Ein junger Mann besuchte plötzlich jeden Tag meine 83-jährige Nachbarin – doch als ich eines Tages ihr Haus betrat, erstarrte ich vor Entsetzen

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Ein junger Mann besuchte plötzlich jeden Tag meine 83-jährige Nachbarin – doch als ich eines Tages ihr Haus betrat, erstarrte ich vor Entsetzen

Zwei Tage später sah ich Lukas zum ersten Mal.

Ich wollte gerade zur Arbeit fahren, als Hildegards Haustür aufging. Ein junger Mann trat heraus und zog die Tür sorgfältig hinter sich zu.

Er konnte kaum älter als zwanzig sein.

Er trug ausgewaschene Jeans, einen schlichten grauen Kapuzenpullover und abgetretene Turnschuhe. Sein dunkles Haar stand unordentlich ab, und durch seine schmale Gestalt wirkte er noch jünger. Er sah nicht aus wie der charmante Betrüger aus einem Fernsehkrimi. Eher wie ein gewöhnlicher Junge, der jeden Monat darum kämpfte, seine Rechnungen zu bezahlen.

Als er bemerkte, dass ich ihn beobachtete, blieb er stehen.

„Guten Morgen“, sagte er.

„Guten Morgen.“

Sein Blick wanderte kurz zu meinem Haus und dann zurück zu mir.

„Sie müssen Clara sein.“

Dass er meinen Namen kannte, beunruhigte mich.

„Und du bist Lukas.“

Er nickte.

„Wie geht es Hildegard?“, fragte ich.

„Gut.“

„Ich habe sie in letzter Zeit gar nicht draußen gesehen.“

„Sie ist schnell müde.“

Er blieb höflich, doch seine Stimme klang vorsichtig, beinahe abwehrend. Noch bevor ich das Gespräch fortsetzen konnte, ging Lukas zu einem alten Wagen am Straßenrand, stieg ein und fuhr davon.

In den folgenden zwei Wochen kam Hildegard kein einziges Mal vor die Tür.

Nicht ein einziges Mal.

Dafür sah ich Lukas fast täglich ihr Haus betreten und wieder verlassen.

Manchmal kam er morgens und blieb mehrere Stunden. An anderen Tagen stand sein Wagen die ganze Nacht vor ihrem Grundstück.

Bald öffnete er die Haustür mit einem eigenen Schlüssel.

Jedes Mal, wenn ich sah, wie er das Schloss aufschloss, wurde mein Unbehagen stärker.

Ich redete mir ein, dass Hildegard glücklich sein könnte. Vielleicht genoss sie seine Aufmerksamkeit. Vielleicht erledigte Lukas die Arbeiten, die früher ich übernommen hatte. Vielleicht verurteilte ich beide nur wegen des gewaltigen Altersunterschieds.

Doch Hildegard rief mich nicht mehr an.

Sie winkte nicht mehr aus dem Fenster und ging nicht einmal zum Briefkasten. Wenn ich sie anrief, hob sie nicht ab.

Stattdessen kamen kurze Nachrichten.

„Mir geht es gut. Mach dir keine Sorgen.“

Beim ersten Mal glaubte ich ihr.

Nach der zweiten Nachricht saß ich minutenlang da und starrte auf das Display.

Hildegard schrieb sonst ausführlich und verlor sich gern in vollkommen unnötigen Einzelheiten. Sie begann mit einer Begrüßung, fragte, wie mein Tag gewesen war, und erinnerte mich selbst im Mai daran, eine Jacke mitzunehmen. So knappe Mitteilungen hatte sie mir noch nie geschickt.

Ich rief erneut an.

Niemand antwortete.

Ein paar Minuten später erschien wieder eine Nachricht.

„Mir geht es gut. Mach dir keine Sorgen.“

Wort für Wort dieselbe Formulierung.

Es fühlte sich falsch an.

Dann wurde eines Nachmittags ein Paket für Hildegard versehentlich vor meiner Tür abgestellt.

Ich nahm den Karton und trug ihn zum Nachbarhaus.

Mehrmals klopfte ich. Niemand öffnete.

„Hildegard?“, rief ich. „Ich bin es, Clara.“

Stille.

Ich klopfte lauter.

Keine Reaktion.

Mit jedem Atemzug wuchs meine Angst. Schließlich ging ich zurück zu mir und holte den Ersatzschlüssel, den Hildegard mir viele Jahre zuvor für Notfälle gegeben hatte.

Meine Hände zitterten, als ich die Tür aufschloss.

Im Haus war es makellos sauber.

Zu sauber.

Kein schmutziger Teller stand herum. Auf dem Tisch lagen keine Zeitungen. Selbst die vertraute Wolldecke fehlte auf Hildegards Lieblingssessel.

Alles war ordentlich an seinen Platz gestellt und wirkte gleichzeitig, als hätte seit Tagen niemand etwas berührt.

Weder Hildegard noch Lukas waren zu sehen.

„Hildegard?“, rief ich noch einmal.

Da hörte ich ein Geräusch.

Aus dem Keller kam ein leises, unregelmäßiges Klopfen.

Mir gefror das Blut in den Adern. Ich rannte die Treppe hinunter.

Als ich die unterste Stufe erreichte, erklang das Klopfen erneut.

„Hildegard!“

Hinter der Tür des kleinen Vorratsraums antwortete eine schwache Stimme.

„Clara?“

Ich stürzte durch den Keller und riss an der Klinke. Die Tür bewegte sich nicht.

„Ich bin hier“, sagte ich. „Geh von der Tür weg.“

Einmal warf ich mich mit der Schulter dagegen, dann ein zweites Mal. Das alte Holz ächzte, hielt aber stand. Beim dritten Stoß sprang der Riegel aus der Halterung, und die Tür flog nach innen auf.

Hildegard saß zwischen gestapelten Kartons auf dem Boden. Ihr Gesicht war kreidebleich, und mit einer Hand hielt sie ihren Knöchel. Neben ihr lag ein umgekippter Holzschemel.

„Mein Gott.“

Ich kniete mich zu ihr.

„Bist du verletzt?“

„Der Knöchel“, flüsterte sie. „Ich bin gefallen, als ich etwas vom oberen Regal holen wollte. Die Tür ist zugefallen, und das Schloss hat geklemmt.“

„Wie lange sitzt du schon hier?“

„Vielleicht eine Stunde.“

Erleichterung und Wut prallten in mir aufeinander.

„Wo ist Lukas?“

„In der Apotheke.“

„Und er hat dich allein gelassen?“

Hildegard zog die Stirn kraus.

„Er wusste nicht, dass ich in den Keller gegangen bin.“

Ich half ihr, sich etwas bequemer hinzusetzen, und zog mein Telefon hervor. Noch bevor ich den Rettungsdienst anrufen konnte, schlug oben die Haustür laut zu.