„Dann fahrt eben zu dritt“ – nachdem ihre Schwiegermutter heimlich den dritten Platz im Hotel und im Urlaub an sich gerissen hatte, buchte Clara kurzerhand ein eigenes Zimmer und zeigte ihrem Mann, was seine Ehe wirklich wert war

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„Dann fahrt eben zu dritt“ – nachdem ihre Schwiegermutter heimlich den dritten Platz im Hotel und im Urlaub an sich gerissen hatte, buchte Clara kurzerhand ein eigenes Zimmer und zeigte ihrem Mann, was seine Ehe wirklich wert war

— Clara, welchen Koffer willst du eigentlich mitnehmen – den großen oder den kleinen? Ich habe meinen fast fertig gepackt.

Brigitte stand in der Schlafzimmertür und hielt ihren weinroten Rollkoffer am Griff fest. Der Deckel war noch geöffnet. Darin lagen zwei Sonnenhüte, eine warme Strickjacke für „den Abend, weil es in den Bergen kühl wird“, eine Tüte mit selbst gemachten Frikadellen und eine Plastikdose voller gekochter Eier.

Es war halb zehn am Abend.

Der Zug würde übermorgen um 21.40 Uhr abfahren.

Clara hatte gerade den Reißverschluss ihres eigenen Koffers geschlossen und richtete sich langsam auf. Ihre müde Hand lag dabei auf dem schmerzenden unteren Rücken.

— Frau Berger, entschuldigen Sie, aber wohin wollen Sie eigentlich fahren?

— Wohin wohl? — Die Schwiegermutter lachte ehrlich überrascht auf. Dabei rutschte ihr breites Armband beinahe bis zum Ellenbogen. — Mit euch natürlich, mein Kind! Thomas hat doch auch für mich eine Fahrkarte gekauft. Ich war seit bestimmt zwanzig Jahren nicht mehr in dem Bergkurort, damals noch mit meinem verstorbenen Heinrich. Aber mach dir keine Sorgen, ich werde euch nicht stören. Ich sitze ganz still irgendwo in meiner Ecke.

Clara drehte langsam den Kopf zu ihrem Mann.

Thomas stand mit dem Rücken zum Zimmer am Fenster und betrachtete den Innenhof mit einer Aufmerksamkeit, als gäbe es dort etwas höchst Interessantes zu sehen.

Dabei war der Hof völlig leer. Sogar das Auto der Nachbarn war verschwunden.

— Thomas.

— Hm?

— Du hast deiner Mutter eine Fahrkarte gekauft?

Endlich wandte er sich um.

Sein Gesichtsausdruck beantwortete die Frage sofort.

Genau so schuldbewusst hatte Thomas ausgesehen, als er einmal einen völlig überflüssigen Bohrhammer mit nach Hause gebracht oder gestanden hatte, versehentlich ein Jahresabo für einen privaten Angelsee bezahlt zu haben.

— Clara, ich wollte es dir noch sagen, begann er.

Dann verstummte er.

Brigitte hatte ihren Koffer inzwischen ins Schlafzimmer gerollt und direkt auf dem Bett abgestellt.

Auf Claras Sachen, die seit dem Nachmittag ordentlich dort lagen.

— Was gibt es da noch zu erzählen? — mischte sich die Schwiegermutter fröhlich ein. — Mein Thomas ist eben ein tüchtiger Junge und hat alles allein geregelt. Wir haben sogar ein Dreibettzimmer bekommen. Stell dir vor, das ist am Ende sogar günstiger! Ich habe gleich zu ihm gesagt: „Junge, warum soll ich allein zu Hause sitzen? Ich fahre einfach mit euch. Und nebenbei passe ich auf, dass ihr euch dort nicht mit ungesundem Essen vollstopft.“

Clara hatte diese Reise acht lange Monate lang geplant.

Das Geld hatten sie von zwei Gehältern zurückgelegt.

Thomas sparte aus seiner Arbeit in der Autowerkstatt.

Clara nahm ihr Geld aus dem kleinen Kreiskrankenhaus, wo sie zusätzlich Nachtdienste übernahm, obwohl ihr normaler Dienstplan sie bereits mehr als genug beanspruchte.

Die Ersparnisse lagen in einem Umschlag, der in einem Buch im Regal steckte.

Manchmal wurde dieser Umschlag auffällig dünn.

Einmal musste dringend die Küche repariert werden.

Dann gab die Waschmaschine endgültig den Geist auf.

Und zwischendurch brauchte Brigitte eine teure Gelenkcreme – natürlich genau von der Marke, die sie immer benutzte.

Doch langsam füllte sich der Umschlag jedes Mal wieder.

Clara hatte sogar einen eigenen Ordner dafür.

Es war nur ein gewöhnlicher Pappordner, auf dem mit Bleistift „Bergland“ stand.

Darin lagen ausgedruckte Hotelangebote, Zugverbindungen, Preise für die warmen Quellen und ein Foto von einem Zimmer mit Balkon.

Wegen dieses Zimmers hatten sie eines Abends stundenlang diskutiert. Der Unterschied betrug vierzig Euro, und Thomas hielt den Aufpreis für vollkommen unnötig.

Außerdem hing am Kühlschrank ein kleiner Kalender.

Thomas selbst hatte ihn im März aufgehängt.

Und er war es gewesen, der begonnen hatte, die Tage bis zum Urlaub durchzustreichen.

In letzter Zeit vergaß er das manchmal und strich dann gleich zwei oder drei Zahlen auf einmal durch.

Unten stand trotzdem immer eine neue Notiz in seiner großen, kantigen Handschrift:

„Noch 71 Tage.“

„Noch 40 Tage.“

Die Idee hatte von ihm gestammt.

Wenn Clara nach einer Nachtschicht nach Hause kam, entdeckte sie die nächste Zahl und musste oft mitten im dunklen Flur lächeln, noch bevor sie ihre Schuhe ausgezogen hatte.

Zwanzig Jahre Ehe.

Und zum ersten Mal seit zehn Jahren wollten sie ihren Urlaub wirklich nur zu zweit verbringen.

Ohne Verwandte.

Ohne fremde Wünsche.

Ohne sich nach jemand anderem richten zu müssen.

— Also günstiger, wiederholte Clara langsam.

— Natürlich günstiger! — Brigitte strahlte. — Ich habe uns übrigens schon ein richtig schönes Programm zusammengestellt. Am ersten Tag fahren wir unbedingt in die nahe gelegene Burgstadt und besichtigen das Schloss. Was ist ein Urlaub ohne eine Burg? Am zweiten Tag geht es zum Bergsee. Ich habe nachgefragt, vom Hotel fährt ein Bus dorthin. Und am dritten Tag besuchen wir die Weinkeller, dort gibt es eine Verkostung. Abendessen werden wir selbstverständlich immer gemeinsam. Ich mag es, wenn die ganze Familie an einem Tisch sitzt.