„Dann fahrt eben zu dritt“ – nachdem ihre Schwiegermutter heimlich den dritten Platz im Hotel und im Urlaub an sich gerissen hatte, buchte Clara kurzerhand ein eigenes Zimmer und zeigte ihrem Mann, was seine Ehe wirklich wert war

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„Dann fahrt eben zu dritt“ – nachdem ihre Schwiegermutter heimlich den dritten Platz im Hotel und im Urlaub an sich gerissen hatte, buchte Clara kurzerhand ein eigenes Zimmer und zeigte ihrem Mann, was seine Ehe wirklich wert war

— Sie haben das alles schon herausgefunden?

— Wie sollte ich sonst fahren? Ich will meine Zeit schließlich sinnvoll verbringen und nicht nur herumliegen.

Brigitte tätschelte ihrem Sohn liebevoll den Arm.

— Thomas, vergiss die Sonnencreme nicht. Deine Nase verbrennt doch jedes Mal, und danach schält sich die Haut.

Im Mai war Thomas neunundvierzig geworden.

Clara sah auf den weinroten Koffer, der auf ihrem Kleid stand.

Auf die beiden Hüte, die aus dem geöffneten Fach ragten.

Auf die Frau, die bereits drei Tage ihres siebentägigen Urlaubs verplant hatte und offensichtlich gerade dabei war, auch die übrigen vier festzulegen.

Ohne etwas zu sagen, zog Clara vorsichtig ihre Kulturtasche unter dem fremden Koffer hervor und stellte sie auf die Kommode.

— Mama, stell den Koffer bitte von Claras Sachen herunter, sagte Thomas.

— Ach, was soll denn da schon zerknittern?

Brigitte machte keinerlei Anstalten, ihn zu bewegen.

— Da liegen doch nur Badeanzüge. Clara, diese Shorts solltest du übrigens lieber zu Hause lassen. Die passen nicht mehr zu deinem Alter. Die Leute schauen doch hin.

— Nicht mehr zu meinem Alter? fragte Clara.

— Na ja, du bist immerhin fünfundvierzig! — Brigitte lächelte nachsichtig. — Ich meine es doch nur gut. Wir sind schließlich Familie.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon.

Brigitte tat, was sie immer tat: Sie schaltete die Freisprechfunktion ein.

Auf dem linken Ohr hörte sie schlecht und behauptete, bei dieser Einstellung käme der Ton „gleich in beide Ohren“.

Die Stimme aus dem Lautsprecher erfüllte das ganze Schlafzimmer.

— Gisela, hallo! Ja, ich fahre mit ihnen! verkündete Brigitte begeistert.

Ihre Stimme klang nun anders.

Noch lauter, sicherer, beinahe triumphierend.

— Es hat geklappt, genau wie ich gesagt habe! Ich habe mich durchgesetzt. Thomas war zuerst unsicher, weil seine Frau ständig so unzufrieden schaut – du kennst sie ja. Da habe ich zu ihm gesagt: „Junge, eure Hochzeitstagfeier ist schön und gut, aber deine Mutter wird nicht allein zu Hause sitzen.“

Thomas machte einen Schritt auf seine Mutter zu.

Doch aus irgendeinem Grund blieb er mitten im Zimmer stehen.

— Wir haben jetzt ein gemeinsames Zimmer, fuhr Brigitte fort. — Ich schlafe direkt neben ihnen, damit sie dort keine Dummheiten machen. Sie sind seit zwanzig Jahren verheiratet und haben immer noch keine Kinder. Wozu brauchen sie jetzt noch ihre Zweisamkeit?

Im Zimmer wurde es vollkommen still.

Über dieses Thema sprach in ihrer Familie niemand laut.

Seit zwanzig Jahren umgingen sie es wie eine tiefe Grube mitten auf einem vertrauten Weg.

Jeder wusste genau, wo sie lag.

Und jeder versuchte, nicht hineinzutreten.

Clara hatte alles allein durchstehen müssen.

Mit dreißig.

Und später noch einmal mit fünfunddreißig.

Sie hatte gelernt, den Rücken gerade zu halten und zu lächeln, wenn Kolleginnen im Krankenhaus Fotos ihrer Kinder und Enkel zeigten.

Sie hatte gelernt, auf unangenehme Fragen zu antworten.

Sie hatte gelernt zu schweigen, wenn sie eigentlich weinen wollte.

Und nun war das Kostbarste und Schmerzhafteste, das sie besaß, mitten in ihrem Schlafzimmer ausgesprochen worden.

Laut.

Für irgendeine Gisela.

— Gut, ich küsse dich! Eine Ansichtskarte schicke ich dir ganz bestimmt! beendete Brigitte das Gespräch fröhlich.

Sie legte auf und drehte sich um.

Clara sah sie direkt an.

Einige Sekunden sagte niemand etwas.

— Ach, das war doch nur so dahingesagt, lächelte Brigitte hastig. Ihre Stimme wurde wieder weich und süß. — Ich habe mit Gisela gesprochen. Sie hört fast gar nichts mehr, deshalb muss ich eben so laut reden.

— Ich habe alles gehört, sagte Clara leise.

— Was hast du gehört, mein Kind?

— Alles.

Brigitte winkte achtlos ab.

— Um Gottes willen, ich wollte dich doch nicht verletzen! Thomas, erklär du es ihr bitte!

Thomas sah wieder zum Fenster.

Der Innenhof war noch immer leer.

— Mama wollte dich nicht kränken, sagte er schließlich.

Clara setzte sich auf die freie Bettkante.

Die andere Hälfte wurde weiterhin von Brigittes Koffer beansprucht.

Sie öffnete auf ihrem Handy die Buchungsbestätigung.

Drei Gäste.

Ein Zimmer.

„Familienzimmer mit drei Betten“.

Vor zwanzig Jahren hatte Thomas sie vor dem Standesamt über eine riesige Pfütze getragen, damit ihre Hochzeitsschuhe sauber blieben.

Er hatte sich damals so angestrengt, dass sein Gesicht rot geworden war, während die Gäste lachend applaudierten.

Clara erinnerte sich noch genau an diesen Tag.

Ihr Mann war kein schlechter Mensch.

Er war gutherzig.

Nur war er zu nachgiebig.

Und ein nachgiebiger Mensch gibt immer dort nach, wo der Druck am größten ist.

Der stärkste Druck auf Thomas kam allerdings nicht von seiner Frau.

Clara schloss die Buchungsbestätigung.

Dann öffnete sie die Hotelsuche.

Derselbe Kurort.

Dieselben Reisedaten.

Eine erwachsene Person.

Ein Einzelzimmer.

— Was tippst du da die ganze Zeit? fragte Brigitte neugierig und reckte den Hals. — Suchst du Ausflüge? Ich habe doch schon alles organisiert. Du musst dein Internet nicht verschwenden.

— Ich sehe nur nach, antwortete Clara knapp.