Als ich meine fünfjährige Tochter vom Kindergarten abholte, fragte sie plötzlich: „Papa, warum hat mich mein neuer Papa heute nicht abgeholt wie sonst?“
In dieser Nacht lag ich neben Katharina im Bett. Sie schlief ruhig, während ich reglos an die Decke starrte.
Mehrmals wollte ich sie wecken, ihr direkt in die Augen sehen und eine Erklärung verlangen.
Doch jedes Mal hielt mich etwas zurück.
Vielleicht war es die Angst vor ihrer Antwort.
Vielleicht wollte ich Gewissheit haben, bevor ich sie mit einem Verdacht konfrontierte, der unsere Ehe endgültig zerstören konnte.
Was auch immer der Grund war – ich machte in jener Nacht kein Auge zu.
Am nächsten Morgen stand mein Entschluss fest.
Ich rief im Büro an und meldete mich krank. Meinem Vorgesetzten erzählte ich, ich hätte starke Magenbeschwerden und sei keinesfalls arbeitsfähig. Gegen Mittag setzte ich mich ins Auto und fuhr zu Lenas Kindergarten.
Ich stellte den Wagen auf der anderen Straßenseite ab. Von meinem Parkplatz aus hatte ich freie Sicht auf den Haupteingang, befand mich jedoch weit genug entfernt, um nicht sofort aufzufallen. Nach unserem üblichen Tagesablauf müsste Katharina kurz vor drei erscheinen.
Als sich die Tür öffnete und die Kinder von den Erzieherinnen nach draußen begleitet wurden, hielt ich den Atem an.
Doch es war nicht Katharina, die Lena entgegenkam.
Meine Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass die Knöchel weiß wurden.
„Was zum Teufel…?“, flüsterte ich. „Nein. Das kann nicht wahr sein.“
Der Mann, der meine Tochter begrüßte und ihre Hand nahm, hieß Lukas.
Er war Katharinas persönlicher Assistent.
Lukas war einige Jahre jünger als sie, vermutlich fünf oder sechs. Er war gepflegt, gut gekleidet und trug fast immer dieses höfliche, offene Lächeln. Ich hatte ihn gelegentlich auf Bildern von Firmenfeiern gesehen, die Katharina mir gezeigt hatte. Sein Gesicht war auch einmal im Hintergrund eines kurzen Videos aus ihrer Agentur aufgetaucht. Seinen Namen kannte ich aus ihren beiläufigen Erzählungen über den Arbeitsalltag.
Mehr hatte dieser Mann für mich bisher nicht bedeutet.
Zumindest hatte ich das geglaubt.
Ich zog hastig mein Handy hervor und begann, Fotos zu machen. Meine Hände zitterten so stark, dass ich das Gerät kaum ruhig halten konnte.
Ein Teil von mir wollte aus dem Wagen springen, zu Lukas laufen und ihn von meiner Tochter wegzerren.
Doch ich zwang mich, sitzen zu bleiben.
Ich brauchte Beweise.
Bevor ich etwas Unüberlegtes tat, das sich später nicht mehr rückgängig machen ließ, musste ich herausfinden, wie weit diese Sache tatsächlich ging.
Lukas führte Lena zu einem silbernen Kombi. Sobald die beiden losfuhren, startete ich den Motor und folgte ihnen. Ich achtete darauf, immer ein oder zwei Fahrzeuge zwischen uns zu lassen, damit er mich nicht bemerkte.
Mein Herz raste.
Mein Verstand suchte verzweifelt nach einer vernünftigen Erklärung. Vielleicht war in Katharinas Agentur wieder etwas Dringendes geschehen. Vielleicht hatte sie ihren Assistenten nur ausnahmsweise gebeten, Lena abzuholen.
Aber tief in mir spürte ich, dass diese Hoffnung falsch war.
Irgendetwas sagte mir, dass nichts an der Situation harmlos oder zufällig war.
Sie fuhren direkt zu dem Bürogebäude in der Münchner Innenstadt, in dem Katharinas Agentur untergebracht war.
Lukas bog in die Tiefgarage ein. Ich blieb weit genug zurück und sah, wie er parkte, ausstieg und Lena erneut an die Hand nahm. Gemeinsam gingen sie zu den Aufzügen, so selbstverständlich, als hätten sie diesen Weg bereits unzählige Male zurückgelegt.
Zunächst blieb ich im Auto.
Fünf Minuten vergingen.
Dann weitere zehn.
Schließlich hielt ich es nicht länger aus.
Ich verließ die Tiefgarage, umrundete das Gebäude und betrat es durch den Haupteingang.
Der Arbeitstag neigte sich dem Ende zu. Viele Angestellte waren bereits gegangen. In der großen, modern eingerichteten Eingangshalle hielten sich nur noch wenige Mitarbeiter auf, die letzte Aufgaben erledigten. Außerdem war eine Reinigungskraft damit beschäftigt, Papierkörbe zu leeren und die glatten Böden zu wischen.
Dann entdeckte ich Lena.
Sie saß allein auf einem dieser kantigen Designstühle, die eindrucksvoll aussahen, aber ausgesprochen unbequem waren. Auf ihrem Schoß hielt sie ihren Lieblingshasen aus Plüsch.
Als sie mich sah, hellte sich ihr Gesicht sofort auf.
„Papa!“
Ich ging neben ihr in die Hocke und setzte alles daran, ruhig und unbeschwert zu wirken.
„Hallo, mein Schatz“, sagte ich. „Wo ist Mama? Und wo ist der Mann, der dich heute abgeholt hat?“
Ohne den geringsten Zweifel deutete Lena auf eine geschlossene Tür am Ende des Flurs.
„Die beiden sind da drin“, antwortete sie. „Sie haben gesagt, ich soll hier warten und schön brav sein.“
Ich beugte mich vor und küsste sie auf die Stirn.
„Bleib bitte genau hier sitzen, ja? Ich komme sofort zurück. Geh auf keinen Fall irgendwohin.“
Lena nickte ernst.
„In Ordnung, Papa.“
Langsam ging ich auf die Tür zu.
Meine Beine fühlten sich schwer an. Jeder einzelne Schritt kostete mehr Kraft als der vorherige.
Ein Teil von mir hoffte noch immer, hinter dieser Tür nichts Belastendes zu finden.