„Du bist doch meine Mutter!“ – Doch als Elisabeth nach vier einsamen Tagen im Krankenhaus ihre Tochter um Hilfe bat, zog sie eine Grenze, mit der niemand gerechnet hatte

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„Du bist doch meine Mutter!“ – Doch als Elisabeth nach vier einsamen Tagen im Krankenhaus ihre Tochter um Hilfe bat, zog sie eine Grenze, mit der niemand gerechnet hatte

In einer Februarnacht blieb Peters Herz stehen.

Er starb im Schlaf. Ohne Schmerzen, ohne ein Geräusch, ganz still.

Der Arzt erklärte später, so etwas könne völlig unerwartet passieren.

Ich konnte es trotzdem nicht begreifen.

Ich wachte auf, drehte mich zu meinem Mann und sah ihn neben mir liegen, als würde er nur tief schlafen.

Damals studierte Anna im letzten Semester.

Plötzlich war ich allein – mit zwei Wohnungen. In unserer alten, in der beinahe unser gesamtes Familienleben stattgefunden hatte, und in jener, die Peter und ich für einen ruhigen Lebensabend gekauft hatten.

Die neue Wohnung vermietete ich.

Ein junges Paar zog ein. Jeden Monat überwiesen sie pünktlich achthundert Euro, ohne dass ich sie je erinnern musste.

Einen Teil des Geldes legte ich zurück, den anderen gab ich Anna.

An die beiden Hocker auf dem Balkon dachte ich möglichst selten.

Anna stellte mir Markus an meinem Geburtstag vor.

Er war groß, freundlich und kam mit einem Strauß Chrysanthemen und einer teuren Pralinenschachtel. Er konnte wunderbar reden.

Er erzählte von seinen Plänen, von einem eigenen Unternehmen und von einer Autowerkstatt, die er angeblich gemeinsam mit einem Freund schon in den nächsten Tagen eröffnen wollte.

Immer wieder sagte er:

„Das Wichtigste ist, dass man Verstand hat und an sich glaubt. Dann schafft man alles!“

Mein erster Eindruck von ihm war gut.

Ich dachte sogar, Peter hätte ihn als Schwiegersohn vermutlich gemocht.

Etwa einen Monat später spülten Anna und ich nach dem Abendessen gemeinsam das Geschirr. Plötzlich begann sie zu sprechen, ohne mich anzusehen:

„Mama, Markus und ich wollen heiraten. Aber wir haben ein Problem mit der Wohnung. Du weißt doch, wie teuer Mieten inzwischen sind. Für eine winzige Einzimmerwohnung am Stadtrand verlangen sie schon neunhundert Euro! Du hast doch eine freie Wohnung. Könnten wir dort vielleicht wohnen? Wenigstens am Anfang, bis wir uns etwas aufgebaut haben?“

„Anna, dort wohnen doch noch die Mieter. Sie sind zuverlässig und haben noch nie zu spät bezahlt.“

„Mama, das sind fremde Menschen. Ich aber bin deine Tochter!“

Diese Worte öffneten mein Herz.

„Ich bin deine Tochter.“

Sofort sah ich wieder das kleine Mädchen in der grünen Jacke vor mir, das hinter unserem Bus hergerannt war.

Ich sprach selbst mit den Mietern.

Ich erklärte ihnen, dass sich meine Umstände verändert hätten und ich sie leider bitten müsse, die Wohnung zu verlassen.

Die junge Frau hörte mir aufmerksam zu und antwortete ganz ruhig:

„Natürlich verstehen wir das. Sie tun es ja für Ihr Kind.“

Trotzdem fühlte ich mich plötzlich unbehaglich, als hätte ich diesen Menschen etwas weggenommen, das ihnen eigentlich zustand.

Nach der Hochzeit zogen die beiden in die Wohnung.

Ich brachte ihnen ein schönes Geschirr, neue Bettwäsche und eine Waschmaschine. Die alte schleuderte kaum noch.

Ich war glücklich, dass meine Tochter nun ein eigenes, gemütliches Zuhause hatte.

Zum ersten Mal seit Langem glaubte ich, ohne Sorgen schlafen zu können.

Doch dieses Gefühl hielt nicht lange an.

Die versprochene Autowerkstatt eröffnete Markus nie.

Eine Weile fuhr er Taxi, danach saß er wieder monatelang zu Hause und erklärte, es sei heutzutage beinahe unmöglich, eine anständige Arbeit zu finden.

Jahre vergingen, ohne dass jemand den kaputten Wasserhahn in der Küche austauschte.

Schon bei den früheren Mietern hatte er getropft. Ich bat Markus immer wieder, sich darum zu kümmern.

Ohne Ergebnis.

Die Balkontür, die Peter einst hatte isolieren wollen, verzog sich mit der Zeit immer stärker.

Von einer richtigen Renovierung sprach niemand.

Ich verlangte nie Geld von meiner Tochter oder meinem Schwiegersohn.

Mir ging es um ganz gewöhnliche Hilfe.

Darum, einen Sack Kartoffeln aus meinem Schrebergarten heraufzutragen.

Eine Glühbirne im Hausflur zu wechseln, an die ich selbst auf einem Stuhl stehend nicht mehr herankam.

Oder mich wenigstens einmal zum Arzt zu begleiten, weil es mir bei meinem schwankenden Blutdruck Angst machte, allein zu fahren.

Doch Anna hatte immer eine Erklärung.

„Mama, ich arbeite bis spät. Markus ist auch beschäftigt. Nächste Woche, ja?“

Diese nächste Woche schien nie zu kommen.

Als ich endgültig in Rente ging, wurden alltägliche Dinge zunehmend anstrengend.

Meine Beine wurden schwer, die Einkaufstaschen schienen von Monat zu Monat mehr zu wiegen, und die Treppe bis in den fünften Stock wurde immer länger.

Eines Tages backte ich Kohlpasteten und beschloss, die jungen Leute unangekündigt zu besuchen.

Ich wollte ihnen eine Freude machen.

Ich klingelte.

Es dauerte lange, bis jemand öffnete.

Aus dem Wohnzimmer dröhnten die Geräusche eines Computerspiels. Markus saß mit Kopfhörern vor dem Bildschirm und würdigte mich keines Blickes.

Anna lag mit ihrem Handy auf dem Sofa. Im Fernseher lief irgendeine Serie.

In der Spüle stapelte sich schmutziges Geschirr.

Auf der Fensterbank stand eine völlig vertrocknete Geranie – genau die Pflanze, die ich Anna zum Einzug geschenkt hatte.

Ich stellte die Tüte mit dem Gebäck auf den Tisch und sagte leise: