Mein Verlobter ließ mich ausgerechnet dann im Stich, als ich ihn am dringendsten brauchte – doch ein fremder Mann schenkte mir die Hochzeit, von der ich mein Leben lang geträumt hatte
Für diese Worte werde ich ihn lieben, solange ich noch atme.
Tobias kam am folgenden Abend zu uns.
Er trug ein schlichtes dunkelblaues Hemd und hielt eine Mappe mit Unterlagen in der Hand.
In Wirklichkeit wirkte er etwas älter als auf dem Foto der Agentur.
Meine Mutter kochte Tee.
Mein Vater setzte sich ihm gegenüber und begann, Fragen zu stellen – mit jener eigentümlichen Höflichkeit, die nur Väter beherrschen, wenn sie versuchen, den Mann in ihrem Haus nicht sofort in die Flucht zu schlagen.
Tobias beantwortete alles, ohne auszuweichen.
Ja, er hatte bereits bei verschiedenen gesellschaftlichen Veranstaltungen gearbeitet.
Nein, etwas Vergleichbares hatte er noch nie erlebt.
Ja, ihm war völlig bewusst, wie ungewöhnlich meine Bitte war.
Nein, falls ich es mir im letzten Augenblick anders überlegen sollte, würde er nicht das gesamte vereinbarte Honorar behalten.
Ja, er konnte tanzen.
Und nein, er würde mich nicht küssen, außer ich bäte ihn ausdrücklich darum, etwa wegen der Hochzeitsfotos. Selbst dann nur, wenn ich mich damit wirklich wohlfühlte.
Bei diesen Worten atmete meine Mutter sichtbar erleichtert aus.
Dann fragte mein Vater:
„Warum haben Sie überhaupt zugesagt?“
Tobias schwieg einen Moment.
Anschließend antwortete er ruhig:
„Weil ich ihre Bitte verstanden habe.“
Er hielt kurz inne.
„Wenn es mein letzter Wunsch wäre, würde ich ebenfalls hoffen, dass sich jemand findet, der mir hilft, ihn zu erfüllen.“
Seine Worte füllten den ganzen Raum.
Die Stille danach fühlte sich eher wie ein Gebet an als wie eine gewöhnliche Pause in einem Gespräch.
Als meine Eltern nach oben gegangen waren, blieben Tobias und ich allein im Wohnzimmer zurück und besprachen die letzten Einzelheiten.
Zunächst stellte er praktische Fragen.
Welche Blumen ich am liebsten mochte.
Welches Lied bei unserem ersten Tanz gespielt werden sollte.
Und ob er sich eine Geschichte über unser angebliches Kennenlernen einprägen sollte, falls ich sie in einem symbolischen Eheversprechen erwähnen wollte.
Dann sah er mich aufmerksam an.
„Sie müssen mich nicht unterhalten und sich auch nicht zusammenreißen. Falls das alles zu schwer für Sie ist, kann ich auch erst am Hochzeitstag kommen und einfach genau das tun, wofür Sie mich engagiert haben.“
Eigentlich hätte mich das beruhigen sollen.
Stattdessen fragte ich plötzlich:
„Halten Sie das Ganze für erbärmlich?“
Er schüttelte so schnell den Kopf, dass nicht einmal der Bruchteil eines Zögerns zu erkennen war.
„Nein.“
„Nicht einmal ein bisschen?“
„Nicht im Geringsten.“
Ein schwaches Lächeln erschien auf meinem Gesicht.
„Dann müssen Sie wirklich ein außergewöhnlich guter Schauspieler sein.“
Er sah mir direkt in die Augen.
„Im Augenblick spiele ich keine Rolle.“
Dieser eine Satz ließ die Mauer zerbrechen, die ich seit Tagen nur noch mit letzter Kraft um mich herum aufrechterhalten hatte.
In der darauffolgenden Woche kam Tobias noch dreimal zu uns.
Beim zweiten Mal ging es um eine Tanzprobe, weil ich während der Behandlungen offenbar vergessen hatte, wie man die eigenen Beine kontrolliert.
Beim dritten Mal kam er nicht wegen irgendeiner Vorbereitung.
Er setzte sich einfach mit mir auf die Terrasse hinter dem Haus.
Wir saßen lange schweigend nebeneinander, bis ich ihm etwas gestand, das ich sonst niemandem hatte sagen können.
„Ich habe Angst.“
„Angst davor, dass mich nie wieder jemand anders ansehen wird als mit Mitleid.“
Er versuchte nicht, mir sofort einzureden, dass ich mich irrte.
Er sagte keinen jener leeren Sätze, die Menschen benutzen, wenn sie den Schmerz eines anderen nicht aushalten.
Er antwortete nur leise:
„Mitleid, das aus Liebe entsteht, ist nicht das Schlimmste, was ein Mensch bekommen kann.“
Später erfuhr ich, dass die Schauspielerei nie sein eigentlicher Beruf gewesen war.
Zwei Tage vor der Hochzeit fragte ich ihn, welche Rolle ihn auf etwas wie das hier vorbereitet haben könnte.
Zum ersten Mal lächelte er wirklich.
Nicht nur höflich.
Seine Augen lächelten mit.
„Vermutlich sollte ich Ihnen das sagen, bevor Ihre Tante mich fragt, auf welchen Bühnen ich schon gestanden habe.“
Ich wartete.
„Ich habe in einem Hospiz gearbeitet.“
Plötzlich ergab alles einen Sinn.
Deshalb wirkte er älter als auf seinem Foto.
Deshalb lag so viel Ruhe in seinem Blick.
„Ich habe vor sechs Monaten aufgehört“, fuhr er fort.
„Zu viele Verluste in zu kurzer Zeit.“
In mir wurde es vollkommen still.
Er nickte langsam.
„Ich wusste, was zwischen den Zeilen steht, wenn jemand das Wort ‚unheilbar‘ schreibt.“
Lange sah ich ihn nur an.
Dann fragte ich:
„Und warum sind Sie bei dieser Agentur?“
Er hob leicht die Schultern.
„Sie gehört meiner Cousine. Manchmal nimmt sie mich in ihre Kartei auf, wenn sie einen Mann im Anzug braucht, der vor Menschen ruhig auftreten kann.“
Ich musste lachen.
„Dann habe ich also aus Versehen einen ehemaligen Hospizmitarbeiter engagiert, der so tut, als wäre er Schauspieler.“
Er lächelte.
„Im Grunde ja.“
Gleich darauf wurde er wieder ernst.
„Falls sich das für Sie jetzt unfair oder manipulativ anfühlt, können Sie alles noch absagen.“