Jeden Abend zwang ihr Mann sie, aus derselben Flasche zu trinken – erst nach seinem Tod erfuhr sie, was wirklich in dem Glas gewesen war
Am Anfang hatte es für sie beinahe romantisch gewirkt. Jeden Abend tranken sie gemeinsam etwas, ein kleines Ritual, mit dem Matthias offenbar einen weiteren Tag ihres gemeinsamen Lebens besiegeln wollte.
„Ein Getränk für jeden Tag, den wir miteinander verbringen“, sagte er immer wieder.
Doch im Laufe der Jahre veränderte sich dieser abendliche Brauch.
Es war längst keine Einladung mehr.
Es war zu einer Pflicht geworden.
Ganz gleich, wie erschöpft sie war, ob sie sich krank fühlte oder Schmerzen hatte – Matthias stellte ihr das Glas hin und wartete.
Schweigend.
Geduldig.
Mit einer ruhigen Beharrlichkeit, die ihr mit der Zeit immer unheimlicher wurde.
Das Getränk roch scharf und fremd. Manchmal blieb ein eigenartiger metallischer Geschmack auf ihrer Zunge zurück. Nach einigen Schlucken brannte es in ihrem Mund, und dieses Brennen hielt oft lange an.
Doch es gab noch etwas, das sie nicht vergessen konnte.
Matthias bot dieses Getränk niemals jemand anderem an.
Wenn Freunde oder Verwandte zu Besuch kamen, war die Flasche plötzlich verschwunden.
Erst wenn die Gäste gegangen und die Haustür wieder verschlossen war, tauchte sie erneut auf.
Der Tag, an dem aus ihrem Verdacht Gewissheit zu werden schien
Eines Abends, ihre Tochter Sophie war damals noch ein Teenager, wollte sie an der Flüssigkeit in der Flasche riechen.
Sophie hatte kaum die Hand danach ausgestreckt, da riss Matthias ihr die Flasche auch schon aus den Fingern.
So hastig und grob, dass alle im Raum erstarrten.
Noch nie hatte jemand ihn so erlebt.
In diesem Augenblick breitete sich in der Frau zum ersten Mal echte Angst aus.
Einige Tage später beschloss sie, selbst herauszufinden, was Matthias ihr jeden Abend gab.
Statt den Inhalt ihres Glases zu trinken, schüttete sie ihn heimlich in den Blumentopf einer Zimmerpflanze.
Am nächsten Morgen waren die Blätter schwarz geworden.
Fast jedes einzelne.
Lange stand sie vor dem verwelkten Gewächs und konnte den Blick nicht davon lösen.
Ihre Hände begannen zu zittern.
Den ganzen Tag suchte sie nach Informationen über Substanzen, die einen Menschen langsam und unauffällig krank machen konnten.
Dabei dachte sie an die Schwindelanfälle zurück.
An die unerklärliche Kraftlosigkeit.
An die ständige Müdigkeit, die sie bisher ihrem Alter und ihrer Arbeit zugeschrieben hatte.
Immer wieder drängte sich derselbe furchtbare Gedanke in ihr Bewusstsein:
Was, wenn Matthias all die Jahre versucht hatte, ihr zu schaden?
Die letzten Worte eines Sterbenden
Die Wahrheit erfuhr sie erst, als es beinahe zu spät war.
In ihrem fünfunddreißigsten gemeinsamen Winter erlitt Matthias einen schweren Herzinfarkt.
Er wurde ins Krankenhaus gebracht.
Selbst dort rief er jeden Abend pünktlich um neun Uhr an.
Und jedes Mal stellte er dieselbe Frage:
„Hast du dein Getränk getrunken?“
Sie antwortete:
„Ja.“
Dabei hatte sie zu diesem Zeitpunkt seit mehreren Tagen keinen einzigen Schluck mehr davon genommen.
Vielleicht wusste Matthias, dass sie ihn belog.
Er sagte jedoch nichts.
Wenige Stunden vor seinem Tod bat er sie, näher zu kommen.
Das Sprechen fiel ihm schwer.
„Versprich mir, dass du weitermachst“, flüsterte er.
Sie schloss ihre Finger um seine Hand.
„Matthias, sag mir endlich, was in dieser Flasche ist.“
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
Lange blieb er stumm.
Dann sagte er leise:
„Das ist die einzige Wahrheit, die ich mich all die Jahre nicht getraut habe, dir zu erzählen.“
Sie wollte weiterfragen.
Doch Matthias drückte nur noch fester ihre Finger.
Es war die letzte Berührung, die sie miteinander hatten.
Einige Stunden später war er tot.
Nach der Beerdigung nahm sie die Flasche an sich und brachte sie in ein privates Labor.
Man sagte ihr, die Untersuchung werde einige Tage dauern.
Am dritten Tag rief man sie an und bat sie, persönlich zu erscheinen.
Am besten nicht allein.
Sie nahm Sophie mit.
Im Untersuchungszimmer schloss der Arzt die Tür, legte die Unterlagen vor ihnen auf den Tisch und schwieg zunächst.
Die Frau war sicher, gleich das Schlimmste zu hören.
Doch seine ersten Worte trafen sie völlig unvorbereitet.
„Es ist kein Gift.“
Sie starrte ihn an.
„Was?“
„In der Flasche befindet sich ein speziell hergestelltes Medikament. Es wird bei einer äußerst seltenen erblichen Erkrankung eingesetzt.“
Sophie wandte sich als Erste ihrer Mutter zu.
Die Frau verstand kein Wort.
Der Arzt begann, die Zusammenhänge zu erklären.
Im ersten Jahr ihrer Ehe war sie eines Tages ohnmächtig geworden.
Bei den anschließenden Untersuchungen hatten die Ärzte eine seltene Erbkrankheit festgestellt – dieselbe Krankheit, an der einst ihre Mutter gestorben war.
Der Befund hatte sie damals so schwer getroffen, dass sie jede Behandlung ablehnte.
Sie wollte keine Tabletten nehmen.
Sie wollte nicht mehr zu Ärzten gehen.
Nicht einmal über die Krankheit sprechen wollte sie.
Mit der Zeit hatte sie diesen Abschnitt ihres Lebens beinahe aus ihrem Gedächtnis verdrängt.
Matthias hatte ihn nicht vergessen.
Er erinnerte sich an alles.
Er suchte einen Spezialisten.
Er nahm Kontakt zu Ärzten auf.
