In der Nacht ihrer Hochzeit hob die Braut ihr Glas, während ihr Bräutigam plötzlich zu taumeln begann – und nur sie wusste, dass seine letzten Minuten längst begonnen hatten
Nina hielt ihr Glas so behutsam, als bestünde es nicht aus Kristall, sondern aus einem hauchdünnen Netz, das bei einem einzigen falschen Atemzug zerreißen konnte. Wenn Glas an Glas stieß, schien der helle Klang alles andere zu verschlucken: die Musik, das Gelächter und sogar den eigenen Herzschlag.
Gregor trank als Erster. Ein langer, selbstsicherer Schluck, genau wie alles, was er in seinem Leben getan hatte – ohne Zögern, mit jener entschlossenen Ruhe, die ihn stets begleitet hatte. Der Wein glitt ihm über die Kehle und ließ auf seinen Lippen einen feuchten Schimmer zurück, ähnlich der Spur, die ein Regentropfen auf einem Blatt hinterlässt.
Nina nippte kaum an ihrem eigenen Glas. Der klare Wein war kühl und herb, und auf ihrer Zunge schmeckte er wie ein Echo aus einer fernen Zeit. Ihr erster Ehemann hatte auf dieselbe Weise getrunken. Vor zwei Jahren hatte ebenfalls ein Glas vor ihr gestanden. Danach waren die Rennstrecke gekommen, der plötzliche Unfall und die defekten Bremsen. Und Gregor, der in ihr Leben getreten war – zu passend, zu geschickt, wie ein Schatten, der genau in dem Augenblick erscheint, in dem das Licht erlischt.
Nun stellte er sein Glas auf die weiße Tischdecke. Die Finger, die eben noch schwer und beinahe besitzergreifend auf ihrem Knie gelegen hatten, zitterten plötzlich. Nur ganz leicht. Fast unsichtbar. Doch Nina bemerkte es. Sie hatte immer auf solche Kleinigkeiten geachtet: auf das Zittern einer Wimper, einen Atemzug, der aussetzte, auf ein fremdes Spiegelbild, das nur für den Bruchteil einer Sekunde in einer Pupille aufflackerte.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie leise und beugte sich zu ihm. Der Rand ihres Schleiers glitt von seiner Schulter. Das feine Gewebe kam ihr auf einmal schwer vor, als hätte es die Wärme und den Schweiß eines anderen Menschen aufgenommen.
Gregor lächelte. Sein Lächeln war makellos – gerade Zähne, vertraute Selbstsicherheit. Doch seine Augen ließen sich davon nicht täuschen. Sie blieben leer, wie die Fenster eines Hauses, in dem vor langer Zeit das letzte Licht gelöscht worden war.
„Natürlich, mein Schatz. Mir ist nur ein wenig schwindelig. Zu viele Trinksprüche.“
Er fuhr sich über die Stirn. Die Bewegung war langsam, als müsse seine Hand sich durch Wasser kämpfen. In diesem Moment kippte in Nina etwas um. Es war weder Freude noch Erleichterung. Eher etwas Kaltes, Scharfes – wie eine Klinge, die endlich in die richtige Hand gefallen war.
Am meisten hatte sie diesen Augenblick gefürchtet: dass er weitertrinken würde. Dass das Gift wirkte. Dass das, was eigentlich für sie bestimmt gewesen war, nun in seinem eigenen Körper zu arbeiten begann.
Die Musik schien zäh und schwer zu werden. Die Luft im Saal verdichtete sich. Die Gäste riefen „Küsst euch!“, doch ihre Stimmen drangen nur gedämpft zu Nina, als kämen sie durch eine Glasscheibe. Sie beobachtete, wie Gregor sich zu erheben versuchte und sich dabei an der Tischkante festhielt. Auf dem weißen Tischtuch blieben kaum sichtbare feuchte Spuren zurück.
Schweiß. Jetzt schon.
„Komm, wir tanzen“, sagte er. Beim letzten Wort brach seine Stimme leicht, wie ein trockener Ast unter einem Schuh.
Nina stand auf. Der Stoff ihres Kleides raschelte wie dürres Laub. Unter dem Tisch spürte sie, wie seine Hand erneut nach ihr suchte. Doch sein Griff war nicht mehr derselbe. Seine Finger glitten über sie hinweg, ohne Halt zu finden.
Sie ließ sich von ihm in die Mitte des Saals führen, obwohl sich in ihrem Inneren alles dagegen sträubte. Sie wollte sehen, wie es weiterging.
Unter dem Kronleuchter, dessen kaltes Licht auf den Tanzenden lag, schlang Gregor den Arm um ihre Taille. Seine Hand war heiß und feucht. Sein Atem ging unregelmäßig. Er zog sie enger an sich, als es der Tanz verlangte, und Nina nahm einen neuen Geruch wahr: nicht sein Parfüm, sondern etwas Metallisches, Scharfes, beinahe Medizinisches.
„Du … du warst immer mein“, flüsterte er an ihrem Ohr. Jedes Wort schien er mühsam aus der Kehle pressen zu müssen. „Nach ihm … nach dem Unfall. Du weißt es doch.“
Nina antwortete nicht. Sie drückte nur seine Schulter etwas fester und spürte unter dem Stoff seines Anzugs das feine, unkontrollierte Zucken seiner Muskeln.
Im Spiegel gegenüber, hinter den vorbeidrehenden Paaren, sah sie Michael. Der alte Mann stand reglos neben dem Eingang. Ihre Blicke trafen sich nur für einen Atemzug. In seinen Augen lag weder Angst noch Triumph. Nur das müde Wissen eines Menschen, der viel zu lange geschwiegen hatte.
Gregor stolperte plötzlich. Kaum merklich. Nina fing ihn sofort auf und lächelte dabei weiter in Richtung der Gäste, als wäre es lediglich eine unbeholfene Bewegung eines frisch verheirateten Mannes.
Doch in ihm, dort, wo früher nur Leere gewesen war, entstand langsam etwas anderes. Keine Rache. Kein Triumph. Nur eine klare Erkenntnis: Das Rad, das er einst selbst in Bewegung gesetzt hatte, kehrte zu ihm zurück.
Und diesmal stand ihm nicht die Braut im Weg. Auch kein Opfer.