Mit 56 wollte er nach zwei Monaten endlich eine Frau mit nach Hause nehmen – doch ihre Antwort über „anständige Damen“ ließ ihn fassungslos zurück
„Das spielt keine Rolle. Von außen sieht so etwas einfach nicht gut aus. Wir sind schließlich keine Teenager mehr.“
Damals schob ich ihre Reaktion auf eine strenge Erziehung. Vielleicht, dachte ich, war sie tatsächlich eine besonders zurückhaltende und sittsame Frau. Dann musste man ihre Grenzen eben respektieren.
Trotzdem blieb in mir ein unangenehmes Gefühl zurück. Ja, wir waren keine Jugendlichen mehr – wir beide gingen auf die sechzig zu. Aber gerade deshalb erschien es mir unsinnig, monatelang ein Schauspiel aus Unnahbarkeit und gekränkter Unschuld aufzuführen. Unser Leben lag nicht mehr endlos vor uns.
Außerdem sprach Monika mit großer Begeisterung über ihre zahlreichen Beschwerden. In unserem Alter zwickt bei fast jedem einmal der Rücken, der Blutdruck spielt verrückt oder das Knie schmerzt. Daran war nichts Besonderes. Doch sie berichtete davon mit einer Ausführlichkeit, die beinahe genüsslich wirkte.
Während eines ganzen Abendessens konnte sie erklären, an welcher Stelle genau es in ihrem Kreuz stach, welche Salbe sie ausprobiert hatte und welches Medikament angeblich am besten gegen erhöhte Cholesterinwerte half.
Ich hörte geduldig zu, zeigte Verständnis und bot ihr sogar an, sie zu einem guten Facharzt zu fahren. Eines Tages erwähnte ich beiläufig, dass ich zweimal in der Woche ins Schwimmbad ging, um mich fit zu halten. Da verzog Monika missbilligend das Gesicht.
„Wozu brauchst du solche Anstrengungen? Damit ruinierst du dir nur vorzeitig das Herz. In unserem Alter sollte man gemütlich auf dem Sofa liegen, gute Bücher lesen und nicht in diesem Chlorwasser herumplanschen.“
Aber ich hatte nicht vor, den Rest meines Lebens auf dem Sofa zu verbringen. Ich wollte weiterhin aktiv sein und mein Leben genießen.
Der Augenblick der Wahrheit und eine unerwartete Predigt über Anstand
Gestern fand diese langgezogene Geschichte schließlich ihr absehbares Ende. Ich beschloss, nicht länger um den eigentlichen Punkt herumzureden und den unerfahrenen Schuljungen zu spielen. Zwei Monate waren mehr als ausreichend, um herauszufinden, ob zwei Menschen sich ein gemeinsames Leben vorstellen konnten.
Wir hatten in einem kleinen italienischen Restaurant zu Abend gegessen. Es gab frische Pasta, gutes Brot und eine Flasche Wein, die deutlich besser war als der übliche Hauswein. Die Stimmung war gelöst. Monika lachte und erzählte mir eine amüsante Geschichte über eine Kollegin.
Ich sah sie an und dachte, dass neben mir eine attraktive, ganz normale Frau saß. Es war doch unsinnig, unsere Beziehung künstlich weiter in die Länge zu ziehen.
Nach dem Essen gingen wir hinaus und stiegen in mein Auto. Draußen fiel ein feiner, kalter Nieselregen. Im Wagen war es warm und angenehm, aus den Lautsprechern kam leise Musik. Ich drehte mich zu Monika und nahm vorsichtig ihre Hand.
Diesmal zog sie sie nicht weg.
„Moni, wollen wir vielleicht zu mir fahren? Wir könnten in Ruhe zu Hause sitzen, einen Tee trinken und Musik hören.“
Im selben Augenblick versteifte sich ihr ganzer Körper. Noch gerade eben hatte sie gelächelt, nun war jede Freundlichkeit aus ihrem Gesicht verschwunden. Ihre Miene wurde hart und kalt, als säße plötzlich eine völlig andere Frau neben mir.
„Klaus, worauf willst du damit hinaus?“
„Auf gar nichts Besonderes. Ich sage einfach offen, was ich denke. Du gefällst mir. Ich bin ein freier Mann, du bist eine freie Frau. Wir treffen uns seit mehr als zwei Monaten. Für mich ist es völlig normal, dass eine Beziehung irgendwann vertrauter wird.“
Darauf folgte eine lange Rede über unser Alter, über gute Sitten und über angeblich viel höhere Formen der Verbundenheit. Für einige Sekunden wusste ich überhaupt nicht, was ich darauf antworten sollte.
„Hörst du dir eigentlich selbst zu?“, fragte sie in einem scharfen Ton, als wäre sie eine Lehrerin und ich ein ungezogener Schüler. „Solche Dinge sind etwas für junge Menschen. Die machen das, um Kinder zu bekommen. Aber was sollen wir Alten damit noch anfangen? Das ist doch lächerlich. Stell dir nur vor, wie schrecklich wir beide ohne Kleidung aussehen würden. Bei mir hängt hier eine Falte, bei dir steht der Bauch hervor. Das ist doch einfach unangenehm.“
Sie holte tief Luft und fuhr fort:
„In unserem Alter sollte man nach geistiger Nähe suchen, nach gegenseitiger Unterstützung, Freundschaft und Hilfe im Alltag. Aber du denkst offenbar nur an das Eine, wie ein primitives Tier.“
Ich saß da, hörte ihr zu und konnte kaum glauben, was gerade geschah. Offenbar war ich in ihren Augen ein schmutziges Tier, nur weil ich mir Nähe zu einer Frau wünschte, um die ich mich seit über acht Wochen bemühte.
„Moni, nun beruhige dich. Welcher Bauch soll denn bei mir hervorstehen? Ich trainiere regelmäßig. Körperlich ist bei mir ebenfalls alles in Ordnung. Und du siehst für dein Alter ausgezeichnet aus. Warum erklärst du dich selbst schon im Voraus für erledigt? Wer hat dir eingeredet, dass das Leben mit 56 vorbei ist und einem Menschen danach nur noch geistige Verbundenheit bleibt?“