Die Verkäuferin sagte meiner Tochter, sie sei zu dick für ein schönes Abiballkleid – da nähte ihr bester Freund heimlich eines, und was er beim Ball darin verbarg, brachte die ganze Schule zum Schweigen

Выкл. Автор ChatGpt

Natürlich wusste er es.

Er war die ganze Zeit an ihrer Seite gewesen.

Er hatte die Flure des Gymnasiums mit eigenen Augen gesehen.

Er hatte die Bemerkungen gehört, von denen ich nur aus zweiter Hand erfuhr.

Den Körper des Kleides hatte er längst geschaffen.

Nun hatte er auch sein Herz gefunden.

Am Morgen des sechsten Tages machte ich einen Fehler.

Ich rief aus der Küche in einem Schuhgeschäft an.

„Ich bräuchte Pumps in Größe neununddreißig. Cremefarben. Mit niedrigem Absatz. Ja … für einen Abiball.“

Als ich das Gespräch beendete und mich umdrehte, stand Johanna in der Tür.

Lange sah sie mich wortlos an.

Dann sagte sie leise:

„Du versuchst immer noch, mich zu der zu machen, die ich früher war.“

„Was tust du da eigentlich?“

„Ich habe dir gesagt, du sollst aufhören!“ Ihre Stimme brach plötzlich. „Ich habe dich angefleht. Warum hörst du mir überhaupt nicht zu?“

„Du willst immer noch das Mädchen zurück, das ich einmal war. Aber dieses Mädchen gibt es nicht mehr, Mama. Es ist am selben Tag gestorben wie Felix. Warum kannst du das nicht endlich akzeptieren?“

Ich atmete tief ein. Meine Stimme zitterte.

„Weil ich auch die Johanna liebe, die du heute bist. Ich liebe dich hier, in dieser Küche. Ich liebe dich auch in dem grauen Kapuzenpullover, den du jeden Tag trägst. Ich wollte nur, dass du wenigstens einen Abend hast, an dem du wieder Luft holen kannst.“

Sie schlug ihre Zimmertür so heftig zu, dass die Bilder an der Wand erzitterten.

„Für wen?“, rief sie von drinnen. „Für dich? Oder für ihn?“

Noch einige Sekunden stand ich reglos da und hielt das Telefon fest in der Hand.

Beinahe hätte ich Lukas sofort angerufen.

Beinahe wäre ich über den Rasen zu ihrem Haus gegangen und hätte ihm gesagt, er solle aufhören zu nähen. Die Nadel weglegen. Den ganzen verrückten Plan vergessen. Endlich schlafen und aufhören, seine Hände zu ruinieren.

Ich tat es nicht.

Stattdessen ging ich zu Fuß hinüber.

Seine Mutter öffnete, bevor ich ein zweites Mal klopfen konnte.

Sie sagte kein Wort.

Sie deutete nur stumm zur Treppe.

Langsam ging ich hinauf.

Lukas’ Zimmertür stand einen Spalt offen.

Ich schob sie vorsichtig weiter auf.

Er schlief.

Direkt an der Nähmaschine war er eingeschlafen.

Sein Gesicht lag auf der Arbeitsplatte, und in einer Hand hielt er noch immer eine Garnrolle, als würde er sie selbst im Schlaf nicht loslassen wollen.

Auf dem Boden um ihn herum lagen ausgedruckte Fotos der Seiten aus Johannas Tagebuch.

Neben den einzelnen Namen hatte er mit einem einfachen Bleistift kleine Kreise gezeichnet.

Hinter ihm stand die fertige Robe auf einer Schneiderpuppe.

Cremeweiß.

Elegant.

Klar und sicher geformt.

Über den gesamten Rock entfalteten sich Stoffrosen in mehreren Lagen, als wäre über Nacht ein ganzer Garten gewachsen.

Ich trat einige Schritte näher.

Dann bemerkte ich etwas.

Im Inneren einer der Rosen war etwas verborgen.

Feine Stiche.

Vielleicht Worte.

Etwas war tief zwischen die seidenen Blütenblätter eingenäht, so unauffällig, dass man es erst entdecken würde, wenn man die Blüte behutsam öffnete.

Ich streckte die Hand aus.

Dann zog ich sie wieder zurück.

Das war nicht für mich bestimmt.

Ich hatte kein Recht, das Geheimnis zu enthüllen, das er in dieses Kleid hineingenäht hatte.

Ich nahm die Decke von seinem Bett, legte sie vorsichtig über ihn und schaltete die Lampe aus.

Als ich durch den dunklen Garten nach Hause ging, verstand ich endlich.

Lukas nähte nicht bloß ein Abiballkleid.

Er erschuf etwas viel Größeres.

Etwas, für das ich damals noch keinen Namen fand.

Der Abend des Abiballs kam schneller, als ich bereit dafür war.

Lukas klingelte in einem Anzug aus dem Secondhandladen an unserer Tür.

Über seinem Unterarm lag ein Kleidersack, den er so behutsam trug, als hielte er etwas Heiliges.

Johanna öffnete ihre Zimmertür mit der festen Absicht, erneut Nein zu sagen.

Dann sah sie das Kleid.

Cremefarbene Seide.

Ein weiter, fließender Rock.

Dutzende geöffnete Rosen, die wie ein lebendiger Garten nach unten fielen.

„Lukas …“, flüsterte sie. „Wo … woher hast du das?“

Er lächelte.

„Zieh es einfach an, Hannilein.“

Er benutzte den Namen, den Felix ihr gegeben hatte.

Meine Knie wurden weich.

Sofort sah ich wieder den Sommer vor Felix’ Tod: Felix hatte Lukas auf unserer Einfahrt das Schalten beigebracht und ihm nach jedem gelungenen Anfahren die Haare zerzaust, als wäre er sein kleiner Bruder.

Johanna schüttelte langsam den Kopf und wich bis zu ihrem Bett zurück.

„Ich kann nicht … Lukas, ich kann das wirklich nicht.“

Ich stand im Flur und beobachtete alles schweigend.

Sie presste beide Hände auf den Mund, als wollte sie all das zurückhalten, was in ihr gerade zu zerbrechen begann.

Lukas drängte sie nicht.

Er legte das Kleid nur über die Lehne ihres Schreibtischstuhls.

Dann setzte er sich trotz seines festlichen Anzugs auf den Boden, lehnte den Rücken an das Bücherregal und blieb dort.

„Dann sitze ich eben hier“, sagte er ruhig. „Dein Bruder hat mir vor dem Unfall etwas abverlangt. Er sagte, wenn du irgendwann aufhörst zu sprechen, müsse ich laut genug für uns beide sein.“