„Im Sommer kommen wir wieder!“ – Doch als die fünf zurückgelassenen Kinder am Ende abreisten, hinterließen sie bei ihren Großeltern mehr als nur leere Betten
Das Zimmer für seine Enkelin hatte Helga Weber schon Mitte Mai hergerichtet. Sie hatte die Decke frisch gestrichen, die Vorhänge gewaschen und das Bett mit jener Decke voller Gänseblümchen bezogen, die Clara geliebt hatte, als sie vier gewesen war. Nun war das Mädchen bereits sieben. Unter einem Magneten am Kühlschrank steckte ein Foto: Clara in einer gelben Jacke, am Meer, die Augen gegen den scharfen Wind zusammengekniffen.
Ihr Sohn hatte am Sonntagabend angerufen. Schon nach den ersten Worten – „Mama, bitte reg dich nicht auf“ – wusste Helga, was kommen würde.
„Dieses Jahr schaffen wir es nicht. Clara fährt ins Ferienlager. Wir haben alles schon im Winter bezahlt, das Geld bekommen wir nicht zurück. Und bei mir haben sie den Dienstplan so geändert, dass …“
„Ich verstehe das, Martin“, antwortete sie ruhig. „Dann eben im nächsten Sommer.“
Das Eis, das sie am Tag zuvor extra im Dorfladen gekauft hatte, brachte Helga noch am selben Abend zu den Nachbarskindern. Ihr Mann Walter fragte nicht nach. Bis zur Dunkelheit hantierte er im Schuppen an einer Wasserpumpe, die auch ohne jede Reparatur tadellos funktionierte.
Am Donnerstag, kurz nach zehn Uhr, brüllte vor dem Tor ein Motor auf. Gleich darauf hämmerte jemand so heftig gegen die Gartenpforte, als wollte er sie aus den Angeln reißen.
„Helga! Helga, mach richtig auf! Wir sind da!“
Helga band gerade die Tomaten hoch. Als sie sich aufrichtete, schoss ihr der vertraute Schmerz durch den Rücken. Meist half dann nur die Salbe aus der kleinen Apotheke im Ort, hinter deren Verkaufstresen sie jeden zweiten Tag stand.
Am Zaun wartete ihre Cousine Brigitte aus Hannover. Sie war kräftig gebaut, trug ein grell gemustertes Sommerkleid, eine frische Dauerwelle und schleppte zwei riesige karierte Taschen. Hinter ihr standen, dicht aneinandergedrängt wie Küken im Regen, fünf Kinder und schwiegen.
„Brigitte? Warum hast du nicht angerufen?“
„Wozu denn? Du wohnst doch nicht in Berlin“, lachte die Cousine und marschierte sofort in den Hof. Die Taschen ließ sie mitten auf dem Rasen fallen. „Ich habe dir die Enkel gebracht! Alle fünf, von meinen beiden Töchtern. Die Stadtkinder sollen sich ruhig mal kostenlos mit Obst vollstopfen. In ihren Wohnungen sehen sie schon ganz blass aus, wie Quark.“
Walter kam in einer alten Arbeitsweste aus der Veranda. In der Hand hielt er noch den Schraubenzieher. Vierzig Jahre hatte er als Schlosser in einem Maschinenbauwerk gearbeitet. Seit seiner Pensionierung reparierte er im Dorf Boiler, Pumpen und Heizungen – manchmal gegen Geld, manchmal gegen ein Glas Honig. Nun blieb er auf den Stufen stehen und zählte schweigend die Kinderköpfe.
„Wie viele sind es?“
„Fünf, Walter, fünf! Der Älteste ist Lukas, zwölf Jahre. Dort. Die Zwillinge Paul und Ben sind neun. Mila ist sechs, und Emma ist im Februar vier geworden.“
„Brigitte“, sagte Helga endlich, „weißt du eigentlich, was du da verlangst? Den ganzen Sommer? Wir haben den Garten, ich arbeite in der Apotheke, Walter fährt zu seinen Reparaturen. Und du weißt selbst, wie viel wir als Rentner bekommen.“
„Ach, fang nicht damit an“, winkte Brigitte ab. „Was sollen die Kinder denn schon essen? Es ist Sommer. Kartoffeln vom letzten Jahr liegen im Keller, oder? Gurken gibt es bereits. Beeren wachsen von allein. Willst du deinen eigenen Verwandten etwa einen Teller Eintopf verweigern?“
„Und du? Bleibst du hier?“
„Das geht nicht.“ Brigitte klang plötzlich beleidigt. „Meine Kur in Bad Harzburg verfällt sonst. Ich habe dafür bezahlt, und mein Rücken muss behandelt werden. Danach arbeite ich noch im Kulturzentrum an der Garderobe. Anja muss inzwischen in der Bäckerei Doppelschichten machen, und ihre Schwester ist für die Saison nach Österreich gegangen. Wohin soll ich die Kinder bringen?“
Lukas stand die ganze Zeit neben den Taschen und starrte auf seine Schuhe. Er war dünn, hatte ungewöhnlich lange Arme und trug ein T-Shirt, dessen Farbe irgendwann einmal Blau gewesen sein musste. Als Einziger rannte er nicht los, um den Hof zu erkunden. Er hielt die kleine Emma an der Hand und sagte kein Wort.
Noch am selben Abend fuhr Brigitte mit dem Linienbus zurück. Vor der Abfahrt aß sie eine große Schüssel Eintopf, trank zwei Becher Milch, die Helga sich bei der Nachbarin geliehen hatte, und stopfte Gurken und Dill in ihre Tasche. Dann lehnte sie sich aus dem Busfenster und rief fröhlich:
„Im September hole ich sie ab! Dann sollen sie alle schön rund geworden sein!“
In der Nacht brannte in der Küche nur eine Lampe. Hinter der Wand bewegte sich jemand auf dem ausgeklappten Gästebett, dessen alte Federn bei jeder Bewegung klagten.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Helga und legte beide Hände auf das Wachstuch. „Soll ich vielleicht das Jugendamt anrufen?“
„Wen willst du anrufen? Dich über die Kinder beschweren?“ Walter goss Tee in die Tassen. „Sie können doch nichts dafür. Man hat sie hier abgeladen wie Gepäck.“
„Walter, sie haben Hunger. Ich habe heute Nudeln mit Wurst gekocht, einen ganzen großen Topf. In fünf Minuten war er leer. Sie hätten beinahe den Boden mit den Löffeln ausgekratzt.“