Die Tochter fuhr zum Studium nach Berlin und kam nie wieder zurück. Dreißig Jahre wartete ihre Mutter auf sie – bis sie eines Abends im Fernsehen ein Gesicht sah, das sie niemals hätte vergessen können
Anna Weber wartete samstags auf ihre Tochter.
Niemand im Dorf wusste mehr genau, wann dieses Ritual begonnen hatte. Es gehörte längst zu Anna wie der alte Herd in ihrer Küche oder der Apfelbaum hinter dem Haus. Jeden Samstag, ganz gleich, ob draußen Regen fiel, Schneeflocken durch die Straßen jagten, kalter Matsch an den Schuhen klebte oder trockener Frost die Felder weiß überzog, nahm Anna ihren besten Mantel aus dem Schrank, band sorgfältig ihr Tuch und machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle.
Es war eine alte, aus Betonplatten gebaute Haltestelle am Rand des Dorfes. Irgendwann hatte jemand sie blau gestrichen. Die Farbe war inzwischen abgeblättert, Risse zogen sich durch die Wände, und stellenweise lag der graue Beton frei. Es sah fast so aus, als wäre die Haltestelle zusammen mit den Menschen hier alt geworden.
Der Bus aus der Kreisstadt kam nur einmal am Tag, genau um zwölf Uhr.
Anna war gewöhnlich eine halbe Stunde früher da. War die Bank frei, setzte sie sich. Wenn schon jemand dort saß, blieb sie daneben stehen. Manchmal stützte sie sich auf ihre Tasche, manchmal einfach nur auf die eigene Geduld.
Und dann wartete sie.
Der Bus tauchte schwerfällig auf der Landstraße auf. Der alte Motor dröhnte und rasselte, als müsse sich das Fahrzeug mit jedem Meter vorwärtskämpfen. Schließlich öffnete sich die Tür, und die Fahrgäste stiegen aus.
Anna sah jeden Einzelnen an.
Jedes Gesicht.
Jede Frau.
Jeden Mantel, jede Tasche, jede Art zu gehen.
Doch diejenige, auf die sie wartete, war nie dabei.
Wenn der Bus wieder davonfuhr und Dieselgeruch und Staub zurückließ, blieb Anna noch eine Weile an der Haltestelle stehen. Als fürchtete sie, ihre Tochter könnte ausgerechnet in dem Augenblick erscheinen, in dem sie sich abwandte.
Erst danach machte sie sich langsam auf den Heimweg. Sie ging durch das ganze Dorf, vorbei am ehemaligen Gasthaus, an den Häusern der Nachbarn und an Zäunen, die mit den Jahren immer schiefer geworden waren.
Und jedes Mal sagte sie sich:
„Vielleicht nächsten Samstag.“
So vergingen dreißig Jahre.
Ihre Tochter hieß Lena. Später nannte sie sich Helena. Irgendwann wurde aus ihr in Briefen nur noch eine förmliche Frau Helena, und schließlich trug sie einen anderen Nachnamen – einen eleganten, städtisch klingenden Namen, der mit ihrer Familie nichts mehr zu tun hatte.
Anna konnte ihn sich nie richtig merken.
Lena war 1992 nach Berlin gegangen. Sie wollte studieren. Damals war sie gerade siebzehn Jahre alt: schlank, hellhaarig, mit einem langen Zopf und einem einfachen Baumwollkleid, das ihre Mutter selbst für sie genäht hatte.
Ihr Vater lebte zu diesem Zeitpunkt schon seit drei Jahren nicht mehr. Sein Herz hatte mit siebenundvierzig versagt, draußen auf einer Wiese während der Heuernte.
Fast das ganze Dorf kam, um Lena zu verabschieden.
Hannelore aus dem Nachbarhaus brachte frisch gebackene Hefeteilchen mit und wickelte sie sorgfältig in ein Küchentuch. Der alte Wilhelm drückte Lena ein kleines Säckchen getrockneter Heidelbeeren in die Hand. Onkel Karl zog zerknitterte Geldscheine aus mehreren Taschen und bestand darauf, dass Lena sie mitnahm.
Sie stand schon auf der Stufe des Busses und blickte immer wieder zurück.
Auf die vertrauten Häuser.
Auf die Menschen, mit denen sie aufgewachsen war.
Und auf ihre Mutter.
Lena weinte.
„Mama, ich komme in den ersten Semesterferien zurück! Ganz bestimmt! Und ich schreibe dir. Jede Woche!“
Anna nickte und zwang sich zu einem Lächeln. Sie strich ihrer Tochter über den Kopf.
„Pass auf dich auf, mein Kind. Bitte pass gut auf dich auf.“
Der Bus setzte sich in Bewegung. Staub stieg von der Straße auf.
Lena winkte am Fenster, bis das Fahrzeug hinter der nächsten Kurve verschwand.
Am Anfang hielt sie ihr Versprechen.
Fast jede Woche kam ein Brief. Später nur noch alle zwei Wochen, dann ungefähr einmal im Monat.
Lena schrieb über Berlin, über das Studentenwohnheim, über Prüfungen und über andere junge Frauen, mit denen sie Freundschaft geschlossen hatte. Sie erzählte, wie schwierig das Leben in der Stadt war. Das Geld reichte kaum. Um etwas dazuzuverdienen, putzte sie Treppenhäuser und verteilte Werbezettel vor Bahnhöfen.
Anna las diese Briefe immer wieder und musste oft weinen.
Sie sah ihre Tochter vor sich: schmal, in einem viel zu dünnen Mantel, vom kalten Wind durchgefroren, mit einem Stapel fremder Prospekte in den Händen.
Also schickte Anna alles, was sie entbehren konnte.
Geld.
Pakete mit Kartoffeln, eingekochten Gurken und selbst gemachter Marmelade. Manchmal auch geräucherten Fisch oder andere Lebensmittel, die sich einige Tage hielten.
Für sich selbst behielt sie nur das Nötigste. Ein paar Kartoffeln, Zwiebeln, Brot.
Der Rest ging nach Berlin.
Zu Lena.
Doch irgendwann kamen die Briefe seltener.
Erst nur noch zweimal im Jahr.
Dann einmal.
Schließlich gar nicht mehr.
Anna schrieb weiter.
Zwei Briefe im Monat, manchmal drei.
„Mein liebes Kind, wo bist du? Ist alles in Ordnung? Bist du gesund? Bitte schreib mir wenigstens eine einzige Zeile. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.“
Es kam keine Antwort.
1997 beschloss Anna, selbst nach Berlin zu fahren.
Dafür verkaufte sie ihre Kuh – das letzte Tier, das ihr regelmäßig Milch und ein wenig Sicherheit gebracht hatte. Von dem Geld kaufte sie eine Fahrkarte und fuhr fast einen ganzen Tag mit dem Zug. Ihre Tasche mit Geschenken für Lena hielt sie während der Fahrt dicht bei sich.
Berlin überwältigte sie schon in den ersten Minuten.
Menschen überall.
Verkehr.
Lärm.
Alle schienen es eilig zu haben.
Mit der U-Bahn war Anna noch nie gefahren. Als sie zum ersten Mal die Treppen hinunter in den Bahnhof ging, blieb sie beinahe wie angewurzelt stehen. Menschen drängten an ihr vorbei, jemand rempelte sie an, ein anderer sagte etwas Gereiztes.
Anna hielt den kleinen Zettel mit der Adresse in der Hand und wusste nicht, wohin sie gehen sollte.
Es war die Anschrift des Studentenwohnheims, abgeschrieben aus einem Brief, der inzwischen drei Jahre alt war. Das Papier war an den Kanten weich geworden, die Schrift stellenweise kaum noch zu erkennen.
Nach langem Fragen und mehreren falschen Wegen fand Anna schließlich das Gebäude.
Sie ging hinein und wandte sich an die Frau am Empfang.
„Ich suche meine Tochter. Lena Weber.“
Die Frau sah in ihre Unterlagen.
„Die wohnt hier nicht.“
„Aber sie hat hier gewohnt.“
„Dann ist sie ausgezogen.“
„Wissen Sie, wohin?“
Die Frau zuckte mit den Schultern.
„Woher soll ich das wissen? Hier ziehen ständig Leute ein und aus. Berlin ist groß.“
Also suchte Anna weiter.
Sie lief von einem Büro zum nächsten. An der Hochschule fand sie zunächst niemanden, der ihr helfen konnte. Die zuständige Stelle hatte nur an bestimmten Tagen geöffnet.
Bei der Polizei erklärte man ihr schließlich, Lena sei erwachsen.
Wenn eine volljährige Frau ihrer Mutter nicht schreiben wolle, sei das ihre Entscheidung.
Nach fünf Tagen fuhr Anna nach Hause.
Ohne Tochter.
Ohne Kuh.
Fast ohne Geld.
Und mit kaum noch Hoffnung.
Nur eines gab sie nicht auf:
das Warten.
Jahr um Jahr verging.
Das Dorf wurde leerer. Die Jungen zogen fort – manche in die nächste Kreisstadt, andere nach Schwerin, Hamburg oder Berlin.
Zurück blieben vor allem die Alten.
Die Häuser verfielen langsam. Manche Zäune waren so tief abgesackt, dass sie fast im Gras verschwanden. Das Gasthaus schloss. Die kleine Schule wurde mit einer größeren im Nachbarort zusammengelegt, und die wenigen Kinder fuhren morgens mit dem Bus dorthin.
Der Bauernhof am Ortsrand gab auf.
Der Laden öffnete irgendwann nur noch an wenigen Tagen in der Woche.
Anna lebte weiter.
Sie bestellte ihren Garten.
Heizte im Winter den Ofen.
Und ging samstags zur Haltestelle.
Die Nachbarn versuchten längst nicht mehr, sie davon abzubringen. Nur Hannelore, ihre älteste Freundin, konnte sich manchmal nicht zurückhalten.
„Anna“, sagte sie eines Tages, als sie eigentlich nur etwas Salz holen wollte, „du machst dich damit kaputt. Deine Lena ist seit so vielen Jahren verschwunden. Vielleicht lebt sie längst nicht mehr …“
Hannelore verstummte.
Doch Anna hatte verstanden.
„Sie lebt“, sagte sie ruhig.
„Woher willst du das wissen?“
„Ich weiß es einfach. Eine Mutter spürt so etwas.“
Hannelore seufzte.
„Gut. Nehmen wir an, sie lebt. Aber wenn sie zurückkommen wollte, hätte sie geschrieben. Oder angerufen. Telefone gibt es inzwischen überall.“
Ein Telefon gab es inzwischen tatsächlich auch bei Anna.
Als im Dorf endlich eine Leitung gelegt wurde, ließ sie sich einen Anschluss einrichten. Auf einem kleinen Tisch stand nun ein schweres schwarzes Telefon mit Wählscheibe.
Danach wartete Anna nicht mehr nur auf den Bus.
Sie wartete auch auf das Klingeln.
Aber der Apparat blieb still.
Manchmal rief Hannelore an und fragte, wie es ihr gehe.
Lena nie.
2005 bat Anna einen jungen Mann aus der Nachbarschaft, der sich mit dem Internet auskannte, nach ihrer Tochter zu suchen.
Stundenlang saß er vor dem Computer, tippte Namen ein, öffnete Seiten und verglich Angaben.
Schließlich fand er eine Helena mit einem ähnlichen Nachnamen.
Sie lebte allerdings nicht in Berlin, sondern in Hamburg, und auch andere Angaben passten nicht richtig.
„Vielleicht ist sie es trotzdem?“, fragte er vorsichtig.
Anna beugte sich über den Bildschirm.
Auf dem unscharfen Foto war eine gepflegte Frau in einem dunklen Kostüm zu sehen.
Anna kniff die Augen zusammen.
Für einen Augenblick zog sich etwas in ihrer Brust zusammen.
„Ich weiß es nicht“, flüsterte sie. „Ein bisschen sieht sie ihr ähnlich. Aber ich weiß es nicht.“
Der junge Mann schrieb der Frau.
Die Antwort kam schnell.
Kurz und kühl:
„Sie verwechseln mich. Ich komme nicht aus dieser Gegend und bin in Hamburg aufgewachsen. Bitte schreiben Sie mir nicht mehr.“
Damit war auch diese Spur beendet.
Anna legte den Ausdruck später in eine Schublade.
Und wartete weiter.
Viele Jahre gingen vorüber.
Als Anna fünfundsiebzig wurde, lebte sie noch immer allein in ihrem Haus. Sie machte den Ofen selbst an und arbeitete so gut es ging im Garten. Doch ihre Kräfte ließen immer schneller nach.
Zur Haltestelle schaffte sie es nicht mehr jeden Samstag.
Die Knie schmerzten. Der Rücken war krumm geworden. Der Weg erschien plötzlich viel länger als früher.
Aber wenigstens einmal im Monat ging sie noch hin.
Aus Gewohnheit.
Vielleicht auch aus Pflichtgefühl.
Denn nicht mehr zur Haltestelle zu gehen hätte bedeutet, sich einzugestehen, dass Lena niemals zurückkehren würde.
Und dazu war Anna nicht bereit.
An einem Winterabend Anfang Januar saß sie vor dem Fernseher.
Das Gerät war alt, schwer und tief, einer jener Fernseher, die mehr Platz einnahmen als ein kleiner Schrank. Aber er funktionierte noch.
Es liefen die Nachrichten.
Anna interessierte sich nicht besonders dafür. Trotzdem ließ sie den Fernseher häufig eingeschaltet, damit wenigstens eine Stimme im Haus zu hören war.
Die Stille war schlimmer.
Der Nachrichtensprecher berichtete über eine Tagung, über Unternehmen und erfolgreiche Frauen, über soziale Verantwortung und Hilfsprojekte in strukturschwachen Regionen.
Dann sagte er:
„Wir zeigen Ihnen nun ein Interview mit einer Teilnehmerin der Veranstaltung: Helena Berger, Gründerin einer gemeinnützigen Stiftung …“
Anna hob den Kopf.
Auf dem Bildschirm erschien eine Frau.
Elegant.
Gepflegt.
Ein teures Kostüm, eine perfekte Frisur, dezentes Make-up.
Sie saß in einem hell ausgeleuchteten Studio und sprach ruhig und sicher über gesellschaftliche Verantwortung, über Unterstützung für Kinder und darüber, dass sie selbst aus einfachen Verhältnissen komme und sich alles im Leben aus eigener Kraft aufgebaut habe.
Die Kamera ging näher an ihr Gesicht heran.
Anna hörte auf zu atmen.
Die Augen.
Diese Augen hätte sie unter Tausenden erkannt.
Unter Millionen.
Grau, genau wie die ihres Vaters.
Und über der linken Augenbraue war diese kleine auffällige Stelle, die Anna schon gekannt hatte, als ihre Tochter noch ein kleines Mädchen gewesen war.
Es war Lena.
„Lenchen …“, flüsterte Anna. „Mein Lenchen.“
Sie erhob sich mühsam vom Hocker, ging näher zum Fernseher und legte die Fingerspitzen gegen das kalte Glas.
Auf dem Bildschirm lächelte ihre Tochter.
Sie erzählte von ihrer Kindheit „in einer kleinen Stadt im Norden“.
Ihre Eltern seien „einfache Menschen gewesen und früh gestorben“.
Deshalb habe sie schon jung lernen müssen, allein zurechtzukommen und sich alles selbst zu erarbeiten.
Anna hörte zu.
Und begriff kaum, was sie hörte.
Eine kleine Stadt.
Die Eltern früh gestorben.
Kein Wort über das Dorf.
Kein Wort über ihre Mutter.
Kein Wort über ihren Vater, dessen Herz bei der Arbeit auf der Wiese aufgehört hatte zu schlagen.
„Mein Kind“, sagte Anna leise. „Wie kannst du das sagen? Ich lebe doch. Ich warte doch noch immer auf dich.“
Das Interview endete.
Werbung begann.
Anna schaltete den Fernseher aus.
Dann setzte sie sich wieder auf den Hocker und blieb lange im dunklen Zimmer sitzen.
Am nächsten Morgen ging sie zu Hannelore, der einzigen Freundin aus alten Tagen, die noch in ihrer Nähe lebte.
Kaum hatte Hannelore die Tür geöffnet, sagte Anna:
„Ich habe Lena gesehen.“
„Im Traum?“
„Im Fernsehen.“
Hannelore legte ihre Strickarbeit beiseite, nahm die Brille ab und bekreuzigte sich beinahe aus alter Gewohnheit.
„Mein Gott. Bist du sicher, dass sie es war?“
„Ihre Augen. Und die Stelle über der Augenbraue. Ich täusche mich nicht.“
„Hat sie etwas über dich gesagt?“
Anna schwieg kurz.
„Ja.“
„Was denn?“
„Dass ihre Eltern tot sind. Dass sie sich allein nach oben gearbeitet hat. Und dass sie aus einer kleinen Stadt stammt.“
Hannelore antwortete lange nicht.
Dann atmete sie schwer aus.
„Eine kleine Stadt also. Dann ist unser Dorf wohl nicht mehr gut genug, um ihre Heimat zu sein.“
Anna nickte.
„Sieht so aus.“
„Und was willst du jetzt tun?“
Anna blickte aus dem Fenster.
Draußen fiel Schnee in großen, langsamen Flocken.
„Nichts.“
„Nichts?“
„Ich werde weiter warten.“
Hannelore starrte sie an.
„Aber Anna … sie hat dich für tot erklärt. Vor allen Leuten. Obwohl du lebst. Worauf willst du noch warten?“
Anna wandte sich zu ihr.
Und zum ersten Mal in all den dreißig Jahren sah Hannelore in den Augen ihrer Freundin weder Verzweiflung noch Hoffnung.
Nur eine ruhige, feste Gewissheit.
„Sie hat mich begraben“, sagte Anna. „Aber ich bin nicht tot. Solange ich lebe, bin ich ihre Mutter. Und eine Mutter kann nicht einfach beschließen, nicht mehr zu warten. Du kannst aufhören. Sie kann aufhören. Ich kann es nicht.“
Weitere zwei Jahre vergingen.
Anna ging nun überhaupt nicht mehr zur Haltestelle.
Ihre Beine machten den Weg nicht mehr mit.
Doch im Haus war noch immer alles so, als könnte Lena jeden Augenblick durch die Tür kommen.
Im Schrank hing ein Kleid, das sie als Kind getragen hatte.
Auf der Kommode lag ihre alte Schultasche.
In einem Album steckten vergilbte Fotografien: Lena im Kindergarten, Lena mit riesigen Schleifen im Haar, Lena an ihrem letzten Schultag.
Manchmal blätterte Anna darin.
Manchmal sprach sie mit den Bildern.
Und manchmal saß sie einfach am Fenster und sah hinaus auf die Straße.
Auch die Straße war alt geworden. An den Rändern wuchs Gras, und nur selten fuhr noch ein Auto vorbei.
Dann kam ein heißer, schwüler Julitag.
Ein Wagen hielt vor Annas Gartentor.
Groß, glänzend und teuer – ein Auto, wie man es in diesem Dorf kaum zu sehen bekam.
Eine Frau stieg aus.
Sie trug ein elegantes Kleid, eine hochwertige Handtasche und eine dunkle Sonnenbrille.
Eine Weile blieb sie vor dem Tor stehen.
Sie sah über den Hof, zum Haus, zu den Bäumen.
Als versuche sie, einen Ort wiederzuerkennen, den sie nur noch aus einem weit entfernten Traum kannte.
Dann öffnete sie das Tor und ging langsam auf das Haus zu.
Ihre hohen Absätze blieben immer wieder im unebenen Weg hängen.
Anna sah sie vom Fenster aus.
Ihr Herz schlug so heftig, dass sie sich am Tisch festhalten musste.
Dann stand sie auf.
Strich die Schürze glatt.
Rückte ihr Tuch zurecht.
Die Haustür öffnete sich.
Die Frau kam herein.
Sie nahm die Sonnenbrille ab.
Und Anna sah dieselben grauen Augen, die sie auf dem Bildschirm erkannt hatte.
„Mama“, sagte Lena. „Hallo.“
Anna sagte lange nichts.
Sie betrachtete ihre Tochter, als könne diese wieder verschwinden, sobald sie nur einmal blinzelte.
Schließlich setzte sie sich langsam auf den Hocker.
„Hallo, mein Kind“, sagte sie. „Du hast aber lange gebraucht.“
Lena senkte den Blick.
„Dreißig Jahre.“
Ihre Stimme klang anders als früher. Ruhig, geschult, städtisch. Fast wie die Stimme jener Frau aus dem Fernsehinterview.
„Verzeih mir.“
Anna sah sie an.
„Was soll ich dir verzeihen? Du warst mir nichts schuldig.“
„Mama, ich …“
Lena stockte.
„Ich konnte nicht zurückkommen. Verstehst du? Ich konnte einfach nicht. Ich wollte so sehr weg. Ich wollte ein anderer Mensch werden. Nicht mehr das Mädchen vom Dorf. Nicht mehr die aus irgendeinem vergessenen Winkel. Ich hatte Angst, wenn ich nur ein einziges Mal zurückkomme, bleibt alles an mir hängen und ich schaffe es nie wieder fort. Also habe ich beschlossen, alles abzuschneiden. Sofort. Ganz.“
Anna nickte langsam.
„Dann hast du abgeschnitten.“
„Mama …“
„Warum bist du jetzt hier?“
Da begann Lena zu weinen.
Ihr gepflegtes Gesicht verzog sich, Tränen liefen über die Wangen, und plötzlich schluchzte sie genauso hilflos wie damals auf den Stufen des Busses.
„Ich bin krank, Mama. Sehr krank.“
Anna bewegte sich nicht.
Lena fuhr fort:
„Die Ärzte sagen, vielleicht noch ein Jahr. Vielleicht zwei. Mein ganzes Leben lang habe ich diese Karriere aufgebaut, meine Stiftung, diese Person, die alle von mir kennen. Ich habe allen erzählt, ich sei Waise. Dass ich aus einer Stadt komme und alles allein geschafft habe. Und als ich die Diagnose bekam, habe ich plötzlich verstanden, dass ich dich noch einmal sehen möchte. Wenn ich darf. Wenn du mich überhaupt noch …“
„Du dummes Kind“, sagte Anna leise.
Lena sah sie an.
„Ich habe dreißig Jahre auf dich gewartet. Jeden Samstag. Und wenn es sein müsste, hätte ich noch dreißig gewartet.“
Anna stand auf.
Sie ging zu ihrer Tochter und nahm sie in die Arme.
Mitten in dem alten Haus standen zwei Frauen.
Eine alte Mutter aus einem kleinen Dorf, mit Schürze und Kopftuch.
Und eine elegante Großstadtfrau in einem teuren Kleid.
Beide weinten.
Lange.
Ohne etwas zu sagen.
So, wie vielleicht nur eine Mutter und ihre Tochter weinen können, wenn zwischen ihnen ein ganzes verlorenes Leben liegt.
Irgendwann löste Anna die Umarmung.
Sie ging in die Küche und stellte Wasser auf.
„Setz dich“, sagte sie. „Ich brate dir Kartoffeln. Mit Pilzen. Die hast du früher immer so gern gegessen.“
Lena blieb anderthalb Jahre bei ihrer Mutter.
Anderthalb Jahre für dreißig verlorene.
Ihr gemeinsames Leben war still und manchmal fast vorsichtig. Über die Vergangenheit sprachen sie nur selten.
Wozu auch?
Zurückholen ließ sich nichts.
Also lebten sie einfach nebeneinander.
Anna zeigte ihrer Tochter Dinge, für die früher keine Zeit geblieben war. Wie man den Ofen richtig anzündet. Wie Kohl eingelegt wird. Wie man eine Ziege melkt. Wie man Kartoffeln aus der Erde holt, ohne sie mit der Grabegabel zu beschädigen.
Lena lernte.
Manchmal staunte sie über Kleinigkeiten.
Manchmal lachte sie.
Und in diesem Lachen hörte Anna plötzlich wieder das Mädchen, das vor Jahrzehnten mit einem langen Zopf durchs Haus gelaufen war.
Die Leute im Dorf beobachteten die beiden anfangs neugierig.
Es wurde geflüstert und diskutiert.
Doch irgendwann hörte auch das auf.
Was sollte man noch sagen?
Das Leben war ohnehin kurz genug.
Die Ärzte in der Großstadt hatten sich ein wenig geirrt.
Lena lebte länger als ein Jahr, fast zwei.
Sie starb ruhig im Schlaf.
Anna fand sie am Morgen.
Sie setzte sich ans Bett, strich ihrer Tochter über das Gesicht und schloss ihr die Augen.
Dann saß sie lange neben ihr und hielt ihre Hand.
Später ging sie zu Hannelore.
„Lena ist gegangen.“
Hannelore schwieg einen Augenblick.
„Gott sei ihrer Seele gnädig. Wenigstens war sie am Ende bei ihrer Mutter.“
Anna nickte.
„Das war sie.“
Lena wurde auf dem kleinen Dorffriedhof beerdigt.
Neben ihrem Vater.
Zwei Monate später starb auch Anna.
Leise und ohne großes Aufsehen.
Fast, als hätte sie all die Jahre nur auf eines gewartet:
darauf, dass ihre Tochter endlich nach Hause kam.
Spät.
Krank.
Aber nach Hause.
Zu Annas Beerdigung kamen fast alle Menschen, die noch im Dorf lebten.
Jemand sagte leise:
„Anna ist dreißig Jahre lang zu diesem Bus gegangen. Jeden Samstag. Dreißig Jahre. Stellt euch das einmal vor.“
Die Menschen standen zwischen den beiden Gräbern von Mutter und Tochter.
Jeder dachte an etwas anderes.
An Menschen, auf die man wartet.
An diejenigen, die fortgehen und nicht zurückkehren.
An Menschen, die sich vielleicht aus einem Leben streichen lassen, aber niemals aus einem Herzen.
Und daran, dass die Liebe einer Mutter kein Verfallsdatum kennt.
Nicht, wenn die Hoffnung fast verschwunden ist.
Nicht, wenn längst niemand mehr daran glaubt.
Und nicht einmal dann, wenn die eigene Tochter der ganzen Welt im Fernsehen erzählt hat, ihre Mutter sei schon lange tot.