Weil ich mich krankgemeldet hatte, lag ich unerwartet zu Hause – dann hörte ich einen Schlüssel im Schloss und entdeckte meinen angeblich verreisten Mann mit einer fremden Frau in unserer Küche
Anna runzelte die Stirn. Von welcher Überraschung sprach er? Warum traf er sich heimlich mit einer Frau in ihrer Wohnung? Und weshalb war es so wichtig, dass Anna angeblich im Büro saß?
Für einen Moment wollte sie die Schlafzimmertür aufreißen und die beiden zur Rede stellen. Doch noch bevor sie sich bewegen konnte, hörte sie Martin sagen:
„Wir müssen nur alles vor ihrem Geburtstag fertigbekommen.“
Die Frau nickte.
„Wenn wir das schaffen, wird es perfekt.“
Annas Angst ließ ein wenig nach, verschwand jedoch nicht vollständig. Vielleicht bereitete Martin tatsächlich ein Geschenk vor. Aber wozu brauchte er dafür eine fremde Frau, geheime Unterlagen und einen Laptop? Weshalb hatte er ihr erzählt, er müsse beruflich verreisen?
Da öffnete Martin die Mappe und holte mehrere Fotografien heraus.
Anna erstarrte.
Auf den Bildern war sie selbst zu sehen. Sie stammten von einer Betriebsfeier, die einige Jahre zurücklag. Neben ihr stand ihr damaliger Vorgesetzter, mit dem sie zu jener Zeit ein äußerst angespanntes Verhältnis gehabt hatte. Anna erinnerte sich gut an die Aufnahmen. Sie waren zufällig entstanden, doch ihre Kollegen hatten anschließend wochenlang darüber gescherzt.
Damals hatte Anna mitgelacht und so getan, als sei ihr die Sache gleichgültig. Martin hatte die Bilder ebenfalls gesehen, ihnen jedoch scheinbar keine besondere Bedeutung beigemessen.
Warum lagen sie nun auf ihrem Küchentisch?
„Ich habe sie in einem alten Fotoalbum gefunden“, erklärte Martin und legte die Aufnahmen nebeneinander. „Sie behauptet bis heute, dass sie diesen Abend gehasst hat. Aber schau sie dir an. Auf diesen Bildern lächelt sie völlig unbeschwert. Ich glaube, es sind die einzigen Fotos aus dieser Zeit, auf denen sie wirklich glücklich aussieht. Erinnerst du dich, dass ich dir erzählt habe, wir hätten uns genau an diesem Abend zum ersten Mal gesehen?“
Die Frau lächelte.
„Natürlich erinnere ich mich. Deshalb willst du daraus eine Collage machen?“
„Nicht nur das.“
Martin nahm einen Umschlag und zog mehrere Flugtickets heraus.
„Wir fliegen nach Wien. Zwei ganze Wochen. An ihrem Geburtstag soll sie endlich wieder erleben, wie es sich anfühlt, nichts erledigen zu müssen und nirgendwohin zu hetzen. Die Fotos brauche ich für das Album, das ich ihr schenken möchte. Ich will ihr all die Erinnerungen zurückgeben, die zwischen Arbeit, Zahlen und Terminen verloren gegangen sind.“
Anna presste die Lippen aufeinander.
Martin fuhr fort:
„Sie arbeitet inzwischen so viel, dass sie kaum noch weiß, wie wir früher durch die Altstadt gelaufen sind, am Stephansplatz heißen Punsch getrunken und ohne jeden Grund gelacht haben. Du kennst doch ihre Freundin Claudia. Sie hat mir geholfen, alles zu organisieren. Ich musste heute nur noch die Schlüssel und die Unterlagen für die Ferienwohnung abholen.“
Die Frau schmunzelte.
„Und Anna weiß wirklich noch immer nichts davon?“
„Nicht das Geringste. Ich habe ihr erzählt, Claudia müsse beruflich in eine andere Stadt. In Wirklichkeit ist sie schon in Wien. Sie sieht sich die Wohnung noch einmal an und bereitet alles für unsere Ankunft vor.“
Anna legte eine Hand auf ihre Brust. Ihr Herz raste noch immer, doch nun aus einem völlig anderen Grund. Die Angst wich einer so tiefen Erleichterung, dass ihr plötzlich die Tränen kamen.
Vor einigen Wochen hatte sie Martin gegenüber beiläufig erwähnt, dass sie seit Jahren keinen richtigen Urlaub mehr gemacht hatte. Sie hatte davon gesprochen, wieder einmal durch Wien zu spazieren, die alten Häuser anzusehen und einen Nachmittag lang einfach irgendwo sitzen zu bleiben, ohne an Tabellen, Monatsabschlüsse oder unerledigte Aufgaben zu denken.
Anna selbst hatte das Gespräch längst vergessen.
Martin offenbar nicht.
Er hatte jedes Wort gehört und sich offenbar alles gemerkt. Während sie geglaubt hatte, ihre Wünsche seien im Alltag untergegangen, hatte er heimlich eine ganze Reise organisiert. Er hatte Tickets gekauft, eine Unterkunft reserviert, alte Bilder herausgesucht und sogar ihre Freundin um Hilfe gebeten.
Und Anna hatte hinter der Schlafzimmertür gestanden und sich bereits die schlimmsten Dinge ausgemalt.
Langsam trat sie in den Flur. In der stillen Wohnung klangen ihre Schritte unerwartet laut. Martin drehte sich sofort um.
Als er seine Frau sah, wurde er zuerst kreidebleich. Gleich darauf schoss ihm die Röte ins Gesicht.
„Anna? Was machst du denn hier?“, stammelte er und versuchte hastig, die geöffnete Mappe mit den Händen zu verdecken.
„Ich habe mich krankgemeldet“, sagte sie leise. Ihre Stimme zitterte, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Ich habe Fieber. Und ich dachte, du wärst auf Dienstreise.“
Martin sprang vom Stuhl auf und eilte zu ihr. Vorsichtig legte er ihr die Hand auf die Stirn.
„Um Himmels willen, du glühst ja! Warum hast du mich nicht angerufen? Und ich habe dir nicht einmal gesagt, dass ich noch einmal nach Hause muss. Ich war vollkommen sicher, dass du im Büro bist. Ich wollte alles vorbereiten und dich später überraschen. Verzeih mir. Ich bin ein Idiot.“