„Du musst aus deiner eigenen Wohnung ausziehen!“ — Als seine Mutter und seine Schwester einfach einzogen, traf die Ehefrau eine Entscheidung, mit der niemand gerechnet hatte
„Überleg ruhig“, sagte Tobias. „Aber Julia kann nicht lange warten.“
„Könnte sie nicht eine Wohnung mieten?“
„Von welchem Geld denn?“, mischte Brigitte sich sofort ein. „Sie hat noch keine Arbeit und bekommt keinen Unterhalt. Warum soll man Geld ausgeben, wenn die Familie Platz hat?“
„Ich könnte sie finanziell unterstützen, zumindest in der ersten Zeit.“
Brigitte presste missbilligend die Lippen zusammen.
„Das ist nicht dasselbe. Geld ist eine Sache, aber richtige Hilfe sieht anders aus. In einer Familie hilft man richtig.“
Lena wusste nun, dass sie in dieser Diskussion nicht weiterkommen würde.
Für Tobias und Brigitte war die Entscheidung längst gefallen.
Jeder Widerspruch von ihr würde automatisch als Egoismus gelten.
Nachdem Brigitte gegangen war, blieb Lena mit ihrem Mann in der Küche zurück.
„Findest du es wirklich normal, dass ich meine eigene Wohnung verlassen soll?“
Tobias seufzte.
„Du stellst schon wieder alles auf den Kopf.“
„Was genau stelle ich auf den Kopf?“
„Niemand wirft dich hinaus. Es geht um einen vorübergehenden Umzug.“
„Aus meiner Wohnung.“
„Weil Julia sie mit zwei Kindern dringender braucht.“
„Und ich brauche nach der Arbeit Ruhe, ein richtiges Bett und das Recht, in meinem eigenen Zuhause zu sein.“
„Bei Mama ist es doch auch ruhig.“
Lena sah ihn ungläubig an.
„Tobias, diese Wohnung gehört mir.“
„Das weiß ich.“
„Warum hast du dann zugestimmt, sie deiner Schwester zu überlassen, ohne mich zu fragen?“
Er machte eine genervte Handbewegung.
„Weil wir eine Familie sind. Seinen Angehörigen muss man helfen.“
„Es gibt verschiedene Möglichkeiten zu helfen.“
„Natürlich. Aber das hier ist nun einmal die einfachste.“
Lena begriff, dass weitere Worte nichts ändern würden.
Am nächsten Abend kam sie noch erschöpfter als sonst nach Hause.
Als sie die Tür öffnete, fielen ihr sofort fremde Taschen im Flur auf.
An der Garderobe hingen Kinderjacken.
Mehrere Kartons standen an der Wand.
Aus dem Wohnzimmer drang Kinderlachen.
Lena ging langsam weiter.
Auf dem Sofa saß Julia mit Mia auf dem Schoß.
Jonas hockte auf dem Boden zwischen seinen Spielzeugautos.
Im Zimmer standen bereits Taschen, Spielsachen und Kartons voller Kleidung.
Es sah nicht so aus, als wären sie zu Besuch gekommen. Sie hatten eindeutig angefangen, einzuziehen.
„Hallo, Lena!“, rief Julia fröhlich. „Vielen Dank für alles. Mama hat gesagt, dass du uns helfen willst.“
Lena starrte sie einige Sekunden lang an.
Dann blickte sie auf ihr eigenes Wohnzimmer, in dem sich bereits die Sachen fremder Menschen ausbreiteten.
„Wer hat gesagt, dass ich zugestimmt habe?“
Julia wurde blass und wusste nicht, was sie antworten sollte.
In diesem Augenblick kam Brigitte aus dem Flur.
„Ach, Lena, du bist schon da! Sehr gut. Du kannst uns gleich beim Auspacken helfen. Morgen bringen wir deine Sachen zu mir.“
Sie sprach vollkommen gelassen, als sei alles längst miteinander abgesprochen.
Lena sah sie an.
„Warum sollte ich meine eigene Wohnung für Ihre Tochter räumen?“
Im Raum wurde es still.
Brigitte zog die Stirn kraus.
„Wir haben gestern doch alles besprochen.“
„Nein. Sie haben mir gestern mitgeteilt, was Sie beschlossen haben. Ich habe dem nicht zugestimmt.“
„Lena, fang jetzt bitte nicht damit an. Die Kinder sind bereits hier.“
„Das sehe ich.“
„Julia hat ihre Sachen hergebracht.“
„Das sehe ich ebenfalls.“
„Was sollen wir denn jetzt tun? Sie etwa auf die Straße setzen?“
Lena antwortete nicht.
Sie drehte sich einfach um und ging ins Schlafzimmer.
Dort schloss sie die Tür.
Einige Sekunden lang blieb sie vor dem Spiegel stehen.
Eine müde Frau sah ihr entgegen. Eine Frau, die sechs Tage in der Woche arbeitete, ihre Wohnung selbst finanzierte und nun auf unerklärliche Weise in eine Lage geraten war, in der fremde Menschen ihr erklärten, wer ihr Zuhause dringender brauchte als sie selbst.
Und genau in diesem Moment wurde Lena ganz ruhig.
Plötzlich verstand sie etwas sehr Einfaches.
Niemand durfte ohne ihre Zustimmung über ihre Wohnung bestimmen.
Nicht einmal ihr Ehemann.
Nicht einmal seine Mutter.
Nicht einmal seine geschiedene Schwester mit ihren Kindern.
Lena nahm eine große Reisetasche aus dem Schrank.
Dann öffnete sie Tobias’ Fach und begann, seine Hemden hineinzulegen.
Danach folgten Jeans, Pullover, Socken, seine Unterlagen und die Ladegeräte.
Julia erschien zögernd in der Schlafzimmertür.
„Lena, was machst du da?“
„Ich packe Tobias’ Sachen.“
„Warum?“
„Das wirst du gleich erfahren.“
Als Tobias nach Hause kam, standen bereits zwei große Taschen im Flur.
Er öffnete die Tür, sah sie und blieb wie angewurzelt stehen.
„Was soll das sein?“
„Deine Sachen.“
„Wie bitte?“
„Ganz genau das, was du siehst.“
Er blickte zuerst zu seiner Mutter und dann zu seiner Schwester.
„Was ist hier passiert?“
Lena kam aus dem Schlafzimmer.
„Nichts Besonderes. Ihr habt ohne mich entschieden, wer in meiner Wohnung wohnen soll. Jetzt habe ich entschieden, wer hier nicht wohnen wird.“
„Lena, meinst du das ernst?“
„Völlig.“
„Du wirfst mich wegen meiner Schwester aus dem Haus?“