Sie kaufte den kleinen roten Wagen nicht aus Luxus – doch als ihre Kollegin nach einem Jahr plötzlich Geld von ihr verlangte, sagte sie nur einen einzigen Satz, der alles veränderte
Überhaupt fiel es ihr schwer, solche Sätze auszusprechen: „Das passt mir nicht.“ Oder: „Ich möchte das nicht.“ Seit ihrer Kindheit hatte sie gelernt, dass man hilft, wenn man helfen kann. Dass ein Nein andere verletzt. Dass man als geizig gilt, sobald man nach Geld fragt.
So vergingen die Monate.
Auf den Winter folgte der Frühling, dann ein heißer Sommer und schließlich ein langer, regnerischer Herbst. Katrin fuhr beinahe jeden Tag mit Lena. Morgens nahm sie selbstverständlich auf dem Beifahrersitz Platz, abends wartete sie vor dem Aufzug, während sie ihren Schal richtete und auf ihrem Handy scrollte.
Anfangs freute Lena sich sogar über die Gesellschaft. Katrin erzählte Neuigkeiten aus dem Büro, machte Witze und lachte viel. Ihr teures Parfüm erfüllte den Wagen.
Doch nach und nach verwandelten sich die gewöhnlichen Gespräche in eine endlose Reihe von Bemerkungen.
— Lena, kannst du die Musik leiser machen? Davon bekomme ich Kopfschmerzen.
— Mach bitte das Fenster zu. Es zieht.
— Warum riecht es hier so stark nach Kaffee? Hast du etwas verschüttet?
— Hör zu, lass uns noch schnell bei einem Laden halten. Ich brauche nur Milch und Käse. Fünf Minuten, ehrlich.
Aus den fünf Minuten wurden vierzig.
Lena saß auf dem Parkplatz, beobachtete, wie die Scheibenwischer die Regentropfen über die Windschutzscheibe zogen, und hörte die Stimme ihrer Mutter am Telefon.
— Bist du schon unterwegs, mein Kind?
— Ja, Mama. Ich komme bald.
Dann erschien Katrin mit zwei großen Tüten, stellte die Einkäufe in den Kofferraum und seufzte schwer.
— Ich bin völlig erledigt. Na, fahren wir?
Einmal hielt Lena an einem Geldautomaten, weil die nächste Kreditrate fällig war. Katrin stand neben ihr und trommelte ungeduldig mit dem Absatz auf den Boden.
— Dauert es noch lange? — fragte sie.
— Nur eine Minute. Ich muss die Rate für das Auto überweisen.
— Diese Ratenzahlungen … — Katrin verzog missbilligend den Mund. — Ich würde mich auf so etwas niemals einlassen. Das ist doch eine endlose Verpflichtung.
Lena hätte gern gesagt: „Trotzdem fährst du jeden Tag voller Freude in dieser Verpflichtung mit.“
Aber sie schwieg wieder.
Sie schwieg, als der Sprit erneut teurer wurde. Sie schwieg, wenn sie Scheibenwaschmittel kaufte. Sie schwieg sogar an dem Tag, an dem sie in der Waschanlage beinahe ihr letztes Geld ausgab, weil Katrin seit Tagen wiederholte:
— Dein Auto ist so schmutzig, dass man sich kaum hineinsetzen kann.
Auch an jenem Morgen sagte Lena nichts, als Katrin sich auf dem Beifahrersitz niederließ und sofort unzufrieden bemerkte:
— Du könntest wirklich etwas früher losfahren. Wegen dir komme ich jetzt schon den dritten Tag genau um neun Uhr an, ohne jede Zeitreserve.
Lena schloss nur fester die Hände um das Lenkrad.
Am Abend saß sie lange in der Küche. Draußen heulte der Wind, und Regentropfen klopften gegen das Fensterbrett. Ihre Mutter trank Tee und betrachtete sie aufmerksam – fast genauso, wie sie es früher getan hatte, als Lena noch ein Kind gewesen war.
— Du bist in letzter Zeit nicht du selbst.
— Ich bin einfach müde.
— Gibt es Probleme bei der Arbeit?
Lena hob die Schultern.
— Ich bin von allem müde.
Ihre Mutter schwieg eine Weile. Dann sagte sie ganz ruhig:
— Mein Kind, ein guter Mensch ist nicht jemand, an dem andere ihre Füße abputzen dürfen.
Lena antwortete nicht. Doch die Worte blieben in ihr.
Am nächsten Tag nahm Katrin nach Feierabend wie selbstverständlich auf dem Beifahrersitz Platz. Sie legte ihre Handtasche auf die Knie und holte einen Lippenstift heraus.
— Na, fahren wir? Aber heute bitte über das Einkaufszentrum. Ich muss dort etwas abholen.
Lena startete den Motor nicht.
Sie saß da, starrte auf die nasse Windschutzscheibe und spürte, wie ihr Herz bis zum Hals schlug.
— Katrin, wir müssen reden.
— Worüber? — Katrin hob nicht einmal den Kopf. — Wenn es um den Bericht geht, den habe ich längst abgeschickt.
— Es geht nicht um den Bericht. Es geht um unsere Fahrten.
Katrin hielt inne. Der Lippenstift blieb in ihrer Hand.
— Was soll mit denen sein?
Lena holte tief Luft. Langsam und bewusst, als müsste sie in eiskaltes Wasser steigen.
— Du fährst jetzt seit fast einem Jahr mit mir. Jeden Morgen und jeden Abend. Ich habe die Kosten zusammengerechnet – Benzin, Waschanlage, Scheibenwaschmittel und die Wartung. Für mich ist es zu viel geworden, alles allein zu bezahlen. Deshalb möchte ich, dass du dich ein wenig daran beteiligst. Nur ein kleiner Betrag. Vielleicht fünfzig Euro im Monat.
Katrin drehte langsam den Kopf zu ihr.
— Meinst du das ernst?
— Ja.
— Du willst Geld von mir, obwohl du sowieso in diese Richtung fährst?
Lena spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Doch diesmal war es keine Verlegenheit. Es war Schmerz.
— Es ist nicht wirklich mein Weg. Und es geht nicht nur um die Strecke.
Katrin lachte kurz und trocken.
— Lena, das ist doch absurd. Das Auto gehört dir?
— Ja.
— Du fährst damit doch ohnehin zur Arbeit?
— Ja.
— Dann verstehe ich deine Vorwürfe nicht. Benzin verbrauchst du auch ohne mich. Das sind deine Ausgaben, dein Komfort und deine Angelegenheit. Ich habe dich schließlich nicht gezwungen, ein Auto zu kaufen.