Mein Mann ging mit der Mutter meines Schwiegersohns auf den Balkon, angeblich nur, um „eine zu rauchen“. Ich verriegelte leise die Tür — und eine Minute später hörte der ganze Geburtstagstisch jedes Wort ihres schmutzigen Gesprächs
Am Tisch sog jemand scharf die Luft ein. Ich glaube, es war meine beste Freundin Katrin.
Anna, meine Tochter, die neben ihrem Mann saß, verlor in einem einzigen Augenblick jede Farbe. Ihr Gesicht wurde weiß und starr, als wäre es aus Wachs gegossen.
— Ach, Sabinchen… — Thomas’ tiefe Stimme klang gedämpft, aber jedes Wort fiel in den Raum wie ein Stein. — Du weißt gar nicht, wie müde ich bin. Von ihrem sauren Gesicht, von diesem ewigen Sparen. Bei dir ist noch Temperament. Feuer. Nicht so wie bei meinem ausgetrockneten Stockfisch.
Ich stand da, eine Hand auf der Stuhllehne, und presste die Finger so fest ins Holz, dass ich den glatten Lack nicht mehr spürte. Schmerz war keiner da. Auch keine Kränkung.
Nur eine eisige, vollkommen klare Erkenntnis: Das Stück, in dem ich dreißig Jahre lang mitgespielt hatte, war vorbei.
Die Gäste wagten kaum zu atmen. Sie saßen, als wären sie an ihre Stühle genagelt. Alles, was da geschah, war so beschämend, so unwirklich, dass niemand den Mut hatte, diese ungeheuerliche Übertragung zu unterbrechen.
— Wann hauen wir endlich in dieses Kurhotel ab? — fuhr Thomas fort, offenbar während er Sabine an sich zog. — Ich hab ihr gesagt, ich müsse zwei Wochen nach Bielefeld. Dienstreise, Werkshalle, Maschinen einrichten. Hat sie geschluckt, die Arme. Hat sogar angefangen, mir den Koffer zu packen.
Lukas, unser Schwiegersohn, saß mit verkrampften Fingern am Rand der Tischplatte. Seine Kiefermuskeln zuckten, und sein Blick sprang vom Fenster zu seiner weinenden Frau.
— Bielefeld? — Sabine kicherte. Es war ein widerliches, glucksendes Lachen. — Wie originell. Hauptsache, du nimmst genug Geld mit. Deine Monika krallt sich ja an jeden Cent, die Geizige. Für die Hochzeit der Kinder hat sie auch gejammert, aber unter der Matratze hat sie bestimmt ein schönes Polster.
— Dann hole ich es eben von ihrer Karte! — schnaubte mein Mann selbstzufrieden. — Ich weiß, wo sie die PIN notiert hat. In dem blauen Notizbuch. Die alte Schussel. Ich räume das Konto leer, und später sagen wir, Betrüger waren es oder die Bank hat etwas gesperrt. Von diesen Apps versteht sie sowieso nichts.
Ich ließ meinen Blick langsam über die Gäste gehen.
Herr Krüger starrte plötzlich an die Decke, als hätte ihn der Kronleuchter in wissenschaftliche Verzückung versetzt. Tante Gerda bekreuzigte sich heimlich unter dem Tisch, obwohl sie seit Jahren behauptete, mit Kirche nichts am Hut zu haben.
Anna legte langsam beide Hände in den Schoß. Ihr Armband schlug gegen den Rand des Tellers, und dieses kleine helle Geräusch klang in der Stille beinahe wie ein Schuss.
— Und was ist mit dem Häuschen? — fragte Sabine gierig. — Du hast doch gesagt, du regelst das. Lukas und Anna treten sich in ihrer Zweizimmerwohnung gegenseitig auf die Füße.
— Ich überschreibe die Laube im Schrebergarten erst einmal pro forma auf dich, keine Sorge. Monika erzähle ich, wir hätten verkauft, um Schulden zu tilgen, oder dass ich einen Unfall hatte und schnell Geld brauchte. Sie wird es schlucken. Meine Monika ist geduldig. Ein weiches Rückgrat, biegt sich immer in die Richtung, in die man drückt.
„Geduldig.“
Das Wort blieb in der dicken Luft hängen wie giftiger Rauch.
Ich sah auf meine Hände. Sie waren ruhig. Sie zitterten kein bisschen.
Ich war geduldig gewesen, als er vergessen hatte, mich nach Annas Geburt aus der Klinik abzuholen. Ich war geduldig gewesen bei seinen „verlängerten Besprechungen“, nach denen sein Mantel nach billigem Weinbrand roch. Ich hatte mir anhören müssen, ich verdiene zu wenig, während ich gleichzeitig Haus, Kind, Rechnungen, Einkäufe und den gesamten Alltag auf meinen Schultern trug.
Ich war das Fundament gewesen. Die tragende Wand, auf der dieses morsche Gebilde namens Familie stand.
Doch das Fundament war gerissen. Und an diesem Abend sollte das ganze Haus darüber einstürzen.
Vom Balkon kamen nun feuchte, unangenehme Kussgeräusche.
— Igitt, — sagte Anna laut und deutlich in die vollkommene Stille.
Sie erhob sich vom Tisch. Tränen liefen ihr über die Wangen und verschmierten die Wimperntusche, aber ihr Blick war hart, fast fremd. Darin brannte jene weibliche Wut, die erwacht, wenn jemand das Allerwundeste berührt.
— Mama… — flüsterte sie und machte einen Schritt auf mich zu.
Ich hob die Hand und hielt sie damit zurück. Nicht jetzt. Jedes Wort wäre in diesem Augenblick zu viel gewesen, es hätte nur die Schärfe des Moments verdorben.
Draußen auf dem Balkon bewegte sich etwas. Wahrscheinlich kroch die Herbstkälte unter Sabines dünnes Kleid, oder ihr Mut begann zusammenzusacken.
Der Griff der Balkontür wurde heruntergedrückt.
Einmal. Dann ein zweites Mal.
Die Tür rührte sich keinen Millimeter.
— Hä? — Thomas’ verwirrtes Brummen war zu hören. — Moni? Mach mal auf! Das klemmt irgendwie!
Er zog stärker, stemmte sich mit der Schulter dagegen. Der Kunststoff ächzte beleidigt, doch das Schloss hielt.
Thomas presste sein Gesicht gegen die Scheibe, seine Nase wurde plattgedrückt, und er spähte in den Raum. Genau in diesem Moment sah er ein Bild, das jeder alten Tragödie als Schlussszene zur Ehre gereicht hätte.