Weil es mir schlecht ging, nahm ich mir frei, kam nach Hause und kroch sofort unter die Decke. Plötzlich weckte mich ein Schlüssel, der sich im Schloss drehte. Mein Mann sollte auf Dienstreise sein – doch dann sah ich, wie er hereinkam, zum Bett ging und etwas darauf goss…

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Um halb sieben riss der schrille Weckton Katharina aus einem unruhigen Schlaf. Sie bekam die Augen kaum auf. In ihren Schläfen pochte es dumpf, jeder Muskel schmerzte, und ihr Hals brannte so sehr, dass selbst ein Schluck Wasser unangenehm war. Als sie sich aufrichten wollte, fühlten sich ihre Beine schwer und kraftlos an, sodass sie gleich wieder ins Kissen sank. Draußen prasselte ohne Unterbrechung Regen gegen die Scheiben. Der Himmel hing tief und grau über den Häusern und ließ den Morgen noch trostloser wirken, als Katharina sich ohnehin schon fühlte.

Die andere Bettseite war leer. Ihr Mann Martin war wie gewöhnlich gegen sieben zur Arbeit gefahren. Bevor er die Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte, war er noch einmal ins Schlafzimmer gekommen, hatte ihr vorsichtig einen Kuss auf die Stirn gegeben und gesagt: „Du solltest heute wirklich zu Hause bleiben. In letzter Zeit gönnst du dir überhaupt keine Ruhe mehr.“ Katharina hatte nur matt gelächelt. „Es geht schon. Heute muss ein wichtiger Bericht fertig werden. Ich kann nicht einfach fehlen.“ Martin hatte den Kopf geschüttelt. „Bei dir dreht sich immer alles nur um die Arbeit. Pass wenigstens ein bisschen auf dich auf.“ Nachdem er gegangen war, blieb sie noch einige Minuten liegen, starrte an die Zimmerdecke und zwang sich schließlich doch aufzustehen.

Im Bad erschrak sie beinahe vor ihrem eigenen Spiegelbild. Ihre Haut war auffallend blass, die Augen gerötet und geschwollen. Das Thermometer zeigte 38,7 Grad. Katharina seufzte. Seit acht Jahren arbeitete sie in der Buchhaltung, und in all dieser Zeit war sie fast nie wegen Krankheit zu Hause geblieben. Selbst an Tagen, an denen sie sich miserabel fühlte, hatte sie sich eingeredet, dass sie ihre Kollegen nicht hängen lassen und ihre Aufgaben niemand anderem aufbürden dürfe. Heute jedoch schien ihr Körper endgültig die Entscheidung für sie getroffen zu haben. Sie suchte die Nummer ihres Vorgesetzten heraus und rief an.

„Herr Becker, entschuldigen Sie bitte, aber mir geht es heute wirklich schlecht. Wäre es in Ordnung, wenn ich zu Hause bleibe?“

„Natürlich“, antwortete ihr Chef ohne Zögern. „Und kommen Sie bloß nicht auf die Idee, doch noch im Büro aufzutauchen. Werden Sie erst einmal gesund. Die Arbeit läuft Ihnen nicht davon.“

Katharina bedankte sich und legte auf. Kurz darauf ging sie noch in die kleine Apotheke ein paar Straßen weiter. Sie kaufte Medikamente, Tee, ein Glas Honig und mehrere Zitronen. Als sie wieder in der Wohnung stand, wurde ihr so schwindelig, dass sie sich im Flur an der Wand abstützen musste, um nicht zu Boden zu gehen. Sie zog sich hastig um, nahm die Tabletten, brühte sich heißen Tee auf und kroch, ohne die dicken Wollsocken auszuziehen, unter die Decke. Schon nach wenigen Minuten ließ das Zittern etwas nach. Ihre Lider wurden schwer. Sie war gerade dabei einzuschlafen, als ein leises Geräusch sie aus der Müdigkeit riss – ein kurzes Klicken, ganz so, als würde jemand die Wohnungstür aufschließen.

Sofort war Katharina hellwach.

Auf dem digitalen Wecker stand 11:15 Uhr. „Bestimmt die Nachbarn“, dachte sie zuerst. Doch wenige Sekunden später hörte sie aus dem Flur langsame, vorsichtige Schritte. Nein, das kam nicht von nebenan. Jemand war tatsächlich in ihrer Wohnung. Katharina setzte sich auf, während ihr Herz immer schneller schlug. Martin kam niemals so früh von der Arbeit zurück. Möglichst lautlos schob sie sich aus dem Bett, ging zur Schlafzimmertür und öffnete sie nur einen schmalen Spalt. Aus Richtung Küche drangen gedämpfte Stimmen zu ihr. Eine erkannte sie sofort. Es war Martin. Die zweite gehörte einer Frau, deren Stimme Katharina nicht kannte.

Etwas zog sich schmerzhaft in ihrer Brust zusammen.

„Mach dir keine Sorgen. Sie ist um diese Zeit ganz sicher im Büro“, hörte sie Martin leise sagen.

Die Frau lachte gedämpft.

„Dann ist ja gut. So können wir die Unterlagen ganz in Ruhe durchgehen.“

Unterlagen? Katharina runzelte die Stirn. Mit allem hatte sie gerechnet, nur damit nicht. Durch den schmalen Türspalt konnte sie einen Teil der Küche sehen. Martin und die Unbekannte saßen einander am Tisch gegenüber. Vor ihnen lagen eine dicke Mappe, mehrere Blätter, Umschläge und ein aufgeklappter Laptop. Katharina hielt den Atem an und lauschte.

„Bist du wirklich sicher, dass sie überhaupt nichts ahnt?“, fragte die Frau.

„Völlig sicher“, erwiderte Martin ruhig. „Für sie wird das eine echte Überraschung.“

Katharina spürte, wie sich ihre Verwirrung noch verstärkte. Welche Überraschung? Und weshalb musste ihr Mann dafür heimlich in die eigene Wohnung kommen? Warum war er so überzeugt davon, dass sie bei der Arbeit war? Für einen Moment wollte sie die Tür einfach aufstoßen und beide zur Rede stellen. Doch gerade als sie die Hand an die Klinke legte, sagte die Frau:

„Das Wichtigste ist, dass wir alles vor ihrem Geburtstag fertigbekommen.“

Sie nickte.

„Dann wird es wirklich perfekt.“

Die Angst in Katharina ließ ein wenig nach. Vielleicht ging es tatsächlich um ein Geschenk. Aber warum dieser Aufwand, diese Heimlichkeit, die Mappe, die Papiere? Im nächsten Moment zog Martin mehrere Fotos hervor und legte sie auf den Tisch.

Katharina erstarrte erneut.

Auf den Bildern war sie selbst zu sehen, einige Jahre jünger, bei einer Betriebsfeier. Neben ihr stand ihr damaliger Chef, mit dem das Verhältnis zu jener Zeit nicht gerade einfach gewesen war. Katharina erinnerte sich sehr genau an diese Aufnahmen. Sie waren eher zufällig entstanden, doch die Kollegen hatten danach noch wochenlang ihre Scherze darüber gemacht. Damals hatte sie mitgelacht und die Sache irgendwann vergessen. Martin hatte den Fotos scheinbar ebenfalls keine besondere Bedeutung beigemessen. Weshalb holte er sie nun wieder hervor?

„Ich habe sie in einem alten Fotoalbum gefunden“, sagte Martin und schob die Bilder nebeneinander. „Sie behauptet bis heute, dass sie diesen Abend gehasst hat. Aber ich glaube, das sind mit die einzigen Fotos, auf denen sie wirklich unbeschwert lächelt. Weißt du noch, dass ich dir erzählt habe, dass wir uns genau an diesem Abend zum ersten Mal begegnet sind?“

Die Frau lächelte verständnisvoll.

„Natürlich weiß ich das. Deshalb willst du daraus eine Collage für sie machen?“

„Nicht nur.“ Martin griff in einen der Umschläge und zog mehrere Tickets heraus. „Wir fahren nach Heidelberg. Zwei ganze Wochen. Ich will, dass sie an ihrem Geburtstag endlich wieder merkt, wie es sich anfühlt, Urlaub zu haben, morgens aufzuwachen und nicht sofort an Fristen und Tabellen zu denken. Die Bilder brauche ich für das Album, das ich ihr schenken möchte. Ich will ihr unsere gemeinsamen Erinnerungen zurückgeben. Sie arbeitet inzwischen so viel, dass sie fast vergessen hat, wie wir früher stundenlang durch die Altstadt gelaufen sind, an der Alten Brücke stehen geblieben sind, heißen Glühwein getrunken und ohne irgendeinen Grund gelacht haben. Du kennst doch ihre Freundin Julia. Sie hilft mir bei der Organisation. Ich musste nur noch die Schlüssel und die Unterlagen für die Unterkunft abholen.“

Die Frau zog amüsiert die Augenbrauen hoch.

„Und sie weiß wirklich immer noch nichts davon?“

„Gar nichts. Ich habe ihr erzählt, Julia sei beruflich in einer anderen Stadt. In Wirklichkeit ist sie schon dort und prüft alles für unsere Ankunft.“

Katharina presste eine Hand gegen ihre Brust. Ihr Herz schlug noch immer schnell, aber jetzt aus einem völlig anderen Grund. Die Anspannung wich einer so plötzlichen Erleichterung, dass ihr beinahe die Knie nachgaben. Gleichzeitig stieg eine unerwartete Wärme in ihr auf. Erst vor wenigen Wochen hatte sie Martin erzählt, dass sie seit Jahren keinen richtigen Urlaub mehr gemacht habe. Sie hatte davon gesprochen, wie gern sie wieder einmal durch Heidelberg schlendern und über die Alte Brücke gehen würde, doch jedes Mal war etwas dazwischengekommen – ein Monatsabschluss, eine Vertretung, eine dringende Auswertung. Und Martin hatte offenbar jedes einzelne Wort behalten. Während sie glaubte, er würde solche Sätze nur nebenbei hören, hatte er längst begonnen, alles heimlich vorzubereiten. Sogar ihre Freundin hatte er eingeweiht.

Katharina trat aus dem Schlafzimmer.

Ihre Schritte klangen in der stillen Wohnung plötzlich viel lauter, als sie erwartet hatte. Martin fuhr herum. Als er sie sah, wurde er zuerst kreidebleich. Eine Sekunde später schoss ihm die Röte ins Gesicht.

„Kathi? Was… was machst du denn hier?“, stammelte er und versuchte hastig, die offene Mappe mit beiden Händen zu verdecken.

„Ich habe mich krankgemeldet“, sagte sie leise. In ihren Augen sammelten sich Tränen. „Ich habe Fieber. Und ich dachte, du wärst auf Dienstreise…“

Martin sprang sofort auf, ging zu ihr und legte ihr vorsichtig die Hand an die Stirn.

„Mein Gott, du glühst ja! Warum hast du mir nichts gesagt? Und ich habe dir nicht einmal Bescheid gegeben, dass ich noch einmal nach Hause komme… Ich war sicher, dass du im Büro bist. Ich wollte alles vorher vorbereiten und dich später überraschen. Es tut mir leid. Ich bin wirklich ein Idiot.“

Auch die Frau erhob sich vom Tisch. Erst jetzt, als Katharina sie richtig ansah, erkannte sie Julia, ihre Freundin. Julia lächelte verlegen und wirkte, als wüsste sie nicht, ob sie lachen oder sich entschuldigen sollte.

„Kathi, wir wollten dich wirklich nicht erschrecken“, sagte sie. „Das Ganze war Martins Idee. Dein Mann ist einfach ein hoffnungsloser Romantiker.“ Sie deutete auf die Tickets, die noch offen auf dem Tisch lagen. „Wir wollten dir wirklich nur einen schönen Geburtstag bereiten.“

Katharina sagte zunächst nichts. Sie sah ihren Mann an. In seinem Blick lag ehrliche Schuld, und in seinen Händen hielt er noch immer die alten Fotos. Erst jetzt begriff sie vollständig, warum er ausgerechnet diese Aufnahmen ausgewählt hatte. Darauf sah sie glücklich aus, frei, beinahe sorglos. Kein angespannter Blick, keine Müdigkeit, keine Gedanken an den nächsten Abgabetermin. Damals hatte sie einfach lachen können, ohne gleichzeitig im Kopf eine Liste unerledigter Aufgaben durchzugehen. Auf diesen Bildern war sie nicht die pflichtbewusste Buchhalterin, die immer alles im Griff haben musste. Sie war einfach Katharina.

„Danke“, flüsterte sie schließlich und ging einen Schritt auf Martin zu. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich davon träume, wieder nach Heidelberg zu fahren. Und wie sehr ich möchte, dass du mit mir dort bist.“

Martin nahm sie behutsam in die Arme und hielt sie so vorsichtig, als könnte schon eine zu feste Berührung ihr wehtun.

„Morgen gehen wir als Erstes zum Arzt“, erklärte er mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch zuließ. „Und ich will kein einziges Wort mehr über dringende Berichte hören. Du bist mir wichtiger als jeder Termin und jede Tabelle.“

Julia legte die Schlüssel vorsichtig an den Rand des Küchentisches.

„Ich rufe euch morgen an, ja? Für heute solltet ihr einfach Ruhe geben. Werd schnell wieder gesund, Kathi.“

Nachdem Julia gegangen war, führte Martin seine Frau zum Sofa, wickelte sie in eine weiche Decke und bereitete ihr frischen Tee mit Honig zu. Katharina beobachtete ihn schweigend, während er zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her ging, die Tasse brachte, noch ein Kissen holte und immer wieder prüfte, ob ihr warm genug war.

Schließlich setzte er sich neben sie.

„Bist du sehr sauer auf mich wegen dieser ganzen Geheimniskrämerei?“, fragte er vorsichtig.

„Schon“, antwortete Katharina und lächelte müde. Dann legte sie den Kopf an seine Schulter. „Aber nur ein kleines bisschen. Dafür bekomme ich jetzt zwei ganze Wochen Urlaub, gegen die ich mich ganz bestimmt nicht wehren werde.“

Martin lachte leise und zog die Decke noch etwas höher über ihre Schultern.

Draußen rauschte weiterhin der Regen gegen die Fenster. Die Wolken waren noch genauso grau wie am Morgen, und doch hatte Katharina das merkwürdige Gefühl, als wäre es in ihrer Wohnung plötzlich heller und wärmer geworden. Sie schloss die Augen und erlaubte sich zum ersten Mal seit langer Zeit, einfach ruhig zu atmen. Keine Zahlenkolonnen, keine Tabellen, keine Abgabetermine, keine Gedanken darüber, wer welchen Bericht brauchte und was bis morgen erledigt sein musste.

Neben ihr saß der Mensch, der sie offenbar besser beobachtet hatte, als sie selbst bemerkt hatte. Ein Mann, der sich daran erinnerte, wann sie wirklich glücklich ausgesehen hatte. Der ihre beiläufig ausgesprochenen Wünsche nicht vergessen hatte. Der heimlich Tickets organisiert, alte Fotos zusammengesucht und ihre Freundin um Hilfe gebeten hatte, nur damit sie für zwei Wochen endlich einmal alles hinter sich lassen konnte.

Katharina hatte sich in den Minuten hinter der Schlafzimmertür die schlimmsten Möglichkeiten ausgemalt. Eine fremde Frau, heimliche Gespräche, Unterlagen auf dem Tisch und ein Ehemann, der ausdrücklich davon ausging, dass seine Frau nichts ahnte – all das hatte ihr zunächst wie der Anfang einer Wahrheit erschienen, vor der sie sich fürchtete.

Nun wusste sie, dass es tatsächlich ein Geheimnis gab.

Nur war es eines, das aus Liebe entstanden war.

Am nächsten Morgen wurde Katharina nicht vom schrillen Signal des Weckers geweckt. Stattdessen drang der warme Duft frisch gebackener Pfannkuchen ins Schlafzimmer. Noch halb verschlafen öffnete sie die Augen und hörte aus der Küche leises Klappern. Martin stand am Herd, summte eine alte Melodie vor sich hin und lächelte, als er bemerkte, dass sie wach geworden war.

Katharina wollte sich aufrichten.

„Denk nicht einmal daran aufzustehen“, sagte Martin sofort. „Ich bringe dir das Frühstück ins Bett.“

Sie ließ sich wieder ins Kissen zurücksinken.

Martin wandte sich noch einmal zu ihr um.

„Und noch etwas“, fügte er hinzu. „In einer Woche fahren wir schon los. Ich habe deinen Chef angerufen und alles mit ihm geklärt.“

Katharina sah ihn ungläubig an, dann begann sie zu lachen. Gleich darauf musste sie husten und zog die Decke bis ans Kinn. Trotzdem fühlte sie sich zum ersten Mal seit Tagen ein wenig kräftiger. Die Krankheit war noch nicht verschwunden, aber die bleierne Schwäche schien langsam nachzulassen.

Und plötzlich war sie sich sicher, dass dieser Geburtstag einer der schönsten ihres Lebens werden würde.

Denn die Reise war weit mehr als irgendein teures Geschenk. Sie war eine Erinnerung daran, dass Katharina nicht ausschließlich die zuverlässige Buchhalterin war, die ständig Probleme anderer Menschen lösen, Fristen beachten und Verantwortung tragen musste. Sie war auch eine geliebte Frau. Eine Frau, deren Wünsche gehört wurden. Eine Frau, die jemand vermisste, selbst wenn sie jeden Abend neben ihm saß. Und eine Frau, für die jemand bereit war, heimlich Pläne zu schmieden, alte Erinnerungen hervorzuholen und ein kleines, liebevolles Abenteuer vorzubereiten.

Während draußen der Regen allmählich schwächer wurde, schloss Katharina noch einmal die Augen. Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte sie nicht daran, was im Büro ohne sie liegen bleiben könnte.

Sie dachte an zwei freie Wochen, an Martin, an die Alte Brücke und daran, wie schön es sein würde, wieder gemeinsam durch die Straßen zu gehen, heißen Glühwein in den Händen zu halten und einfach zu lachen – ohne Eile, ohne Tabellen und ohne irgendeinen Grund.