„Mama, ich habe dir diese Reise doch selbst geschenkt. Dann erklär mir bitte, warum mein Mann auf deinen Urlaubsfotos zu sehen ist?“ — Anna starrte auf die Bilder und konnte kaum glauben, was sie dort entdeckte

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„Mama, ich habe dir diese Reise doch selbst geschenkt. Dann erklär mir bitte, warum mein Mann auf deinen Urlaubsfotos zu sehen ist?“ — Anna starrte auf die Bilder und konnte kaum glauben, was sie dort entdeckte

— Schau nur, wie wunderschön es hier ist! — Die begeisterte Stimme ihrer Mutter klang aus der Sprachnachricht, die gerade auf Annas Handy eingegangen war.

Anna wischte durch die Fotos, die ihre Mutter Karin während ihres Urlaubs regelmäßig in den Familienchat schickte. Auf einem der Bilder sah man einen breiten Sandstrand, Sonnenliegen und das leuchtend türkisfarbene Meer. Eigentlich ein vollkommen gewöhnliches Urlaubsfoto.

Doch plötzlich blieb Annas Blick an einem Mann im Hintergrund hängen. Breite Schultern. Auf dem Schulterblatt ein großes Drachentattoo. Dunkelblaue Badeshorts mit einem weißen Streifen an der Seite. Genau solche hatte sie ihrem Mann Thomas zum letzten Geburtstag geschenkt. Sie hatte damals lange im Internet danach gesucht und sie schließlich extra bestellt.

Anna vergrößerte das Bild.

Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen, und ihr Hals wurde plötzlich eng. Hinter ihrer Mutter lag tatsächlich ihr eigener Ehemann entspannt auf einer Sonnenliege.

Der Mann, der sie drei Tage zuvor zum Abschied geküsst und behauptet hatte, er müsse wegen eines wichtigen Geschäftstermins nach Hamburg fliegen.

Was, um alles in der Welt, machte er dann in einem Hotel auf Mallorca?

Anna stellte ihre Kaffeetasse auf den Tisch und ließ sich langsam gegen die Rückenlehne des Sofas sinken. Ihr Verstand weigerte sich, das Gesehene zu akzeptieren. Elf Jahre Ehe — und vielleicht war vieles davon eine Lüge gewesen?

— Anna? Warum sagst du nichts mehr? — hörte sie plötzlich ihre Freundin Julia am Telefon. — Ich erzähle dir seit fünf Minuten von meinem neuen Kleid, und du bist offenbar überhaupt nicht mehr da.

— Entschuldige. Ich war mit den Gedanken woanders. — Anna strich sich mit den Fingern über die Schläfen. — Erinnerst du dich? Ich habe dir doch erzählt, dass Thomas auf Geschäftsreise ist.

— Natürlich. Der ist doch ständig irgendwo unterwegs. Du hast es eigentlich gut mit ihm. Er macht Karriere und verdient ordentlich.

Anna verzog bitter den Mund.

Ja, die vielen Geschäftsreisen waren in den vergangenen Jahren so normal geworden, dass sie längst niemanden mehr misstrauisch machten. Thomas arbeitete als Regionalleiter für ein großes Bauunternehmen und war häufig in verschiedenen Städten unterwegs.

— Und deine Mutter? — fragte Julia weiter. — Gefällt ihr der Urlaub?

— Sie schickt jeden Tag Fotos. Sie wirkt so glücklich …

Unwillkürlich erinnerte Anna sich daran, wie sie Karin zwei Wochen zuvor einen Umschlag überreicht hatte.

— Mama, das ist für dich. Schon mal alles Gute zum Geburtstag!

Karin hatte den Umschlag geöffnet und erschrocken die Augen aufgerissen.

— Mallorca? Ein Fünf-Sterne-Hotel? Anna, bist du verrückt geworden? Das muss ein Vermögen gekostet haben!

— Überhaupt nicht. Wann hast du zuletzt richtig Urlaub am Meer gemacht? Vor fünf Jahren? Und damals waren es gerade einmal drei Tage an der Ostsee.

— So ein teures Geschenk kann ich doch nicht annehmen.

— Mama, du wirst zweiundfünfzig und siehst aus wie Mitte dreißig. Weißt du noch, wie oft die Leute uns für Schwestern oder Freundinnen gehalten haben? Hör endlich auf, immer nur an dir selbst zu sparen.

Karin hatte ihre Tochter fest umarmt. In ihren Augen glänzten Tränen. Tatsächlich war sie schon mit neunzehn Mutter geworden und hatte sich ihr erstaunlich jugendliches Aussehen bis heute bewahrt.

Drei Tage vor Karins Abflug war Thomas später als sonst nach Hause gekommen. Anna stand gerade in der Küche und bereitete das Abendessen zu, als sie hörte, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel.

— Hallo, Schatz. — Thomas küsste sie auf die Wange. — Schlechte Nachrichten. Ich muss morgen nach Hamburg.

— Schon wieder? Du bist doch gerade erst aus Stuttgart zurückgekommen.

— Es gibt Ärger mit einem Subunternehmer. Mein Chef will unbedingt, dass ich mich persönlich darum kümmere.

Thomas wirkte müde, aber gleichzeitig seltsam angespannt. Zwischen seinen Augenbrauen lag jene tiefe Falte, die Anna sonst nur sah, wenn ihn etwas ernsthaft beschäftigte.

— Wie lange bleibst du?

— Mindestens zehn Tage. Vielleicht auch länger.

Am Tag der Abreise brachte Anna zuerst ihre Mutter zum Flughafen und zwei Stunden später ihren Mann. Karin war aufgeregt wie ein Schulmädchen vor seinem ersten großen Abenteuer. Thomas dagegen wirkte konzentriert, wortkarg und ungewöhnlich verschlossen.

In den ersten Tagen schien alles vollkommen normal zu laufen.

Von Thomas kamen kurze Nachrichten: „Das Meeting dauert länger.“ „Bin mit Geschäftspartnern essen.“ „Morgen muss ich auf die Baustelle.“

Karin dagegen überflutete den Familienchat geradezu mit Bildern: das Meer im Morgenlicht, ihr Frühstück auf der Hotelterrasse, Katzen in einer kleinen Altstadtgasse, ein Ausflug zu historischen Gebäuden und natürlich jede Menge Strandfotos.

Und ausgerechnet zwischen diesen vollkommen harmlos wirkenden Aufnahmen entdeckte Anna jenes Detail, das ihr gesamtes Leben ins Wanken brachte.

— Nein … das kann nicht sein, — flüsterte sie, während sie das Foto bestimmt zum zehnten Mal betrachtete.

Nun öffnete sie sämtliche Bilder aus dem Urlaub ihrer Mutter und sah sie mit völlig anderen Augen an.

Auf einem Foto aus dem Restaurant stand am Rand eine schwarze Sporttasche mit rotem Emblem. Thomas besaß genau dieselbe. Im vergangenen Jahr hatte er sich ewig verschiedene Modelle angesehen, bevor er sich ausgerechnet für diese entschieden hatte.

Dann fand Anna ein weiteres Bild, aufgenommen in einem Café. In einer Glastür spiegelte sich die Gestalt eines großen Mannes mit weißem Hemd.

Das Spiegelbild war unscharf. Eigentlich konnte man das Gesicht überhaupt nicht erkennen.

Und trotzdem kam Anna diese Körperhaltung schrecklich vertraut vor. Die Art, wie der Mann den Kopf leicht zur Seite drehte. Die Schulterlinie. Selbst die Haltung seiner Hände.

Sie zoomte so weit hinein, bis das Bild nur noch aus groben Pixeln bestand.

Je länger sie hinsah, desto kleiner wurden ihre Zweifel.

Auf keinem Bild befand Thomas sich direkt im Mittelpunkt. Immer war er irgendwo am Rand, seitlich oder weit im Hintergrund, als hätte er bewusst darauf geachtet, nicht richtig fotografiert zu werden.

Aber er war dort.

Ihr Ehemann war auf Mallorca.

Im selben Hotel wie ihre Mutter.

In Anna breitete sich nicht nur Schmerz aus, sondern eine wilde, beinahe unwirkliche Verwirrung. Wie konnte so etwas überhaupt möglich sein? Warum? Seit wann?

— Mein Gott … ich habe ihr diese Reise auch noch selbst bezahlt, — sagte sie laut.

Bei diesem Gedanken wurde ihr beinahe übel.

Plötzlich tauchten in ihrer Erinnerung lauter Kleinigkeiten aus den vergangenen Monaten auf, denen sie damals keine Bedeutung beigemessen hatte.

Thomas war immer häufiger auf den Balkon gegangen, wenn sein Handy klingelte, und hatte dabei die Tür hinter sich geschlossen.

Und Karin hatte in letzter Zeit auffällig oft Partei für ihren Schwiegersohn ergriffen, wenn Anna sich über etwas ärgerte.

— Anna, nun lass ihn doch. Er ist müde und braucht ein bisschen Ruhe.

Oder:

— Thomas hat recht. Mit dem neuen Auto könnt ihr wirklich noch warten.

Und ein anderes Mal:

— Sei nicht so streng mit ihm. Er arbeitet schließlich für eure Familie.

Anna griff nach ihrem Handy und wählte die Nummer ihrer Mutter. Das Freizeichen zog sich für ihr Gefühl endlos hin.

— Hallo, mein Schatz! — meldete Karin sich fröhlich. — Ich wollte dich sowieso gerade anrufen. Du glaubst gar nicht, was für wunderschöne Sonnenuntergänge es hier gibt!

— Mama, wie geht es dir? Wird dir nicht langweilig so ganz allein?

— Langweilig? Überhaupt nicht! Es gibt hier so viel zu sehen. Gestern war ich den halben Tag unterwegs.

— Allein?

Anna bemühte sich, möglichst beiläufig zu klingen.

— Hast du vielleicht jemanden kennengelernt?

Karin lachte. Doch plötzlich meinte Anna, eine gewisse Anspannung in diesem Lachen zu hören.

— Was redest du denn da? Ich bin doch nicht sechzehn. Ich mache einfach Urlaub.

— Und beim Abendessen? Sitzt du da immer allein?

— Anna, was ist denn heute mit dir los? Warum verhörst du mich plötzlich? Natürlich rede ich beim Essen auch mit anderen Gästen. Gestern habe ich zum Beispiel ein Ehepaar aus München kennengelernt. Wirklich nette Leute.

— Und Männer? Spricht dich niemand an? Du weißt doch selbst, dass du gut aussiehst.

— Was denkst du dir denn zusammen? — Karins Ton wurde gereizter. — Welche Männer? Ich liege am Pool, gehe schwimmen und habe ein paar Wellnessbehandlungen gebucht.

— Ich mache mir nur Sorgen um dich.

— Das musst du nicht. Mir geht es bestens. Oh, entschuldige, ich muss los. Ich habe gleich einen Massagetermin. Wir sprechen heute Abend, ja?

Die Verbindung wurde beendet.

Anna ließ das Telefon sinken.

Je mehr ihre Mutter ihren Fragen auswich, desto stärker wurde das Misstrauen. Warum antwortete sie nicht einfach ruhig? Weshalb klang sie plötzlich so nervös?

In Annas Kopf entstand ein Bild, das so grauenhaft war, dass sie es selbst kaum denken wollte.

Ihre Mutter und ihr Mann.

Gemeinsam.

Hinter ihrem Rücken.

Wie lange konnte das schon so gehen? Waren seine vielen Geschäftsreisen vielleicht überhaupt keine Geschäftsreisen gewesen? Hatten die beiden sich womöglich sogar in Annas eigener Wohnung getroffen, während sie bei der Arbeit gewesen war?

Ihr wurde schwindelig.

Anna presste die Hände an die Schläfen und versuchte, sich zu beruhigen. Doch vor ihrem inneren Auge erschien immer wieder dasselbe Bild: die dunkelblauen Shorts mit den weißen Streifen, der tätowierte Drache, Thomas’ gebräunter Rücken — nur wenige Meter entfernt von ihrer Mutter.

Schließlich rief sie Thomas per Videoanruf an.

Das Freizeichen wirkte beinahe höhnisch.

Nach einer langen Weile wurde der Anruf abgelehnt.

Wenige Minuten später erschien eine Nachricht auf ihrem Display:

„Bin sehr beschäftigt. Wir telefonieren später.“

Mehr nicht.

Kurz. Kalt. Nicht einmal das kleine Zeichen, das er sonst fast immer hinter seine Nachrichten setzte.

Anna rief erneut ihre Mutter an.

— Mama, entschuldige, dass ich schon wieder störe. Ich bin heute irgendwie unruhig.

— Anna, was ist denn passiert? — Sofort lag echte Sorge in Karins Stimme.

— Eigentlich nichts. Erzähl mir lieber noch etwas über das Hotel. Ist viel los?

— Schon. Aber es ist groß genug, man findet immer einen ruhigen Platz.

— Sind viele Deutsche da?

— Einige natürlich, aber nicht außergewöhnlich viele. — Karin klang nun wieder irritiert. — Anna, geht es dir wirklich gut?

— Mama … bist du wirklich allein dort? Ich meine … sag mir einfach ehrlich die Wahrheit.

Am anderen Ende blieb es still.

Ein paar Sekunden nur.

Doch für Anna fühlten sie sich viel länger an.

— Ich verstehe deine Frage nicht. Natürlich bin ich allein hier. Anna, was ist los mit dir?

— Nichts, Mama. Entschuldige. Genieß deinen Urlaub.

Aber genau diese Pause, die Unsicherheit vor Karins Antwort und die Anspannung in ihrer Stimme erschienen Anna wie die Bestätigung für alles, wovor sie sich fürchtete.

Drei Tage lang quälte sie sich mit ihren Gedanken.

Sie schlief kaum. Essen brachte sie fast nicht hinunter. Sie ging wie automatisch zur Arbeit, beantwortete Fragen, erledigte ihre Aufgaben und tat vor allen so, als wäre nichts geschehen.

Am vierten Tag hielt sie es nicht mehr aus.

Sie kaufte ein Ticket für den nächsten verfügbaren Flug nach Mallorca.

— Julia, ich bin ein paar Tage weg. Kannst du bitte nach der Wohnung sehen? — bat sie ihre Freundin.

— Wohin willst du denn so plötzlich?

— Zu meiner Mutter. Ich möchte sie überraschen.

Während des Fluges spielte Anna in Gedanken unzählige mögliche Begegnungen durch.

Was sollte sie sagen?

Was würde sie tun?

Würde sie die beiden gemeinsam beim Abendessen erwischen?

Oder vor einem Hotelzimmer?

Bei der letzten Vorstellung wurde ihr körperlich schlecht.

Das Hotel war riesig. Anna nahm bewusst ein Zimmer in einem benachbarten Gebäudeteil, damit sie weder ihrer Mutter noch Thomas zufällig begegnete, bevor sie wusste, was tatsächlich vor sich ging.

Die freundliche Dame an der Rezeption erzählte ihr von Ausflügen und Wellnessangeboten. Anna nickte nur zerstreut.

Den ersten Abend verbrachte sie in der Nähe des Pools und beobachtete die Gäste.

Ihre Mutter entdeckte sie nicht.

Am nächsten Morgen ging Anna sehr früh zum Frühstück. Sie setzte sich in eine weit entfernte Ecke des Restaurants, von der aus sie fast den gesamten Raum überblicken konnte.

Und dann sah sie ihn.

Thomas betrat das Restaurant.

Gebräunt. Entspannt. Ausgeschlafen.

Er trug genau jenes weiße Hemd, das Anna noch gebügelt hatte, bevor er zu seiner angeblichen Geschäftsreise aufgebrochen war.

Sie erstarrte.

Instinktiv zog Anna sich tiefer in ihren Sessel zurück und verbarg sich halb hinter einer Säule.

Doch hinter Thomas erschien nicht Karin.

Eine junge blonde Frau, vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt, ging dicht neben ihm. Sie trug ein kurzes Sommerkleid und schmiegte sich vertraut an seinen Arm.

Thomas beugte sich zu ihr hinunter und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Die Blondine warf lachend den Kopf zurück.

Gemeinsam gingen sie zu einem Tisch am Fenster. Thomas rückte ihr den Stuhl zurecht, küsste sie zärtlich auf den Kopf und machte sich anschließend auf den Weg zum Frühstücksbuffet.

Anna konnte sich nicht bewegen.

In ihrem Kopf herrschte plötzlich eine seltsame, klingende Leere, als wäre irgendwo tief in ihr eine riesige Glocke zerbrochen.

Die Wahrheit war völlig anders als das, was sie sich drei Tage lang ausgemalt hatte.

Sie hatte den falschen Menschen verdächtigt.

Ihre Mutter hatte nichts damit zu tun.

Thomas war tatsächlich auf Mallorca.

Aber nicht wegen Karin.

Er betrog seine Frau einfach mit einer anderen.

Anna verbrachte beinahe den gesamten Tag in ihrem Zimmer. Sie hatte nicht einmal die Kraft, richtig aufzustehen.

Der Schock über Thomas’ Verrat mischte sich mit einem quälenden Schuldgefühl.

Wie hatte sie überhaupt so etwas über ihre eigene Mutter denken können?

Über die Frau, die ihr ganzes Leben lang für ihre Tochter da gewesen war?

Am Abend nahm Anna schließlich all ihren Mut zusammen, ging in den dritten Stock und klopfte an die Tür von Zimmer 312.

Als Karin öffnete, blieb sie wie angewurzelt stehen.

— Anna?! Was machst du denn hier? — Ihre Mutter starrte sie fassungslos an. — Ist etwas passiert?

— Mama … darf ich reinkommen?

Im Zimmer roch es nach Sonnencreme und warmer Meeresluft. Auf einem kleinen Tisch lagen Karins dick gerahmte normale Brille und daneben ihre Sonnenbrille.

— Du machst mir Angst, Schatz. Ist etwas mit Thomas?

Anna setzte sich auf die Bettkante.

Mehrmals wollte sie anfangen, doch die richtigen Worte wollten einfach nicht kommen.

— Mama … hast du hier vielleicht jemanden gesehen, den du kennst?

— Jemanden, den ich kenne? — Karin sah sie ehrlich verwundert an. — Nein. Wie denn auch? Du weißt doch, dass ich ohne meine Brille Gesichter aus ein paar Metern Entfernung kaum erkenne. Und mit der Sonnenbrille sehe ich sowieso meistens nur Umrisse. Außerdem bin ich fast ständig unterwegs. Gestern war ich im Spa, vorgestern habe ich einen Tagesausflug gemacht …

Anna spürte, wie ihr die Stimme versagte.

— Mama, bitte verzeih mir. Ich habe gedacht … Mein Gott, mir ist so peinlich, das überhaupt auszusprechen. Ich habe tatsächlich geglaubt, du und Thomas …

— Was?! — Karin setzte sich sofort neben ihre Tochter. — Anna, wie kommst du denn darauf?

— Er ist hier, Mama. In diesem Hotel. Mit einer anderen Frau. Ich habe ihn zuerst auf deinen Fotos entdeckt und dachte deshalb …

Karin zog ihre Tochter an sich.

Und da brach Anna endgültig in Tränen aus.

In diesem Augenblick weinte sie nicht einmal hauptsächlich wegen der Untreue ihres Mannes. Fast schlimmer war die Erkenntnis, dass sie in Gedanken den Menschen verraten hatte, der ihr am nächsten stand.

Anna flog einen Tag vor Thomas nach Hause zurück.

Als er schließlich die Wohnung betrat, begrüßte er sie im Flur mit einem gezwungenen Lächeln.

— Hallo, Schatz. Na, wie war der Urlaub deiner Mutter?

— Wunderbar, — antwortete Anna ruhig und ging an ihm vorbei.

Sie machte keine Szene.

Sie schrie nicht.

Stattdessen begann sie Beweise zu sichern.

Sie fotografierte Hotelbelege, die sie in der Tasche seiner Jacke fand. Sie speicherte Unterlagen aus seiner Kommunikation mit dem Reiseveranstalter: Thomas hatte ein Zimmer für zwei Personen gebucht.

Außerdem machte sie Screenshots aus dem öffentlichen Profil der jungen Blondine. Die Frau hatte zahlreiche Urlaubsbilder veröffentlicht.

Eine Woche später reichte Anna die Scheidung ein.

— Anna, wir müssen miteinander reden! — Thomas versuchte sie am Arm festzuhalten. — Es ist überhaupt nicht so, wie du denkst!

Sie sah ihn nur an.

— Wie denn dann?

— Das war Zufall! Wir haben uns dort zufällig getroffen!

— Auf Mallorca? Was für ein unglaublicher Zufall.

— Du warst schon immer viel zu misstrauisch! Du erfindest ständig Probleme, wo überhaupt keine sind!

— Thomas, es reicht. Unterschreib einfach die Papiere.

Noch lange danach versuchte er, sie anzurufen und ihr Nachrichten zu schicken. Er tauchte sogar bei Karin auf.

Doch Anna glaubte ihm kein einziges Wort mehr.

Ihre Ehe endete erstaunlich leise. Keine großen Schreie. Keine hysterischen Versöhnungsversuche. Niemand versuchte ernsthaft, etwas zusammenzukleben, das längst zerbrochen war.

Am Ende gab es nur Unterschriften auf einigen Dokumenten — und zwei Menschen, die von nun an getrennte Wege gingen.

Ein halbes Jahr später saßen Anna und Karin gemeinsam in der Küche und tranken Tee.

Ihre Beziehung war inzwischen sogar enger geworden als früher. Sie verbrachten häufiger Abende miteinander, erzählten sich mehr und lachten manchmal bereits über jene unglaubliche Geschichte vom Mallorca-Urlaub.

— Übrigens, ich habe mir endlich eine neue Brille bestellt, — sagte Karin lachend. — Mit Gleitsichtgläsern, genau wie mein Augenarzt mir geraten hat. Jetzt erkenne ich garantiert jeden!

Anna lächelte.

Trotzdem spürte sie im selben Augenblick wieder diesen kleinen schmerzhaften Stich aus Schuld.

Er kam jedes Mal zurück, wenn ihre Mutter einen Witz über ihre schlechte Sicht machte.

— Mama, damals habe ich wirklich …

— Psst. — Karin legte ihre Hand auf die ihrer Tochter. — Wir haben darüber gesprochen. Du warst völlig durcheinander. Ich verstehe das.

Thomas’ Verrat hatte Spuren hinterlassen.

Manchmal wachte Anna noch immer morgens mit einem unangenehmen Druck auf der Brust auf.

Doch beinahe ebenso schmerzhaft war die Erinnerung an jene drei Tage, in denen sie ihre Mutter verdächtigt hatte.

Wie erschreckend schnell konnte man plötzlich das Schlimmste von einem Menschen glauben, der das ganze Leben lang an der eigenen Seite gewesen war?

Anna drückte die Hand ihrer Mutter etwas fester.

— Weißt du, was ich aus der ganzen Sache gelernt habe?

— Was denn?

— Wenn Menschen Dinge verschweigen und man keine Antworten bekommt, entstehen im Kopf die schlimmsten Vorstellungen. Aber das Vertrauen zu den Menschen, die einem wirklich nahestehen, sollte man nicht einfach aufgeben — selbst dann nicht, wenn es sich anfühlt, als würde gerade die ganze Welt zusammenbrechen.

Karin lächelte ihre Tochter warm an.

— Das hast du schön gesagt. Möchtest du noch eine Tasse Tee?

Anna nickte.

Und diesmal wusste sie mit völliger Sicherheit, wem sie vertrauen konnte.