Sie fand einen Säugling neben einem frischen Grab – und als sie das Namensbändchen las, stand dort der Name ihrer Schwester, die seit drei Jahren tot geglaubt war

Выкл. Автор ChatGpt
Sie fand einen Säugling neben einem frischen Grab – und als sie das Namensbändchen las, stand dort der Name ihrer Schwester, die seit drei Jahren tot geglaubt war

Tobias Krüger war früher der Polizeibeamte im Ort gewesen. Ausgerechnet er hatte vor drei Jahren Lenas Verschwinden untersucht. Damals hatten ihn im Dorf alle für einen anständigen Mann gehalten. Doch kurz darauf hatte er überraschend den Dienst quittiert und war verschwunden.

Draußen ertönte die Stimme wieder:

— Sie haben eine Minute. Danach kommen wir selbst rein.

Katrin wiegte das Baby nervös. Der Kleine verstummte plötzlich und schaute unverwandt zur Tür. Seine winzigen Finger krallten sich in den Ärmel ihrer Strickjacke.

— Markus… ich habe Angst…

Markus ging schnell zum Schrank und holte das alte Jagdgewehr heraus.

— Wenn sie reinkommen, verteidigen wir uns.

— Bist du wahnsinnig?!

— Was sollen wir sonst tun? Ihnen das Kind geben?!

Da schlug etwas laut gegen die Hauswand neben dem Fenster. Katrin zuckte zusammen.

Das Baby begann zu weinen.

Und plötzlich hörte man draußen einen Motor.

Scheinwerfer schnitten durch den Hof.

Die Männer vor dem Fenster drehten sich ruckartig um.

Ein alter grauer VW Passat Kombi rollte vor das Haus.

Die Fahrertür öffnete sich, und eine Frau in einem langen dunklen Mantel stieg aus. Ein vom Regen durchnässtes Tuch lag über ihrem Haar.

Katrin erstarrte.

Ihr Herz raste.

Die Frau hob den Kopf.

Markus ließ das Gewehr fallen.

— Mein Gott… — stieß er hervor.

Es war Lena.

Lebendig.

Doch ihr Anblick war erschreckend.

Ihr Gesicht war eingefallen, die Wangen hohl, der Blick erloschen. Es schien, als hätten diese Jahre ihr ein ganzes Jahrzehnt genommen. Unter ihrem linken Auge zog sich eine alte Narbe dunkel über die Haut.

Die Männer im Hof wichen sofort zurück.

Lena ging langsam zum Fenster.

— Katrin… — sagte sie mit brüchiger, rauer Stimme. — Gib ihnen meinen Sohn nicht…

Katrins Knie gaben beinahe nach.

— Lena?.. Bist du das wirklich?..

Doch ihre Schwester fuhr plötzlich erschrocken herum.

Aus der Dunkelheit der Friedhofsstraße tauchten zwei weitere Autos auf.

Da schrie Lena so verzweifelt, dass Katrin das Blut in den Adern gefror:

— Sie haben mich gefunden! Lauft, sofort!

Kapitel 3. Das Geheimnis, das drei Jahre lang verborgen blieb

Markus riss die Tür auf, noch bevor Katrin etwas sagen konnte. Kalter Nachtwind stürzte ins Haus, zusammen mit dem Geruch nach nasser Erde und Friedhofsfeuchtigkeit.

Lena stolperte mehr hinein, als dass sie ging. Sie zitterte am ganzen Körper und sah immer wieder zurück, als rechne sie damit, dass im nächsten Augenblick jemand hinter ihr die Schwelle überschreiten würde.

— Tür zu! Schnell! — keuchte sie.

Markus drehte sofort den Schlüssel im Schloss.

Draußen waren bereits Männerstimmen und das Zuschlagen von Autotüren zu hören.

Katrin konnte den Blick nicht von ihrer Schwester lösen. Vor ihr stand nicht mehr das lachende, unbeschwerte Mädchen von früher, sondern nur noch dessen Schatten. Lena wirkte erschöpft, gebrochen und bis ins Innerste ausgezehrt.

Am schlimmsten aber waren ihre Augen.

Darin wohnte blanker Schrecken.

Das Baby hörte plötzlich auf zu weinen. Als Lena den Kleinen auf Katrins Arm sah, bebte ihr Gesicht. Vorsichtig trat sie näher und strich ihm mit den Fingerspitzen über die weiche Wange.

— Mein Junge… — flüsterte sie unter Tränen. — Gott sei Dank… du lebst…

Katrin hielt es nicht länger aus.

— Lena, sag endlich, was hier passiert! Wo warst du all die Jahre?!

Lena hob langsam den Blick.

Und zum ersten Mal wurde es im Raum so still, dass man draußen den Ast des Apfelbaums an der Hauswand kratzen hörte.

— Sie haben mich festgehalten, — sagte sie leise.

Katrin wurde blass.

— Wer?!

Lena sah nervös zu den Fenstern.

— Die Leute, die mit Tobias zusammengearbeitet haben.

Markus ballte die Hände zu Fäusten.

— Aber warum?!

Lena lächelte bitter.

— Weil ich zu viel wusste.

Vor dem Fenster glitt Scheinwerferlicht vorbei. Wieder bewegte sich jemand im Hof.

Sie sprach noch leiser weiter:

— Erinnert ihr euch an die alte Geburtsklinik hinter dem Fluss? Man hat gesagt, sie sei wegen Baufälligkeit geschlossen worden… Aber dort ist all die Zeit etwas Furchtbares passiert.

Katrin runzelte die Stirn.

— Was?

Lena holte stoßweise Luft.

— Kinderhandel.

Im Zimmer schien die Luft zu verschwinden.

Markus setzte sich langsam auf den Küchenhocker.

— Was?..

— Neugeborene wurden mit gefälschten Papieren an reiche Leute verkauft. Manche Mütter wussten nicht einmal, dass ihre Kinder noch lebten. Man sagte ihnen, die Babys seien bei der Geburt gestorben.

Katrin wurde schwach.

— Das kann nicht wahr sein…

— Doch, — sagte Lena kaum hörbar. — Ich habe es zufällig mitbekommen. Ich habe damals als Pflegehelferin in dieser Klinik gearbeitet.

In diesem Moment krachte wieder ein Schlag gegen die Tür.

Alle fuhren zusammen.

— Aufmachen! — rief ein Mann von draußen.

Lena schlug die Hände vors Gesicht.

— Sie lassen uns nicht am Leben…

Markus sprang auf.

— Jetzt erzählen Sie alles der Polizei.

Lena sah ihn mit einem bitteren Lächeln an.

— Der Polizei? Markus… die Hälfte von ihnen hat dieses Geschäft gedeckt.

Katrin blickte auf das Baby hinab.

— Und er?..

Lena begann zu weinen.