich sah – ohne Fassade, ohne Rollen, ohne die Erwartung, jemand anderes sein zu müssen.
Ein Jahr später gaben wir uns an einem stillen See im Kreis unserer engsten Angehörigen das Jawort. Die Feier war klein und schlicht, doch für mich hätte sie nicht vollkommener sein können. Ich war fest davon überzeugt, der glücklichste Mann der Welt zu sein.
Als vor fünf Jahren unsere Tochter Leni geboren wurde, veränderte sich alles. Plötzlich lag da dieses winzige Wesen zwischen uns, vollkommen hilflos und vollständig auf uns angewiesen. Noch nie zuvor hatte ich gleichzeitig eine so tiefe Angst und ein solches Glück empfunden.
Den Augenblick, in dem Katharina unsere Tochter zum ersten Mal in den Armen hielt, werde ich niemals vergessen. Sie strich sanft über Lenis winzige Finger und flüsterte ihr leise all die Dinge zu, die sie ihr eines Tages zeigen und beibringen wollte. Ebenso lebendig sind meine Erinnerungen an zahllose Nächte, in denen wir gegen drei Uhr morgens halb schlafend durch die Wohnung taumelten, einander das Fläschchen reichten und versuchten, unser weinendes Baby wieder in den Schlaf zu wiegen.
Natürlich waren wir erschöpft. Wir litten unter chronischem Schlafmangel und funktionierten an manchen Tagen nur noch aus Gewohnheit. Trotzdem waren wir glücklich. Wir hielten zusammen und verstanden uns als Team, das jede Schwierigkeit bewältigen konnte, solange wir uns gegenseitig den Rücken stärkten.
Nach sechs Monaten Elternzeit kehrte Katharina in ihren Beruf zurück. Sie leitete eine Abteilung in einer großen Marketingagentur in der Innenstadt. Unter Termindruck, vor wichtigen Präsentationen und bei scheinbar unlösbaren Projekten blühte sie regelrecht auf. Sie konnte Menschen organisieren, Entscheidungen treffen und Ergebnisse erzielen, wo andere längst aufgegeben hätten. Ich unterstützte sie vorbehaltlos, weil ich an ihre Fähigkeiten glaubte und stolz auf alles war, was sie erreicht hatte.
Auch mein eigener Arbeitstag endete selten pünktlich. Häufig blieb ich länger im Büro, löste dringende technische Probleme oder brachte Projekte zu Ende, die keinen Aufschub duldeten. Dennoch hatten wir einen festen Rhythmus entwickelt, mit dem wir Beruf und Familienleben scheinbar gut miteinander vereinbaren konnten.
Da ich gewöhnlich später Feierabend machte, holte Katharina Leni an fast jedem Werktag aus dem Kindergarten ab. Abends saßen wir gemeinsam am Tisch, aßen zusammen und brachten unsere Tochter anschließend ins Bett. Wir halfen ihr beim Baden, suchten den Schlafanzug aus und lasen ihr eine oder zwei Geschichten vor. Es waren keine außergewöhnlichen Erlebnisse, doch gerade diese kleinen Rituale machten unser Leben für mich so wertvoll.
Ernsthafte Auseinandersetzungen gab es zwischen Katharina und mir kaum. Natürlich stritten wir gelegentlich über alltägliche Kleinigkeiten. Wer hatte vergessen, Milch zu kaufen? Brauchten wir wirklich ein neues Auto? Warum stapelte sich schon wieder schmutziges Geschirr in der Spüle? Es waren die üblichen Reibereien eines Ehepaars. Nie hatte ich einen Anlass gesehen, an unserer Beziehung zu zweifeln oder zu glauben, zwischen uns könne etwas zerbrechen.
Das änderte sich an jenem Donnerstag, als während der Arbeit mein Telefon klingelte.
Katharinas Name erschien auf dem Display.