Ich verabschiedete mich von meiner Schwiegermutter, doch ich hatte den Anruf nicht richtig beendet – und wenige Sekunden später hörte ich, warum mein Mann mich wirklich geheiratet hatte
Katharina stellte die Tasse mit Kamillentee auf den gläsernen Couchtisch und sank erschöpft in den Sessel zurück.
Nach jedem Gespräch mit ihrer Schwiegermutter blieb ein bitterer Nachgeschmack zurück, obwohl Hannelore Schneider immer weich, fast vorsichtig mit ihr sprach. Auch diesmal, als sie wieder um finanzielle Unterstützung bat, entschuldigte sie sich beinahe nach jedem zweiten Satz.
— Kathi, verzeih mir, dass ich dich schon wieder belästige, — jammerte die ältere Frau schuldbewusst. — Ich weiß ja selbst, dass ich dir zu oft zur Last falle. Aber der Arzt hat gesagt, ich dürfe die Behandlung auf keinen Fall unterbrechen. Und von meiner Rente… du verstehst schon.
Katharina nickte mitfühlend, obwohl Hannelore sie durch das Telefon natürlich nicht sehen konnte.
Vor drei Monaten hatte ihre Schwiegermutter ihr unter Tränen von der Diagnose erzählt: beginnende Arthrose, dazu teure Anwendungen, damit sie nicht irgendwann auf Hilfe angewiesen wäre. Katharina hatte damals nicht einmal daran gedacht, Nein zu sagen. Fünfhundert Euro im Monat waren für ihr Unternehmen keine Summe, die sie ruinieren konnte, und die Gesundheit eines nahen Menschen wog in ihren Augen weit schwerer als Geld.
— Frau Schneider, bitte machen Sie sich nicht so viele Sorgen, — antwortete sie sanft. — Ich überweise morgen alles, was Sie brauchen. Und hören Sie endlich auf, sich ständig zu entschuldigen. Wir gehören doch jetzt zur selben Familie.
— Ach, Kathi, du bist wirklich ein Engel! Unser Thomas hatte solches Glück, dich zu finden. Womit habe ich nur verdient, dass mir so eine Schwiegertochter geschenkt wurde?
Katharina hörte sich noch eine Weile die nächsten Dankesworte an, verabschiedete sich und tippte auf das Symbol, um den Anruf zu beenden. Für lange, leere Höflichkeitsgespräche fehlte ihr schlicht die Zeit.
Ihre Damenmodemarke „KathiStyle“ verlangte ununterbrochen ihre Aufmerksamkeit. Am nächsten Tag stand die Präsentation der neuen Kollektion bevor, einen Tag später ein entscheidendes Gespräch mit einem möglichen Investor. Mit achtundzwanzig leitete Katharina bereits ein Team von dreißig Mitarbeitern. Aus dem kleinen Start-up, das ihr Vater einst mit angeschoben hatte, war durch jahrelange Arbeit eine ernstzunehmende, gut erkennbare Marke geworden.
Sie streckte schon die Hand nach dem Tablet aus, um die letzten Entwürfe zu prüfen, als sie plötzlich vertraute Stimmen hörte. Zuerst dachte Katharina, im Nebenzimmer laufe der Fernseher. Thomas schaltete gern irgendwelche Talkshows ein und vergaß sie dann wieder. Doch eine der Stimmen klang ihrer Schwiegermutter so ähnlich, dass ihr Blick unwillkürlich zum Handy glitt.
— Thomas, diesmal habe ich wieder Glück gehabt! Morgen vergoldet mir deine Frau erneut die Hand! — lachte Hannelore ausgelassen.
Katharina erstarrte.
Es war wirklich Hannelores Stimme. Aber woher kam sie? Katharina sah auf das Display. Der Bildschirm leuchtete noch, der Anruf war weiterhin aktiv. Offenbar hatte ihr Fingertipp die Verbindung nicht beendet.
— Wie viel bekommst du diesmal? — fragte Thomas.
Katharinas Herz begann schneller zu schlagen. Ihr Mann sollte im Büro sein und angeblich an einem wichtigen Projekt für die neue Website sitzen. Warum war er mitten am Arbeitstag bei seiner Mutter?
— Fünfhundert, wie immer. Es ist rührend, wie ehrlich sie sich um meine Gesundheit sorgt.
Wieder dieses Lachen. Und diesmal lachte Thomas mit.
— Mama, du bist ein Genie! Diese ausgedachte Arthrose war wirklich eine großartige Idee.
Katharina hob das Telefon vorsichtig an. Ihre Finger zitterten kaum sichtbar.
Ausgedacht? Was sollte das heißen? Sie hatte die Befunde und Verordnungen gesehen, die Hannelore ihr gezeigt hatte.
— Was heißt hier Genie? — schnaubte die Schwiegermutter. — Deine Frau ist einfach ein unglaublich gutgläubiges Dummchen. Allerdings ein sehr großzügiges, und das ist eine wichtige Eigenschaft. Nutz deine Chancen, mein Sohn. Aber verpasse bloß nicht den richtigen Moment.
— Den verpasse ich schon nicht. Ich will einen Neuwagen aus dem Autohaus. Und nicht irgendeinen billigen Kleinwagen, sondern ein ordentliches deutsches Modell. Einen Mercedes zum Beispiel. Unter fünfzigtausend Euro fange ich gar nicht erst an.
— Donnerwetter! Du hast ja Ansprüche.
— Soll ich mein Leben lang in meinem alten Golf herumfahren? Ich habe ja nicht ohne Grund eine wohlhabende Frau geheiratet.
Eine wohlhabende Frau geheiratet. Chancen nutzen.
Katharina atmete mehrmals langsam ein und aus. Ihr Verstand weigerte sich, das Gehörte einzuordnen.
Das sagte ihr Thomas. Der leichte, charmante Mann mit dem wunderbaren Humor, der sie innerhalb weniger Wochen erobert hatte. Thomas, den sie in ihrem eigenen Büro kennengelernt hatte und in den sie sich verliebt hatte wie ein Mädchen in der Oberstufe. Thomas, der ihr vor einem halben Jahr mit feuchten Augen einen Antrag gemacht und von großer Liebe, Vertrauen und gemeinsamer Zukunft gesprochen hatte.
— Sei nur vorsichtig, damit sie nichts merkt, — warnte Hannelore fast flüsternd. — Kathi ist vertrauensselig, aber ganz dumm kann sie nicht sein, sonst hätte sie so ein Geschäft nie großbekommen.
— Mama, red keinen Unsinn. Im Moment ist sie so verliebt, dass sie mir notfalls den Mond vom Himmel holen würde. Man muss es ihr nur richtig verkaufen. Ich erkläre ihr, dass ein teures Auto für meine Arbeit, für den geschäftlichen Eindruck und für Kundentermine notwendig ist.
— Sehr gut! Ich hatte schon Angst, du würdest irgendeine oberflächliche Gans anschleppen. Aber du hast es sogar geschafft, dich richtig zu verlieben.
— Verlieben? — Thomas lachte spöttisch. — Mama, du hast wirklich eine blühende Fantasie. Sehe ich aus wie ein hoffnungsloser Romantiker? Ich habe mich einfach gut eingerichtet, privat und beruflich.
Katharina schloss die Augen und zwang sich, ruhig weiterzuatmen. Das halbe Jahr Ehe, das sie für den glücklichsten Abschnitt ihres Lebens gehalten hatte, war für ihren Mann also nur ein vorteilhaftes Arrangement gewesen. Und die nicht existierende Krankheit seiner Mutter war nichts weiter als ein bequemer Weg, regelmäßig Geld aus ihr herauszuziehen.
— Trotzdem habe ich ein bisschen Angst, — sagte Hannelore weiter. — Was, wenn sie irgendwann vorschlägt, mich zum Arzt zu begleiten?
— Entspann dich, Mama. Erstens hat Kathi nie Zeit. Zweitens versteht sie nichts von Medizin. Ihr reichen die gefälschten Unterlagen vollkommen. Wenn sie doch Fragen stellt, sage ich, dass dir gemeinsame Arztbesuche peinlich sind, oder mir fällt etwas anderes ein. Mach dir keine Sorgen.
Katharina drückte das Telefon dichter ans Ohr.
Also waren die Unterlagen, die ihre Schwiegermutter ihr so rührend vorgelegt hatte, gefälscht. Und sie selbst hatte nicht einmal daran gedacht, ihre Echtheit zu prüfen. Wer zweifelte schon an den Worten eines kranken Familienmitglieds?
— Übrigens, — fuhr Thomas in geschäftigem Ton fort, — in zwei oder drei Monaten müssen wir die Geschichte mit den Behandlungen langsam auslaufen lassen. Dann bereite ich sie auf das Auto vor. Irgendwie verbinde ich es mit beruflicher Notwendigkeit.
— Und wenn Katharina vorschlägt, den Wagen über die Firma zu kaufen?
— Wird sie nicht. Bei ihr ist alles sauber getrennt: Arbeit ist Arbeit, Familie ist Familie. Hat ihr wahrscheinlich der liebe Papa beigebracht, als er seiner Tochter die fertige Firma auf dem Silbertablett serviert hat.
Katharina presste die Fäuste so fest zusammen, dass ihre Finger schmerzten.
Als hätte sie das Unternehmen nicht fünf Jahre lang selbst aufgebaut. Als hätte sie keine Nächte ohne Schlaf über Entwürfen verbracht, keine Kunden gesucht, keine Lieferanten überzeugt, keine Mitarbeiter eingestellt. Ja, ihr Vater hatte ihr Startkapital gegeben und an ihre Idee geglaubt. Aber alles andere war ihr eigener Kampf gewesen. In den Augen ihres Mannes blieb sie trotzdem das reiche kleine Mädchen, dem der fürsorgliche Papa ein teures Spielzeug gekauft hatte.
— Weißt du, was besonders lustig ist? — sagte Thomas. — Sie glaubt wirklich, ich sei wahnsinnig in sie verliebt. Du müsstest sehen, wie Kathi strahlt, wenn ich nach Hause komme. Wie ein treues kleines Kätzchen.
— Thomas, — Hannelores Stimme wurde plötzlich weicher, — empfindest du denn gar nichts für sie? Im Grunde ist sie doch ein gutes Mädchen.
— Was haben Gefühle damit zu tun? Ich bin ja kein Unmensch. Natürlich ist sie mir sympathisch. Aber vor allem ist Kathi bequem. Hohes Einkommen, tolle Perspektiven, hübsche reiche Ehefrau. Die meisten Männer können von so etwas nur träumen.
— Da hast du recht, — gab die Schwiegermutter zu. — Aber pass auf, dass du es nicht ruinierst. Am Ende schöpft sie doch noch Verdacht.
— Sie wird nichts begreifen. Dafür vertraut sie Menschen zu sehr. Warum, glaubst du, habe ich ihr so schnell einen Heiratsantrag gemacht? Ich wusste, so eine Frau bleibt nicht lange allein: schön, erfolgreich und gutherzig. So eine zweite Gelegenheit hätte ich vielleicht nie wieder bekommen.
Katharina erhob sich langsam aus dem Sessel und trat ans Fenster. Hinter der Scheibe lagen die Dächer der Einfamilienhäuser. Vor Kurzem hatte sie hier ein großzügiges zweistöckiges Haus gekauft. Thomas hatte damals gescherzt, endlich hätten sie den perfekten Ort für große Familienfeste. Vor einem halben Jahr hatten solche Worte noch romantisch geklungen.
— Hör mal, lass uns am Wochenende ein Familienessen machen, — schlug Thomas plötzlich vor. — Kathi hat neulich doch selbst gefragt, wann wir die Verwandten ins neue Haus einladen.
— Wozu brauchst du das?
— Ich zeige ihr, was für ein fürsorglicher Familienmensch ich bin. Dann ist sie in bester Stimmung, und ich kann das Gespräch auf den Wagen bringen. Nach einem gemütlichen Abend mit der Familie wird sie ihrem geliebten Ehemann bestimmt nichts abschlagen.
Familienessen. Katharina verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln.
Was für eine wunderbare Ironie. Sie hatte tatsächlich davon geträumt, alle Verwandten in das neue Haus einzuladen. Sie wollte zeigen, wie harmonisch ihre Familie geworden war und wie gut alle miteinander auskamen. Besonders stolz war sie auf ihr Verhältnis zu Hannelore gewesen, denn nicht jede Frau bekam eine so kluge, herzliche Schwiegermutter.
— Du willst wirklich einen Familienabend veranstalten?
— Natürlich. Wir laden deine Schwester mit ihrem Mann ein, meinen Bruder und die übrigen Verwandten. Kathi wird glücklich sein, und ich bekomme mein Traumauto.
In der Leitung waren Schritte zu hören.
— Gut, Mama, ich muss los. Ich sollte ins Büro zurück, bevor jemand meiner Frau erzählt, dass ich gar nicht am Arbeitsplatz war.
— Geh, mein Junge. Aber vergiss nicht: Bei allem muss man Maß halten. Das Auto ist schön und gut, doch die Gans, die goldene Eier legt, schlachtet man nicht zu früh.
Katharina hörte eine Tür zufallen, dann ein Rascheln. Offenbar nahm Hannelore nun endlich ihr Telefon in die Hand. Die Verbindung brach ab.
Einige Minuten stand Katharina reglos vor dem Fenster und versuchte zu begreifen, was sie gerade gehört hatte.
Die Gans, die goldene Eier legt. Erstaunlich treffend.
Sie lachte leise, öffnete dann die App, die ihre Telefonate aufzeichnete.
Diese Gewohnheit hatte sie sich im ersten Jahr ihrer Selbstständigkeit angewöhnt. Damals hatte ein Lieferant plötzlich bestritten, mündlich zugesagte Konditionen vereinbart zu haben. Seitdem wurden alle Gespräche automatisch in einem gesicherten Cloud-Speicher abgelegt.
Die Datei war da. Dreiundzwanzig Minuten. Darin steckten zuerst ihr Gespräch mit der Schwiegermutter und danach alles, was nach dem versehentlich nicht beendeten Anruf gefolgt war.
Katharina spulte zurück und hörte sich die deutlichsten Stellen noch einmal an.
„Ich habe eine wohlhabende Frau geheiratet“, „gutgläubiges und großzügiges Dummchen“, „die Gans, die goldene Eier legt“.
Jeder Satz schnitt ihr ins Herz, und doch stieg gleichzeitig eine kalte Wut in ihr auf.
Ein halbes Jahr lang hatte sie in einer erfundenen Welt gelebt. In dieser Welt küsste ihr liebevoller Mann sie jeden Morgen vor der Arbeit zärtlich auf die Stirn, und ihre gute Schwiegermutter fragte nach ihrer Gesundheit und ihren Erfolgen. In Wirklichkeit hatten diese Menschen sie nur als dauerhafte Geldquelle benutzt.
Das Handy vibrierte. Eine Nachricht von Thomas erschien:
„Schatz, ich bleibe heute länger. Das Projekt ist kompliziert, ich muss das Layout fertigstellen. Warte nicht mit dem Abendessen auf mich. Ich liebe dich.“
Katharina las den Text zweimal.
Ein kompliziertes Projekt. Natürlich. Mit der Mutter neue Methoden auszutüfteln, um Geld zu erpressen, erforderte zweifellos besondere Mühe. Am Ende der Nachricht stand ein Herz. Ihr Mann spielte seine Rolle als verliebter Ehemann ausgezeichnet.
Sie begann zu tippen:
„In Ordnung, Liebster. Überarbeite dich nicht!“
Dann löschte sie den Satz und schrieb nur: „In Ordnung.“
Jetzt musste sie ruhig nachdenken.
Sie hätte schon am nächsten Morgen die Scheidung einreichen, Thomas mit einem einzigen Koffer vor die Tür setzen und versuchen können, diese Familie wie einen Albtraum zu vergessen. Aber dieser Schluss kam Katharina zu einfach vor. Ein halbes Jahr lang hatten sie sie belogen, ihre eigene Schlauheit genossen und sich über ihre Gutgläubigkeit lustig gemacht. Sollte das wirklich mit einem gewöhnlichen Abschied enden?
Das Familienessen, das Thomas selbst vorgeschlagen hatte, bot die perfekte Gelegenheit, einen sauberen Schlussstrich zu ziehen.
Katharina öffnete die Kontakte und rief ihre jüngere Schwester Julia an.
— Kathi, hallo! Wie geht es dir? Wir haben viel zu lange nicht gesprochen.
— Hallo, Juli. Ich möchte dir etwas vorschlagen. Erinnerst du dich an das Haus, das ich kurz vor der Hochzeit gekauft habe?
— Natürlich! Ich habe die Fotos gesehen. Es ist traumhaft.
— Am Samstag möchte ich ein großes Familienessen veranstalten und alle einladen. Könnt ihr mit Markus kommen?
— Was für eine schöne Idee! Natürlich kommen wir. Wer ist noch dabei?
— Unsere Eltern, Hannelore, Thomas’ Bruder mit Frau und Kindern. Ich denke, wir werden ungefähr zehn Personen sein.
— Wunderbar. Sollen wir etwas mitbringen?
— Nein, nichts. Ich bereite alles vor. Kommt einfach gut gelaunt.
Nach dem Gespräch schrieb Katharina die vollständige Gästeliste auf. Es würde eine wirklich interessante Runde werden. Besonders, wenn man bedachte, dass ihr Vater Thomas nie ganz vertraut und ihn immer für zu leichtfertig gehalten hatte, auch wenn er das nie direkt ausgesprochen hatte.
Die nächsten zwei Tage fühlten sich an wie eine endlose Fernsehserie.
Nach außen lebte Katharina weiter wie bisher: Sie arbeitete, sprach mit ihrem Mann und beantwortete die fürsorglichen Nachrichten seiner Mutter. Gleichzeitig reifte in ihr ein Plan, klarer und kälter mit jeder Stunde.
Schon am nächsten Morgen brachte Thomas selbst das Familienfest zur Sprache.
— Schatz, — sagte er beim Frühstück, — was hältst du davon, wenn wir alle Verwandten in dein neues Haus einladen?
— Das ist eine wunderbare Idee! — antwortete Katharina begeistert. — Ich habe vor Kurzem selbst daran gedacht. Wann wollen wir es machen?
— Samstag wäre doch gut. Ich rufe Mama und Stefan an, du lädst deine Familie ein.
— Perfekt, dann machen wir das so.
— Es wird großartig.
Thomas küsste sie auf die Wange und ging, um sich fürs Büro fertigzumachen. Katharina blieb in der Küche sitzen und trank langsam ihren Kaffee aus.
Ja, Thomas. Es würde großartig werden.
Am Donnerstagabend kam eine neue Nachricht von Hannelore:
„Kathi, verzeih mir, dass ich dich schon wieder störe. Könntest du mir vielleicht noch hundert Euro überweisen? Der Arzt hat zusätzliche Medikamente verschrieben, und auf meiner Karte ist fast nichts mehr.“
Katharina überwies das Geld und fragte sich, wofür es in Wirklichkeit ausgegeben werden würde.
Für eine neue Handtasche? Für ein Abendessen in einem teuren Restaurant? Vielleicht für Möbel oder irgendein Haushaltsgerät?
„Natürlich, Frau Schneider. Das Geld ist schon unterwegs. Ich freue mich sehr auf Samstag!“
„Danke, mein liebes Kind! Ich kann es kaum erwarten, dein wunderbares Haus endlich zu sehen.“
Katharina lächelte kühl und legte das Telefon weg.
Der Samstag war sonnig und warm.
Schon am Morgen kümmerte sich die Hausherrin um die letzten Vorbereitungen: Sie kontrollierte die Tischdekoration, verteilte frische Blumen und testete das Audiosystem des Hauses. Den Lautsprechern im Wohnzimmer widmete sie besondere Aufmerksamkeit. Der Ton musste nicht nur im Haus, sondern auch draußen auf der Terrasse klar zu hören sein.
Thomas war ständig in ihrer Nähe.
— Was für einen fantastischen Tisch du gedeckt hast! Das sieht aus wie aus einem Magazin, — schwärmte er und rückte die Servietten zurecht.
— Liebling, wir empfangen zum ersten Mal die Familie in diesem Haus. Ich möchte, dass alles vollkommen ist.
— Natürlich. Es ist ja schließlich unser Haus, — sagte Thomas leise und fügte dann lauter hinzu: — Natürlich, Schatz. Du hast wie immer recht.
Katharina lächelte innerlich. Das Haus hatte sie von ihrem eigenen Geld gekauft, noch vor der Eheschließung. Aber Thomas schien offenbar der Meinung zu sein, mit der Hochzeit automatisch Ansprüche auf das Eigentum seiner Frau erworben zu haben.
Als Erste kamen Katharinas Eltern. Ihr Vater Hans war wie immer wortkarg, sah sich aber aufmerksam im Haus um und nickte schließlich anerkennend. Ihre Mutter Brigitte ging sofort in die Küche, um der Tochter bei den letzten Handgriffen zu helfen.
— Kathi, du kannst wirklich stolz auf dich sein, — sagte sie, während sie Platten mit Vorspeisen auf den Tisch stellte. — Das Haus ist wie ein Traum, dein Mann ist aufmerksam. Dein Leben hat sich wunderschön gefügt.
— Ja, Mama, — antwortete Katharina leise. — Mein Mann ist tatsächlich sehr aufmerksam.
Dann kamen Julia und Markus, danach Stefan mit seiner Familie. Zuletzt erschien Hannelore. Sie sah ausgezeichnet aus: ein elegantes neues Kleid, dazu eine teure Handtasche.
Katharina bemerkte sofort, dass die Tasche mindestens fünfhundert Euro gekostet haben musste. Interessant, ob sie aus dem Geld für die nicht vorhandene Arthrose bezahlt worden war oder ob ihre Schwiegermutter noch andere Einnahmequellen hatte.
— Kathi, mein liebes Kind! — Hannelore küsste sie auf beide Wangen. — Was für ein unglaublich schönes Haus! Thomas hat viel erzählt, aber ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie herrlich es hier ist.
— Danke. Kommen Sie herein und fühlen Sie sich wie zu Hause.
Das Essen begann in einer warmen, familiären Atmosphäre. Die Gäste lobten die Speisen, die Einrichtung und den Geschmack der Gastgeberin. Thomas zeigte sich besonders galant: Er schenkte Wein ein, erzählte amüsante Geschichten und spielte mit großem Einsatz den perfekten Ehemann und Schwiegersohn. Auch seine Mutter beherrschte ihre Rolle glänzend. Sie erkundigte sich bei Katharinas Eltern nach der Gesundheit, fragte Julia nach der Arbeit und lächelte gerührt über die Kinder.
— Wissen Sie, — begann Hans, als der Nachtisch auf den Tisch kam, — ich war anfangs etwas beunruhigt, als meine Tochter so schnell heiraten wollte. Aber jetzt sehe ich, dass sie sich nicht geirrt hat. Thomas, du scheinst ein guter Familienmensch zu sein.
— Danke, Herr Wagner, — sagte Thomas bescheiden. — Ich bemühe mich, Ihrer Tochter gerecht zu werden.
Unter dem Tisch zerknüllte Katharina die Serviette in ihrer Hand.
Gerecht werden. Natürlich.
— Ich finde es so schön, wie Sie alle füreinander sorgen, — mischte sich Brigitte ein. — Frau Schneider hat erzählt, dass Katharina bei der Behandlung hilft. Das ist wirklich rührend. Nicht jede Schwiegertochter würde so etwas tun…
— Ach, sagen Sie das nicht! — Hannelore hob theatralisch die Hände. — Unsere Kathi ist Gold wert. So freundlich, so hilfsbereit, so großzügig. Ich liebe sie einfach!
— Was genau fehlt Ihnen denn? — fragte Julia. — Hoffentlich ist es nichts Gefährliches?
— Ach, die üblichen Altersbeschwerden, — antwortete Hannelore nachlässig. — Arthrose im Anfangsstadium. Die Ärzte haben teure Anwendungen verschrieben, aber was soll man machen? Zum Glück hat Kathi zugestimmt, mir zu helfen.
— Arthrose kann ernst werden, — sagte Hans und runzelte die Stirn. — So eine Behandlung muss man konsequent zu Ende führen.
Katharina stand vom Tisch auf.
— Entschuldigt mich kurz, ich sehe nach der Kaffeemaschine. Und ich schalte euch nebenbei etwas Interessantes ein.
Sie ging in den Flur, nahm ihr Telefon heraus und suchte die richtige Audiodatei. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie den Puls in den Schläfen spürte. Sie verband sich mit dem Audiosystem und drückte auf Wiedergabe.
Zuerst erklang ihre eigene Stimme aus den Lautsprechern. Dann folgten eine kurze Pause, ein Rascheln und Hannelores vergnügtes Lachen.
— Thomas, diesmal habe ich wieder Glück gehabt! Morgen vergoldet mir deine Frau erneut die Hand!
Auf der Terrasse wurde es augenblicklich vollkommen still. Katharina kehrte an den Tisch zurück und setzte sich ruhig auf ihren Platz. Alle sahen sie verständnislos an. Nur Thomas und seine Mutter wurden bleich wie die Wand.
— Wie viel bekommst du diesmal?
— Fünfhundert, wie immer. Es ist fast komisch, wie ehrlich sie sich um meine Gesundheit sorgt.
Brigittes Gesicht zeigte völlige Verwirrung. Julia öffnete fassungslos den Mund. Stefan zog die Brauen zusammen und versuchte zu begreifen, was er da hörte.
— Mama, du bist ein Genie! Diese Geschichte mit der Arthrose war wirklich großartig.
— Kathi, — fragte Hans leise, — was ist das für ein Gespräch?
Doch Katharina hob nur einen Finger. Die wichtigsten Sätze waren noch nicht gekommen.
— Was heißt hier Genie, — fuhr Hannelores Stimme fort. — Deine Frau ist einfach ein unglaublich gutgläubiges Dummchen. Allerdings ein sehr großzügiges Dummchen.
Stefan stellte sein Glas hart auf den Tisch. Seine Frau Sabine hielt sich die Hand vor den Mund. Katharinas Eltern saßen wie erstarrt da.
— Ich habe ja nicht ohne Grund eine wohlhabende Frau geheiratet! — ertönte Thomas’ Stimme klar aus den Lautsprechern.
— Thomas, — sagte Stefan heiser, — was soll das bedeuten?
Doch Thomas brachte kein Wort hervor. Er klammerte sich an die Tischkante und starrte seine Frau mit unverstelltem Entsetzen an.
— Warum, glaubst du, habe ich ihr so schnell einen Antrag gemacht? Ich wusste, so eine Frau bleibt nicht lange allein: schön, erfolgreich und gutherzig. So eine zweite Chance hätte ich vielleicht nie wieder bekommen.
Katharina griff nach der Fernbedienung und stoppte die Aufnahme.
— Ich denke, das reicht. Wobei danach noch eine besonders schöne Stelle über die Gans kommt, die goldene Eier legt.
Ein paar Sekunden lang schwieg jeder. Dann brachen mehrere Stimmen gleichzeitig los.
— Thomas, hast du völlig den Verstand verloren? — fuhr Stefan auf.
— Wie konnten Sie so etwas tun? — rief Brigitte empört.
— Kathi, ich verstehe überhaupt nichts, — sagte Julia verstört.
— Ruhe! — sagte Katharina laut, und im selben Moment verstummten alle. — Ich erkläre es jetzt. Vor drei Monaten bat mich meine liebe Schwiegermutter um finanzielle Hilfe. Sie behauptete, bei ihr beginne eine Arthrose und sie brauche teure Anwendungen, um Schlimmeres zu verhindern. Ich, das gutgläubige Dummchen, habe ihr geglaubt und ihr jeden Monat fünfhundert Euro überwiesen.
— Das macht in drei Monaten eintausendfünfhundert Euro, — rechnete ihr Vater langsam.
— Richtig. Außerdem bat sie mich vorgestern um weitere hundert Euro, angeblich für zusätzliche Medikamente. Und mein fürsorglicher Ehemann plante währenddessen, mich davon zu überzeugen, ihm ein Auto für fünfzigtausend Euro zu kaufen. Natürlich ausschließlich für berufliche Zwecke.
Hannelore fand endlich ihre Stimme wieder.
— Kathi, mein Kind, du hast das ganz falsch verstanden! Wir haben doch nur…
— Was genau habe ich falsch verstanden? — fragte Katharina mit eisiger Ruhe. — Dass Sie und Ihr Sohn mir drei Monate lang ein Theaterstück vorgespielt haben? Dass Sie gefälschte medizinische Unterlagen benutzt haben? Oder dass Sie mich hinter meinem Rücken eine naive Närrin genannt haben?
— Kathi, — begann Thomas, — ich kann dir alles erklären.
— Ich brauche keine Erklärungen mehr.
Katharina nahm die vorbereiteten Unterlagen aus ihrer Tasche.
— Hier sind die Kontoauszüge. Hier Kopien eurer gefälschten Bescheinigungen. Und hier liegt die vollständige Abschrift der Telefonaufnahme. Für euch habe ich zwei Nachrichten: eine schlechte und eine gute. Womit soll ich anfangen?
Thomas und seine Mutter schwiegen.
— Dann fange ich mit der schlechten an. Am Montag reiche ich die Scheidung ein. Thomas, du packst heute deine Sachen und verlässt mein Haus.
— Und die gute Nachricht? — fragte er kaum hörbar.
— Ich möchte meinen Namen vorerst nicht mit einem Strafverfahren verbinden, deshalb gehe ich nicht sofort zur Polizei. Ihr habt genau eine Woche Zeit, das erhaltene Geld in doppelter Höhe zurückzuzahlen. Dreitausendzweihundert Euro. Den zusätzlichen Betrag dürft ihr als Entschädigung für den Betrug und die seelische Demütigung betrachten.
— Dreitausendzweihundert Euro?! — kreischte Hannelore. — Wo sollen wir denn so viel Geld hernehmen?
— Das ist nicht mehr mein Problem. Nehmen Sie einen Kredit auf, leihen Sie es sich oder verdienen Sie es. Wenn das Geld in sieben Tagen nicht auf meinem Konto ist, gehen die Aufnahme und die Unterlagen an die Polizei. Betrug und gefälschte ärztliche Bescheinigungen sind keine Kleinigkeit. Thomas, von einem guten Ruf in der IT-Branche kannst du dich nach einer Verurteilung verabschieden. Welcher Arbeitgeber braucht schon einen Webdesigner mit so einer Geschichte?
Stefan stand langsam vom Tisch auf.
— Thomas, hast du jeden Rest von Anstand verloren? Wie konntest du so etwas machen?
— Stefan, warte…
— Ich will nichts hören! — Sein Bruder wandte sich an Katharina. — Es tut mir leid. Ich hatte keine Ahnung, dass er zu so etwas fähig ist. Sabine, Kinder, wir gehen. Ich schäme mich, mit ihnen unter einem Dach zu sitzen.

Stefans Familie verließ als Erste das Haus. Danach erhoben sich Katharinas Eltern.
— Kathi, — sagte Brigitte und umarmte ihre Tochter fest, — du machst das Richtige. So einen Verrat darf man nicht verzeihen.
— Wenn du Hilfe brauchst, ruf sofort an, — fügte Hans knapp hinzu. — Soll ich mit den beiden reden?
— Danke, Papa, aber das ist nicht nötig. Ich komme zurecht.
Julia und Markus gingen als Letzte. Vorher sagten sie Thomas und Hannelore noch deutlich, was sie von Verrat, Lügen und echten Familienwerten hielten.
Im Haus blieben nur drei Menschen zurück.
— Kathi, — begann Thomas erneut, — lass uns ohne Emotionen ruhig miteinander sprechen.
— Es gibt nichts mehr zu besprechen. Pack deine Sachen und fahr mit deiner Mutter.

— Aber ich kann wirklich erklären…
— Was genau? Dass du mich wegen meines Geldes geheiratet hast? Dass du mein Vertrauen weiter ausnutzen wolltest? Du begreifst nicht einmal jetzt, wie tief du gefallen bist.
Eine Stunde später verließen Thomas und Hannelore das Haus. Katharina blieb allein in den großzügigen Räumen zurück. Doch statt der erwarteten Leere fühlte sie eine seltsame Erleichterung. Als hätte sie endlich eine schwere Last aus Lügen, Täuschung und endlosem Schauspiel von den Schultern geworfen.
Fünf Tage später gingen dreitausendzweihundert Euro auf ihrem Konto ein. Hannelore hatte dafür einen Teil ihrer Ersparnisse auflösen müssen.
Thomas rief weiter an, bat um ein Treffen und schwor ihr, seine Liebe sei echt gewesen. Katharina nahm nicht mehr ab.
Inzwischen stellte „KathiStyle“ die neue Kollektion vor, und sie wurde zur erfolgreichsten in der Geschichte der Marke. Katharina verstand endlich, dass Alleinsein und Freiheit zwei völlig verschiedene Dinge sind.
Und die Freiheit gefiel ihr sehr viel besser.