„Für die Ausbildung unserer Tochter war kein Geld da“ – doch als Claudia erfuhr, wem ihr Mann das teure Motorrad geschenkt hatte, zerbrach nicht nur ihre Ehe, sondern auch sein ganzes Leben

Выкл. Автор ChatGpt
„Für die Ausbildung unserer Tochter war kein Geld da“ – doch als Claudia erfuhr, wem ihr Mann das teure Motorrad geschenkt hatte, zerbrach nicht nur ihre Ehe, sondern auch sein ganzes Leben

— Du starrst auf diese Liste, als würden die Zahlen gleich lebendig werden und wie gefährliche Käfer über das Papier kriechen, — sagte Thomas, ohne den Kopf zu heben. Sorgfältig wischte er weiter die Linsen seines Vermessungsgeräts ab, als gäbe es in diesem Moment nichts auf der Welt, das wichtiger wäre als makellose Sauberkeit. — Sie hat es nicht geschafft. Na und? So etwas passiert. Das Leben geht weiter. Dann sucht sie sich eben Arbeit.

— Thomas, ihr haben doch nur ein paar Punkte gefehlt. Das bedeutet nicht, dass sie nichts kann. Sie hatte einfach Pech, — Claudia bemühte sich, ruhig zu klingen, obwohl sich in ihrem Inneren alles vor Sorge zusammenzog. — Wir haben doch schon im Frühjahr darüber gesprochen: Wenn Leonie keinen Studienplatz mit staatlicher Finanzierung bekommt, nehmen wir unseren Notfallplan.

— Welchen Notfallplan meinst du? — Thomas legte das Gerät endlich beiseite. Das Licht der Schreibtischlampe spiegelte sich in seinen Brillengläsern.

— Dein Motorrad, — antwortete Claudia leise und setzte sich ihm gegenüber. — Die Kawasaki. Sie steht seit fast zwei Jahren unbenutzt in der Garage. Du hast sogar schon einen Käufer. Das Geld würde reichen, um ihr erstes Studienjahr zu bezahlen. Danach könnte Leonie versuchen, in einen staatlich finanzierten Studienplatz zu wechseln. Sie ist klug. Sie wird es schaffen.

— Nein.

Das Wort fiel kurz, hart und endgültig.

Thomas nahm die Brille ab und begann, auch sie mit einem Tuch zu polieren.

— Hör mir wenigstens zu, Thomas … — Claudias Stimme wurde fester. — Du brauchst dieses Motorrad längst nicht mehr. Du selbst hast gesagt, dass du nicht mehr so schnell fahren willst. Für Leonie könnte der Verkauf ihre Zukunft sichern. Es geht um ihre Ausbildung.

— Ich werde das Motorrad nicht verkaufen. Damit ist die Sache erledigt, — erwiderte Thomas und setzte die Brille wieder auf. — Sie soll lernen, für ihre eigenen Fehler einzustehen. Wenn sie nicht angenommen wurde, hat sie sich eben nicht genug angestrengt. Ich werde nicht für die Verantwortungslosigkeit anderer bezahlen.

— Verantwortungslosigkeit? Sie hat sich ein halbes Jahr lang von früh bis spät vorbereitet! Du hast das doch gesehen! — Claudia konnte ihre Beherrschung nicht länger bewahren. — Ist dir dieses Stück Metall wirklich wichtiger als deine eigene Tochter?

— Nenn eine ordentliche Maschine nicht Stück Metall. Ich habe mit dem Motorrad etwas anderes vor. Und jetzt werde ich darüber nicht mehr diskutieren.

Claudia hatte plötzlich das Gefühl, zwischen ihnen sei eine Wand hochgezogen worden – kalt, glatt und undurchdringlich. Sie sagte kein Wort mehr, stand auf und verließ das Zimmer.

Leonie saß in ihrem dunklen Zimmer. Sie weinte nicht, doch ihre trockenen, geröteten Augen verrieten mehr als jede Träne. Claudia brachte ihr eine Tasse Tee und stellte sie schweigend neben sie. In diesem Augenblick waren alle Worte überflüssig.

Etwa drei Wochen vergingen. Die Stimmung in der Wohnung wurde von Tag zu Tag bedrückender. Thomas tat, als sei überhaupt nichts geschehen. Gleichzeitig kam er immer seltener nach Hause. Claudia wusste, dass er einen großen Teil seiner Zeit bei Sabine verbrachte, der Witwe seines verstorbenen Bruders Michael.

Nach Michaels Tod hatte Thomas sich tatsächlich stark verändert. Er war schweigsam und verschlossen geworden und sprach kaum noch über das, was in ihm vorging. Damals war Claudia selbst diejenige gewesen, die ihn gedrängt hatte, Sabine und Jonas, Michaels Sohn, nicht im Stich zu lassen. Sie hatte ihm gesagt, er müsse ihnen beistehen und helfen, wo immer er könne. Für sie war das damals die selbstverständliche Pflicht eines nahen Angehörigen gewesen.

An einem Samstag klingelte das Telefon.

— Claudia, ich muss Ihnen von Herzen danken! — rief Sabine voller Freude.

— Wofür denn? — fragte Claudia überrascht.

— Für das Motorrad! Jonas ist überglücklich! Thomas hat es gestern zu uns gebracht und gesagt, es sei sein Geschenk zu Jonas’ achtzehntem Geburtstag.

Claudia ließ sich langsam auf einen Stuhl sinken. In ihrem Kopf begann es zu rauschen, während ihre Finger eiskalt wurden.

— Aber Jonas hatte doch schon vor einem Monat Geburtstag … — brachte sie kaum hörbar hervor.

— Na und? Besser spät als nie! Vielen Dank noch einmal!

Dann war das Gespräch beendet.

Claudia blieb reglos sitzen und blickte ins Leere. Es fühlte sich an, als wäre in ihr etwas mit ohrenbetäubendem Krachen zerbrochen – in unzählige scharfe Stücke.

Am Abend wartete sie auf Thomas. Als er endlich nach Hause kam, stellte sie sich ihm sofort entgegen.

— Du hast Jonas das Motorrad geschenkt.

— Ja, — bestätigte er völlig gelassen.

— Für die Ausbildung deiner eigenen Tochter war also kein Geld da. Aber für ein teures Motorrad für deinen Neffen schon?

— Leonie ist ein Mädchen! — fuhr Thomas gereizt auf. — Sie kann irgendwo anders eine Ausbildung machen. Davon wird sie nicht sterben. Jonas dagegen ist derjenige, der unsere Familie weiterführt. Ich habe Michael versprochen, mich um ihn zu kümmern.