Drei Wochen lang kam ihr Enkel hungrig aus der Schule zurück – als Ingrid schließlich herausfand, wohin er jeden Nachmittag verschwand, brach ihr das Herz
Seit drei Wochen legte Ingrid Weber ihrem Enkel jeden Morgen zwei Wurstbrote für die Schule ein. Und seit drei Wochen kam Lukas hungrig nach Hause.
Zuerst machte sie sich keine großen Gedanken darüber. Der Junge wuchs schließlich noch, vielleicht hatte er einfach einen besonders guten Appetit bekommen. Doch eines Abends bemerkte sie, wie er ein Stück Frikadelle vorsichtig unter dem Tisch verschwinden ließ. Er wickelte es in eine Serviette und schob es heimlich zur Seite.
Ingrid fragte nicht nach. Lukas antwortete ihr ohnehin meistens nur mit „Ja“, „Nein“ oder „Weiß nicht“. Sobald sie eine weitere Frage stellte, zog er sich in sein Zimmer zurück und kam bis zum nächsten Morgen kaum wieder heraus.
Dabei war dieser Raum noch im Sommer das gute Wohnzimmer gewesen, mit einem alten Geschirrschrank und einem verblichenen Teppich an der Wand. Jetzt lebte dort ein zehnjähriger Junge, den Ingrid vor diesem Herbst in seinem ganzen Leben vielleicht fünfmal gesehen hatte.
Sabine hatte ihren Sohn in den letzten Augusttagen zu ihr gebracht. Sie waren an der Bushaltestelle neben dem Rathaus ausgestiegen: Lukas trug einen Rucksack, Sabine schleppte zwei schwere Taschen, und ihre Augen waren nach einer schlaflosen Nacht gerötet.
„Mama, es ist wirklich nur vorübergehend“, hatte sie in der Küche gesagt, während Lukas draußen auf der Bank vor dem Haus saß. „Vielleicht ein Jahr, höchstens anderthalb. In Österreich zahlen sie im Lager ordentlich. Ich habe schon alles geregelt. Allein schaffe ich es hier einfach nicht mehr. Du weißt doch selbst, wie teuer inzwischen alles ist: Kleidung, Winterstiefel, Nachhilfe in Mathe. Und für die Wohnung reicht das Geld auch kaum noch.“
„Ich habe doch nichts dagegen, Sabine. Er kann bei mir bleiben. Aber er kennt mich beinahe gar nicht.“
„Das wird sich ändern. Er ist ein lieber Junge, Mama. Nur sehr still.“
Seinen Vater kannte Lukas kaum noch. Der Mann hatte die Familie verlassen, als sein Sohn vier Jahre alt gewesen war. Seitdem hatte er nicht einmal zum Geburtstag angerufen. Sabine sprach nie über ihren früheren Mann, und Lukas stellte keine Fragen. Sie waren zu zweit gewesen, bis das Geld schneller verschwunden war, als der nächste Lohn kam.
Am folgenden Morgen fuhr Sabine fort. Lukas begleitete sie bis zur Haltestelle und blieb dort stehen, bis der Bus hinter der Kurve am kleinen See verschwunden war. Danach ging er mit einem Gesicht zurück in den Hof, bei dessen Anblick Ingrid ihn am liebsten sofort in die Arme geschlossen hätte. Sie breitete die Arme sogar aus.
Doch der Junge ging schweigend an ihr vorbei und schloss sich in seinem Zimmer ein.
Der ganze September verstrich auf diese Weise. Ingrid buk Apfelkuchen und Hefeteilchen, kochte eine kräftige Suppe mit kleinen Fleischklößchen, die Lukas angeblich besonders gern mochte, und fuhr in die nahe Kreisstadt, um ihm eine neue Jacke zu kaufen.
Lukas bedankte sich, aß, trug die Jacke.
Und redete fast kein Wort.
„Wie war es heute in der Schule?“, fragte Ingrid.
„Ganz gut.“
„Hast du schon jemanden kennengelernt?“
„Nein.“
„Magst du deine Klassenlehrerin? Frau Keller ist eine nette Frau. Ich kenne sie noch, seit sie selbst ein Mädchen war.“
„Sie ist okay.“
Danach war das Gespräch meistens beendet.
An dem Tag, an dem alles begann, regnete es schon seit dem frühen Morgen. Ein feiner, kalter Oktoberschauer, der durch jede Jacke zu dringen schien. Lukas ging nach der Schule auf dem kürzesten Weg nach Hause, durch eine Seitenstraße, in der seit Jahren kaum noch jemand wohnte.
Dort stand das verlassene Haus der Familie Schulte. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt, der schiefe Zaun verschwand fast vollständig unter Brennnesseln, und das Dach über der Veranda hatte sich gefährlich abgesenkt.
Plötzlich hörte Lukas ein Bellen.
Es klang nicht böse oder drohend. Eher heiser, schwach und hilflos.
Der Junge blieb stehen.
Zwischen den nassen Brettern schimmerten zwei Augen. Einige Sekunden später schob sich ein Hundekopf hervor. Das Fell war grau mit rostbraunen Flecken, völlig verfilzt und voller Kletten. Der Hund war groß, aber so mager, dass sich seine Rippen deutlich unter dem durchnässten Fell abzeichneten.
„Wem gehörst du?“, fragte Lukas leise.
Der Hund konnte natürlich nicht antworten. Er schnupperte nur vorsichtig an dem Jungen und wedelte einmal mit dem Schwanz, als wollte er prüfen, ob man ihm trauen konnte.
Lukas stellte seinen Rucksack ab, öffnete ihn mitten im Regen und holte eines seiner Brote heraus.
Der Hund verschlang es beinahe in zwei Bissen und fraß sogar das Stück Serviette mit, das daran klebte.
Das zweite Brot war ebenso schnell verschwunden.
Lukas musterte ihn nachdenklich.
„Du bist vielleicht zottelig“, sagte er. „So etwas Zotteliges habe ich noch nie gesehen.“
Von diesem Tag an hieß der Hund Zottel.
Lukas nahm fortan jeden Nachmittag den Weg durch die verlassene Straße. Zuerst gab er Zottel nur seine Schulbrote. Später brachte er Frikadellen, Brotstücke und Knochen mit, die vom Mittagessen übrig blieben. An einem Samstag tauschte er sogar bei seinem Klassenkameraden Jonas einen Beutel Hundefutter gegen seinen liebsten Gelstift mit blinkender Spitze.