Ein einziger fremder Geruch genügte, um mein vermeintlich perfektes Eheleben innerhalb weniger Augenblicke in Scherben zu legen
In jener Nacht war der Gestank schlimmer als je zuvor. Es schien, als dringe er direkt unter dem Bett hervor, krieche durch das Zimmer, lege sich auf meine Haut und fülle meine Nase, bis kaum noch Luft blieb. Ich lag reglos in der Dunkelheit, starrte an die Decke und hörte, wie mein Herz immer schneller schlug.
Am nächsten Morgen fuhr Markus für drei Tage nach Köln. Er küsste mich flüchtig auf die Stirn, erinnerte mich daran, die Haustür abzuschließen, und ging, als hätte er das schon tausendmal getan.
Ich wartete, bis seine Schritte im Treppenhaus verklungen waren. Dann lauschte ich noch so lange, bis auch das Geräusch seines Wagens in der Straße verschwand. Eine tiefe Stille senkte sich über das Haus.
Mein Blick fiel auf das Bett.
Etwas in mir hatte sich entschieden. Ich wusste, dass ich an diesem Tag nicht wieder zurückweichen würde.
Wenig später lag die Matratze mitten im Schlafzimmer auf dem Boden. Ich hatte sie heruntergezogen, gedreht und stand nun lange mit dem Messer in der Hand darüber. Meine Handflächen waren feucht, meine Finger zitterten, und jeder Atemzug kam kurz und abgehackt.
Ich holte tief Luft und zog die Klinge langsam durch den Stoff.
Der erste Schnitt war überraschend mühsam. Das feste Gewebe widersetzte sich mir. Noch stärker aber wehrte sich etwas in meinem Inneren. Es fühlte sich an, als würde ich nicht nur eine Matratze öffnen, sondern mein eigenes Leben aufschneiden – mitsamt all den Geheimnissen, die sich darin angesammelt hatten.
Kaum klaffte der Stoff auseinander, schlug mir ein so heftiger Gestank entgegen, dass ich sofort die Hand vor Mund und Nase presste. Die Luft wurde schwer und beinahe greifbar. Ein Schauer lief mir über den Rücken, mein Magen krampfte sich zusammen, und meine Augen begannen zu tränen.
Instinktiv wich ich einen Schritt zurück. Doch schon im nächsten Moment beugte ich mich wieder hinunter.
„Was hast du hier versteckt?“, flüsterte ich, ohne zu wissen, ob ich die Frage an Markus, an mich selbst oder an das dunkle Loch vor mir richtete.
Ich schnitt weiter. Unter dem Bezug kam Schaumstoff zum Vorschein, an mehreren Stellen feucht, grau und dunkel verfärbt. Dann stieß ich auf ein großes Paket aus dicker Plastikfolie. Es war fest verschnürt, klebrig und von grünlich schwarzen Flecken überzogen.
Mein Herz schien einen Schlag lang auszusetzen.
Ich hatte mit vielem gerechnet. Mit verdorbenen Lebensmitteln. Mit einem toten Tier. Mit etwas Abstoßendem, aber Erklärbarem. Doch allein der Anblick dieses Pakets machte mir größere Angst als all diese Vorstellungen.
Langsam ging ich in die Hocke und versuchte, so wenig wie möglich zu atmen. Vorsichtig zog ich das Bündel aus der Matratze. Meine Hände bebten so stark, dass mir die glitschige Folie beinahe entglitt. Aus dem Inneren drang ein feuchter, chemisch-süßlicher Fäulnisgeruch, der in mir nur einen Wunsch auslöste: wegzulaufen, die Tür hinter mir zu schließen und so zu tun, als hätte ich nie etwas gefunden.
Aber dafür war es zu spät.
Ich durchschnitt die erste Lage.
Darunter lag noch eine zweite, dickere Kunststoffhülle. Wer das Paket verborgen hatte, wollte seinen Inhalt offenbar sorgfältig schützen. Oder mit aller Macht verhindern, dass der Geruch nach außen drang.
Als ich auch diese Schicht öffnete, bemerkte ich, dass etwas im Inneren in Stoff gewickelt war. Alte Bettüberwürfe, zerrissene Deckenstücke, ausgebleichte Tücher. Einige davon waren mit einer unbekannten Flüssigkeit durchtränkt. Alles war so ordentlich und fest verschlungen, als läge darin kein Abfall, sondern eine Wahrheit, die niemals ans Licht kommen durfte.
Für einige Sekunden konnte ich mich nicht bewegen.
Ein entsetzlicher Gedanke schoss mir durch den Kopf. Er war so grauenvoll, dass ich ihn sofort zu verdrängen versuchte. Für einen Augenblick war ich sicher, darin müsse etwas Ungeheuerliches liegen. Etwas, auf das kein Mensch vorbereitet sein kann.
Meine Knie gaben nach, und ich setzte mich auf den Boden.
Trotzdem hörte ich nicht auf.
Ich musste wissen, was dort verborgen war.
Unter den Stofflagen fand ich ein altes Bündel, eng mit Paketband umwickelt. Auf der Oberfläche lagen dunkle Flecken. Einige waren bereits trocken und brüchig, andere tief in das Material eingezogen. Schon beim ersten Blick war klar, dass dieses Bündel nicht erst seit gestern dort lag. Es musste seit Monaten in der Matratze verborgen gewesen sein.
Mit äußerster Vorsicht setzte ich die Klinge am Klebeband an und trennte es durch.
Als sich die Hülle endlich öffnete, verstand ich zunächst nicht, was ich vor mir sah.
Es lag kein Körper darin. Kein Gegenstand, der unmittelbar auf ein Verbrechen hindeutete. Und doch war das, was zum Vorschein kam, auf eine andere Weise beinahe noch erschreckender.
Briefe.
Alte Fotografien.
Persönliche Dinge von Markus.
Alles war mit beängstigender Sorgfalt geordnet. Es sah nicht so aus, als hätte jemand bloß Erinnerungen gesammelt. Es wirkte vielmehr wie ein Archiv voller Beweise für ein Leben, das vor der Welt verborgen worden war.