„Wenn Sie mir jetzt nicht zuhören, ist es morgen vielleicht zu spät“ – was eine verängstigte Hausangestellte spät in der Nacht über meine junge Ehefrau enthüllte, ließ mich an allem zweifeln
Dann lachte sie spöttisch.
„Heinrich, im Ernst? Du glaubst schon wieder, was das Personal erzählt?“
Monika wurde rot.
„Ich habe mir nichts ausgedacht!“
Clara fuhr zu ihr herum.
„Dich hat niemand gefragt.“
„Es reicht“, sagte ich.
Beide schwiegen.
„Monika, fahr nach Hause.“
Sie sah mich beunruhigt an.
„Herr Heinrich …“
„Ich sagte, du sollst nach Hause fahren.“
Monika nahm ihr Handy. Kurz vor der Tür blieb sie stehen.
„Ich bitte Sie nur um eines.“
Clara verschränkte die Arme.
„Natürlich.“
Monika sah sie nicht an.
„Unterschreiben Sie morgen nichts. Ganz gleich, was man Ihnen sagt.“
Dann ging sie.
Clara und ich waren allein.
Sie schloss die Tür und schwieg einige Sekunden. Danach kam sie auf mich zu.
„Du hast dieser Frau tatsächlich geglaubt?“
„Im Moment glaube ich niemandem.“
„Heinrich …“
Clara legte mir die Hände auf die Schultern.
Früher hatte diese Berührung genügt, um mich augenblicklich zu beruhigen.
Diesmal rührte ich mich nicht.
„Du weißt doch, wie sehr ich dich liebe.“
Worte, die mich früher gewärmt hatten, klangen nun beinahe auswendig gelernt.
„Wer war der Mann auf dem Parkplatz?“
Ihre Finger erstarrten.
„Welcher Mann?“
„Tu nicht so.“
Langsam nahm Clara ihre Hände von meinen Schultern.
„Sie beobachtet mich also auch noch.“
„Beantworte meine Frage.“
Meine Frau ging zum Fenster.
„Er ist Jurist.“
„Wie heißt er?“
„Tobias.“
„Tobias wer?“
Sie drehte sich zu mir um.
„Berger.“
„Warum triffst du dich ohne mich mit ihm?“
„Weil ich die Unterlagen vorbereite.“
„Welche Unterlagen?“
Genervt stieß sie den Atem aus.
„Heinrich, es geht um die Dinge, die wir schon hundertmal besprochen haben. Erbschaft, Vollmachten, deine Konten, das Unternehmen. Du schiebst alles immer weiter auf.“
Ihre Erklärung klang vernünftig.
Zu vernünftig.
„Und morgen soll ich etwas unterschreiben?“
Clara lächelte.
„Ja.“
„Was?“
„Eine ganz gewöhnliche Vollmacht.“
„Du zeigst sie mir morgen früh.“
Ihr Lächeln wirkte plötzlich angespannt.
„Natürlich.“
Sie küsste mich auf die Wange.
„Lass nicht zu, dass fremde Menschen unsere Ehe zerstören.“
Dann verließ sie den Raum.
Ich wartete, bis ihre Schritte verklungen waren. Danach schloss ich die Tür meines Arbeitszimmers ab.
Plötzlich musste ich an die Worte meiner Tochter denken, die sie mir noch vor der Hochzeit gesagt hatte:
„Papa, du kennst sie doch erst seit ein paar Monaten.“
Damals war ich wütend geworden.
Ich hatte geglaubt, meine Kinder könnten einfach nicht akzeptieren, dass ihr alter Vater noch einmal glücklich war.
Ich schlug meinen Kalender auf und schrieb in großen Buchstaben:
NICHTS UNTERSCHREIBEN.
Dann ging ich zum Tresor.
Ich wollte die Unterlagen überprüfen.
Den Schlüssel trug ich bei mir.
Den Zahlencode kannte nur ich.
Der Tresor sprang auf.
Ich ging die Mappen durch.
Immobilien.
Unternehmen.
Versicherungen.
Testament …
Dann hielt ich inne.
Der Umschlag war verschwunden.
Der Umschlag, in dem sich eine Kopie meines letzten Testaments befunden hatte.
Ich war sicher, dass ich ihn erst wenige Stunden zuvor dort gesehen hatte.
Das bedeutete, dass jemand den Tresor geöffnet hatte.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlte ich mich in meinem eigenen Haus vollkommen hilflos.
Kapitel 3: Der Mann, den es angeblich gar nicht gab
Bis zum Morgen schlief ich praktisch nicht.
Immer wieder gingen mir dieselben Sätze durch den Kopf:
„Es sind nur noch ein paar Tage.“
„Nach dem Frühstück unterschreibt er das Letzte.“
Das verschwundene Testament.
Der fremde Mann an Claras Seite.
Die Dokumente.
Gegen fünf Uhr früh drang ein leises Geräusch aus dem Erdgeschoss nach oben.
Ich setzte mich im Bett auf.
Wenige Sekunden später hörte ich die Haustür.
Jemand betrat das Haus.
Ich zog mir einen Morgenmantel über und ging hinunter.
Im Flur stand Monika.
„Du?“
Sie fuhr erschrocken herum.
„Verzeihen Sie.“
„Was machst du um fünf Uhr morgens hier?“
„Ich …“
Sie senkte den Blick.
„Ich habe mein Handy vergessen.“
Ich sah auf ihre Hand.
Das Handy hielt sie bereits darin.
Monika atmete schwer aus.
„Gut. Ich habe gelogen.“
„Warum bist du gekommen?“
Sie begann zu weinen.
„Weil ich Ihnen gestern nicht alles erzählt habe.“
Mir wurde kalt.
„Warum nicht?“
„Ich hatte Angst.“
„Vor wem?“
Ihre Antwort war kaum zu hören.
„Vor Clara.“
Wir gingen in die Küche.
Monika holte einen Umschlag aus ihrer Tasche.
„Ich habe ihn vor einigen Tagen gefunden.“
Darin lag ein Kontoauszug.
Zuerst überflog ich die Zeilen, ohne etwas zu verstehen.
Dann entdeckte ich die Summe.
Sie war viel zu hoch, um den Überweisungsvorgang für einen Zufall zu halten.
Als Absender war eines meiner Konten angegeben.
Der Empfänger hieß Tobias Berger.
Es war derselbe Mann wie auf dem Foto.
„Was ist das?“
„Ich weiß es nicht.“
„Wer ist er?“
Monika sah mich lange an.
Dann sagte sie:
„Claras ehemaliger Ehemann.“
Ich brauchte einige Sekunden, um ihre Worte zu begreifen.
„Ihr ehemaliger Ehemann?“
„Tobias Berger war mit ihr verheiratet.“
„Das ist unmöglich.“
„Warum?“
„Clara war nie verheiratet.“
Monika schüttelte den Kopf.
„Sie hat Sie belogen.“
Mein Herz begann schneller zu schlagen.