Mitten auf einem herbstlichen Feld brachte sie im strömenden Regen ihr Kind zur Welt und starb, während sie das Baby bis zuletzt an sich drückte – erst einen Tag später fanden Pilzsammler die beiden zufällig
Elisabeth Weber breitete die völlig durchnässte, wattierte Arbeitsjacke vorsichtig auf dem Tisch der kleinen Sanitätsstation aus.
Das Neugeborene darin bewegte sich kaum. Seine Haut hatte einen bläulichen Schimmer, die Lippen wirkten fast farblos, und zwischen zwei schwachen Atemzügen lagen erschreckend lange Pausen. Die Nabelschnur war mit einem schmalen Stoffstreifen abgebunden worden, der offenbar aus Annas Halstuch gerissen worden war.
— Bringt Wärmflaschen! — befahl Elisabeth scharf. — Aber nicht zu heiß, sonst verbrennt ihr ihn. Und warmes Wasser. Schnell!
Marianne lief zum Ofen. Friedrich Berger blieb wie angewurzelt neben der Tür stehen. Das Regenwasser tropfte noch von seinem Mantel, seine grauen Haare klebten an der Stirn. Erst als er die Hände hob, bemerkte er, wie heftig seine Finger zitterten.
— Lebt er? — fragte er kaum hörbar.
— Er atmet noch.
Elisabeth drückte den kleinen Körper an ihre Brust, schob ihn unter ihre warme Strickjacke und rieb mit der flachen Hand behutsam über den winzigen Rücken.
— Ist der Krankenwagen aus der Kreisstadt unterwegs?
— Wir haben angerufen, — antwortete Bürgermeister Heinrich Keller. — Aber nach dem Regen ist die Straße fast unpassierbar. Sie sagen, vor einer Stunde schaffen sie es auf keinen Fall.
Elisabeth sah nicht auf.
— In einer Stunde braucht er vielleicht keinen Arzt mehr.
Marianne drehte sich zur Wand und bekreuzigte sich hastig.
Nach und nach kamen Frauen aus den nächsten Häusern. Eine brachte saubere Windeln und Decken, eine andere frische Tücher, eine dritte eine Flasche Ziegenmilch. Jemand schürte den zweiten Ofen an, jemand stellte einen großen Wasserkessel auf die Herdplatte.
Schon bald war der kleine Raum voller Menschen.
Trotzdem sprach niemand laut.
Alle lauschten nur auf dieses fast unhörbare Atmen.
Einige Minuten später öffnete das Baby plötzlich den Mund. Zuerst kam kein Laut. Dann ein dünnes, heiseres Wimmern, kaum mehr als ein kratziger Hauch.
Marianne schlug beide Hände vors Gesicht und begann zu weinen.
— Habt ihr das gehört? Er schreit!
— Leiser! — fuhr Elisabeth sie an, obwohl sie sich selbst mit dem Ärmel über die Augen wischte. — Er soll seine Kraft nicht mit Schreien verschwenden.
Der Krankenwagen erreichte Waldheim erst anderthalb Stunden später.
Das Kind wurde sofort in die Kreisklinik gebracht. Elisabeth fuhr mit.
Anna brachte man unterdessen in einen freien Raum des Gemeindehauses. Die Frauen wuschen ihren Körper, zogen ihr ein sauberes Kleid an und schlossen behutsam ihre Augen.
Auf der Brust der jungen Frau zeichnete sich noch der Abdruck einer winzigen Hand ab.
Ein dunkler kleiner Fleck auf dem feuchten Stoff.
Abschnitt zwei. Das Telegramm in den Norden
Martin zu erreichen, erwies sich als beinahe unmöglich.
Auf der Baustelle an der fernen Nordseeküste gab es nur im Büro des Bauleiters ein Telefon. Die Verbindung fiel ständig aus. Mal hörte man einige Worte, dann wieder minutenlang nur Knacken und Rauschen.
Der Bürgermeister schickte ein dringendes Telegramm, doch jeder wusste, dass Tage vergehen konnten, bis es tatsächlich bei Martin ankam.
Friedrich beschloss deshalb, selbst in die Kreisstadt zu fahren.
Stundenlang saß er in der Nähe des Fernsprechamts, während eine Angestellte immer wieder versuchte, eine Verbindung zur weit entfernten Arbeiterunterkunft herzustellen.
Endlich knackte es im Hörer.
— Herr Hoffmann? — rief Friedrich so laut, dass sich mehrere Menschen nach ihm umdrehten. — Martin Hoffmann? Hier ist jemand aus Waldheim! Hören Sie mich?
Eine verzerrte Stimme antwortete:
— Ja … Wer spricht da?
— Friedrich Berger. Von zu Hause.
Eine Pause.
Dann kam Martins Stimme plötzlich klarer durch.
— Was ist mit Anna?
Friedrich schloss die Augen.
Vor ihm lag wieder das vom Regen gepeitschte Feld.
Das nasse Gras.
Die Reste des alten Heuschobers.
Und die junge Frau, die ihren eigenen Mantel ausgezogen hatte, um ihr neugeborenes Kind darin einzuwickeln.
— Martin, du musst jetzt stark sein. Anna hat das Kind bekommen.
Nur lautes Rauschen war zu hören.
— Bekommen? Aber es war doch noch viel zu früh … Was ist es? Ein Junge oder ein Mädchen?
— Ein Junge.
— Lebt er?
— Er ist in der Kreisklinik. Die Ärzte versuchen alles.
Wieder eine Pause.
— Und Anna?
Friedrich presste die Lippen zusammen.
Er hatte sich auf der Fahrt hundertmal überlegt, wie er diesen Satz sagen sollte.
Jetzt brachte er ihn kaum heraus.
— Martin … Anna lebt nicht mehr.
Genau in diesem Augenblick brach die Verbindung ab.
Als das Gespräch endlich wiederhergestellt werden konnte, meldete sich der Bauleiter. Martin war unmittelbar neben dem Telefon zusammengebrochen. Die Kollegen hatten ihn in den Sanitätsraum getragen.
Am folgenden Morgen machte er sich auf den Heimweg.
Zuerst fuhr er mit einem Wagen der Arbeitskolonne. Danach nahm ihn ein Lastwagenfahrer ein Stück mit. Schließlich erreichte er einen Bahnhof und stieg in den Zug.
Fast drei Tage war er unterwegs.
Er kam noch rechtzeitig zur Beerdigung.
Martin stieg unrasiert und völlig erschöpft aus dem Wagen. Sein Gesicht war eingefallen, in der Hand hielt er eine schmutzige Reisetasche.