Mit zweiundsechzig begriff ich plötzlich: Mein Leben war nicht vorbei – es fing gerade erst an
Dieser Satz traf mich härter, als ich erwartet hätte.
„Was soll das heißen?“, flüsterte ich.
Sie öffnete die Akte und legte mehrere Fotos vor mir aus.
Auf jedem war Thomas zu sehen.
Doch jedes Mal stand eine andere Frau neben ihm.
Eine andere Stadt.
Ein anderes Hotel.
Ein anderes Opfer.
„Er ist ein Serienbetrüger“, erklärte sie ruhig. „Er sucht gezielt Frauen im reiferen Alter, gewinnt sehr schnell ihr Vertrauen, verschafft sich Zugang zu ihren Bankdaten und verschwindet anschließend spurlos.“
Mir wurde schwindelig.
Langsam setzte ich mich auf die Bettkante.
„Nein … das kann nicht sein … Er war so aufmerksam … so freundlich …“
Wieder füllten sich meine Augen mit Tränen.
Diesmal war es jedoch nicht nur Schmerz.
Es war Demütigung. Völlige Verwirrung. Und die vernichtende Erkenntnis, dass alles, woran ich innerhalb einer einzigen Nacht geglaubt hatte, zu Staub zerfallen war.
„Wir suchen ihn seit mehreren Monaten“, fuhr die Frau mit gleichmäßiger Stimme fort. „Er benutzt falsche Identitäten und gefälschte Dokumente. Heute Morgen hat er allerdings einen Fehler gemacht. Er wollte einen ungewöhnlich hohen Betrag von Ihrem Konto abheben. Dadurch wurden unsere Kollegen auf ihn aufmerksam.“
Überrascht hob ich den Kopf.
„Er wollte noch mehr Geld abheben?“
„Ja. Genau deshalb sind wir hier. Sie müssen versuchen, sich an alles zu erinnern. An jedes Detail. An jedes Wort, das er gesagt hat. An jede Bewegung und jede Geste.“
Ich bedeckte mein Gesicht mit beiden Händen.
Vor meinem inneren Auge erschienen wieder einzelne Bilder des Abends. Sein Lächeln. Die leichte Berührung seiner Finger. Seine ruhige Stimme. Diese beiläufigen Fragen, die mir damals vollkommen harmlos vorgekommen waren.
Und plötzlich verstand ich das Schlimmste daran.
Es ging nicht nur um mein Geld.
Er hatte mich bewusst ausgewählt.
Er hatte mich beobachtet.
Jede meiner Reaktionen geprüft, als hätte er längst gewusst, dass ich ein leichtes Opfer sein würde.
Auf dem Flur waren auf einmal schnelle Schritte mehrerer Menschen zu hören. Jemand sprach laut in ein Funkgerät.
„Möglicherweise hat er das Hotel nicht allein verlassen … Wir vermuten, dass er einen Komplizen hat …“
Die Angst kehrte zurück.
Diesmal traf sie mich nicht wie ein plötzlicher Schlag.
Sie war tiefer.
Schwerer.
Denn nun ging es nicht mehr bloß um Verrat oder gestohlene Ersparnisse.
Ohne es zu wissen, war ich Teil von etwas viel Größerem geworden.
Kapitel 3. Eine Spur, die sich im Nichts verlor
„Wir müssen sofort die Aufnahmen der Überwachungskameras prüfen“, sagte der Polizist und ging mit schnellen Schritten hinaus.
Ich blieb auf dem Bett sitzen, unfähig, mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen.
Immer wieder liefen dieselben Worte durch meinen Kopf.
Serienbetrüger.
Gefälschte Papiere.
Seit Monaten gesucht.
Die Frau in Zivil blieb bei mir.
„Frau Hoffmann, versuchen Sie, den gesamten Abend Minute für Minute zurückzuholen. Selbst eine scheinbare Kleinigkeit kann für die Ermittlungen entscheidend sein.“
Ich schloss die Augen.
Sofort sah ich die Hotelbar wieder vor mir.
Das gedämpfte Licht.
Das Weinglas.
Und Thomas’ ruhigen Blick.
Er hatte sich so selbstverständlich neben mich gesetzt, als wäre unsere Begegnung reiner Zufall gewesen.
Erst jetzt wurde mir klar, wie unauffällig er das Gespräch auf persönliche Themen gelenkt hatte.
Plötzlich passte alles zusammen.
„Er fragte, ob ich allein lebe“, sagte ich leise. „Danach wollte er etwas über meine Kinder wissen. Über meine Rente. Sogar darüber, wo ich meine Ersparnisse aufbewahre, hat er sich scheinbar nebenbei erkundigt.“
Die Frau wurde sofort aufmerksam.
„Genau so arbeitet er. Zuerst schafft er Nähe. Dann sammelt er Informationen. Später benutzt er jedes einzelne Detail gegen sein Opfer.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür erneut.
Ein weiterer Beamter betrat das Zimmer.
„Wir haben etwas auf den Aufnahmen gefunden“, berichtete er. „Er hat das Hotel heute Morgen um sechs Uhr zwölf verlassen. Und er war nicht allein.“
„Wer war bei ihm?“, fragte die Ermittlerin ohne Zögern.
„Das wissen wir noch nicht. Die zweite Person hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Man kann nichts erkennen. Aber wir haben eine interessante Spur.“
Die Spannung im Raum war mit Händen zu greifen.
„Welche?“
„Kurz nach dem Verlassen des Hotels hat er eine Bankkarte benutzt, die auf einen völlig anderen Namen ausgestellt ist.“
Mein Herz begann erneut heftig zu schlagen.
„Dann … hat er das schon öfter getan?“, fragte ich kaum hörbar.
Der Polizist nickte langsam.
„Ja. Wir gehen davon aus, dass er auf dieselbe Weise bereits mehrere Frauen um ihr Geld gebracht hat. Wäre er heute nicht aufgefallen, hätte er vermutlich einfach weitergemacht.“
Ein frostiger Schauer rann mir über den Rücken.
Die ganze Vorgehensweise wirkte erschreckend durchdacht.
Jeder seiner Schritte.
Jedes Wort.
Jede Begegnung.
Nichts daran war zufällig gewesen.
Da tauchte in meiner Erinnerung plötzlich eine scheinbar bedeutungslose Szene vom Vorabend auf.