Mit siebenundsechzig reiste ich allein nach Malta, um endlich wieder Ja zum Leben zu sagen – dann verliebte ich mich in einen Mann und hörte zufällig, warum unsere Begegnung niemals ein Zufall gewesen war

Выкл. Автор ChatGpt
Mit siebenundsechzig reiste ich allein nach Malta, um endlich wieder Ja zum Leben zu sagen – dann verliebte ich mich in einen Mann und hörte zufällig, warum unsere Begegnung niemals ein Zufall gewesen war

„Es waren mehr als vierzig.“

Der Innenhof schien unter mir zu schwanken.

Clara ging leise zurück ins Restaurant und ließ David und mich allein.

Ich sah den Umschlag an.

„Hat Michael deiner Frau geschrieben?“

„Viele Jahre lang.“

„Wie viele genau?“

Davids Augen füllten sich mit Tränen.

„Fast elf Jahre.“

Ich schob den Umschlag von mir weg.

„Nein.“

„Ich wünschte, ich könnte mich irren.“

„Nein. Michael konnte mich nicht elf Jahre lang betrogen haben.“

David widersprach mir nicht.

Und für einige Augenblicke hasste ich ihn genau deshalb.

Ich wollte, dass er meinen Mann verteidigte.

Ich wollte, dass er behauptete, die Briefe seien missverstanden worden.

Dass Ruth und Michael lediglich alte Bekannte gewesen waren.

Was auch immer zwischen ihnen geschehen war, ich wollte hören, dass es nichts mit unserer Ehe zu tun gehabt hatte.

Doch David sagte nur:

„Sie lernten sich auf einer Konferenz in Valletta kennen.“

Sofort erinnerte ich mich an diese Reise.

Damals arbeitete Michael für eine Schifffahrtsgesellschaft. Er musste oft in verschiedene Städte fliegen.

Ich war zu Hause bei unserer Tochter Rebecca geblieben, die gerade eingeschult worden war.

Michael rief jeden Abend an.

Zumindest hatte ich das immer geglaubt.

David fuhr fort:

„Ruth war hier, um ihre Schwester zu besuchen. In diesem Restaurant begegnete sie Michael.“

Ich ließ den Blick über den Innenhof schweifen.

Alte Mauern aus hellem Stein.

Blühende Pflanzen, die sich um die Bögen rankten.

Durch einen Durchgang war der Hafen zu sehen.

Hier hatte mein Mann die Frau eines anderen Mannes kennengelernt.

„Haben sie sich danach wiedergesehen?“, fragte ich.

„Mehrmals.“

„Hier?“

„Hier. In London. In Paris. Und einmal in Boston.“

Boston.

Ich dachte an jene Reise zurück.

Michael war mit einem roten Schal nach Hause gekommen und hatte gesagt, er habe ihn während eines Zwischenstopps gekauft, weil er mich so vermisst habe.

Ich trug diesen Schal seit zwanzig Jahren.

Ich presste die Hände vor den Mund.

David sah zur Seite.

„Haben sie miteinander geschlafen?“

„Ich weiß es nicht.“

„Lüg mich nicht noch einmal an.“

Er hob den Blick und sah mir in die Augen.

„Ja.“

Diese Antwort zerstörte etwas in mir.

Nicht laut.

Es gab keinen ohrenbetäubenden Knall.

Nur stürzte in meinem Leben etwas lautlos ein, von dem ich geglaubt hatte, es sei längst abgeschlossen.

Michael war neben mir gestorben.

Der Krebs hatte ihn mir langsam genommen.

Ich hatte ihn mit Suppe gefüttert, als er den Löffel nicht mehr selbst halten konnte.

Ich hatte ihm die Haare gewaschen.

Ich hatte sein Bett neu bezogen.

Im Hospiz hatte ich auf einem Stuhl neben seinem Bett geschlafen.

Am letzten Morgen hatte er meine Hand gedrückt und geflüstert:

„Du bist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist.“

Ich hatte ihm geglaubt.

Vielleicht hatte ein Teil von mir ihm bis zu diesem Augenblick geglaubt.

Und genau das war das Grausamste daran.

„Warum endete es?“, fragte ich.

„Ruth sagte, sie hätten sich entschieden, bei ihren Familien zu bleiben.“

„Wie edel.“

David zuckte zusammen.

„Ihre Beziehung endete vor einundzwanzig Jahren.“

„Und trotzdem schrieben sie sich weiter?“

„Eine Zeit lang. Die letzten Briefe waren größtenteils Entschuldigungen.“

„Baten sie einander um Vergebung?“

„Meistens, ja.“

Ich sah wieder auf den Umschlag.

„Und dieser Brief?“

„Michael hat ihn für dich geschrieben.“

„Warum hat er ihn mir nicht gegeben?“

„Ich glaube, er gab ihn Ruth, weil er Angst hatte.“

„Angst vor mir?“

„Angst, dich zu verlieren.“

Ich lächelte bitter.

„Elf Jahre lang riskierte er, mich zu verlieren.“

„Ich verstehe.“

„Nein, David. Du weißt, was deine Frau getan hat. Aber du weißt nicht, was mein Mann mir angetan hat.“

Er nahm meine Worte hin, ohne sich zu verteidigen.

Dadurch wurde es für mich immer schwieriger, meine Wut nur auf ihn zu richten.

„Wusste Ruth, dass Michael gestorben ist?“

„Ja.“

„Woher?“

„Sie verfolgte eure Familie im Internet.“

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.

„Deshalb hast du mich erkannt?“

David nickte.

„In der Kiste lagen Fotos. Auf einem waren du und Michael bei der Hochzeit eurer Tochter. Auf einem anderen bei einer Feier zu eurem Hochzeitstag.“

Hochzeit.

Ich stand auf.

„Als du mich in Valletta mit der verdrehten Karte gesehen hast, wusstest du also genau, wer ich war.“

„Ja.“

„Du hast gelacht und gefragt, ob ich zum ersten Mal auf Malta sei.“

„Ja.“

„Und du hast so getan, als wären wir völlig fremd.“

„Ich wollte mich vorstellen und dir den Umschlag geben.“

„Aber das hast du nicht getan.“

„Nein.“

„Warum?“

David blickte in Richtung Hafen.

„Weil du mich angelächelt hast.“

Ich wartete auf eine Erklärung.

„Es klingt jetzt lächerlich“, sagte er. „Aber du sahst zuerst verwirrt aus und musstest dann über dich selbst lachen. Monatelang hatte ich dich mir nur anhand deines Namens auf dem Umschlag vorgestellt. Und plötzlich stand ein lebendiger Mensch vor mir.“

„Also hast du mich auf einen Kaffee eingeladen.“

„Ich redete mir ein, es sei nur ein Kaffee.“

„Dann wurde daraus ein Frühstück.“

„Ja.“

„Die Fahrt nach Gozo.“

„Ja.“