Ihre Tochter fuhr zum Studium nach Berlin und kehrte nie zurück. Dreißig Jahre wartete die Mutter auf sie – bis sie eines Winterabends im Fernsehen plötzlich ein Gesicht sah, das sie niemals vergessen konnte
Sie verkaufte ihre Kuh, das letzte Tier, das ihr regelmäßig Milch und ein wenig Sicherheit gegeben hatte. Von dem Geld kaufte sie eine Fahrkarte und setzte sich in den Zug.
Fast einen ganzen Tag war sie unterwegs. Die Tasche mit den Sachen für ihre Tochter hielt sie so fest an sich, als könnte sie ihr jemand wegnehmen.
Berlin überwältigte sie schon in den ersten Minuten.
Menschen überall.
Lärm.
Autos.
Eile.
Und dann die U-Bahn.
Helga hatte in ihrem ganzen Leben noch keine gesehen.
Als sie die Treppe hinunterging und unter der Erde plötzlich zwischen all diesen Menschen stand, wusste sie nicht mehr weiter. Einer stieß sie an. Andere gingen einfach an ihr vorbei. Jemand sagte gereizt etwas Unfreundliches.
Helga stand mitten in der Halle und hielt einen zerknitterten Zettel in der Hand.
Darauf stand die Adresse des Studentenwohnheims.
Sie stammte aus einem Brief, der inzwischen drei Jahre alt war.
Mit großer Mühe fand Helga schließlich das Gebäude.
Am Empfang saß eine Frau, die kaum vom Tisch aufsah.
– Nein, hier wohnt niemand mit diesem Namen.
Helga klammerte sich an ihre Tasche.
– Aber meine Tochter hat hier gewohnt.
– Dann ist sie ausgezogen.
– Wohin?
Die Frau zuckte mit den Schultern.
– Woher soll ich das wissen? Die Leute kommen und gehen. Berlin ist groß. Sie müssen selbst suchen.
Und Helga suchte.
Sie ging zu verschiedenen Stellen, stellte Fragen, wartete vor Büros. An der Hochschule war das zuständige Büro geschlossen. Sprechzeiten gab es nur an zwei Tagen in der Woche.
Bei der Polizei sagte man ihr schließlich, ihre Tochter sei volljährig.
Wenn eine erwachsene Frau keinen Kontakt zu ihrer Familie haben wolle, könne man sie nicht dazu zwingen.
Nach fünf Tagen fuhr Helga zurück.
Ohne Tochter.
Ohne Kuh.
Fast ohne Geld.
Und mit einer Hoffnung, die nur noch wie ein dünner Faden in ihr hing.
Aufgehört zu warten hatte sie trotzdem nicht.
Die Jahre vergingen.
Das Dorf wurde leerer.
Die jungen Leute zogen fort. Manche gingen nach Schwerin, manche nach Rostock, manche nach Hamburg oder Berlin.
Zurück blieben vor allem die Alten.
Die Häuser verfielen langsam. Zäune kippten. Das kleine Kulturhaus wurde geschlossen. Die Dorfschule wurde mit der Schule des Nachbarortes zusammengelegt, und die wenigen Kinder fuhren nun mit dem Bus zum Unterricht.
Der frühere Landwirtschaftsbetrieb verschwand.
Der kleine Laden öffnete nur noch an einigen Tagen in der Woche.
Helga lebte weiter.
Sie bestellte ihren Garten.
Sie heizte den Ofen.
Und samstags ging sie zur Haltestelle.
Die Nachbarn hatten längst aufgehört, sie jedes Mal davon abbringen zu wollen. Aber manchmal konnte Tante Ruth ihre Gedanken doch nicht für sich behalten.
– Helga, du machst dich noch kaputt damit, sagte sie einmal, als sie eigentlich nur etwas Salz holen wollte und dann doch sitzen blieb. – Deine Katrin kommt nicht. Vielleicht lebt sie inzwischen nicht einmal mehr…
Ruth brach ab.
Doch Helga hatte verstanden.
– Sie lebt, sagte sie ruhig. – Das spürt eine Mutter.
– Gut. Nehmen wir an, sie lebt. Aber was bringt dir das? Wenn sie wollte, hätte sie geschrieben. Oder sie wäre gekommen. Wenigstens angerufen hätte sie. Telefone gibt es schließlich überall.
Inzwischen hatte auch Helga ein Telefon.
Nachdem im Dorf neue Leitungen gelegt worden waren, ließ sie sich einen Anschluss legen. Auf dem kleinen Tisch im Flur stand nun ein schwarzes Gerät.
Und damit begann eine zweite Form des Wartens.
Helga wartete auf den Bus.
Und auf das Klingeln.
Aber das Telefon blieb meistens still.
Manchmal rief Tante Ruth an und fragte, wie es ihr gehe.
Katrin rief nie an.
2005 bat Helga schließlich einen jungen Mann aus der Nachbarschaft, der sich mit Computern und dem Internet auskannte, nach ihrer Tochter zu suchen.
Stundenlang saß er vor dem Bildschirm, tippte Namen ein, öffnete Seiten, verglich Daten.
Irgendwann fand er eine Katharina mit einem ähnlich klingenden Nachnamen.
Doch sie lebte nicht in Berlin, sondern in München. Außerdem stimmten andere Angaben nicht.
– Vielleicht ist sie es trotzdem? fragte der junge Mann vorsichtig.
Helga betrachtete das schlecht aufgelöste Foto.
Darauf war eine Frau in einem strengen Hosenanzug zu sehen.
Helga beugte sich näher heran.
Für einen Moment zog etwas schmerzhaft durch ihre Brust.
– Ich weiß es nicht, sagte sie leise. – Sie sieht ihr ähnlich. Aber ich weiß es nicht.
Der Nachbarsjunge schrieb der Frau eine Nachricht.
Die Antwort kam erstaunlich schnell.
„Sie verwechseln mich. Ich komme nicht aus Mecklenburg. Ich bin in Berlin aufgewachsen. Bitte schreiben Sie mir nicht mehr.“
Damit war auch diese Spur beendet.
Helga legte den Ausdruck in die unterste Schublade ihrer Kommode.
Und wartete weiter.
Noch viele Jahre gingen vorbei.
Als Helga fünfundsiebzig wurde, lebte sie noch immer in ihrem alten Haus.
Den Ofen machte sie selbst an. Im Garten arbeitete sie weiter, auch wenn ihr die Kräfte von Jahr zu Jahr schneller ausgingen.
Zur Bushaltestelle schaffte sie es inzwischen nicht mehr jeden Samstag.
Die Knie schmerzten.
Ihr Rücken war krumm geworden.