Martinas Brief zerstörte Katharinas Hochzeitsglück und zwang sie, die Wahrheit über Markus’ verschwiegene Vergangenheit zu erfahren
Sie sah ihren Mann aufmerksam an.
Sein Gesicht war so ruhig wie am Morgen.
Als wäre nichts geschehen.
— Wir müssen reden.
Sein Lächeln verschwand.
— Was ist los?
— Ich war heute nicht wegen irgendeiner Kleinigkeit weg.
Er spannte sich an.
Nur einen Hauch.
Aber sie bemerkte es.
— Wo warst du dann?
— Im Standesamt.
Ein paar Sekunden dehnten sich quälend lang.
— Weshalb?
— Man hat mir mitgeteilt, dass du noch in einer gültigen Ehe lebst.
Markus wurde blass.
Und diese Reaktion sagte ihr mehr als jedes Wort.
Keine Überraschung.
Keine Empörung.
Kein echtes Unverständnis.
Angst.
Reine Angst.
Langsam ließ er sich in einen Sessel sinken.
— Katha…
— Ist es wahr?
Er schloss die Augen.
Mehr brauchte sie nicht.
Die Antwort war da.
Eine schwere Stille fiel über das Zimmer.
Katharina spürte, wie in ihr etwas endgültig zerbrach.
Nicht nur Vertrauen.
Nicht nur Liebe.
Eine Täuschung.
Die Täuschung, in der sie zwei Jahre lang gelebt hatte.
Der Mensch, den sie für den Nächsten auf der Welt gehalten hatte, war nicht der gewesen, den sie zu kennen glaubte.
Und das Schrecklichste waren nicht die Papiere.
Nicht die rechtliche Verwirrung.
Sondern der Gedanke, dass ihre ganze Geschichte von Anfang an auf einer Lüge gestanden hatte.
Katharina stand am Fenster des Hotelzimmers und spürte weder die Wärme der Sonne noch den weichen Teppich unter ihren Füßen. Alles um sie herum hatte die Schärfe verloren. Vor wenigen Minuten hatte Markus schweigend bestätigt, was am Morgen noch undenkbar gewesen war.
Er saß im Sessel, den Kopf gesenkt.
— Sag wenigstens irgendetwas, — sagte sie schließlich.
Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
— Es ist viel komplizierter, als es aussieht.
— Wirklich? — Katharina lachte bitter auf. — Von außen sieht es ziemlich einfach aus. Du hast mich geheiratet, obwohl du mit einer anderen Frau verheiratet bist.
Markus hob den Blick.
— Ich lebe seit Jahren nicht mehr mit ihr zusammen.
— Aber auf dem Papier seid ihr noch verheiratet?
Er nickte langsam.
Diese Antwort traf härter als jede Ausrede.
— Warum hast du es mir nicht gesagt?
— Ich hatte Angst.
— Wovor genau?
— Dich zu verlieren.
Katharina wandte sich ab.
Merkwürdigerweise kamen keine Tränen.
Der Schock war zu groß.
Sie wäre auf alles vorbereitet gewesen: einen Datenfehler, eine Namensverwechslung, einen grausamen Zufall. Doch vor ihr saß ein Mann, der die Wahrheit nicht bestritt.
— Wann wolltest du es mir sagen?
Markus schwieg lange.
— Ich wollte alles vor der Hochzeit regeln.
— Wolltest?
— Ja.
— Aber du hast es nicht geregelt.
— Ich habe es nicht geschafft.
Sie drehte sich abrupt zu ihm um.
— In zwei Jahren Beziehung hast du es nicht geschafft?
Er antwortete nicht.
Und in dieser Stille lag die Antwort lauter als in jedem Geständnis.
Katharina setzte sich langsam ihm gegenüber.
— Wer ist sie?
— Eine Frau, mit der ich früher zusammengelebt habe.
— Ihr Name.
— Martina.
— Wo ist sie jetzt?
— Ich weiß es nicht genau.
Katharina runzelte die Stirn.
— Wie kann man nicht wissen, wo die eigene Ehefrau ist?
Markus atmete schwer aus.
— Wir haben uns vor sechs Jahren getrennt.
— Warum habt ihr euch dann nicht scheiden lassen?
Er verschränkte nervös die Finger.
— Weil alles viel verworrener wurde, als ich damals begriffen habe.
Mit jeder weiteren Erklärung wurde es schlimmer.
— Das heißt, du hast sechs Jahre lang nichts unternommen?
— Doch.
— Was genau?
— Ich habe versucht, sie zu finden.
— Und du hast sie nicht gefunden?
— Nein.
Katharina spürte, wie Ärger in ihr aufstieg.
Zu viele Lücken.
Zu wenige klare Antworten.
— Zeig mir die Unterlagen.
Markus hob den Kopf.
— Welche?
— Alles, was mit dieser Ehe zu tun hat.
Er wurde sichtbar nervös.
Und genau das machte sie noch misstrauischer.
— Ich habe sie jetzt nicht hier.
— Dann fahren wir dorthin, wo sie sind.
— Jetzt?
— Ja. Sofort.
Zum ersten Mal während dieses Gesprächs wirkte Markus wirklich ratlos.
Offenbar hatte er mit etwas anderem gerechnet.
Mit Tränen.
Mit Schreien.
Mit Vorwürfen.
Aber nicht mit ruhigen Fragen.
Eine Stunde später standen sie vor seiner Wohnung, die er schon vor ihrer Bekanntschaft an Mieter vergeben hatte.
Die Schlüssel hatte er behalten.
Unter dem Vorwand, kurz die Zählerstände prüfen zu müssen, bat er die Bewohner, ihn für ein paar Minuten hineinzulassen.
In einem alten Schrank fand sich tatsächlich eine Mappe.
Markus nahm sie nur zögernd heraus.
Katharina öffnete die Unterlagen noch an Ort und Stelle.
Eine Heiratsurkunde.
Kopien von Anträgen.
Einige ältere Bescheinigungen.
Doch zwischen den Papieren lag noch etwas anderes.
Ein Umschlag.
Vom Alter gelblich verfärbt.
Auf der Vorderseite stand Markus’ Nachname.
Katharina sah ihn an.
— Was ist das?
— Ich weiß es nicht.
Seine Stimme klang nicht überzeugend.
Sie öffnete den Umschlag.
Darin lag ein Brief.
Mehrere Seiten, beschrieben mit einer weiblichen Handschrift.
Schon die ersten Zeilen ließen sie erstarren.
„Markus, falls du dich irgendwann doch entschließt, diesen Brief zu lesen, dann ist vermutlich genug Zeit vergangen…“
Sie hob den Blick.